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Die Rede vom Populismus

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Die Gesellschaften der Industriestaaten entwickeln sich einkommensmäßig, aber auch in ihrer Weltsicht immer weiter auseinander. Und die einstmals großen Parteien, die Linken wie die Konservativen, verlieren zunehmend Wähler, oft genug an radikale Gruppierungen.

Die Folgen zeigen sich hier wie dort in teils krassem Populismus: in den USA in der Rücksichtslosigkeit eines Präsidenten, der den Rächer der Enterbten spielt, in Frankreich in einem Dauerprotest der Gelbwesten, der die Handlungsfähigkeit des Präsidenten Macron drastisch reduziert, in Deutschland im Aufstieg der AfD und im faktischen Stillstand der Großen Koalition und in Italien in Form einer ziemlich beunruhigenden Koalition. Linke Intellektuelle können mit solchen Bewegungen nichts anfangen. Sie betonen Gleichheit und Gleichberechtigung, sie befürworten ein Menschenrecht auf Immigration und wollen offene Grenzen, was von vielen zu Recht oder zu Unrecht als Gefahr empfunden wird, und sie misstrauen den traditionellen bürgerlichen Verhaltensmustern von Fleiß und Bescheidenheit, obwohl doch viele überhaupt nur so halbwegs über die Runden kommen.

Kein Wunder, dass von einer solchen Perspektive aus die gängigen Erklärungen des Populismus recht negativ ausfallen. Die kulturelle Backlash-Hypothese von Inglehart und Norris geht davon aus, dass Multikulturalismus und Toleranz gegenüber allen (egal ob Immigranten oder sexuell wie immer Orientierten) ein dominantes Wertmuster geworden sei, gegen das ältere und konservative Bevölkerungsschichten eine Art Konterrevolution gestartet hätten. Forscher wie Scheuch und Klingemann sahen in diesen älteren Denkmustern pathologische Züge, und Forscher wie Mudde sehen in der Verbreitung solcher Vorstellungen überhaupt nur "pathologische Normalität". Kein Wunder, dass populistische Gegenbewegungen gegen die für modern gehaltenen Vorstellungen etwas pauschal als reaktionär, wenn nicht überhaupt als faschistisch abgestempelt werden.

Man kann auf solche Meinungen verärgert reagieren, wie es etwa Paul Collier getan hat. Er hat das wie folgt kommentiert: "Die Verachtung der Gebildeten für die nationale Identität streift sich den Deckmantel moralischer Überlegenheit über."

Globalisierung, Digitalisierung

Vielleicht sollte man sich eher den materiellen Ursachen für den Aufstieg des Populismus widmen. Da wird man nämlich durchaus fündig. Eine Studie des Prognos-Institutes im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat 2018 gezeigt, dass von 1970 bis 2014 die Lohnquote (der Anteil der Arbeitnehmer am gesamten Volkseinkommen) in allen Industriestaaten drastisch gesunken ist, um rund sechs Prozent im Vereinigten Königreich, in Frankreich und Deutschland, und um mehr als zehn Prozent in den USA, Südkorea und Italien. Wenn man aber diesen Zeitraum weiter aufgliedert, dann zeigt sich, dass bis etwa 2002 (so in den USA, anderswo ein wenig früher oder später) die Lohnquote mit nur geringen Schwankungen auffallend stabil geblieben ist. Aber dann hat es einen Trendbruch gegeben, und die Lohnquote ging ab da stetig nach unten. Dafür gibt es die verschiedensten Gründe: Globalisierung, Digitalisierung, verschärfter Wettbewerb.

Betroffen waren nicht nur die Ärmsten, sondern auch erstens Arbeitnehmer, die ihren Job verloren haben, und zweitens auch und nicht zuletzt alle, die gerade einmal von Gehaltszahlung zu Gehaltszahlung durchkommen. Für solche ist jede Unterbrechung eine Katastrophe, sei es wegen Unfall, Krankheit, Kündigung oder Scheidung. Auch innerhalb der Gesellschaft kann man an deren Rand leben, selbst wenn die Statistik dies durch den Hinweis auf die gute Beschäftigungslage zudeckt. In den USA haben während des Government Shutdown die Proteste gezeigt, wie viele Staatsangestellte in dieser prekären Situation sind.

