7011432-1988_10_08.jpg
Digital In Arbeit

Die Österreicher: Ein zufrieden Volk?

1945 1960 1980 2000 2020

Was ist dem Österreicher wichtig im Leben? Wonach strebt er? Wie zufrieden ist er? Solchen Fragen ist eine umfangreiche Untersuchung im Jahr 1986 nachgegangen.

1945 1960 1980 2000 2020

Was ist dem Österreicher wichtig im Leben? Wonach strebt er? Wie zufrieden ist er? Solchen Fragen ist eine umfangreiche Untersuchung im Jahr 1986 nachgegangen.

2000 Personen - eine möglichst repräsentative Stichprobe der österreichischen Bevölkerung — wurde im Rahmen des „Sozialen Surveys Österreich 1986“ über ihre Werthaltungen und ihre Lebensqualität befragt.

Man hatte die Vorgangsweise international abgestimmt: In Großbritannien, den USA, der Bundesrepublik Deutschland, in Italien und Australien wurden vergleichbare Erhebungen

durchgeführt. Als erste liegen nunmehr die österreichischen Ergebnisse vor, was allerdings den Nachteil hat, daß in der vorliegenden Veröffentlichung internationale Vergleiche nur in Einzelfragen angestellt werden konnten.

Nun aber zu den Ergebnissen: Welcher Lebensbereich ist dem Österreicher am wichtigsten? Die eigene Familie und Kinder, lautet die Antwort. Sie sind wichtiger als Arbeit und Beruf. Relativ weit abgeschlagen rangieren Religion und Kirche sowie Politik und öffentliches Leben am Ende der Skala (siehe Tabelle).

Uberraschend ist, in welchem Ausmaß die Familie bei dieser Umfrage gut abschneidet: Sie wird als Voraussetzung für persönliches Glück bezeichnet (von 74 Prozent). Was aber noch überraschender ist: 90 Prozent der Befragten sind mit ihrer eigenen Familie zufrieden (60 Prozent sogar sehr)!

Noch größer - man glaubt es kaum — ist die Zufriedenheit mit der Beziehung zum eigenen Partner: 97 Prozent Zufriedene (drei Viertel davon sind sogar sehr zufrieden).

Im Vergleich dazu fällt der zweitwichtigste Bereich, der Beruf, fast ein bißchen ab, obwohl auch hier beachtliche 89 Prozent Zufriedene ausgewiesen werden. Zieht man noch in Betracht, daß 70 Prozent der Befragten auch ihre finanzielle Situation im großen und ganzen zusagt, entsteht das Bild eines im Grunde genommen zufriedenen Volkes - zumindest, was seine Hauptanliegen betrifft. Keine Spur von der vielzitierten österreichischen Raunzerei!

Welches ' Familienleitbild schwebt nun aber den Österreichern vor? Sexuelle Treue als Basis der Ehe steht hoch im Kurs: 93 Prozent treten für sie ein und ebenso viele sind sich darüber im klaren, daß eigener Verzicht zugunsten des Partners für eine erfolgreiche Ehe wichtig ist.

Traditionell sind auch die Vorstellungen über die anzustrebende Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Drei von vier Befragten bejahen das Modell des Geld verdienenden Mannes und der im Haushalt tätigen Frau. Erstaunlich, wie gesagt (siehe Kasten).

Wirkungsvolle Empfängnisverhütung ist laut Umfrage in Österreich zur Selbstverständlichkeit geworden. Umstritten bleibt jedoch das Thema Abtreibung: Zwar treten 88 Prozent für die medizinische Indikation ein, dafür aber stößt die soziale Indikation eher auf Ablehnung als auf Befürwortung (47 gegenüber 41 Prozent). Das sollte all jenen zu denken geben, die nicht an der Fristenregelung rütteln wollen.

Was die persönlichen Kontakte anbelangt, rangiert die Familie auch an erster Stelle: 80 Prozent sehen Eltern oder Kinder regelmäßig. Wer nicht mit den Eltern unter einem Dach lebt, sieht allerdings den besten Freund häufiger als die eigenen Eltern.

Auffallend ist, daß Kontakte eher über die Frauen laufen. Man sieht die Schwester häufiger als den Bruder, die Tante häufiger als den Onkel...

Um Hilfe wenden sich die Österreicher erwartungsgemäß primär an den eigenen Partner. Die nächste Anlauf stelle sind die Eltern, wobei die Mutter (besonders bei psychisch-emotionalen Problemen) häufiger genannt wird. Nicht unerheblich ist der Anteü jener, die sich an niemanden um Hilfe wenden würden. Das sind immerhin 20 Prozent, wenn es um Partnerprobleme geht. Und jeder Zehnte wüßte nicht wohin in einer finanziellen Notlage.

