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"...da kann es letztlich nur noch knallen"

Brutale Demonstranten auf der einen, knüppelnde Carabinieri auf der anderen Seite. Was sind die Auslöser für solche Gewaltexzesse wie in Genua, fragte die furche den Innsbrucker Psychologen und Erziehungswissenschaftler Josef C. Aigner.

die furche: Wie beurteilen Sie die Rolle der italienischen Polizei bei den schweren Krawallen in Genua?

Professor Josef Christian Aigner: Schon im Vorfeld wurde seitens der italienischen Behörden nicht sehr geschickt agiert. Zum Beispiel haben sie hinausposaunt, dass "Freiwillige" aus Süditalien zum Einsatz kämen. Das war bereits das eindeutige Signal an die Demonstranten: "Na, wartet's. Diese Carabinieri sind freiwillig da, die sind besonders motiviert und einsatzbereit, die werden's euch schon zeigen!" Das stachelt natürlich die - wenn man so will - "kaputten" Elemente einer solchen Demonstration gewaltig an. Man weiß ja aus der Vergangenheit, wie Polizisten vor solchen Einsätzen mit Feindbildern "gefüttert" und aufgehetzt werden, damit sie dann entsprechend hart oder brutal reagieren. Da kann es letztlich nur noch knallen, was ja auch passiert ist. Man muss wirklich den italienischen Behörden sagen, warum seid ihr so ungeschickt? Holt euch doch ein paar Sozialarbeiter als Berater, die sich in dieser Szene auskennen, und lasst nicht irgendwelche Leute ans Werk, die irgendwelche harten Strategien festlegen. Das macht das Übel meist nur noch größer.

die furche: Kann das funktionieren? Wie soll man mit Leuten reden, deren einziges Ziel doch offensichtlich ist, eine Gewaltorgie zu inszenieren?

Aigner: Es ist natürlich schwierig, alle möglichen Gewaltherde auszuschalten, und bei den Brutalen ist die Dialogbereitschaft wahrscheinlich aus Frustration und Hass auch äußerst fraglich. Aber - wer das nicht wenigstens versucht, gefährdet potentielle Opfer. Dazu zählen Geschäftsleute, deren Besitz zertrümmert wird genauso wie Polizisten, die auf einmal selbst Todesängste ausstehen müssen (siehe Nr. 30, S. 1, Anm. d. Red.). Alles muss versucht werden, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert. Man muss den Gewaltimpulsen den Nährboden wegziehen, indem ein Klima der Dialogbereitschaft für die friedliche Mehrheit der Demonstranten bereitgestellt wird. Das fängt an beim Ausmaß und der Art der Absperrungen über die Ausrüstung der Polizei bis hin zu Signalen, dass man miteinander reden will, anstatt sich irgendwo abzukapseln, um arrogant die Geschäfte der Mächtigen dieser Erde weiterzutreiben.

die furche: Was müsste auf Seiten jener geschehen, die auch in Zukunft zum Ziel von solchen Großdemonstrationen werden? Also WTO, Währungsfonds, Weltbank, mächtige Politiker ...

Aigner: Ich hoffe sehr, dass sich jene durchsetzen, die die Argumente der Globalisierungskritiker in Zukunft ernster nehmen wollen. Das wäre ein Zeichen, das die Bewegung jetzt dringend braucht. Es müssen innerhalb der Protestbewegung jene namhaft gemacht und in den Mittelpunkt gerückt werden, die wirklich sachlich und fachlich etwas zu sagen haben. Mit ihnen sollten dann ernsthafte Dialoge begonnen werden. Auch das wird die Gewalt eindämmen und mildern. Wenn man solche Vertreter miteinbezieht, dann fehlt die Basis für Gewaltausbrüche. Der "schwarze Block" und andere Radikale fahren sicher nicht allein irgendwohin, sondern immer nur im Gefolge eines großen Aufmarsches. Bei aller Aggressivität, die die ganz Gewalttätigen unter den Demonstranten auszeichnet - sie können nicht gut ihre Gewalt ins Leere ausüben, wenn gerade mit den namhaftesten Vertretern der Demonstranten verhandelt wird.

die furche: Hinter dem Namen "Globalisierungsgegner" stecken ganz unterschiedliche Gruppierungen. Viele lehnen es ab, sich mit den Mächtigen an einen Tisch zu setzen, weil sie ihnen nicht vertrauen.

Aigner: Die mangelnde Vertrauenswürdigkeit ist in dieser hochemotionalisierten Stimmung sicher ein Problem. Das Gefühl des Misstrauens und der Befürchtung, dort ohnehin nur wieder "verarscht" zu werden, ist bei vielen Demonstranten - teilweise zu Recht - sehr stark. Zu oft haben die Mächtigen berechtigte Anliegen und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger in den Wind geschlagen. Jugendliche sind in dieser Hinsicht - auch wegen ihrer oft überschäumenden Ideale und Hoffnungen - besonders empfindlich. Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Vertrauensverlust erlitten, daran sind aber nicht die Demonstranten "schuld".

die furche: Trotzdem bleibt die Frage: Wieso kommt es zu so schrecklichen Gewaltexzessen junger Leute?

