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Deutung der Physiognomie eines Neonazis

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist heutzutage kaum möglich, sich der Mode der Identitätskrise zu entziehen. Sie befällt wie ein hochvirulenter Keim Kinder, Generaldirektoren, Dominas, Priester und Fußballmannschaften. Die Identititätskrise ist gewissermaßen endemisch geworden. Die Entwicklung von Immunität war bisher nicht zu beobachten.

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist heutzutage kaum möglich, sich der Mode der Identitätskrise zu entziehen. Sie befällt wie ein hochvirulenter Keim Kinder, Generaldirektoren, Dominas, Priester und Fußballmannschaften. Die Identititätskrise ist gewissermaßen endemisch geworden. Die Entwicklung von Immunität war bisher nicht zu beobachten.

Geradeso wie gegen eine Appendi-citis nur derjenige absolut gefeit ist, in dessen rechtem Unterbauch kein Wurmfortsatz mehr baumelt, stellt das Fehlen der wesentlichen Prämisse, nämlich der Identität, die einzige Möglichkeit dar, einer Krise derselben zu entgehen. Stellt man nun - eine weitere Voraussetzung - fest, daß Identität stets aus dem Bewußtsein von Besonderheit und Einzigkartigkeit erwächst, so ist das Unbesondere, das jederzeit Verwechsel- und gefahrlos Austauschbare hoch verdächtig, die Identitätslosigkeit zu gebären. Wenn ich jetzt noch schreibe, daß ich mit jemandes Identität nicht meine, was jemand nach außen hin vorstellt, sondern, was er für sich selbst ist, oder, um einen psychoanalytischen Terminus zu gebrauchen, welche Repräsentanz des eigenen Subjektes er in sich trägt, so bin ich - endlich, zugegebenermaßen - angelangt am oberen Ende meiner Voraussetzungsleiter und damit bei der für diese Überlegungen grundlegenden Hypothese:

□ Unser Neonazi wird in seiner Erscheinung und in seinem Verhalten determiniert nicht durch die Krise seiner Identität, sondern vielmehr durch ihr Nichtvorhandensein. Wo bei anderen Menschen einigermaßen stabil ein Gemälde der eigenen Persönlichkeit hängt, starrt uns bei ihm eine von einem Rahmen umgebene leere Fläche entgegen, auf welche in beliebig rascher Abfolge beliebige Bilder projiziert werden können - und auch tatsächlich projiziert werden: denn das Nichts nichtet nicht nur, sondern bedroht vor allem, insbesondere dort, wo nicht es, nämlich Nichts, sondern Etwas sein sollte.

Der Neonazi in uns

Ich entscheide mich hier gegen die naheliegende Möglichkeit, einen Abriß über die psychoanalytischen Theorien zur Störung der Identitätsentwicklung zu geben, und für die noch näher liegende Möglichkeit (was zu nahe liegt, wird gerne übersehen) mich mit dem Sinnfälligen und dabei in erster Linie mit dem Augenfälligen zu befassen, also genau mit dem, welches ich nicht mit jemandes Identität" meine, nämlich, was er, der Neonazi, nach außen hin vorstellt. Aus diesem Entwurf erklärt sich auch die Verwendung des Singulars in diesem Text: Sie geschieht nicht zur Verschleierung einer Persönlichkeitsvielfalt, die es unter den Neonazis ohne Zweifel gibt, nicht, um sich durch rhetorische Vereinheitlichung aus mehreren Menschen den einen Feind zu schaffen, also nicht nach dem Kürzel: einer für alle; sie geschieht vielmehr, um jedem Leser dieser Zeilen die Imagination einer einzelnen Figur nahezulegen, gewissermaßen die Schöpfung des jeweils privaten Neonazis, und damit die Ahnung bloßzulegen, daß er, der jeweils privat imaginierte Neonazi, einiges zu tun hat mit dem Neonazi, der als (in der Regel abgespaltener) Persönlichkeitsaspekt in jedem von uns steckt. - Rütteln wir also den Helden in uns wach (eine Figur, die zuallermeist ebenfalls tief verschüttet schlummert) und schauen gegen alle Gewohnheit hin:

1. Arm, schräg nach oben ausgestreckt:

Wohin dieser Arm weisen soll, wird wohl unklar bleiben. Auf etwas Großes oder sehr weit oben Gelegenes, so läßt sein Steigungswinkel ahnen. Auf jemanden, der einem Gott zumindest zur Seite sitzt, wenn er ihn nicht schon in einem mehr oder minder blutigen Putsch vom Thron gestoßen hat, vermuten jene, die einen seit Nietzsche zunehmenden Gottesbedarf orten. Die

Sehnsucht nach einem physischen Gegenüber nehmen die - nur hoch wenigen - unverbesserlichen Philanthropen wahr, das Hackebeilchen über dem eigenen Nacken fühlt die Angsthasenmehrheit.