Fragt man wiederum danach, wann jemand zuletzt Hilfe in Anspruch genommen habe, so erweist sich der Österreicher neuerlich als wunschlos glücklich: Kaum größere Geldsorgen, kaum Probleme, die man nicht mit dem Ehepartner hätte besprechen können. 70 Prozent kennen solche Sorgen überhaupt nicht und 40 Prozent waren noch nie niedergeschlagen oder eines Rates bedürftig.

Wie sieht es nun aber mit dem zweitwichtigsten Bereich, dem der Arbeit aus? Zeitlich am stärksten belastet sind Selbständige und Bauern. Teilt man ihre wöchentliche Arbeitszeit auf fünf Wochentage auf, so kommen sie auf 14,4 Stunden täglich. Weniger als die üblichen 40 Wochenstunden arbeiten im Durchschnitt nur Hüfsarbeiter, was durch den hohen Frauenanteil in dieser Gruppe bedingt ist. Denn Teilzeitbeschäftigung trifft man fast nur bei Frauen an.

Immerhin 16 Prozent der Befragten waren in den letzten fünf Jahren arbeitslos. (Unter den 20-bis 29jährigen sogar jeder Vierte.)

Wie aber nimmt der Österreicher seine Arbeitsbedingungen wahr? 47 Prozent schätzen das Betriebsklima und rund 40 Prozent erleben ausreichend Abwechslung, tragen genügend Verantwortung und sind mit der Sicherheit, die ihr Arbeitsplatz bietet, zufrieden (siehe Kasten).

Unzufriedenheit wird am ehesten bezüglich des Verdienstes und der Aufstiegsmöglichkeiten geäußert. Am lautesten klagt die Landwirtschaft über ihre finanzielle Lage: 80 Prozent der Bauern fühlen sich unterbezahlt. Selbständige sowie leitende Angestellte und Beamte klagen wiederum überdurchschnittlich häufig über Streß, Hilfs- und angelernte Arbeiter über mangelnde Selbstentfaltung.

Wenn es um Verbesserungen am Arbeitsplatz geht, werden vor allem mehr Menschlichkeit, mehr Mitbestimmung und eine günstigere Arbeitszeit gefordert. Aber, wie gesagt, die Österreicher sind mit ihrem Berufsleben zu 89 Prozent zufrieden.

Bleibt noch etwas über den Bereich Politik und öffentliches Leben zu sagen, auf den sich auch viele Fragen bezogen haben. Da wird zunächst ein deutliches Bewußtsein nicht bestehender Chancengleichheit artikuliert. Drei von vier Österreichern meinen, daß Wohlstand und Bildung der Eltern, kurz die Herkunftsfamilie, wichtige Weichen für das Leben stellen.

Und wie diese Weichenstellungen erfolgen, ist bedeutsam, denn im internationalen Vergleich ist unsere Einkommensverteilung recht ungleichmäßig. Zwei Drittel der Österreicher treten daher auch für eine Politik der Einkom-mensnivellierung ein, wollen aber nicht alle Einkommensunterschiede abbauen. So bejahen 68 Prozent eine Entlohnung, die der Leistung entspricht.

Politisch zerfällt Österreich in drei große Blöcke: 35 Prozent sympathisieren mit der SPÖ, 33 mit der ÖVP und 20 Prozent neigen keiner der Parteien zu. Die Jugend ist bei den traditionellen Parteien (bei der SPÖ sogar stark) unterrepräsentiert, jedoch sehr zahlreich bei den Parteilosen anzutreffen. Kinderreiche und religiös Orientierte sind überwiegend ÖVP-freundlich gesinnt. Unzufriedene findet man vor allem bei den Grünen und Parteilosen und überdurchschnittlich zufrieden zeigen sich nur SPÖ-An-hänger.

Deutet dieser hohe Anteil von Ungebundenen auf eine politische Destabilisierung hin? Keineswegs. 73 Prozent bejahen die genaue Befolgung von Gesetzen, 51 Prozent sehen Ruhe und Ordnung als wichtigstes politisches Ziel an und ebenso viele meinen, „viele Dinge funktionieren besser, wenn einer befiehlt und die anderen gehorchen.“ Sind wir also ein eher autoritätsgläubiges Volk?

Das ist — wie vieles andere auch — aus dieser Umfrage schwer zu beantworten. Denn gerade die zuletzt zitierte Frage illustriert die Problematik der Meinungsforschung. In dieser Aussage kommt nämlich weniger eine Werthaltung als vielmehr ein Faktum zum Ausdruck: Vieles funktioniert ja überhaupt nur, wenn einer den Takt angibt und die anderen sich danach richten: im Orchester, im Achter mit Steuermann, an der geregelten Kreuzung...

Meinungsumfragen sollen daher vor allem zum Nachdenken anregen. Keinesfalls aber legen sie authentisch das Denken und Fühlen eines Volkes bloß.

WERTHALTUNGEN UND LEBENSFORMEN IN OSTERREICH. Von Max Haller und Kurt Holm (Hrsg.). Oldenburg Verlag München, Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1987. 316 Seiten, zahlreiche Graphiken und Tabellen, öS 560,-

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau