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Digital In Arbeit

Der Zweitjob verdrängt den Sonntagsausflug

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Die Wohlstandsgesellschaft gerät zunehmend in ein Dilemma: Mehr Freizeit wird ohne mehr Geld immer weniger wert.

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Die Wohlstandsgesellschaft gerät zunehmend in ein Dilemma: Mehr Freizeit wird ohne mehr Geld immer weniger wert.

Immer mehr Arbeitnehmer müssen die schmerzliche Erfahrung machen: „Mehr Zeit ist ohne mehr Geld immer weniger wert”. Damit sie ihren Lebensstandard nicht wesentlich einschränken müssen, halten sie Ausschau nach neuen Einnahmequellen und Erwerbsmöglichkeiten: Vom Zweitberuf und Teilzeitjob über Nebentätigkeiten bis hin zur Schwarzarbeit. Nach vorliegenden Schätzungen gehen derzeit etwa sieben Prozent aller Erwerbstätigen einem legalen Zweitjob nach. Dabei ist die Schattenwirtschaft (sprich: Schwarzarbeit) vom abendlichen Tankwart bis zum nächtlichen Barkeeper noch gar nicht berücksichtigt.

■ Die berufliche Arbeit am Wochenende wird sich schrittweise - und öffentlich kaum bemerkt - zur neuen Norm entwickeln. Und mit der zunehmenden Doppelerwerbstätigkeit von Mann und Frau steigt auch die Wahrscheinlichkeit, daß bei einem berufstätigen Paar zumindest einer der Partner am Wochenende tätig ist, auf fast 90 Prozent. Da sich bisher die familiären Aktivitäten auf das Wochenende konzentrierten und der Sonntag als gemeinsamer Ausflugs- und Besuchstag galt, kommt es bei zunehmender Wochenendarbeit zwangsläufig zu Einschränkungen in den familiären und sozialen Kontakten.

Flexible Arbeitszeiten bedeuten mitunter auch den Verlust an wertvoller Sozialzeit

Dies bedeutet: Zunehmende Arbeitszeitflexibilisierung führt nicht - wie mitunter angenommen - zu mehr Zeitsouveränität des Arbeitnehmers. Während die betriebliche Bilanz auf Zeit- und Produktivitätsgewinne verweisen kann, geht die individuelle Bilanz mit Verlust an wertvoller Lebens- und Sozialzeit einher. Unter der wachsenden Desynchronisation der Zeit werden die Familie und die Kinder am meisten zu leiden haben. Das kann die Gesellschaft doch nicht gleichgültig lassen: Eine neue Zeitpolitik ist geradezu gefordert. Diese neue Zeitpolitik müßte wieder für eine Synchronisierung der I^ebensbe-reiche Sorge tragen.

■ Auf dem Weg in das Jahr 2000 scheint der Zeitpunkt erreicht zu sein. Arbeitnehmer, die Ideen und Mut haben, müssen sich selbst zunehmend auch als „Unternehmer” verstehen. Auf dem Weg in das 21. Jahrhundert reicht es nicht mehr aus, wenn nur acht Prozent der Berufstätigen selbständig sind. Arbeitnehmer müssen daher selbst etwas unternehmen, das heißt, zum Existenzgründer werden und ihre neuen Arbeitsplätze selber schaffen. Die Frfahrung lehrt: Jeder F,xistenzgründer schafft im Durchschnitt vier bis fünf weitere Arbeitsplätze. Nur so hat die bezahlte Arbeit in den westlichen Wohlstandsländern noch eine Wachstumschance.

