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Gewalt läßt sich abgewöhnen

Auf den ersten Blick ist man überrascht: alle objektiven Meßdaten, die in Österreich zur Verfügung stehen, zeigen -entgegen dem Eindruck, der durch die massive Medienberichterstattung vermittelt wird - keinen gravierenden Anstieg der Menge an Gewalttaten. Sowohl die „Polizeistatistik” (Zahl der Anzeigen) als auch die „Gerichtsstatistik” (jene Taten, die bei Gerichten verfolgt werden) weisen insgesamt eine sinkende Zahl von Delikten aus. (Häufiger geworden sind allerdings der „sexuelle Mißbrauch von Unmündigen” und die „schwere Sachbeschädigung”.)

Nicht zur Verfügung steht in Österreich jedoch die dritte, wesentliche Meßgröße für Aussagen über das Gewaltpotential einer Gesellschaft: die „Dunkelzifferermittlung”. Sie beruht auf speziellen sozial wissenschaftlichen Untersuchungen, mit denen versucht wird, herauszufinden, was in einer Ge- _

Seilschaft wirklich passiert. Erfahrungsgemäß unternimmt nämlich ein Drittel der Opfer von Ge-walttägigkeiten nichts.

Vieles spielt sich auch in Österreich im dunkeln ab oder kommt ers* allmählich ans Licht. „Gewalt in der Familie” ist beispielsweise erst seit kur-. zer Zeit kein Tabu-Thema mehr ...

Gehen also in Österreich die Uhren anders als in anderen Ländern, wo extreme Zunahmen von Gewalttätigkeiten den Psychologen und Kriminologen Bätsei aufgeben? Deutschland etwa verzeichnet 40 Prozent mehr Gewalttaten bei Jugendlichen, in der ehemaligen DDR sind es gar 90 Prozent. Bernhard Rathmayr, Anthropologe und Professor für Pädagogik an der Universität Innsbruck, warnt vor Selbstzufriedenheit: „Ich würde mich sehr wundern, wenn wir nicht bald ähnliche Verhältnisse bekämen, auch wenn die Statistiken noch eine andere Sprache sprechen. Aber einerseits hinken diese immer der Realität hinterher und anderseits sind unsere Verhältnisse nicht wesentlich anders als beispielsweise in Deutschland.” Derzeit allerdings, so der Wissenschaftler, werde lediglich von den Medien massiv der Eindruck erweckt, Gewalt in Österreich sei im Ansteigen. Die Gründe sind offensichtlich: „Berichte, vor allem solche über ,harte' Gewalt, lassen sich halt gut verkaufen”. Dieser Eindruck spiegle sich dann eben auch in Meinungsumfragen wider.

Dennoch gebe es keinen Grund, sich gleich wieder zu entspannen, denn die Gewaltdarstellungen haben auch Auswirkungen auf die gesellschaftliche Realität. Sie wirken nämlich, so Professor Rathmayr, bestätigend auf die ohnehin schon weitverbreitete Unsicherheit und Verdrossenheit der Österreicher. Bedrängt durch Sparpaket, drohenden Job-Verlust, Orientierungslosigkeit ' oder mangelnde Zukunftsperspektiven, werden sie in ihrer ohnehin schon negativen Grundeinstellung zur Gesellschaft und zur Mitwelt noch bestätigt. „Ich habe den Eindruck, daß immer weniger Menschen entschlossen und aktiv ihr Leben führen beziehungsweise in die Hand Pehmen. Im Gegenteil: sie fangen immer häufiger an, sich zu bedauern.” Apathie und innere Emigration sind die Folge.

Der Kampf um

Verständnis und Anerkennung ist eine besonders häufige Vorstufe von Aggressionen und Gewaltausbrüchen.

Eine solche Haltung ist aber meist die Vorstufe zu Aggression und Gewaltbereitschaft. Darüber sind sich heute die Experten einig. Bathmayr führt zwei Hauptauslöser an:

1. Wenn Menschen den Eindruck haben, es würden ihnen von „der Gesellschaft” bestimmte Lebenschancen ungerechtfertigterweise vorenthalten, auf die sie eigentlich einen Anspruch haben: Konsummöglichkeiten, mehr Geld, bessere Jobs, eine schönere Wohnung etc. Grundtenor: „Ich habe ein Recht auf das, was die anderen auch haben.” Wer glaubt, ständig irgendwie benachteiligt zu

■mmmmmmmm^^ werden oder ein „Verlierer” zu sein, der gerät allmählich in eine Seelenlage, bei der er keinen Anlaß mehr ■”-•”™™”-”—■—— gjgj-j^ noch auf irgendwen oder irgendwas Rücksicht zu nehmen.

2. Aggression und Gewalt entstehen aber auch dort, wo Menschen das Gefühl haben, nicht akzeptiert zu werden. Das zeigt sich beispielsweise beim Aufeinanderprall verschiedener Kulturen. Wer ständig das Gefühl hat, vom anderen nicht verstanden oder ausgegrenzt zu werden, nimmt irgendwann die Haltung ein: „Wenn wir etwas von der Gesellschaft wollen, dann müssen wir uns das mit Gewalt verschaffen.” Andere Möglichkeiten werden gar nicht mehr in Betracht gezogen.

Gewalt ist für Bernhard Rathmayr das Gegenteil von Sprache. Nur weil Menschen miteinander reden können, ist Verständigung möglich. Und nur wo Verständigung möglich ist, muß Verhalten nicht mithilfe von Gewalt gesteuert oder andressiert werden. Gewalt ist der Ausbruch aus der Sprachlosigkeit.

