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Müssen Frauenberufe „weiblich” sein?

Dr. Helga Nowotny leitet das Europäische Institut für Sozialarbeit. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sehr sich das Bild der Frau in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Es sind nicht mehr die „drei K”, die einzig und allein ihre Existenz bestimmen. Man verzeiht heute einer Frau ihre Klugheit nicht mehr nur dann, wenn sie häßlich ist. Auch die Auffassung, eine Frau müsse verheiratet sein und Kinder haben, um gesellschaftlich voll anerkannt zu werden, wird langsam als überholt betrachtet.

Wieviel hier trotzdem noch an Vorurteilen zu überwinden ist, beweist ein Ausspruch Dr. Nowotnys: „Besonders im Wissenschaftsbetrieb Österreichs war und ist man heute noch frauenfeindlich eingestellt. Es gibt hier sehr wenige Frauen in führenden Positionen. Hier spiegelt sich die allgemeine Einstellung der Gesellschaft.

Dienen und helfen

Das ist die Situation: Immer mehr Frauen drängen in den Beruf, sie sind aus dem Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenken. Doch werden sie überwiegend in den „weiblichen” Berufen beschäftigt, sie erfüllen meist eine dienende und helfende Funktion.

Die Notwendigkeit einer Lockerung der allgemeinen Vorstellungen von dem, was „typisch weiblich” und „typisch männlich” sei, betont die Psychologin Dr. Gertraud Diem: „Die Familiensituation hat sich grundlegend geändert!” Und damit nicht nur der Aufgabenbereich der Frau, sondern auch jener des Mannes. Der frühere Kinderreichtum wurde auf durchschnittlich zwei Sprößlinge reduziert; die einstige Großfamilie samt Dienstboten und Gesinde ist auf die Kleinfa- milie zusammengeschrumpft. Die Erziehung der Kinder, früher fast ausschließlich Angelegenheit der Eltern - der Sohn übernahm meist den Beruf des Vaters und wurde von diesem angelernt, die Tochter wurde von der Mutter auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet hat mit Kindergarten, Schule und Berufsausbildung weitgehend der Staat übernommen. Schließlich konnte d ie Hausarbeit durch die technischen Geräte so weit erleichtert werden, daß sich die Frau in ihrer Wohnung unausgefüllt fühlt; sie vermißt den Kontakt mit Menschen; sie leidet unter der Isolierung; sie spürt, daß das, was sie Tag für Tag leistet, nicht wichtig genug genommen wird.

Denn das ist die Folge dieser Entwicklung: die Abwertung der Hausarbeit, und damit eine Abwertung der Frau schlechthin. Die ständig zunehmende Zahl jener Frauen, die berufstätig sein möchten, beweist es: sie suchen nach einer neuen Art der Selbstbestätigung. Doch auch hier werden sie nicht ganz „voll” genommen. Die Vorstellung von dem, was „weiblich” zu sein hat, bestimmt ihr Berufsbild. Dienen ist „weiblich” (Sekretärin), pflegen ist „weiblich” (soziale Berufe), natürlich der Umgang mit Kindern, und eventuell auch gewisse künstlerische Berufe.

Hingegen wird alles, was eher mit Technik zu tun hat, fast ausschließlich dem männlichen Bereich zugeordnet. Obwohl bewiesen wurde, daß Frauen in der Feinmechanik eine meist größere Geschicklichkeit aufweisen als Männer. Daß diese dienenden und pflegenden Berufe meist nicht nur untergeordnet, sondern auch schlechter bezahlt sind, ergibt sich von selbst.

Aber auch Frauen in führenden Positionen müssen mit einer geringeren Bezahlung rechnen. Das bestätigt Amtsrat Anna Polatschek vom Arbeitsamt Persönliche Dienste-Gast- gewerbe: „Es heißt zwar .gleicher Lohn für gleiche Arbeit”, aber in der Realität unterscheidet sich der Lohn der Frau noch immer von jenem des Mannes. Je wichtiger die Position der Frau im Berufsleben ist, um so mehr wird sie von dieser Benachteiligung betroffen sein.”

Daß man neuerdings bestrebt ist, auch „männliche” Berufe für Frauen attraktiv zu machen, liegt nicht zuletzt daran, daß das Angebot an Friseusen, Verkäuferinnen und Sekretärinnen den Bedarf bereits übersteigt. Josef Knaus von der Stelle für Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung im Arbeitsamt XV steht daher dem Trend von Frauen, auch in den männlichen Bereich einzudringen, positiv gegenüber. Das gilt vor allem für Frauen als Zahntechniker, Goldschmiede, Gürtler und Elektromechaniker. Auch die Bereitschaft der Firmen, Frauen aufzunehmen, ist vorhanden. „Die Mädchen fühlen sich wohl dort, sie werden akzeptiert.”