Ein Surrogat des eregierten Phallus? fragt sich der orthodoxe Neurosenanalytiker. Der sichere Weg zu einer Periarthropathia -humeroscapu-laris! diagnostiziert der Rheumatologe. - Eines wird ohne Zweifel selbst unter Zuhilfenahme einer Stehleiter nicht gelingen: diese halbhoch ragende Hand zu schütteln. Was da nämlich „Hitlergruß" heißt, ist in Wahrheit alles andere als ein Gruß im Sinn einer interpersonalen Kontaktaufnahme. In ihm, dem „Hitlergruß", verdichtet sich zur Karikatur die Dichotomie von Om-nipotenzphantasie und Entwertungsnotwendigkeit, die so charakteristisch ist für die Abwehrstruktur von früh gestörten Persönlichkeiten: die Pose bedeutet einerseits die unbedingte Bereitschaft, sich einem überidealisierten und unerreichbaren Objekt zu unterwerfen, andererseits den Willen, alles übrige als minderwertig geringzuschätzen und nicfit gelten zu lassen, -beides zum Schutz vor bedrohlich empfundenen eigenen Bedürfnissen oder vor einem tief ergehenden Sich-Einlassen in Beziehungen zu anderen Personen.

2. Augen, flüchtig: Der feste Blick in die

Augen gilt nach wie vor als Nagelprobe für die Wahrhaftigkeit des Gegenübers. Alles andere als das ebenso feste Blickerwidern läßt Verdacht entstehen. Betrug liegt in der Luft; wappne dich; zieh den Harnisch über; der Dolch trifft mit Sicherheit von hinten! -„Schau mir in die Au-gen,Neonazi!" Es klingt unmöglich und fordert Unmögliches; nicht so sehr, weil stets die Waffe in der Mantelfalte verborgen wäre (dies auch und nebenbei), als vielmehr, weil die ursprünglichste und grundlegendste Position des Menschen nie gelernt wurde, jene Position, die das Erfahren von Beziehung erst möglich macht: Aug in Aug.

Schlechthin das ideale Untersuchungsobjekt wäre unser Neonazi für Rene Spitz gewesen, jenen nach Freud genialsten, auf alle Fälle vergessen-sten österreichischen Psychoanalytiker, der sich in genauester (und spannendster) Weise mit dem frühkindlichen Beziehungsiemen befaßt hat, dem wir unter anderem die erste wissenschaftliche Erörterung des Drei-Monate-Lächelns und der Acht-Monate-Angst verdanken. Spitz hätte aus dem unsteten Augenspiel des Probanden präzise einen mißglückten frühen Mutter-Kind-Dialog rekonstruiert, ein Versagen der mütterlichen Augen als allererster Fixpunkt in der Welt.

Der falsche Blick in die Weite

Wir als bloße Phänomenologen sehen uns unkorrigiert hypermetro-pen Augen gegenüber, Augen, die in ihrem unablässigen Schweifen über einen imaginären Horizont dazu verleiten, Weitsichtigkeit mit Weitblick zu verwechseln, Augen, die auf Ewiges gerichtet scheinen, in Wahrheit nur nicht akkommodieren können.

3. Schädel, geschoren:

Bei den Germanen das ungezügelt wallende Haupt- und Barthaar als Zeichen der männlichen Freiheit. Geschoren wurden Kriegsgefangene und Leibeigene. Voraussetzen darf man, daß unserem Neonazi die „Haartracht" nicht gewaltsam diktiert wurde, sondern daß er sich von sich aus mit annähernd nackter Kalotte präsentiert. Voraussetzen darf man femer, daß nicht die solidarische oder schuldbewußte Identifikation mit den Insassen

der deutschen Konzentrationslager die Triebfeder der Aufmachung ist. Motiviert ihn also der identitätsstiftende Effekt des Andersseinwollen? Verhilft ihm seine Wirkung als kahles Ärgernis zu einer Wahrnehmung der eigenen Person? Oder ist diese Form des Haarschnittes bloß als Ausweitung der Uniform zu verstehen, die ein symbiotisches Verschmelzen mit der Masse der Gleichen noch ein Stück leichter macht? - Eine assoziative Deutung drängt sich angesichts der glatten Rundung freilich sofort auf: Ihr sollt mich nicht zu fassen kriegen! 4. Arsch, zusammengekniffen: „Ein zaghafter Arsch läßt selten einen fröhlichen Furz", soll Martin Luther gesagt haben. Er hat zweifellos recht damit, denn das Zusammenkneifen der Gesäßbacken, welches gewissermaßen als ein phylogenetisches

Schwanzeinziehen des Fuchses im Zu stand der Angst ge schieht, beeinträchtigt gröblichst das satte Entstreichen überflüssiger Darmgase. Es führt damit einerseits zu einer chronischen Überblähung des Dickdarmes, andererseits auf Dauer zu einer Wirbelsäulenfehlhaltung im Bereich des lumbosacralen Überganges. Funktionelle Verdauungsbeschwerden be-

ziehungsweise degenerative Schäden an Bandscheiben und kleinen Wirbelgelenken sind die Folge.

