Coronademo - © Foto: picturedesk.com  / Hans Ringhofer

So ticken Corona-Demonstranten

1945 1960 1980 2000 2020

Mehrere Studien und Umfragen über die Corona-Demonstrant(inn)en geben Aufschluss über die widersprüchlichen Motive und Einstellungen der immer beliebter werdenden Protestgruppe.

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Mehrere Studien und Umfragen über die Corona-Demonstrant(inn)en geben Aufschluss über die widersprüchlichen Motive und Einstellungen der immer beliebter werdenden Protestgruppe.

Geht es nach den Nachrichten und Ereignissen, die derzeit im Coronafieber die Runde machen, könnte man meinen, es begänne dieser Tage ein neuer Zeitabschnitt. Eine Periode, in der die verzweifelte Hoffnung, ein Ende der Pandemie sei schon erreicht, alles überrennt, selbst den pandemischen Istzustand. Mögen die Intensivstationen noch so voll mit Kranken sein und die Zahl der Neuinfizierten weiter um die 2000 liegen, mögen neue Varianten des Virus in immer neuen Formen auftreten, britisch, südafrikanisch, brasilianisch, indisch, und mögen Virologen noch so sehr zur Vorsicht mahnen. Die Menschheit scheint mit jeder erfolgreichen Impfung um vieles sicherer zu werden, Covid-19 hängt quasi nur noch hilflos in den Seilen. Das ist der Eindruck, und er wird stetig erhärtet. Die Bühnen sperren wieder auf (in Israel jedenfalls), der Bundeskanzler verspricht uns ein wenig alte Normalität ab Mitte Mai, die Arbeitslosigkeit sinkt, und drüben auf den Unterhaltungsbühnen singen sie Songs, die Vakzine verherrlichen. Sogar der alte Mick Jagger freut sich saftig-rockig auf einen „Garten weltlicher Vergnügungen“ nach Covid-19.

Der verdeckte Spalt

Wenn es so kommt, wird schnell auch der tiefe Spalt, der diese Gesellschaft in den vergangenen Monaten auseinandergezwungen hat, rasch zugedeckt sein. Und jene, die die Covid-Maßnahmen als Freiheitsberaubung gesehen haben, können wieder mit jenen, die diese Maßnahmen für äußerst notwendig gehalten haben, an einem Tisch sitzen und reden und vielleicht gar lachen. Das ist, was der harmoniebedürftige Mensch sich wünscht.
In all diesem Wünschen und Wollen muss aber auch noch Raum für eine Analyse dessen sein, was in den vergangenen Monaten geschehen ist – nicht virologisch, sondern gesellschaftlich: das Phänomen der aufbegehrenden Massen, die in gewissem Sinn dieses aktuelle Wünschen und Wollen vorweggenommen haben und dabei kein Risiko scheuten – und auch kein Feindbild. Wer also sind die tausenden Menschen, die sich – ganz neutral gesprochen – aus allerlei Motiven und Gefühlen heraus mit Rechtsradikalen, Neonazis und Staatsverweigerern auf die Straße gestellt haben? Wo in der Gesellschaft sind sie angesiedelt? Wie werden sie angesehen vom Rest der Gemeinschaft? Und wie werden sie sich in Zukunft verhalten?

Wiewohl das Datenmaterial über diese Gruppe dürftig ist, lassen sich einige Dinge aus Studien und Umfragen ablesen. Das jüngste aufschlussreiche Material geht auf eine breite Umfrage des Gallup-Instituts in Österreich zurück, das sogar ein wenig von der Innensicht der Protestierenden freilegen kann. Im Ganzen gesehen handelt es sich um eine relativ große Gruppe, nicht weniger als 14 Prozent der Bevölkerung würden „auf jeden Fall“ oder „eher“ an einer Corona-Demonstration teilnehmen – und sie genießen seit November des Vorjahres wachsende Unterstützung im großen Rest der Bevölkerung. Waren es im November noch 29 Prozent, die „großes Verständnis“ für die Demonstrationen hatten, wuchs dieser Anteil bis März auf 35 Prozent. Überraschend bei den Motiven der starken Unterstützer ist, dass sie sich selbst nicht als politische Demonstranten wahrnehmen. Nur 14 Prozent bezeichneten sich als politisch interessiert, das ist gemessen an der Gesamtbevölkerung unterdurchschnittlich (17 Prozent Interessierte) – und vielleicht sogar das Gefährlichste an dieser Gruppe.

