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Digital In Arbeit

Das Heil im Beruf suchen

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„Wir Frauen müssen an allen Fronten kämpfen", schloß eine Referentin ihren Vortrag. Kämpfen worum? Um Gleichbehandlung mit dem Mann - in jeder Hinsicht, im Haushalt, am Arbeitsplatz.

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„Wir Frauen müssen an allen Fronten kämpfen", schloß eine Referentin ihren Vortrag. Kämpfen worum? Um Gleichbehandlung mit dem Mann - in jeder Hinsicht, im Haushalt, am Arbeitsplatz.

Gewerkschafterinnen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Politikerinnen, Studentinnen und eine Reihe von beruflich nicht zuordenbaren Frauen waren in Salzburg vorige Woche zum Zweiten Internationalen Arbeitsseminar für Frauen zusammengekommen.

Eigentlich hätte das Schwerpunktthema des ersten Tages „Die Frau in der Familie" heißen sollen. Erst am zweiten wollte man sich dem Thema „Die Frau in der Berufswelt" zuwenden. Tatsächlich aber kreiste man von Anfang an um das anscheinend wichtigste Anliegen: die weibliche Berufstätigkeit. Dabei ist auf die Worte zu achten. Man darf Arbeit nicht mit Beruf gleichsetzen, denn Arbeit hat eine Frau immer — im

Beruf und zu Hause. Arbeitslos könne überhaupt nur der Mann sein. Scheidet er nämlich aus dem Beruf aus, tut er meistens nichts Produktives mehr, war die einhellige Auffassung.

Und damit sind wir auch schon bei einem wichtigen Punkt der weiblichen Kritik: Männer engagieren sich zuwenig im Haushalt. Nur in jeder vierten österreichischen Familie hilft der Mann bei der Hausarbeit. Dabei sind 40 Prozent der Erwerbstätigen Frauen, stehen 40 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren im Berufsleben und sogar 56 Prozent derjenigen mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren.

Uber weibliche Berufstätigkeit könne man daher heute überhaupt nicht mehr diskutieren. Nach Hilfen müsse man suchen, die es den Frauen gestatten, Beruf und Hausarbeit zu verbinden, stellte Elfriede Karl, ehemalige Familienministerin, fest, Forschungen, die negative Folgen weiblicher Berufstätigkeit auf die Entwicklung der Kinder feststellen, seien unobjektiv, meistens übrigens von Männern durchgeführt. Den Frauen Schuldkomplexe wegen Vernachlässigung ihrer Kinder anzuhängen, sei einfach skandalös.

Mutterschutzregelungen (ein Jahr Karenzurlaub in Österreich) sorgten für ausreichend mütterliche Präsenz in den entscheidenden Entwicklungsphasen des Kindes. Die von konservativen Kreisen geforderte Verlängerung der Karenzzeit auf drei Jahre sei abzulehnen. Erstens sei sie zu teuer. Und zweitens würden .Jene Frauen diskriminiert, die, aus welchen Gründen immer, ihre Berufstätigkeit nicht so lange unterbrechen können oder wollen." (Karl)

In dieselbe Kerbe schlug Rita Süßmuth, Leiterin des Instituts „Frau und Gesellschaft" in Hannover: Uber Altersgrenzen, bis zu denen Kinder unbedingt ihre Mutter brauchen, habe die Wissenschaft schon-so Unterschiedliches gesagt, daß man solche Äußerungen nicht ernst nehmen müsse. Da könne man genau so gut die Väter einspannen. Sie n^sinte auch, man dürfe „nicht zwei Klassen von Frauen postulieren. Damit entsolidarisiere man die Frauen."

Und damit sind wir bei einem weiteren großen Anliegen angelangt: die Solidarität der Frauen. Von ihr erhofft man sich viel: Sie gibt den Frauen Macht, ermöglicht es ihnen, für ihre Rechte zu kämpfen, die bereits eroberten Positionen zu verteidigen, und vor allem stärkt sie das weibliche Selbstbewußtsein.

In Deutschland erkenne die konservative Regierung schon die subversive Gefahr, die von den Frauen ausgehe, stellte Ingrid Strobl von der Frauenzeitschrift „Emma" fest: Sie wollen weniger Kinder, lassen sich häufiger scheiden, treiben ungewollte Kinder ab, sind erwerbstätig, kurz, sie wie sich Frauen das wünschen machen sich vom Mann unabhängig. Jetzt holten die Konservativen zum Gegenschlag aus.

Plötzlich entdecke die öffentliche Hand die Familie wieder, um ihr Sozialleistungen, für die die Mittel nicht mehr reichen, aufzubürden. Ein Beispiel: die Altenbetreuung. Zum Handkuß käme natürlich wieder die Frau, auch wenn diese Leistung finanziell abgegolten werden sollte. Wiederhergestellt wäre dann die Abhängigkeit vom allein erwerbstätigen Mann. Und das sei zu gefährlich, wie Ilona Ostner, Professor für Sozialarbeit in Fulda, meinte: „Ich gehe davon aus, daß Männer in Zukunft die Frauen nicht kontinuierlich ernähren werden." Man sehe sich nur die Scheidungszahlen und die sinkenden Heiratsquoten an!

Daher müsse die weibliche Berufstätigkeit forciert werden. Sie allein mache Frauen unabhängig und gleichberechtigt. Daher diagnostizierte Rita Süßmuth auch folgendes als hoffnungsvolle Zeichen: Trotz Drucks bleiben die Frauen berufs- und werden nicht stärker familienorientiert; immer mehr Frauen mit Kindern werden erwerbstätig; Frauen finden immer häufiger in Frauengruppen zusammen und verringern damit ihre Abhängigkeit von (männlichen) Experten; und schließlich lassen sich Frauen in den Familien immer weniger vorschreiben, wie sie ihr Leben zu gestalten haben.

So wird zwar alles Heil vom Berufsleben erwartet. Gleichzeitig sieht man es aber durch die technische Entwicklung bedroht. Denn die Mikroelektronik werde nicht nur viele weibliche Arbeitsplätze überflüssig machen, sondern auch die Tätigkeiten immer trivialer. Immer mehr werde man Frauen in die Teilzeitbeschäftigung abdrängen, sie als Beschäftigungspuffer und nur zu Stoßzeiten einsetzen.

Schon jetzt verdienen Frauen durchschnittlich viel weniger als Männer, sogar bei gleicher Tätigkeit. Hier müsse man zum Kampf antreten, um eine weitere Verschlechterung zu verhindern. Ein Weg dazu sei die Festlegung von Quoten, die den Anteil weiblicher Beschäftigter auf verschiedenen Ebenen in Unternehmen festlegen. Ohne männliche Mithilfe werde dies jedoch nicht gehen, erinnerte Edith Krebs von der Arbeiterkammer die Versammlung.

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