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Wer glaubt noch an morgen?

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Die unpolitische Jugend?

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Phänomene wie Dominik Wlazny zeigen eine Sehnsucht junger Menschen nach Partizipation. Es ist eine Absage an etablierte Parteiensysteme. Ein Gastkommentar.

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Phänomene wie Dominik Wlazny zeigen eine Sehnsucht junger Menschen nach Partizipation. Es ist eine Absage an etablierte Parteiensysteme. Ein Gastkommentar.

Maya geht nicht mehr zur Schule. Sie ist 15, lebt in Niederösterreich, in einem kleinen Dorf zwischen St. Pölten und dem Nirgendwo. Derzeit sucht sie nach einer Lehrstelle. Moped oder Auto hat sie keines, denn das kann sie sich nicht leisten. Es ist schwierig, eine Lehrstelle zu finden, die gut erreichbar ist, denn seit Jahren werden Busse und Regionalzüge in der Gegend eingestellt. Für den Klimaschutz interessiert sich Maya eigentlich nicht, aber sie wünscht sich mehr öffentliche Verkehrsmittel in ihrer Umgebung.

Tim studiert in Graz Umweltsystemwissenschaften an der Technischen Universität. Bei „Fridays for Future“ engagiert er sich, seit er 14 Jahre alt ist. Anfangs ist er mitgerissen worden, von Freund(inn)en und Mitschüler(inne)n – mittlerweile leitet er Demos und spricht öffentlich vom Versagen der Politik in Bezug auf die Klimakrise. Sieben Jahre schon spricht er über dasselbe Thema, immer und immer wieder. Verändert hat sich in dieser Zeit wenig.

Frustration und Ohnmacht

Dino wurde in Belgrad geboren. Seit er fünf Jahre alt ist, lebt er in Österreich. Serbien kennt er nur aus dem Sommer­urlaub und den Erzählungen seiner Eltern. „Der Serbe“ war er trotzdem immer. In seiner Schule war er Schulsprecher, während der Corona-Pandemie setzte er sich besonders für diejenigen ein, für die Zuhause kein Zufluchtsort war. Er freut sich, anderen zu helfen, und möchte mehr bewegen, ist aber frustriert, weil er sieht, wie junge Menschen unter den politischen Maßnahmen leiden und niemand ihre Anliegen ernst nimmt.

Geschichten wie diese könnte man tausendfach erzählen, und wenn man genau hinhört, spürt man sie auch. Es sind Geschichten von Frustration und Ohnmacht, vom Wunsch nach mehr Mitbestimmung und von ernsthaften Sorgen und Problemen. Das Jugendalter zwischen 13 und 20 Jahren ist an sich schon eine Zeit der Krisen, eine Zeit der inneren Krisen, oft ein Kampf mit sich selbst, dem eigenen Körper, der Familie und der Gesellschaft. Da ist jede weitere Krise ein schwerer Brocken. Von so vielschichtigen externen Krisen, wie sie diese Generation erlebt, wurde die Elterngeneration weitgehend verschont. Pandemie, Klimakrise, Rekordinflation, Energiekrise, Krieg auf europäischem Boden … Vielleicht ist aber die größte Krise, in der wir uns befinden, die Krise der Demokratie.

Nur sechs Prozent der jungen Menschen in Österreich fühlen sich von der Politik des Landes vertreten (SORA, 2022). Ihre Stimmen werden nicht gehört, egal wie laut sie schreien. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“, wird gerufen, wenn sie sich auflehnen. „Die Jugend ist nicht mehr politisch!“, hört man, wenn sich junge Menschen nicht für Parteien inte­ressieren. Umgekehrt heißt das, dass sich 94 Prozent der jungen Menschen nicht von der derzeitigen Politik vertreten fühlen. Sie haben einfach keine Lust mehr. Keine Lust mehr, zu verzichten, ihre Interessen nicht berücksichtigt zu sehen und zu beobachten, wie Erwachsene Entscheidungen für die Gegenwart anstatt für die Zukunft treffen. Sie wenden sich ab, ziehen sich zurück, lenken sich lieber mit kurzen Videos auf ihren Bildschirmen ab, als den immergleichen Ausreden der Erwachsenen zuzuhören. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen in Österreich sieht der eigenen Zukunft pessimistisch entgegen. Sie glauben nicht, dass es ihnen jemals so gut gehen wird wie ihrer Elterngeneration. Bei 62 Prozent der Mädchen und 38 Prozent der Burschen zeigte sich 2021 zumindest eine mittelgradige depressive Symptomatik (Donau-Uni Krems, 2021). Tendenz steigend.

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