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Daddy wohnt hier nicht mehr

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Ein Mythos wird zerstört. Die heile Welt der amerikanischen Durchschnittsfamilie, von unzähligen US-Fernsehserien jahrzehntelang erfolgreich vermarktet, stimmt nicht mehr. Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen amerikanischer Politiker ist klar geworden, daß sich die Familienstrukturen in den letzten Jahrzehnten entscheidend gewandelt haben.

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Ein Mythos wird zerstört. Die heile Welt der amerikanischen Durchschnittsfamilie, von unzähligen US-Fernsehserien jahrzehntelang erfolgreich vermarktet, stimmt nicht mehr. Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen amerikanischer Politiker ist klar geworden, daß sich die Familienstrukturen in den letzten Jahrzehnten entscheidend gewandelt haben.

Aus einer Analyse der Zeitschrift „International Business Week" geht hervor, daß in den USA beinahe jedes zweite Kind ohne Daddy oder ohne Mam aufwächst. Die traditionelle Zwei-Eltern-Familie wird immer häufiger duch den Ein-Eltern-Haus-halt abgelöst. Der prozentuelle Anteil von weißen Kindern, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, hat sich beinahe verdreichfacht und ist in den letzten drei Jahrzehnten auf 19,2 Prozent angewachsen, während er unter der schwarzen Bevölkerung bereits 54,8 Prozent beträgt (siehe Gra-phik)."

Nicht weniger als die Hälfte aller US-Ehen wird heute geschieden, heißt es in „Business Week", die Anzahl unehelich geborener Kinder hat neue Höchstwerte erreicht. Hält die Entwicklung an, wird die Mehrheit der heute geborenen Kinder in Zukunft überwiegend mit nur einem Elternteil aufwachsen.

Welche Ursachen haben dazu geführt, daß sich die Familienstrukturen so entscheidend geändert haben?

Nach Ansicht von Christopher Jencks, einem Soziologen der Northwest University, verlor die stabile Zwei-Eltern-Familie gegenüber alternativen, modernen Lebensmodellen, die zu Fragen der Moral und Familie eine lässigere Haltung erlaubt. Auch die moderne Gesetzgebung erleichtert eine Scheidung; das Leben in den Großstädten schwächt zusätzlich die traditionellen Familienbande.

Für Ökonomen zählen aber in erster Linie wirtschaftliche Gründe für die Krise der Familie. Sie meinen, daß die große Anzahl von weiblichen Mitarbeiterinnen, die auf den Arbeitsmarkt drängen - vielfach wegen schlecht bezahlter und ausgebildeter Ehemänner - das herkömmliche Familienbild radikal verändert hat. Millionen von Männern blieben ärmere Familienerhalter, während Millionen von Frauen finanziell unabhängiger wurden.

„Es ist wie eine Zangenbewegung in der Arbeitswelt" meint dazu Robert D. Plotnick, ein Wirtschaftsfachmann der Universität Washington. Und sollte diese Zangenbewegung anhalten, so fürchten Fachleute, werde sich dies entscheidend negativ auf das wirtschaftliche Wachstum auswirken.

Seit Anfang der siebziger Jahre wurden aus Gründen der weltweiten Konkurrenz in den USA eine ganze Reihe schwerfälliger und technologisch veralteter Fabriken aus dem Boden gestampft. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen diese Betriebe aber heute modernisiert beziehungsweise neue Niederlassungen in Übersee eröffnet werden.

Die spürbaren Probleme der amerikanischen Wirtschaft in den letzten Jahren drückte auf die Gehälter. Dazu kam die billige Konkurrenz der Niedriglohnländer in Übersee, die die Preise in den Betrieben unter Druck setzten. Die Rechnung hatten schließlich die schlecht ausgebildeten Arbeiter und Hilfskräfte zu bezahlen.

Während Akademiker in den letzten zwanzig Jahren um 20,7 Prozent (seit 1973, die Inflation miteingerechnet) Lohnverlust hinnehmen mußten, hatten Angestellte ohne Hochschuldiplom 26,4 Prozent weniger verdient und junge schwarze Arbeiter gar die Hälfte ihres früheren Lohnes.

Eine Auswirkung des ökonomischen Niedergangs zeigt sich vorallem unter der schwarzen Bevölkerung. Die Heiratsraten bei jungen schwarzen Amerikanern zeigen einen drastischen Rückgang, der nach Meinung des Wirtschaftsexperten William J. Wilson (University of Chicago) auf das Konto fehlender Arbeitsplätze geht. Diese Männer sind aufgrund mangelnder Verdienstmöglichkeiten vielfach nicht in der Lage, eine Familie ausreichend zu ernähren.

