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Songbird - © Amazon Prime Video

"Songbird": Die Pandemie, die niemals endet

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„Songbird“ – der erste Film über die Covid-19-Pandemie zeigt, wie unser Leben nach fünf Jahren Coronakrise aussehen könnte. Ein Gaunerinnenstück mit Lovestory ist es geworden, jedenfalls nicht die zu erwartende Dystopie.

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„Songbird“ – der erste Film über die Covid-19-Pandemie zeigt, wie unser Leben nach fünf Jahren Coronakrise aussehen könnte. Ein Gaunerinnenstück mit Lovestory ist es geworden, jedenfalls nicht die zu erwartende Dystopie.

Es kann gut sein, dass uns die Corona-Pandemie noch weitere Monate, ja sogar Jahre beschäftigen wird, darüber sind sich inzwischen alle Wissenschafterinnen einig – von neuen Mutationen und ansteckenderen Varianten wissen wir bereits heute, aber was kommt da noch alles auf uns zu?

Wie das Pandemiegeschehen in Zukunft aussehen könnte, simuliert der gar nicht so Science-Fiction-artige Spielfilm „Songbird“ (neu zu sehen beim Streamingdienst Amazon Prime Video): Dort schreiben wir das Jahr 2024, und die Pandemie dauert inzwischen quälend lange fünf Jahre an. Der aktuelle Virusstamm, vor dem die Menschheit sich fürchtet, heißt Covid-23. Er ist viel aggressiver als alle anderen Viren davor, nistet sich direkt ins Gehirn der Opfer ein und sorgt für deren qualvollen Tod innerhalb von wenigen Stunden.

110 Millionen Tote weltweit sind schon zu beklagen, und der Alltag ist eine einzige Präventionsmaßnahme: Denn wer in großen Städten wie Los Angeles überhaupt noch auf die Straße will, die braucht ein gelbes Armband, das anzeigt: Man ist immun gegen das Virus. Dumm nur, dass das nur die wenigsten sind. Zum Beispiel der Fahrradkurier Nico (K. J. Apa). Er kann sich frei bewegen, und außer ihm nur noch die Polizei und das Militär. Der Staat ist mit großem Einsatz dabei, die Bürgerinnen vollends zu kontrollieren. Jeden Tag gibt es verpflichtende Virus-Screenings mittels ausgefeilter Computertechnik, die aus der Distanz die Virenlast messen kann.

Wer krank scheint, wird sofort von einer Spezialeinheit der Armee abgeholt und in sogenannte Q-Camps deportiert. Diese Quarantänecamps gibt es in großer Zahl, aber es gibt niemanden, der bislang von einem Aufenthalt darin zurückgekehrt ist. Es sind moderne Konzentrationslager, von denen zwar jeder weiß, aber niemand spricht wirklich darüber.

Gute Voraussetzung für eine Dystopie

Im Prinzip ist das alles eine gute Voraussetzung für einen vielversprechenden, dystopischen Thriller . „Songbird“ ist der erste Film, der während der Pandemie entstand und zugleich von ihr handelt. Eigentlich wollten die Drehbuchautoren Adam Mason und Simon Boyes Anfang 2020 einfach einen Monsterfilm drehen, aber die Pandemie gab ihnen plötzlich ungeahnten Stoff: Sie schrieben ihr Drehbuch um und passten es an die Corona-Katastrophe an; man überhöhte die Gefahr, trieb alles auf die Spitze, und fertig war ein neuer Endzeitpandemiefilm.

Vor allem ab dem Zeitpunkt, als Hollywoodregisseur Michael Bay als Produzent mit an Bord des Projekts kam, ging die Umsetzung pfeilschnell. Schon im Sommer 2020 war der Film abgedreht, Ende des Jahres lief er immerhin in zehn Märkten an; inzwischen ist er weltweit über Amazon verfügbar.

Aber das Projekt erntete auch harsche Kritik, und zwar schon, als im Herbst 2020 der erste Trailer erschienen war: Kritikerinnen meinten, die Filmemacherinnen spielten allzu bewusst mit den Ängsten des Publikums, weil sie dieselbe Pandemie im Film zeigen, unter der auch die Menschheit derzeit leidet – und zwar in einer dystopischen, ziemlich hoffnungslosen Form. Der Film sagt: Das Schlimmste kommt erst noch, und bis dahin gibt es einen jahrelangen Lockdown ohne Perspektiven auf Besserung. Nicht gerade die Art Film, mit der man derzeit Werbung machen kann.

Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb „Songbird“ nun eher sang- und klanglos als Streamingangebot gestartet ist. Die Werbetrommel hat man sich dafür offenbar nicht zu rühren getraut. Das könnte zudem daran liegen, dass der Plot viele Gelegenheiten verschenkt, einen zumindest spannenden Pandemiefilm zu reichen, oder einen, der gesellschaftlich relevante Aspekte thematisiert, wie etwa die Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Menschen durch die Regierung und das Militär, oder auch die Möglichkeit, das Eingesperrtsein im Lockdown als Kammerspiel der Angst und Einsamkeit zu inszenieren. All das macht „Songbird“ leider nur in klitzekleinen Ansätzen.

Stattdessen erzählt Adam Mason, der neben dem Drehbuch auch die Regie übernahm, ausladend von einer Liebesgeschichte: Der besagte Fahrradbote Nico ist nämlich in Sara (Sofia Carson) verliebt, die er im echten Leben allerdings noch nie getroffen hat. Die Liebe bleibt des Virus wegen rein virtuell, der Partner ist ein Chatteilnehmer auf dem Handybildschirm, für Zärtlichkeiten reicht das nicht.

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