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Wohin, „Neue Linke“?

Dem Volke fremd und nützlich doch dem Volke zieh’ ich des Weges, Sonne bald,

bald Wolke und immer über diesem Volke.

Nietzsche

Mit einer unserem österreichischen Skeptizismus, wenn nicht unserem Sarkasmus angemessenen Verzögerung werden wir nun auch mit einer, quasi politischen Erscheinung konfrontiert, die man in Ermangelung eines „hafttieferen“ Ausdrucks als „Neue Linke“ bezeichnet, zuweilen auch mit dem völlig substanzlosen Terminus „Kommune“.

Geht man von den üblichen politisch-sozialen Einteilungskriterien aus, ist das Wort „links“ freilich keine Klassifikation, die dem erkennbaren Sachverhalt angemessen ist. Unter „links“ stellt man sich im allgemeinen die Demonstration irgendeiner Form von Sozialismus vor. Das, was man die ,„Neue Linke“ nennt, präsentiert aber in Wort und ver- bandlichen Aktionen keineswegs einen typischen Sozialismus, es sei denn einen syndikalistischen Wortsozialismus oder einen aristokratischen Sozialismus von Intellektuellen. In beiden Fällen kann man aber kaum von Sozialismus im üblichen Sinn sprechen.

Tatsächlich scheint es sich bei der noch offenen Gruppe der „Neuen Linken“ um einen anarchistischen Blanquismus in der Ausformung eines intellektuellen Syndikalismus zu handeln, wie ihn uns etwa Roger Martin du Gard in seinem großartigen Roman „Sommer 1914“ literarisch dargestellt hat. Das schockierende „Happening“ soll dann das „Attentat“, die „direkte Aktion“ in der Denkweise des Syndikalismus sein.

Jedenfalls: Zwischen dem (typischen) Sozialismus und allen Formen des (Anarcho-) Syndikalismus besteht schon ex definitione ein erheblich größerer Unterschied als etwa zwischen dem Sozialismus und einem orthodoxen Liberalismus.

Wer die Dinge unbekümmert mit einer Handbewegung abtun will, kann auch davon ausgehen, daß es sich lediglich um einen Bürger- und Altenschreck handelt, um ein „Inoffizium“, dessen Dauer ohnedies begrenzt ist.

Angesichts der unverkennbar intensiver werdenden Ereignisse, die keineswegs lokal begrenzt und etwa die Sache der Angehörigen einer Studienrichtung bleiben müssen, scheint jedoch geboten, sich zumindest einige Fragen vorzulegen, die am Beginn einer Analyse des Problems zu stehen hätten. Man kann sich also fragen:

• Sind die Worthüllen, mit denen sich die neue Bewegung (die sich nur einen alten Vereinsmantel ausgeliehen hat), vorstellt, etwa nur die Verbalisierung von Frustrationen, die man durch Angriffe auf produzierte Gegner abzubauen sucht?

• Sind es Formen des Aufstandes von Kindern „aus gutem Haus“, die ihre „Vaterkonflikte“ in haushaltfremden Regionen, etwa im Bereich der Arena (Aula) einer Universität, auszutragen suchen?

• Ist es eine neuartige, wortgewaltige und an Formulierungen Büchners gemahnende Instrumentation der altersspezifischen Neigung junger Menschen zur Opposition?

• Ist es der Aufstand gegen eine gerontokratische Führung der Gesellschaft, die trotzdem eine „vaterlose“ Gesellschaft ist,'weil die „Väter“ nur herrschen und nicht attraktives Vorbild sind? Offenkundig ist das „Establishment“ (die Summe derer, die „oben sind“) für die Angehörigen der „Neuen Linken“, einer Art von negativer Bezugsgruppe, wobei das provozierende Anderssein der Angehörigen der personell freilich nicht zu identifizierenden Väter geradezu integrierend wirkt?

• Soll man sich der Meinung anschließen, es handle sich einfach um den Versuch, Libertinage und Pan- sexualismus, organisiert in einer eigenartigen Promiskuität, durch einen politisch-sozialethischen Rigorismus zu kompensieren?

• Soll man befürchten, daß der zur Schau getragene eigenartige Anarchismus nichts anderes ist als eine große Täuschung, als der Versuch, eine vorhandene Herrschaft, die formal legitimiert ist, durch eine andere Herrschaft abzulösen, deren Exeku- toren sich selbst legitimieren? Meint man daher mit der geforderten neuen Freiheit nur die eigene Freiheit und die Freiheit der eigenen Gruppe, durch welche die Vollfreien (im Sinn der Vorstellungen von Zeno) ihre individuellen Kräfte bestens bestätigen können?

• Bisweilen kann man in der „Neuen Linken“ auch so etwas wie eine neue Form von ostentativer partieller Bedürfnislosigkeit erkennen, die Distanzierung von jenen sogenannten Kulturgütern, deren Anbotsmacht geeignet ist, den Menschen in seinem Verhalten ungebührlich zu binden und mit den Instrumenten der Werbung ein herden- haftes Bewußtsein zu erzeugen.

Die „Neue Linke“ stellt sich zuweilen als eine nach Europa transportierte Form der sogenannten Kulturrevolution chinesischer Art vor, die einen eigenartigen und uns in Europa unverständlichen intrasozialistischen Scheinanarchismus praktiziert, wobei die ausführenden Verbände, die „Roten Garden“, nicht so sehr jene bekämpfen, die „oben sind“, sondern vor allem jene, die „unten“ sind.

Nun ist das Phänomen der „Roten Garden“ keineswegs eine „linke“ Erscheinung. Auch die andere Seite (nennen wir sie „bürgerlich“) hat ihre „Garden“, etwa Nur-Literaten, die ihre finanzielle Abhängigkeit gegen ihre Geldgeber dosiert abreagieren oder mit ihrem „Establishment“ Spaß treiben. Der Wortradikalismus verkauft sich außerdem gut und ist oft nur eine besondere Form der Selbstwerbung. Spuren der „Neuen Linken“, eine besondere

Radikalität in Denken und Aktion, gibt es also in allen Gesinnungsregionen. Auch in der Kirche. Wir können daher die Tatsache nicht übersehen, daß jene jugendspezifischen sozialen Prozesse, die sich ver-bandlich am markantesten in der „Neuen Linken“ verdichten, Anzeiger von Lebensprozessen und eigenartigen massenweisen Reflexionen in unserer Gesellschaft sind, ein allgemeiner Widerspruch an der Basis der Alterspyramide, der freilich in seiner Bedeutung von einem diesem Fall peinlich-devoten Fernsehen über Gebühr angehoben wird. Zudem findet der in der Natur der Gesellschaft begründete Widerspruch der Generationen in jeder kulturellen Situation eine andere Darstellung. Auch der nichtkommunistische Maoismus, soweit er nicht eine große Hetz’ ist, bedeutet nichts anderes als die provozierende Verehrung eines abstrakten Helden, in diesem Fall eines „Uralten“, der Symbol für Opposition ist und sich bereits jenseits der Wirklichkeit im seinem Kyffhäuser befindet, weshalb sein persönliches Verhalten jeder Kontrolle und Kritik entzogen ist. Die Frage, ob der Maoismus und seine Jugendausgabe, der Castrismus, machtmäßig-organisatorisch auch ein „Establishment“ sind, wird dabei von den „Gardisten“ nicht untersucht.

Um jene Erscheinungen, die man auf Grund einer Selbstflrmierung als „Neue Linke“ kennzeichnen will, einigermaßen sachkonform zu deuten, fehlt es aber noch an vielen Voraussetzungen.

Einige Deutungsversuche (die umfangreicher Ergänzungen bedürften) sind jedoch bereits möglich:

• Offenkundig ist die Anpassung eines Teiles junger Intellektueller und solcher, die vorgeben, intellektuell zu sein, weil sie eine bestimmte Gebärdensprache beherrschen, an die neuen Sozial- und vor allem an die neuen Konsumstrukturen noch nicht gelungen. Diese Anpassungsschwierigkeit ist vor allem bei jenen jungen Menschen festzustellen, welche etwa wegen der gewählten Studienrichtung besonders stark mit sozialen Problemen befaßt sind. Dies zeigt sich im Entstehen eines eigenartigen Soziologismus, in der Annahme, daß alles Geistige lediglich ein Reflex von sozialen Prozessen ist.

• Noch nie war die Tatsache, daß die Jugend eine Art von Subgesellschaft ist, so eindeutig sichtbar wie in dieser Zeit, von der man sagt, sie sei durch eine vaterlose Gesellschaft gekennzeichnet. Mao, als der „große“ Bruder, hat dann die Qualität eines Ersatzvaters, den man nicht ernst nehmen muß, sondern nur als Instrument der Aggression gegen die konkreten Väter benutzt.

• Vielleicht sollten wir auch erkennen, daß die Art, wie heute Herrschaft (die zur Natur der Gesellschaft gehört) ausgeübt wird, von vielen jungen Menschen mit Recht oder Unrecht als eine Anmaßung empfunden werden kann (Stirner: Jede Herrschaft ist angemaßte Herrschaft), um so mehr, als die Herrschenden nicht jenen Kontakt mit „unten“, das heißt im gegebenen Fall mit den Jungen, halten, der im Interesse gesellschaftsstabilisierender Kommunikation erforderlich wäre. Dazu kommt, daß die heillose Verwirrung um den Begriff der Demokratie, die in ihrer Idealform kaum jemals vollziehbar ist, auch die Vermutung entstehen ließ, es sei in allen Regionen des Lebens nicht nur Mitspracherecht, sondern auch Mitentscheidungsrecht möglich, so als ob je Führung anders als durch Minderheiten ausgeübt worden wäre.

• Hinter manchen Äußerungen von Funktionären der „Neuen Linken“, aber auch der „Neuen Rechten“, kann man auch so etwas wie die platonisch-aristotelische Verachtung der Erwerbsarbeit erkennen, die Disqualifikation aller, die beim konkreten Vollzug des Selbsterhaltungsprozesses der Gesellschaft engagiert sind, als Banausen. Die perfekte Verachtung der Erwerbsarbeit, die oft nur notdürftig protest-literarisch überdeckt wird, ist übrigens das Kennzeichen aller Anarchismen und widerspricht daher den elementaren Denkansätzen jeder Form von Sozialismus.

Mit Recht finden manche Erwachsene die Darstellungsweisen einer neuen „kommunalen“ Jugendbewegung bedenklich, um so mehr, als man vermutet, daß es zu einer Mutation der Bewegung kommen kann, zur Begründung einer neuen Form von Despotie, die sich im Namen der Freiheit wieder des Fallbeils bedient — wie alle „Reinen“ in der Weltgeschichte. Es bedarf vielleicht nur einer bestimmten Bedingungskonstellation (Massenarbeitslosigkeit) und der großen Vereinfacher, um die Individualismen der vielen zum Ganzen einer despotisch operierenden Minderheit zu integrieren.

Dazu kommt, daß das Schweigen der großen Mehrheit der Studenten auf Apathie, auf ein Maß an „Fachidiotie“, schließen läßt, das erstaunlich und bedenklich ist.

Nun darf man aber nicht davon ausgehen, daß die blanquistischen Aktionen auf Dauer ohne Reaktion auf der anderen Seite bleiben werden. Die ersten Perioden des Nationalsozialismus sind ein Beweis dafür. In der nach dem Krieg gewählten Schwarzweißtechnik der politischen Argumentation wurde übersehen, daß der Nationalsozialismus nicht nur vom „Bösen“ war, sondern in nicht wenigen seiner Ideen abartige Erscheinungen des großstädtischen 'deutschen Kulturlebens nach 1918 reflektierte. Ähnliches gilt, wenn man die Bestimmungsgründe für die Expansion der NDP analysiert.

Es wird nicht viele Menschen in der BRD geben, welche die bedenkliche faktische Monopolisierung der Meinungsbildung durch das Verlagshaus Springer billigen. Trotz der massiven Angriffe seitens gewisser Kreise oder gerade wegen dieser Angriffe üben jedoch die Leser der Springer-Blätter eine Art aktives Schweigen und kaufen weiter ihre Zeitung vom Monopolisten.

Das Schweigen der Mehrheit zu radikalen Äußerungen und Handlungen, deren Initiatoren sich „links“ angesiedelt wähnen, soll jedenfalls nicht täuschen! Keineswegs darf das Schweigen als Zustimmung aufgefaßt werden. Ab einer bestimmten kritischen Grenze des Erduldens kommt das Begehren nach Ordnung, nach „Disziplin“ bis hin zum Wunsch nach dem starken Mann.

Das Schweigen ist auch deswegen nur ein scheinbares, weil einer auf Zeit festorganisierten Kleingruppe vorläufig nur lose Kooperationen von je für sich fast unabhängigen Gruppen gegenüberstehen, deren Angehörige außerdem nicht hochschulpoli- tisch engagiert sind. Wenn man von dem CV spricht oder von den nationalen Korporationen, darf man darunter keineswegs festorganisierte Gruppen verstehen. Wenn einzelne „Rechte“ und „rechte“ neutrale Kleingruppen zu einem Ganzen werden, dann nur durch die andere Seite. Konflikte wirken stets integrierend.

Die Austroanarchismen sind noch nicht bedenklich, zumal sie durchweg so gemeint sind, wie sie sich avisieren. Eher ist die Liebedienerei des Fernsehens beachtlich und auch das Verhalten von angesprochenen Erwachsenen, die sich aus Angst, einmal Gegenstand von Provokationen werden zu können, keineswegs würdig benehmen. Was man befürchten muß, ist nur, daß die Anomalien auf der einen Seite zum Entstehen von Anomalien auf der anderen Seite führen, und dies in einer Situation, in der die Gesellschaft, auch jene in Österreich, in einer peinlichen Weise nur auf Gewinn- und Konsummaximierung fixiert und daher moralisch nicht abwehrbereit ist.

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