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Mangelware Gleichberechtigung

1945 1960 1980 2000 2020

In Rußland wurden im Vorjahr 15.000 Frauen von ihren Männern umgebracht. Die Gesellschaft schiebt den Opfern die Schuld zu.

1945 1960 1980 2000 2020

In Rußland wurden im Vorjahr 15.000 Frauen von ihren Männern umgebracht. Die Gesellschaft schiebt den Opfern die Schuld zu.

Offiziell war das Problem der Frauenunterdrückung seit der Revolution in der Sowjetunion und später auch in den anderen kommunistischen Staaten nicht mehr vorhanden, es konnte - ideologisch -nicht mehr vorhanden sein. Denn die Unterdrückung der Frau wurde als Nebenaspekt der Unterdrückung der Arbeiterklasse abgeleitet und war mit deren Befreiung aufgehoben.

Das Recht auf Arbeit galt als wesentlicher Bestandteil der Gleichberechtigung, es wurde erreicht: Mehr als 90 Prozent der Frauen waren in der Sowjetunion berufstätig, sie stellten mehr als die Hälfte der Arbeitskräfte. Ob im Straßenbau, bei der Neulandgewinnung oder am Traktor, die Frauen waren immer „an vorderster Front”. Für die Kinderbetreuung und -erziehung wollte ohnedies der Staat zuständig sein - und war es auch.

Von tatsächlicher Gleichberechtigung konnte bestenfalls dann die Bede sein, wenn es sich um den Zugang zu traditionell Männern vorbehaltenen Berufen wie der Schwerarbeit handelte. Im Haushalt durften sich Frauen auch um Baparaturen und Wartungsarbeiten kümmern.

Der Begriff Feminismus war bis in die achtziger Jahre in der Sowjetunion unbekannt oder bestenfalls als Phänomen des Westens verstanden worden. Vereinzelt gab es trotzdem Frauengruppen, die auf Diskriminierung und Sexismus aufmerksam machten.

Die Sowjetunion und den Kommunismus gibt es nicht mehr, die Situation der Frauen hat sich gerade in der GUS weiter drastisch verschlechtert: Bäsch wachsende Armut, Alkoholismus, Frustration und Apathie verschlimmern die Lage. Hilfsmittel im Haushalt hatten in der Produktion gegenüber der Schwerindustrie immer den kürzeren gezogen, die notwendigsten konnte man sich jedoch leisten. Für Dutzende Millionen Menschen, die heute unter der Armutsgrenze leben, gehören auch die einfachsten Erleichterungen im Haushalt zu unerschwinglichem Luxus.

Der Alkoholismus fördert die ohnedies hohe Gewalt in den Familien, auch hier leiden Frauen am meisten. Allein 1994 wurden in Bußland 15.000 Frauen von ihren Männern umgebracht. Frauenhäuser und Betreuungsstätten sind unbekannt. Die Gesellschaft beschuldigt weitgehend die Frauen selbst, an ihrem Unglück schuld zu sein. Sie seien eben nicht fähig, den Aufgaben als Ehe-, Hausfrau und Mutter nachzukommen.

Jahrzehntelang war ideologisch Gleichberechtigung festgeschrieben, sie hat es aber nie gegeben. Der Frauenanteil in politischen und den meisten wirtschaftlichen Führungspositionen war gering. Die ideologische Verordnung trug nicht einmal zur Bewußtseinsbildung von Frauen bei. Nun propagieren die neuen nationalistischen Strömungen - erfolgreich -ein traditionelles Frauenbild.

Die wirtschaftlichen Umwälzungen wirken sich auf das Leben der Frauen aus. Stellten sie 1975 noch 53 Prozent der Erwerbstätigen, so waren es 1993 nur noch 51 Prozent. Stark verändern sich auch die Berufe der weiblichen Arbeitskräfte. In der Landwirtschaft und am Bau fiel ihr Anteil von 44 auf 38 beziehungsweise von 31 auf 25 Prozent.''

Auch in stark expandierenden Branchen wie der EDV- und Informationstechnologie sank ihr Anteil von 1990 bis 1993 von 82 auf 75 Prozent. Gestiegen ist er dagegen in den Bereichen Bildung, Kunst und Kultur.

Mit der Änderung des Wirtschaftssystems kam es in den meisten osteuropäischen Staaten zur Verarmung weiter Bevölkerungskreise. In einem Ende Juli veröffentlichten Bericht über die Situation der Familie in Polen werden erschreckende Tatsachen aufgezeigt: Jede fünfte polnische Familie lebt unter der Armutsgrenze. Jedes dritte Kind hat gesundheitliche Probleme, eineinhalb Millionen Kinder unter 17 Jahren, das sind zehn Prozent; sind unterernährt. Die Zahl der nicht vollständigen Familien steigt vor allem wegen vorzeitiger Todesfälle von Männern im arbeitsfähigen Alter.2' Andere Untersuchungen sprechen davon, daß bereits die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebe, ein weiteres Viertel drohe demnächst ebenfalls dazu zu gehören.

Kinderbetreuung zählte zur Aufgabe des Staates und war praktisch kostenlos. Das bisherige System ist vielfach nicht mehr finanzierbar, auch die bisherigen Gesundheitseinrichtungen stehen oft vor dem Zusammenbruch. Sofern soziale Netze jemals geknüpft worden sind, lösen sie sich auf. Hauptleidtragende sind die Frauen. So überrascht es nicht, daß ihr Anteil an allen klassisch benachteiligten Gruppen der Gesellschaft besonders hoch ist.

Ergebnisse einer UNO-Studie5' zeigen, daß der in den Industrieländern beobachtete Trend zur Angleichung der Arbeitszeit von Frauen und Männern in mehreren Staaten Osteuropas und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), die sich in einem wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozeß befinden, rückläufig ist.

Die Gesamtarbeitsbelastung von Männern in Bulgarien lag 1977 um 15 Prozent niedriger als die von Frauen, 1988 um 17 Prozent. Die Arbeitslast von Frauen ist in Bulgarien derzeit um 21 Prozent höher als die von Männern, in Finnland nur um acht Prozent. Als Gründe dafür nennt die Studie etwa die geringere Verbreitung von Waschmaschinen und Geschirrspülern in dem osteuropäischen Staat.

Einen „starken Unterschied zwischen West- und Osteuropa” in Sachen Gleichberechtigung sieht Irene Freudenschuß vom Außenministerium. Sie hatte unter anderem das Verhandlungskomitee beim Vorbereitungstreffen der Pekinger UNO-Weltfrauenkonferenz im März und April 1995 in New York geleitet. Damals wurde der vorläufige Besoluti-onstext ausverhandelt.

„Die Gleichberechtigung war früher wenigstens auf dem Papier ideologisch festgeschrieben, inzwischen wird vielfach wieder die traditionelle Frauenrolle propagiert”, stellt sie fest und bedauert die geringe Kenntnis der Bechte der Frauen in internationalen Abkommen. Auch Engagierten fehle oft der Zugang zu Informationen. „Bei den Konferenzvorbereitungen waren sie eigentlich abwesend, ihr Input war sehr gering”, so Freudenschuß. Umso wichtiger sei die internationale Begegnung und das Knüpfen informeller Kontakte auf allen Ebenen.

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