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Die Kraft des Widerstands

FOKUS
Corona-Demonstranten - © Foto: picturedesk.com / Hans Ringhofer

Corona-Demonstranten: Quergefühlte Überhöhungen

1945 1960 1980 2000 2020

Einige der Corona-Demonstranten glauben sich in der Widerstandsnachfolge von Sophie Scholl. Andere fühlen sich in der Nachfolge des Führers, der Scholl hinrichten ließ. Ein Report über verquere Straßenkoalitionen.

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Einige der Corona-Demonstranten glauben sich in der Widerstandsnachfolge von Sophie Scholl. Andere fühlen sich in der Nachfolge des Führers, der Scholl hinrichten ließ. Ein Report über verquere Straßenkoalitionen.

Es ist eine Zeit vieler Konfliktlinien. Die Wiener Ringstraße an einem dieser golden-sonnigen Tage im Frühling, an denen der Himmel in seinem blauesten Blau erstrahlt. Der Ring wurde soeben gestürmt. Wütendes Gegröle mischt sich mit Jubel, Biergeruch mit Schweißausdünstungen. Die Polizei hat die Demo zwischen den beiden Museen, dem Volks- sowie dem Burggarten eingekesselt. Einige Demo­züge haben sich gelöst und ziehen durch angrenzende Viertel außerhalb des Rings. Auf eines können sich die rund 10.000 einigen, die an dieser als „Spaziergang“ bezeichneten Massenkundgebung teilnehmen: „Kurz muss weg.“ Das steht auf großen wie kleinen Spruchbändern, das brüllen Menschen mit Qanon-Flaggen, die meinen, eine Elite entführe Kinder, um ihnen Adrenochrom abzuzapfen; das brüllen Menschen mit Regenbogenfahnen, Österreich-Flaggen, Hooligans, Rastas, Esoteriker, Hipster, Rocker, Kinder in Tarnfleck-Trainingsanzügen mit Chips­packerln in der Hand, Normalos. Eine „Jesus loves you“-Gruppe mit Gitarre und Tamburinen scheint diese Ansicht zu teilen.

Fragt man nach, wieso er denn wegmüsse, der Kanzler, so ist das Spektrum der Antworten ebenso breit: weil er die Verfassung beuge und Freiheitsrechte einschränke, so ein Herr in Hemd und Parka in ganz ruhigem Ton; weil er ein „Schwein“ sei, wie ein Herr mit Vorne-praktisch-hinten-fesch-Haarschnitt und Jeansjacke mit aufgenähter Österreich-Fahne weiß; weil er trotz Lockdowns frisch geschnittene Haare habe und ein Verräter sei, so eine Frau mit bunt dekorierten Nägeln; andere wiederum zitieren Bert Brecht: „Wenn Unrecht zu Recht wird, dann wird Widerstand zur Pflicht und Gehorsam zum Verbrechen.“ Und ganz viele antworten nur mit verächtlichen Blicken und murmeln Unverständliches von wegen Lügenpresse, Corona-Diktatur und so. Unmissverständlich dann aber die Aufforderung: „Schleich di!“

Postmoderne Unübersichtlichkeit

Es ist eine sonderbare Truppe, die sich hier versammelt hat. Später werden Neonazis aus der Demo heraus versuchen, das Parlament zu stürmen, während andere die Demokratie in Gefahr sehen. Zwischenzeitlich wird dann ein rundlicher Herr mit Bierdose in der Hand und rot-weiß-roter Skimütze auf dem Kopf mit sich überschlagender Stimme jubeln: „Wir haben den Umsturz geschafft“, während die Masse „Wir sind das Volk“ skandiert.

Und all das, während ein Automechaniker mit dokumentierter Historie an islamophoben, xenophoben, sozialdarwinistischen und verschwörungstheoretischen Aussagen im Internet auf der Ringstraße mit Tränen in den Augen Polizeigewalt anprangert und über den Kampf seiner Ahnen gegen den Faschismus ausschweift. Einen Kampf, den er jetzt gegen die Corona-Diktatur kämpfen muss. Eine Diktatur der Eliten, die das Bargeld abschaffen, die Menschen durch Impfung und Testungen gefügig machen, die westliche Zivilisation durch Migration unterwandern, Autos abschaffen und die Umwelt zerstören wolle. Für den Mechanikermeister ist Krieg hier am Ring, und er, der friedliche Bürger, ist es, der hier angegriffen und unterjocht wird.

Eines ist jedenfalls klar nach diesem Samstag: Der Ärger, der Zorn, die Unzufriedenheit und deren Potenzial sind groß. Nur: Ein dauerhafter Protest, geschweige denn eine großflächige Koordination über die Mobilisierungsfaktoren „Zorn“, „Wut“ und „Angst“ hinaus, erscheint trotz gefestigter Organisation angesichts diame­tral auseinandergehender Ideologien innerhalb der Bewegung unmöglich.

Das fängt an bei der Maskenfrage: Manche tragen welche und werden angefeindet von Menschen, die sie als „Maulkorb“ abtun („Tua owe den Fetzn“, „Loss da ned den Mund vabiatn“ und so weiter) und grölend wie auch Aerosol verströmend auf jeden Abstand pfeifen („Nähe stärkt das Immunsystem“), während sich Hooligans regelkonform geben und sich mit diebischer Freude Schlauchschals im Totenkopf­design über den Mund ziehen. Einige sehen eine Diktatur wirtschaftlicher Eliten, die sich hier bereicherten – während andere die Schließung von Läden als Beispiel für die Einschränkung persönlicher Freiheit nennen. Es bleibt also bei den kleinsten gemeinsamen Nennern: „Zorn“ und „Wut“.

Und dennoch: In den frühen Frühlings­tagen dieses Jahres waren Woche für Woche Zehntausende auf der Straße. Es ist leiser geworden um diese Szene; manche mögen sich abgewandt haben, nachdem klar wurde, dass amtsbekannte Neo­nazis hier federführend mitmischen – verschwunden sind diese Befindlichkeiten ­jedoch keineswegs. Und auch in diesem ­Lager ist Müdigkeit eingekehrt.

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