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„Groß, wichtig, mächtig”: das Korsett männlicher Existenz

Frauen haben gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Gönnerhaftes, patriarchales Gehabe wird immer weniger geduldet. Statt dessen wird partnerschaftliche Auseinandersetzung erwartet. In den Familien wird eine nur auf den Familienernährer reduzierte Bolle des Vaters immer mehr als Mangel wahrgenommen. Gefordert wird der präsente Vater.

Auch die Berufs welt hat immer weniger Interesse am harten Einzelkämpfer. Ihr Anforderungsprofil forciert den kooperativen und teamfähigen Mann, der sich bei Bedarf problemlos in große Organisationen einfügen läßt. *

Trotzdem sind die Ansprüche an den Mann der Gegenwart sehr widersprüchlich. Von den großen Plakaten der Werbeflächen lächelt nicht der einfühlsame Partner, sondern der coole Abenteurer. Auf den Titelseiten der Zeitungen steht nicht der Vater, der zugunsten seiner Karriere immer mehr auf seinen Beruf verzichtet, sondern der Erfolgsmann, der sich zugunsten seiner Karriere immer mehr von seiner Familie entfernt hat. Auch an die Spitze der Konzerne gelangt selten der kooperative Team-Mann, sondern jener, der im beinharten Kampf um die beste Position die größte Durchsetzungsfähigkeit bewiesen hat. Die Botschaften an und über den Mann der Gegenwart sind also sehr vielfältig und für den einzelnen Mann oft verwirrend.

Erich Lehner, Theologe, Männerforscher und Psychoanalytiker, hat sich mit der Problematik der lebenslangen männlichen Berufstätigkeit eingehend beschäftigt. diefurche: Ist lebenslange Berufsarbeit heute noch immer fixer Bestandteil der männlichen Identität' Erich Lehner: Ja. Alle Untersuchungen zeigen, daß für Männer die lebenslange Erwerbstätigkeit beinahe eine Selbstverständlichkeit ist.

Aber selbst an dieser Säule des männlichen Selbstverständnisses wird die Widersprüchlichkeit männlicher Selbsterfahrung sichtbar. In einer deutschen Untersuchung gaben 70 Prozent der befragten Männer an, daß sie lieber einen anderen Beruf hätten. Diese Angabe kann als ein klares Zeichen dafür gewertet werden, daß drei Viertel der Männer ihren Beruf nicht als erfüllend ansehen und mit ihm unzufrieden sind. Trotzdem fällt es diesen Männern schwer, ohne Beruf auszukommen. In derselben Studie wurde den Männern als mögliche Alternativen zur vollen Erwerbstätigkeit vorgeschlagen, entweder zur Hälfte erwerbstätig und zur Hälfte im Haushalt beschäftigt zu sein oder aber ganz Hausmann zu sein. Dabei entschied sich immerhin ein Drittel für die Aufteilung ihrer Arbeitsexistenz in Teilzeitarbeit. Ganz wenige Männer zogen den Hausmann ihrem Berufsalltag vor.

Die wichtigste Erkenntnis lag aber darin, daß mehr als die Hälfte der Männer keinerlei Änderungen ihres Berufslebens wollten. Das Motiv für dieses hartnäckige Beharren auf lebenslange Berufsarbeit wurde in einer früheren Studie sichtbar, in der derselbe Widerspruch zwischen der kontinuierlichen Erwerbstätigkeit auf der einen Seite und der Unzufriedenheit auf der anderen Seite zutage getreten war.

In Hintergrundgesprächen gaben die Männer an, daß der Beruf ihnen die Möglichkeit gibt „mitzumischen, den Lauf der Dinge zu bestimmen, die Fäden in der Hand zu halten, die Kräfte zu bewahren, schöpferisch zu sein.” Berufsarbeit ist also so gesehen für den Mann nicht nur materieller Broterwerb. In ihr sieht er die Möglichkeit, wichtig, groß und mächtig zu sein. dieFurche: Wie empfinden Männer demnach ihre berufsbedingte Abwesenheit von ihren Familien Lehner: Auf diesem Gebiet zeigt sich die männliche Vorliebe für Widersprüche ganz deutlich. Es hat ja, gemäß der ersten Untersuchung über Männer aus dem Jahr 1975, die Familie oberste Priorität. Beruf, Familie und Partnerschaft sind Zentren männlicher Existenz.

Einer genaueren Überprüfung hält diese Wertschätzung der Familie aber leider nicht stand. Die Handhabung der Kindererziehung und Hausarbeit, wie sie zur Zeit praktiziert wird, gibt darüber ja sehr deutlich Auskunft. diefurche: Erlaubt es die derzeitige Einkommenssituation den Männern überhaupt, bei ihrem Kind zu bleiben? lehner: Mit Stand Juni 1993 waren nur 912 (1 Prozent) von 118.005 Menschen in Österreich, die ihre Berufslaufbahn zugunsten der Kindererziehung unterbrochen haben, männlich. 117.093 (99 Prozent) waren weiblich. Auch wenn man anerkennen sollte, daß die Einkommenssituation in manchen Familien die Männer davon abhält, eine Zeit lang bei einem Kind zu bleiben, muß man sich doch fragen, ob das allein ein derart hohes Ungleichverhältnis begründen kann. Es gibt neben dem „Sachzwang” der Einkommenssicherung offenbar noch andere Faktoren. Die Ergebnisse der österreichischen Männerstudie weisen jedenfalls in diese Bichtung. Es wurde deutlich, daß sich zumindest eine Gruppe von Männern (13 Prozent) mit ihren Kindern mehr beschäftigen. In der Art und Weise dieser Beschäftigung ähneln sie allerding stark den traditionellen Männern. Sie bevorzugen „saubere” aktive Tätigkeiten, wie spielen, sportein oder interessante Gespräche führen. „Schmutzige” Tätigkeiten wie Kind aufs Klo setzen, sauber machen, zum Arzt gehen werden nach wie vor den Müttern überlassen. Die Lust der Männer, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, ist offensichtlich sehr begrenzt. diefurche: Wo gibt es Möglichkeiten einer Veränderung? lehner: Es geht eigentlich um eine Gleichstellung des Mannes in der Familienarbeit, die parallel zur Gleichstellung der Frau in der Berufswelt zu sehen wäre. Das Ziel jeder Veränderung ist deshalb die Verwandlung des bisher gängigen Männlichkeitsbildes in eine „sozial verträgliche Männlichkeit”.

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