Leben an der Kippe

Ein düsteres Bild zeichnet das Institut Montaigne für Frankreich. 49 Prozent der befragten Franzosen haben angegeben, am Ende des Monats kein Geld mehr auf dem Konto zu haben, und nicht weniger als 32 Prozent der Franzosen leben an der Kippe ("sur le fil"). Und die Stimmung ist auch anderswo miserabel. Das italienische Forschungsinstitut Censis hat in einer Analyse mit dem Namen "Das grollende Italien"

Orientierungslosigkeit, Wut und Verbitterung als die derzeit vorherrschenden Emotionen genannt. Die Versprechungen der Marktwirtschaft vom ständig steigenden Wohlstand für alle sind für viele bloße Versprechungen geblieben.

Diese Menschen sehen täglich in den Medien das doch süßere Leben der Anderen, Reicheren, die sich, und sei es auch nur in der Werbung, all das leisten können, was sie selber sich nicht leisten können, und sie sehen keinen Grund und keine Rechtfertigung dafür, dass es ihnen nicht so geht. Sie haben ein waches Bewusstsein für vergangene, stabilere und deshalb bessere Zeiten. Sie haben Angst um ihren Job, und sie verstehen, ihre Wut zu artikulieren. Richard Sennett hat schon lange vor dem Aufstieg der AfD in Deutschland und lange vor den Protesten der Gelbwesten in Frankreich diagnostiziert, die moderne Wirtschaft verlange nun einmal Flexibilität und Mobilität. Das sei auch zum Modell für den privaten Bereich geworden. Aber das bedeute in der Folge Bindungs-und Beziehungslosigkeit, ja existenzielle Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Die Wut richtet sich gegen regierende Parteien, gegen das Establishment. Und wenn die dominanten Ideologien links sind, dann greifen solche Protestbewegungen zu rechten Erklärungsmustern bis hin zu alten Nationalismen.

Entlastung, Sicherheit und Identität

Man macht es sich daher zu einfach, wenn man solche Reaktionen einfach nur in die rechte, nationalistische oder faschistische Ecke schiebt. Sicherlich gibt es nicht zu knapp üble Gestrige bis hin zum Faschismus. Aber die meisten der Betroffenen suchen vor allem materielle Entlastung, die sie als Gerechtigkeit definieren, möglichst sichere Arbeitsplätze und dazu die Chance, so etwas wie Identität aufzubauen. Einige Intellektuelle wie etwa der frühere Linke Alain Finkielkraut haben das verstanden und meinen heute, wir seien nicht beauftragt, diese Welt zu ändern, sondern unsere alte Welt zu retten und mit ihr eine Kultur, die von den Linken im Namen der Gleichheit vertrieben worden sei.

Vor gut 100 Jahren waren Intellektuelle die geistigen Führer einer Arbeiterklasse, der sie in deren Kampf gegen Elend und für staatsbürgerliche Rechte Konzepte, Zielrichtung und eine starke Stimme geliehen haben. Heute kämpfen viele Intellektuelle nicht für diese neue Klasse der Benachteiligten, sie kämpfen gegen sie, mit dem allzu groben Mechanismus der Vereinfachung. Und sie haben keinerlei Antworten auf die Frustration dieser an den Rand Gedrängten. Solange manche Politiker nicht kapieren, dass man mit Multikulti und Genderpolitik den Sorgen dieser (ehemaligen) Mittelschicht nicht gerecht wird, werden sie weiterhin flott in Richtung eigener Bedeutungslosigkeit marschieren.

Der Autor ist Gesellschafter einer Vermögensverwaltungsgesellschaft und als Publizist tätig