Der Karrierebegriff bleibt in Zukunft nicht mehr allein auf den beruflichen Bereich beschränkt - er bekommt Konkurrenz vom Freizeitbereich. Ein vielfältiges Profilierungs-feld für individualistische Karrieren. Schon spricht man in der neueren Sozialforschung von sogenannten „Freizeitkarrieren”. Insbesondere in der jüngeren Generation entwickeln sich zunehmend neue „Qualifikationsprofile” als Musiker, Sportler, Heimwerker, Globetrotter oder Computerfreak, die fast professionelle Ansprüche erfüllen und Hobby und Berufsinteressen miteinander verbinden. Diese neuen Profis finden genauso viele attraktive Profilierungsmöglichkeiten vor wie die Karrieristen im Beruf: Aufnahmerituale, I^eistungsanforderun-gen, Konkurrenzsituationen, Selbstdarstellungen, Erfolgserlebnisse und Aufstiegsmöglichkeiten in der Clique, im Club oder im Verein. ■ Die Medienrevolution steht angeblich vor der Tür. In Wirklichkeit köi> nen die meisten Bürger noch nicht einmal einen Videorecorder programmieren. Und auch die Hoffnung auf die neue Generation der „Multi-Media-Kids” wird sich so schnell nicht erfüllen: Der Siegeszug der Computer durch die Büros ist noch lange nicht in unseren Kinderzimmern angekommen. Die Jugend zieht nach wie vor Bücher den Computern vor. Nur knapp jeder vierte Jugendliche hat sich in der vergangenen Woche in seiner Freizeit mit dem Computer beschäftigt, mehr als doppelt so viele aber fanden am Buchlesen Gefallen. Und für Videospiele kann sich gar nur jeder siebente Jugendliche begeistern, während der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig Zeitung oder Zeitschriften lesen, mehr als viermal so hoch ist.

■ Die hohen Erwartungen an das internationale Computer-Netzwerk („Internet”) haben sich bisher nicht erfüllt. Unaufhaltsam soll sich das Internet in aller Welt ausbreiten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Lediglich zwei Prozent der Bevölkerung surfen gelegentlich im Internet durch die Welt. 94 Prozent aber „zappen” lieber im Fernsehen durch die Programme. Und auch für Teleshopping kann sich nur ein Prozent der Bevölkerung begeistern, während 99 Prozent den traditionellen Einkaufsbummel attraktiver finden.

Unsere aktuellen Umfragen wiesen nach, daß es weit weniger Netz-Surfer gibt als allgemein angenommen oder vermutet. 20 Prozent der Bevölkerung besitzen zwar einen Computer, zwölf Prozent benutzen . ihn auch regelmäßig zu Hause, aber eben nur zwei Prozent loggen sich einmal pro Woche in das Netz ein. Die elektronischen Datennetze liegen voll im Trend, die Konsumenten liegen lieber auf der faulen Haut.

Die Grenzen zwischen Berufs- und Freizeitverkehr werden fließend

Die Medienwelt von morgen ist gespalten: Die Kriegs- und Nachkriegszeit hat zur Ausprägung von zwei Technikgenerationen geführt. Die Älteren wehren und sperren sich mehrheitlich gegen das neu”e Multimedia-Angebot. Ganz anders die junge Generation der unter 30^ährigen. In ihrer Einschätzung halten sich Chancen und Bisiken des künftigen Multimedia-Zeitalters ungefähr die Waage. Auffallend ist dabei, daß die positive Einstellung deutlich zunimmt. Die junge Generation wird geradezu zum Hoffnungsträger. Etwa zwei von fünf Jugendlichen haben die Hoffnung, daß dadurch das private Lieben „bereichert” wird (39 Prozent), die neuen Technologie das Leben „angenehmer und leichter machen” (39 Prozent) und auch neue Arbeitsplätze (38 Prozent) geschaffen werden.

■ Es ist bezeichnend, daß Telearbeit auch als ein Beitrag zur Verkehrsentlastung angesehen wird. In Wirklichkeit gleicht das Ganze doch mehr einem Null-Summen-Spiel. Was zum Beispiel Teleworker an Berufswegen einsparen, gleichen sie durch gesteigerte Freizeitmobilität wieder aus. PC-Nutzer haben nachweislich und verständlicherweise ein größeres Mobilitätsbedürfnis als die übrige Bevölkerung.