Aigner: Das ist doch kein neues Phänomen! Das hat es in irgendeiner Weise immer gegeben. Das politische Gedächtnis scheint sehr kurz zu sein. Erinnern Sie sich doch: Auch bei den grossen Demonstrationen gegen die Atomkraft in Wackersdorf gab es militante Blocks, die keinen Kontakt zu den wirklich besorgten und friedlichen Demonstranten hatten. Auch die waren Fremdkörper in der Szene und denen nicht einmal in irgendeiner Art bekannt. Oder denken Sie an die "Bewegung 2. Juni", als der Tod des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten (am 2. Juni 1967 in Berlin am Rande einer Demonstration gegen den Schah von Persien, Anm. d. Red.) eine ganz aggressive Gruppe der"Roten Armee Fraktion" (RAF) hervorbrachte. Auch damals gab es jede Menge gehässiger Gewalt und auch Provokationen seitens der Behörden.

Ich sehe allerdings einen Unterschied zu früher: alles, von den Protesten bis zur Gewalt, ist viel diffuser. Es gibt keine klare, politisch einschätzbare Bewegung wie seinerzeit im Gefolge der Studentenrevolte. Der Protest hat heute mit diffusen Ängsten und Welterlösungsphantasien zu tun, mit Armut, Verschuldung, Dritter Welt, drohenden Klimakatastrophen und Ungerechtigkeit. So entlädt sich auch der Hass diffuser und nicht mehr so klar wie in den sechziger und siebziger Jahren.

die furche: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" Wird diese Aufforderung nach 30 Jahren wieder aktuell?

Aigner: Das ist die verzweifelte Antwort vieler Gewalttätiger - damals wie heute. Gewalt ist immer Ausdruck von Ohnmacht, die Macht der Ohnmächtigen, worauf schon Theodor W. Adorno hingewiesen hat. Ich sehe nicht, dass sich die Zustände, die Ohnmacht erzeugen, zum Besseren gewendet hätten. Im Gegenteil. Heute haben wir es nicht mehr nur mit einem einzigen Großkonzern zu tun, der etwa ökologischen Raubbau betreibt, sondern mit globalen, ganz undurchschaubaren Strukturen. Die sind an sich schon ohnmachtsfördernd.

Außerdem gibt es von der 68er Bewegung herauf bis heute ein zentrales Problem - die Verlassenheit der nachrückenden Generation. Aus verschiedenen Studien über gewalttätige Kinder und Jugendliche wissen wir, dass es so etwas wie eine "Elternlosigkeit" gibt, wie wir sie in diesem Ausmass bis jetzt noch nicht gekannt haben. Wir sind dadurch auch mit einer völligen Verwischung der Generationen konfrontiert. Es gibt keine ältere Generation mehr, die sich als Widerstand anbietet, die von den Jungen bekämpft werden könnte, die aber auch Orientierung gibt.

die Furche: Muss immer die Generation der Väter getreten und geschlagen werden?

Aigner: Es gab ein sehr aufschlussreiches Interview mit Gabriele Tidemann, einer ehemaligen RAF-Terroristin, die bei der Flugzeugentführung nach Mogadischu dabei war, als der Berliner Pastor Heinrich Alberts als Vermittler geschickt wurde. Beim Begräbnis des Pastors hielt sie - nach vielen Jahren im Gefängnis - eine Rede, in der sie ihn als "väterlichen Freund" bezeichnete. Sie sagte: "Das war Heinrich Alberts. Ich war damals 24 Jahre alt, eine Tochter ohne Vater, denn der meine hatte sich aufgrund meiner Taten von mir losgesagt und ein Kind in einer gänzlich vaterlosen Gesellschaft. Die Generation unserer Eltern hat in unseren Augen schändlich versagt und wir standen fassungslos und ungläubig vor ihren kläglichen Rechtfertigungsversuchen. Eine ganze Generation hatte für uns ihre Glaubwürdigkeit verloren." Sie meinte offenbar damit eine Generation, die an den Gräueln des Zweiten Weltkrieges beteiligt war und sich viel zuwenig davon losgesagt hatte. Und die schon wieder - aus damaliger Sicht - auf das imperialistische Morden der Machtblöcke USA und Sowjetunion keine befriedigende Antwort wusste.