Der ungeheure Zustrom von Frauen in den Arbeitsmarkt hat selbst wiederum wirtschaftliche Gründe. Vor allem wurde weiblichen Mitarbeiterinnen im Dienstleistungssektor eine ganze Reihe von lukrativen Jobmöglichkeiten angeboten. Die stagnierende Wirtschaft Anfang der siebziger Jahre zwang wiederum viele Frauen, eine Arbeit anzunehmen, um die ständig steigenden Lebenshaltungskosten ihrer Familien finanzieren zu können. Der weibliche Anteil der Beschäftigten stieg von 38 Prozent (1960) auf über 5 8 Prozent (1991). Durch die Rezession der letzten Jahre und steigende Geburtenraten mußten aber viele Frauen ihre Arbeitsplätze wieder aufgeben.

Seit die Frauen massiv in den Arbeitsmarkt strömten, erhöhte sich auch ihre Verdienstmöglichkeit. Betrug das Gehalt einer weiblichen Mitarbeiterin vor zehn Jahren nur rund 60 Prozent eines vollangestellten männlichen Mitarbeiters, so hatte sich 1990 der weibliche Durchschnittsverdienst bereits auf über 71 Prozent erhöht.

Wirtschaftlich gesehen haben es daher Frauen immer weniger nötig, zu heiraten oder aus finanziellen Gründen verheiratet zu bleiben. „Der Drang zur Scheidung wächst, wenn Frauen erfolgreicher sind" erklärt Gary S. Becker, Wirtschaftsfachmann der University of Chicago.

Obwohl noch viele Experten glauben, daß auch Single-Familien noch zu ansehlichem Wohlstand kommen können, schätzen Ökonomen die gegenwärtige Lage bereits eher skeptisch ein. Liegt die Armutsrate bei verheirateten Familien mit Kindern bei 7,8 Prozent, so befinden sich Haushalte mit alleinstehenden Müttern bereits zu 44,5Prozent in der Armutszone.

Doch nicht genug damit. Die Armutsspirale von Ein-Eltern-Haushal-ten setzt sich meist unweigerlich auf die Kinder fort. Diese erhalten oft nur selten eine gute Erziehung und Ausbildung sowie gesundheitliche Vorsorge, was sich besonders in ihrem späteren Berufsleben als entscheidender Hemmschuh zeigt.

Jüngste Forschungen beweisen wiederum, daß Kinder mit nur einem Elternteil häufiger ihr Hochschulstudium abbrechen und daher weniger gutbezahlte Jobs annehmen müssen, während Kinder mit beiden Elternteilen eine größere berufliche Stabilität aufweisen.

Ausgefranste Bindung

Andererseits trug die Öffentliche Hand für eine spürbare finanzielle Besserstellung vieler alleinstehender Mütter bei, deren Anzahl seit den sechziger Jahren sprunghaft gestiegen ist. Aber mit oder ohne finanzielle Förderung, Tatsache bleibt, daß der allgemeine Wohlstand zum Anstieg vieler Single-Familien-Haushalte beigetragen hat, wie Isabell V. Saw-hill von der Havard University analysiert.

Einige Wirtschaftsfachleute befürchten, daß der hohe Anteil an Single-Haushalten letztlich auch seinen ökonomischen Preis haben wird. Armut wird auf Dauer zu einem schwer handhabbaren Problem. Single-Familien sind ohnedies in schlechterer Position. Einige Ökonomen fordern daher von der US-Regieruhg und privaten Stellen, mehr Mittel in „humanes Kapital" zu investieren.

Ein weiteres Problem ist, daß Scheidungen und außereheliche Geburten die Bindungen zwischen den Generationen ausfransen, befürchten immer mehr US-Ökonomen. Die ältere Generation wiederum verlegt sich in den USA ganz aufs Genießen ihres Reichtums und hinterläßt dann meist nur mehr wenig an ihre Erben, wie Lau-rence J.Kotlikoff von der Boston University befürchtet. Vieles vom allgemeinen Wohlstand geht wieder verloren, weil oft und gern im Ausland konsumiert wird.

Viele Ökonomen dieses Jahrhunderts haben die Familie ignoriert, und sich stattdessen nur auf Inflation, Rezession oder Gewinn/Verlustrechnun-gen konzentriert. Dies könnte sich dann gründlich ändern, heißt es in der „International Business Week", wenn die Wandlung der amerikanischen Familie den allgemeinen Lebensstandard genauso beeinflußt wie die Schwankungen der Wirtschaftsdaten und der Kurse an der Wall Street und in anderen Zentren.

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