Geht es nach den Nachrichten und Ereignissen, die derzeit im Coronafieber die Runde machen, könnte man meinen, es begänne dieser Tage ein neuer Zeitabschnitt. Eine Periode, in der die verzweifelte Hoffnung, ein Ende der Pandemie sei schon erreicht, alles überrennt, selbst den pandemischen Istzustand. Mögen die Intensivstationen noch so voll mit Kranken sein und die Zahl der Neuinfizierten weiter um die 2000 liegen, mögen neue Varianten des Virus in immer neuen Formen auftreten, britisch, südafrikanisch, brasilianisch, indisch, und mögen Virologen noch so sehr zur Vorsicht mahnen. Die Menschheit scheint mit jeder erfolgreichen Impfung um vieles sicherer zu werden, Covid-19 hängt quasi nur noch hilflos in den Seilen. Das ist der Eindruck, und er wird stetig erhärtet. Die Bühnen sperren wieder auf (in Israel jedenfalls), der Bundeskanzler verspricht uns ein wenig alte Normalität ab Mitte Mai, die Arbeitslosigkeit sinkt, und drüben auf den Unterhaltungsbühnen singen sie Songs, die Vakzine verherrlichen. Sogar der alte Mick Jagger freut sich saftig-rockig auf einen „Garten weltlicher Vergnügungen“ nach Covid-19.

Der verdeckte Spalt

Wenn es so kommt, wird schnell auch der tiefe Spalt, der diese Gesellschaft in den vergangenen Monaten auseinandergezwungen hat, rasch zugedeckt sein. Und jene, die die Covid-Maßnahmen als Freiheitsberaubung gesehen haben, können wieder mit jenen, die diese Maßnahmen für äußerst notwendig gehalten haben, an einem Tisch sitzen und reden und vielleicht gar lachen. Das ist, was der harmoniebedürftige Mensch sich wünscht.
In all diesem Wünschen und Wollen muss aber auch noch Raum für eine Analyse dessen sein, was in den vergangenen Monaten geschehen ist – nicht virologisch, sondern gesellschaftlich: das Phänomen der aufbegehrenden Massen, die in gewissem Sinn dieses aktuelle Wünschen und Wollen vorweggenommen haben und dabei kein Risiko scheuten – und auch kein Feindbild. Wer also sind die tausenden Menschen, die sich – ganz neutral gesprochen – aus allerlei Motiven und Gefühlen heraus mit Rechtsradikalen, Neonazis und Staatsverweigerern auf die Straße gestellt haben? Wo in der Gesellschaft sind sie angesiedelt? Wie werden sie angesehen vom Rest der Gemeinschaft? Und wie werden sie sich in Zukunft verhalten?

Wiewohl das Datenmaterial über diese Gruppe dürftig ist, lassen sich einige Dinge aus Studien und Umfragen ablesen. Das jüngste aufschlussreiche Material geht auf eine breite Umfrage des Gallup-Instituts in Österreich zurück, das sogar ein wenig von der Innensicht der Protestierenden freilegen kann. Im Ganzen gesehen handelt es sich um eine relativ große Gruppe, nicht weniger als 14 Prozent der Bevölkerung würden „auf jeden Fall“ oder „eher“ an einer Corona-Demonstration teilnehmen – und sie genießen seit November des Vorjahres wachsende Unterstützung im großen Rest der Bevölkerung. Waren es im November noch 29 Prozent, die „großes Verständnis“ für die Demonstrationen hatten, wuchs dieser Anteil bis März auf 35 Prozent. Überraschend bei den Motiven der starken Unterstützer ist, dass sie sich selbst nicht als politische Demonstranten wahrnehmen. Nur 14 Prozent bezeichneten sich als politisch interessiert, das ist gemessen an der Gesamtbevölkerung unterdurchschnittlich (17 Prozent Interessierte) – und vielleicht sogar das Gefährlichste an dieser Gruppe.

73 Prozent der Covid-19-Demonstranten wollen die Freiheit verteidigen. Aber nur 55 Prozent von ihnen sehen die Demokratie als geeignete Staatsform in der Pandemie.