Diese Art von "Elternlosigkeit", also die Verlassenheit junger Menschen, ist ein sehr ernstzunehmendes Problem. Vielleicht treten und schlagen die Gewalttätigen unbewusst auf ihre Vorfahren ein, auf die sie vernachlässigenden Autoritäten. Autoritäten, wie sie auch von den Mächtigen dieser Erde repräsentiert werden.

die furche: Warum ändert sich nichts zum Besseren?

Aigner: Es gibt keinen Grund zu meinen, da sei im Lauf der Zeit etwas anders, besser geworden. Im Gegenteil. Die Verantwortung für das Heil und für die Zukunft wird auch heute - bewusst oder unbewusst - den Erwachsenen zugeschrieben. Unbewusst lautet die Botschaft: Da sind welche, die passen auf uns auf! Da sind welche, die passen auf die Welt auf, dass sie nicht den Bach runtergeht! Dieses Gefühl wird meinem Eindruck nach den jungen Leuten immer weniger vermittelt.

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Dorothea Dieckmann schreibt in ihrem Buch "Kinder greifen zur Gewalt" über die Situation vieler Jugendlicher heute: "Das Selbstbewusstsein, das sie verteidigen, ist porös - zugleich ins Riesenhafte ausgedehnt und allseits beschädigt. Es stößt überall an. Die ,heutige Jugend' hat eine überempfindliche Wahrnehmung für Einschränkungen, Belastungen und Verletzungen. Der Gegner steht überall und nirgends. Deshalb scheinen die jungen Spieler der sozialen Umgebung stets mit vorgehaltenen Fäusten zu begegnen, immer an-griffs-, immer verteidigungsbereit ..."

furche: Das heißt, als Auslöser für die Gewalt erweist sich auch, dass sich viele junge Menschen weder wahrgenommen noch anerkannt fühlen. Wieso müssen die einen immer die "Schuldigen" sein und die anderen die "Opfer"?

Aigner: Wir können ja das Gewalttätige, das Böse, nicht allein als biologische Anlage verstehen! Es sei denn, wir reden einem simplen Biologismus das Wort. Deshalb suchen wir in der Psychologie nach Erklärungen, wie jemand zu irgendwelchen scheußlichen Handlungen gekommen ist. Diese Erklärungen wollen natürlich nicht entschuldigen und die Täter zu den eigentlichen Opfern machen. Es geht darum, Verstehen zu ermöglichen, um Heranwachsende wie auch ihre potentiellen Opfer vor weiterem Unglück zu schützen.

Dabei entsteht meist der Kurzschluss, dass es uns noch nie so gut gegangen sei wie heute und deshalb das Gerede um die Vernachlässigung jungen Menschen als Auslöser von Gewalt falsch sein müsse. Im Gegenteil, es ginge diesen Typen sogar viel zu gut, heißt es dann oft.

Aber es gibt ja auch so etwas wie eine durch Wohlstand bedingte Ignoranz, also einen Mangel an Anerkennung. "Ihr habt ja alles! Was wollt ihr eigentlich noch?" wird oft den Jungen entgegengehalten. Was übersehen wird, sind die Enttäuschungen, die Zurückweisungen, die Nichtanerkennung, die von den Eltern, aber auch von den Vorbildern und Machthabern hingenommen werden müssen.

Erinnern Sie sich an die Terroristin Gudrun Enslin und ihre bittere Entäuschung über Willy Brandt und seine Kompromisse, die er und seine Partei damals gemacht haben. Wie sich dann die jungen Leute von der SPD abgewandt und zusammengerottet haben, um selbst die Welt zu retten. Dieses Gefühl von Enttäuschung und Entbehrung ist ein ganz zentrales Element von Gewaltausbrüchen - damals wie heute.

die furche: Müssen wir mit einer Neuauflage des Terrorismus rechnen?

Aigner: Es wäre anmassend von mir, genaue Zukunftsprognosen oder Analysen über die seinerzeitigen Entscheidungen eines Joschka Fischer, eines Andreas Baader oder wie immer sie geheißen haben, abzugeben. Aber eines scheint mir wahrscheinlich: die, die damals in die gewaltterroristische Szene abgetaucht sind, waren sicher die Verzweifelteren, Hilfloseren und - so absurd das klingen mag - Ohnmächtigeren. Es waren die, die keinen gangbaren Weg gesehen haben, Veränderungen in halbwegs überschaubarer Zeit angehen zu können.

Genau darum geht es. Den weltweit Leidenden und dem Gros der Protestbewegung muss eine glaubwürdige Hoffnung vermittelt werden, dass die führenden Köpfe in den entwickelten Industrienationen bereit sind, gegen die Zerstörung der Erde und gegen die Schande der wachsenden Ungleichverteilung ihrer Reichtümer etwas in Bewegung zu setzen. Wenn sie das nicht machen, sind auch sie an weiteren Gewalteskalationen selbst mitbeteiligt.

Das Gespräch

führte Elfi Thiemer.

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