Sie sind mehr als andere mit dem Auto unterwegs. Ihr Auto-Mobilitätsbedürfnis ist fast doppelt so hoch (40 Prozent) wie bei der übrigen Bevölkerung (22 Prozent). Nach Feierabend schalten sie den Computer aus und die Zündung im Auto ein. Der erwartete Substitutionseffekt, also die Verkehrsentlastung durch mehr Heimarbeit, ist vermutlich „gleich Null”. Lediglich die berufsbedingte „rush hour” könnte sich zeitlich verlagern - mit der Konsequenz, daß der Verkehr dann vielleicht rund um die Uhr stattfindet und die Grenzen zwischen Berufsverkehr und Freizeitverkehr immer fließender werden.

So bleibt allenfalls die Hoffnung, daß im Zeitalter der Telekommunikation neue Verkehrsleitsysteme eine Verkehrsreduktion durch effizientere Gestaltung des vorhandenen Verkehrsaufkommens bewirken „könnten”.

Dagegen spricht aber die Erfahrung, daß eine effizientere Verkehrsgestaltung die Verkehrsteilnehmer eher dazu animiert, mehr und längere Autofahrten zu unternehmen.

Für die massenhafte Ausbreitung der Freizeitmobilität ist ein Bündel von Mobilitätsmotiven verantwortlich zu machen. Zeit- und Baumgewinn stellen eher vorgeschobene Gründe dar. Vielmehr ist anzunehmen, daß die Zeit heute subjektiv so wertvoll geworden ist, daß sie einfach „genutzt”, werden muß - um möglichst viel zu erleben und möglichst wenig zu verpassen.

Was aus der Sicht der Verkehrspolitik am meisten kritisiert wird („das unnütze Hin- und Herfahren”), hat im subjektiven Erleben 'der Bevölkerung die größte Bedeutung. Komfort, Geschwindigkeit und Sicherheit sind beim Autofahren ganz gut und schön - viel schöner aber ist das Gefühl, einfach durch die Gegend zu fahren, das Fahren an sich, eine Art Spazierfahrt („Cruising”) mit dem Auto anstelle des Spaziergangs zu Fuß.

Die in der Öffentlichkeit diskutierten verkehrspolitischen Maßnahmen sind derzeit bei Autofahrern (noch) nicht mehrheitsfähig. Drei Viertel der Autofahrer (75 Prozent) lehnen „autofreie Innenstädte generell” ab. Und nur zwei von fünf Autofahrern (43 Prozent) können sich allenfalls mit dem Gedanken anfreunden, „autofreie Innenstädte nur zu bestimmten Zeiten” zu schaffen. Schroff weisen Autofahrer Bestriktionen mit Dauercharakter zurück: 95 Prozent lehnen Autobahngebühren und drastisch erhöhte Benzinpreise ab. 97 Prozent halten von „täglich oder wöchentlich wechselnden Fahrverboten” überhaupt nichts

Soziale Aktivitäten gehören zum Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts

■ Mit der wachsenden Kommerzialisierung des Freizeitlebens sinkt die Bereitschaft, soziale Verpflichtungen einzugehen. Sozialverhalten in der Freizeit wird zunehmend zu einem öffentlichen und immer weniger zu einem privaten Gut.

Dies aber hat zur Folge: Mitmenschlicher Kontakt wird immer mehr gesucht, aber immer weniger gefunden. Weil das Freizeit-Ego stärker wird, kann sich der sozialfähige Mitmensch kaum behaupten.

Sozial aktiver leben lernen wird eine der wichtigsten Voraussetzungen für individuelles Wohlbefinden und gesellschaftliche Lebensqualität im 21. Jahrhundert. Es bleibt festzuhalten: Das Schlaraffenland ist abgebrannt. Da neue Dilemma der westlichen Wohlstandsbürger heißt: Mehr Zeit, aber weniger Geld. Ein Umdenken vom Konsum- zum Zeitwohlstand ist unverzichtbar.

Den Umgang mit dem Zeitbudget (und nicht nur mit dem Geldbudget) müssen wir wieder erlernen.

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