Die Demonstranten und ihre Unterstützer sehen sich vielmehr als Vertreter sozialer Interessen. 81 Prozent von ihnen gaben an, für Österreichs Wirtschaft zu demonstrieren, 73 Prozent aus Sorge um die Freiheit, 65 Prozent für die Interessen ihrer Kinder. Bei aller überparteilicher Selbstsicht wird es aber dennoch sehr politisch, wenn es um die Regierung geht. Mehr als 60 Prozent fühlen sich von der Politik angelogen, an die 50 Prozent glauben an eine internationale Verschwörung. Etwas kurios wird es, wenn nur 35 Prozent derDemonstrierenden politische Veränderungen wollen. Oder aber wenn nur 64 Prozent die Maßnahmen der Regierung für übertrieben halten, gegen die sie just auf die Straße gehen.

Man könnte daraus ableiten, dass die Aufmärsche für viele Menschen einfach Kundgebungen ihrer persönlichen Sorgen sind, ein Ventil zur Demonstration einer wenig durchdachten, aber umso mehr wahrgenommenen hilflosen Unzufriedenheit. Dafür spräche, dass die Proteste aktuell am ehesten bei Menschen Zustimmung finden, die infolge der Krise von Job- oder Einkommensverlust betroffen sind.

Dass die oft unmaskierten Corona-Demonstranten ein hohes Gesundheitsrisiko eingehen und die Verbreitung der Krankheit weiter fördern, scheint in ihrer Verzweiflung freilich vernachlässigt. Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin und des Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW über die Corona-Demonstrationen in Berlin und Leipzig mit jeweils etwa zehntausend Teilnehmern kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Veranstaltungen um „Superspreader-Events“ handelte, ohne die in den folgenden zehn Wochen 21.000 Ansteckungen unterblieben wären.

Entfremdung von der Politik

Abgesehen von solchen individuellen Risiken zeigen die Demonstranten für den Soziologen Oliver Nachtwey eine Entfremdung der Bürger von der Politik insgesamt. Mit Kollegen der Universität Bern hat Nachtwey Ende 2020 die „Politische Soziologie der Corona-Proteste“ erforscht und dabei Kundgebungsteilnehmer direkt kontaktiert und über ihre Einstellungen und sozialen Hintergrund direkt befragt. Dabei zeigte sich in vielen Fällen und unabhängig vom Bildungsniveau eine antiautoritäre Einstellung, die zumeist meist auf linke oder grün-alternative Konzepte und Einflüsse zurückzuführen war, sich aber im aktuellen Zeitgeschehen mit den Inhalten der AfD vermengte. Nach Angaben der Demonstranten waren fünf Prozent von ihnen Akademiker. Das zeichnete zunächst das Bild eines gut gebildeten „links-grünen Rechten“, eines fortschrittsskeptischen, naturverbundenen Protestierers im Alter zwischen 50 und 70 Jahren.

Nachtweys Studie sorgte in Deutschland für großes Aufsehen, doch in Österreich ließ sich dieses Ergebnis nicht bestätigen. Demnach ist die Zustimmung zu den Protesten unter FPÖ-Wählern und Nichtakademikern am größten. ÖVP- und Grünen-Wähler haben aber am wenigsten Verständnis für die Demonstranten.

Aber wie wird sich diese Bewegung entwickeln, wenn sich entgegen unserer verzweifelten Hoffnung, die Impfung werde Freiheit bringen, das Virus und seine Mutanten durchsetzen? Dazu die Gallup-Österreich-Chefin Andrea Fronaschütz: „Das Mobilisierungspotenzial des Corona­protests besteht überwiegend aus Menschen, die unter den Restriktionen leiden. Je länger diese andauern, umso größer wird das Risiko, dass sich die Bürger von der Demokratie und ihren Institutionen abwenden, die Demokratie dadurch zum Coronaverlierer wird.“

Und tatsächlich ist die Demokratie in ihrer Beliebtheit im Abrutschen begriffen. Stimmten im April 2020 noch 79 Prozent der Bevölkerung der Aussage zu, dass die Demokratie in der Krise die beste Regierungsform ist, sind derzeit 68 Prozent dieser Ansicht. Menschen, die mit der Protestbewegung sympathisieren, sind nur noch zu 55 Prozent davon überzeugt. Die Frage, ob sie unter anderen Regierungsformen ihre Freiheit und ihren Protest hätten leben können, wurde ihnen leider nicht gestellt.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Unpolitisch aufständisch" in der FURCHE 16/2021

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