Damit greift Rathmayr einen Gedanken der alteuropäischen Philosophie auf. Auch heute, so der Experte, entstehe Gewalt nicht, weil es so etwas wie einen natürlichen Aggressionstrieb des Menschen gebe, sondern weil jemand außerstande ist, sich zu artikulieren, wenn er Schwierigkeiten hat oder keinen Ausweg mehr sieht.

Wer sich beeinträchtigt, benachteiligt, übergangen oder schlecht behandelt fühlt, dessen erste Reaktion müßte eigentlich sein: „Ich muß mich

Sind Gewalt und Gewaltdarstellungen mitverantwortlich für die Bru-talisieruUg der Gesellschaft? Oder bieten Massenmedien nur das Abbild einer gewalttätigen Realität? Kritisch betrachtet der Autor, der Innsbrucker Anthropologe und Pädagogikprofessor Bernhard Rathmayr, den Zusammenhang zwischen medialer und realer Gewalt und analysiert das Phänomen zunächst von der historisch-kulturellen Seite: Die Faszination der Gewalt reicht von antiken Heldenmythen und römischen Zirkusspielen bis zu den modernen „Rambo”-Filmen, Anhand zahreicher Beispiele wird das komplexe Verhältnis zwischen realer Gewalt, psychischem Gewaltbedürfnis und medialer Gewaltpräsentation aufgezeigt. Der Autor nimmt nicht nur die Massenmedien, sondern auch Medienpädagogik und Medienwirkungsfor-schung kritisch unter die Lupe (Verlag Quelle und Meyer, 1996). melden! Ich muß mich verständigen”. Aber wer macht das schon?

So wird Ärger angehäuft, Frustrationen entstehen und damit Gewaltpotentiale. Das führt unter anderem dazu, sagt Pädagoge Rathmayr, daß der Wunsch entsteht: „Da muß jetzt einer her, der dreinhaut. Der für (mein) Recht und für Ordnung sorgt.” Der Ruf nach dem starken Mann eben.

Ein reifer, zivilisierter Mensch artikuliert sich über Sprache. Rathmayr erläutert das am Beispiel des Unterschiedes zwischen Kindern und Erwachsenen: „Kinder setzen den Körper überall ein. Wenn ihnen etwas sehr mißfällt, dann schlagen sie auch sofort zu und denken nicht erst lange nach.” Solche Verhaltensweisen, macht der Professor einen Blick in die Geschichte, waren um das Jahr 1500 beim durch- _ schnittlichen, abendländischen Menschen noch gang und gäbe.

Im Verlauf der Geschichte lernten die Menschen mühsam, sich zu disziplinieren, ihre Gewaltbereitschaft und Aggressionen nicht nach außen zu tragen, miteinander zu reden, sich verständlich zu machen (nachzulesen bei Norbert Elias: „Der Prozeß der Zivilisation”). Für die Grenzsituationen, in denen das nicht gelingt, sahen Gesellschaft und Staat Sanktionsmechanismen vor.

In der Gesellschaft von heute werden aber die Kontrollmechanismen schwächer beziehungsweise sind bereits verschwunden. In der Familie beispielsweise: „Ein gar nicht kleiner Teil der Eltern hat auf ihre Kinder ab 15,16 Jahren im Grunde keinen Einfluß mehr.” Die meisten Eltern verfügen aber über keine anderen Möglichkeiten der Erziehung als Gebote und Verbote.

Was tun gegen die erzieherische „Unfähigkeit”? Die alten Vorstellungen von Disziplinierung wieder aktivieren? Der Gedanke wird gar nicht als so abwegig empfunden, wie man meinen könnte. Geht es beispielsweise nach dem Willen konservativer Re-publikaner, so soll im US-Bundesstaat Kalifornien demnächst wieder die Prügelstrafe eingeführt werden. Eine Gesetzesvorlage sieht vor, so war kürzlich zu lesen, daß jugendliche „Bösewichte” wieder mit dem Prügel gezüchtigt werden dürfen. „Wir haben”, so tönt es aus US-Politikermund, „mit der Abschaffung der Prügelstrafe jede Kontrolle über die Jugendlichen verloren.” Es gebe eben Menschen, die verstehen nur die Sprache der Gewalt. Alles andere sei „Psycho-Geplapper”. Ob diese Einstellung nicht auch hierzulande Anhänger hätte?

Pädagoge Rathmayer sieht die Lösung hingegen in erzieherischen mmmmmmmmmmmmm^m Maßnahmen, im „Abgewöhnen der Gewaltausübung”. Dazu gehört auch, daß man mit Argu _ mentation Konflikte angeht und bewältigt: „Unter Sprache verstehe ich ein Reden, das auch zu einem entsprechenden Handeln führt.” Also eines, das verbindlich ist, das klärt, Zusagen gibt, Vereinbarungen trifft, Versprechen macht. Ein Reden, das verbindet, statt sich gegeneinander zu stellen. Es geht darum, unterschiedliche Standpunkte zu verstehen und Probleme gemeinsam zu lösen.

Das geht aber nur, wenn man Interesse am Gegenüber hat, sich von ihm angeprochen fühlt, seine Sache anhört - und vielleicht gar zu seiner eigenen macht.

Nur wer selbst den Mut hat und sich auch die Zeit nimmt, sich auf den anderen einzulassen, der wird auch seine Kinder dazu bringen, daß sie später mündig und wechselseitig miteinander umgehen.

Mit Moralpredigten allein oder (Prügel-)Strafen läßt sich nichts erzwingen.

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