Woher die Angst? fragt man sich und denkt im ersten Augenblick vielleicht an unerbittliche Ballettrainer, die mit der Gerte die Hinterteile ihrer an der Stange aufgereihten Schützlinge bedrohen, verwirft jedoch dieses Bild sofort wieder, da die übrige Leibhaftigkeit unseres Neonazis ganz und gar nichts mit jener eines Ballettänzers zu tun hat.

Geschlagener schlägt zurück

Es fallen einem noch die sieben-schwänzigen Katzen professionell sadistischer Lederladies ein, die Kochlöffel hysterisch dekompensierter Mütter und die Lederriemen besoffener Väter; man ist nahe daran, den Burschen ob seiner schmerzenden Strie-

men und Hämorrhoiden zu bedauern, doch fällt der Blick glücklicherweise aufs nächste Detail.

5. Füße, stiefelbewehrt:

In aller Regel ist massives Schuhwerk demjenigen von Nutzen, der sich über längere Strecken und/oder durch unwirtliches Gelände zu Fuß bewegt, so etwa dem Bergsteiger, dem Bauarbeiter und dem Infanteriesoldaten. Da unser Neonazi auf Grund von Hühneraugen, von Wirbelsäulenbeschwerden (siehe oben) oder ganz einfach

aus Bequemlichkeit nicht daran denkt, sich auf eigenen Sohlen von A nach B zu verfrachten, sobald die beiden Orte weiter als 500 Meter voneinander entfernt sind, muß ihn anderes bewegen, sich ständig der Gefahr von Schweißfüßen auszusetzen. Er trägt die halb-wadenhohen Feldstiefel entweder, um seinem Auftritt (in der doppelten Bedeutung des Wortes) bei Appellen, Schießübungen und vor der Fernsehkamera größeres Gewicht zu verleihen, oder einfach um zu treten - nicht den Erdboden, sondern dorthin, wo es wehtut und Schaden anrichtet. Die dicke Sohle, die Stahleinlage und die Schienung der Knöchel schaffen Distanz zum Getretenen. Das Bersten von Scheiben, das Knirschen von Au-toblech, das Knacken von Rippen und das Spüren einer zurückweichenden Bauchdecke schaffen Identität. 6. Mund, im Grunde stumm: Nein, wir haben es nicht mit einem bemitleidenswerten Invaliden zu tun; - der Phonationsapparat unseres Neonazis ist völlig intakt, ebenso sind es die motorische Sprachrinde und das Artikulationszentrum in seinem Gehirn. Unser Neonazi spricht durchaus; vielleicht weist er eine, am Bevölkerungsmittel gemessen, nicht einmal unterdurchschnittliche Tagessprechzeit auf. Allein, was er sagt, sagt im Grunde nichts. Auf dem Parcours der Sprache ist er ein absoluter Leerläufer. Immer wieder spuckt er sich selbst die abgelutschtesten Worthülsen vor die Füße, hebt sie auf, lutscht sie ab, spuckt sie aus, und so fort.

Begriffe ohne Bedeutung

Die Sprache des Neonazis sagt nichts aus über seine Lebenswirklichkeit, -sie sagt viel mehr darüber aus, wie sich andere die Sprache eines Neonazis über seine Lebens wirklichkeit vorgestellt haben. Sein Vokabular umfaßt etwa einhundertfünfzig gleich-färbige Begriffe, die er abwechselnd in ähnlicher Weise arrangiert. Gewissen gängigen Worten kann er nicht wirklich Bedeutung geben; dazu gehören „denken", „Gefühl" und „Ich". Unser Neonazi verläßt sich darauf, daß seine Sprache durch Wiederholung und Lautstärke Wirkung erzeugt, auch wenn er seinen Begriffen keine Bedeutung gegeben hat.

Ein Logopäde würde zwar - wie bei einem Aphatiker nach einem Schlaganfall - die Indikation zum Begriffsbildungstraining stellen, jedoch am unkorrigierbaren Brüllen des Probanden unweigerlich scheitern. - Als Hals-Nasen-Ohren-Spezialist könnte man noch auf die Entwicklung eines Schrei-knötchens an den Stimmbändern hoffen: Mängel, die durch Schmerzen zur Wahrnehmung gelangen, tragen oft erstaunlich zur Identitiätsfindung bei.

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