Die Praxis sieht häufig anders aus. Erika P. (20) ist Radiotechnikerin. In der Berufsschule war das Verhältnis Mädchen zu Burschen drei zu dreißig. „Den ersten Schultag werde ich nie vergessen. Leicht belächelt ist man halt worden.” Auch eine Lehrstelle zu finden, sei schwierig gewesen. „Bei den Firmen war man sehr voreingenommen - man hat diesen Beruf einem Mädchen einfach nicht zugetraut” Jetzt hat sie sich in ihrer Firma durchgesetzt. Nur mit den Kunden gibt es häufig Schwierigkeiten. „Sie sind er- stauntund glauben mir nicht recht Oft heißt es: nein, ich möchte lieber einen Mann sprechen. Überhaupt am Telephon, da sind sie oft sehr unfreundlich.”

Eine nicht gerade ablehnende, so doch zurückhaltende Stellungnahme findet sich auch bei der Siemens AG. Von den 1500 Arbeitern sind 900 Frauen, bei den Angestellten stehen nur noch 70 Frauen 250 Männern gegenüber, und in Führungspositionen schließlich beträgt das Verhältnis 17:200. Je niedriger Position und Gehalt,um so mehr Frauen, je verantwortungsvoller der Posten, um so mehr Männer. Direktor Hübl nennt die Hindernisse, die sich einer Frau im Berufsleben entgegenstellen: Mutter schaft, mangelnder Ehrgeiz (das Motiv bei einer berufstätigen Frau bestehe meist darin, Geld zu verdienen; sie suche weniger eine Erfüllung im Beruf), fehlendes fachliches Wissen, und schließlich mangelnde Härte und zu wenig Durchsetzungsvermögen.

Diese Argumente sind stichhaltig. Sie beleuchten zugleich das Dilemma der Frau in seinem ganzen Ausmaß: das Festhalten an einem durch Jahrhunderte geprägten weiblichen Rollenverhalten, das in unserer hochzivilisierten Gesellschaft seine Berechtigung weitgehend verloren hat: Daß die Frau zu Hause bleiben und sich in erster Linie der Erziehung der Kinder und der Betreuung des Mannes zu widmen habe; daß sie sanft, nachgiebig und hingebungsvoll zu sein hat - diese Vorstellungen sind bestens geeignet, die Frau im beruflichen „Kampf1 mit dem Mann konkurrenzunfähig zu machen. Sie wirken bereits bei der Erziehung des kleinen Mädchens; sie teilen das Spielzeug in „männliches” und „weibliches” ein, sie bestimmen später die Auffassung vom „weiblichen” Beruf und wirken fort bis in die hohe Politik. Gegen das Rollendenken im politischen Bereich hat sich die neue Bundesleiterin der Frauen in der ÖVP, Herta Haider, vehement zur Wehr gesetzt: „Frauen sollten nicht nur auf den „typisch weiblichen” Gebieten, wie Erziehung und Gesundheit, tätig sein. Ein Umdenken wäre erfoderlich.

Umdenken wird spürbar

Daß dieses Umdenken zumindest in Ansätzen bereits spürbar ist, macht sich doch schon auf breiterer Ebene bemerkbar. Kinderwagenschiebende und geschirrspülende Ehemänner sind keine Seltenheit mehr, wenngleich sie sich im Verhältnis zu den berufstätigen Frauen immer noch in der Minderheit befinden. Eine Verschiebung im Rollenverhalten hat auch schon beim Mann eingesetzt. Nicht mehr so vehement wie bei der Frau und auch nicht so bewußt, unterschwellig vielleicht, aber doch sichtbar. Daß der Mann unbedingt der Starke, „Männliche”, „Unbesiegbare” sein muß, der keinen Fehler eingestehen darf, will er nicht seines Prestiges verlustig gehen, und dessen Selbstachtung von seiner Karriere abhängt - dieser Rolle beginnt auch er langsam überdrüssig zu werden.

Dr. Kurt Buchinger vom Institut für Tiefenpsychologie der Universität Wien betont: „Man müßte den Männern erlauben, auch emotionale Funktionen - die vielleicht als .weibisch” angesehen werden - wahrzunehmen: Gefühle zeigen, Schwäche zeigen.”

Das vielstrapazierte Wort „Emanzipation” ist häufig mißverstanden worden. Es beschwört vielfach das „Mannweib”, das, weil es ihr an „weiblichen Tugenden” mangelt, die Selbstverwirklichung in einer beruflichen Laufbahn suchen muß.

1 Zur Hingabe fähig sein und dienen können, sind wunderbare menschliche Eigenschaften, die, gäbe es sie nur häufiger, unsere Welt zum Positiven verändern könnten. Aber sie verlieren ihre eigentliche Bedeutung, wenn sie von der Frau als selbstverständlicher Tribut an die Gesellschaft verlangt werden. „Emanzipation” - das bedeutet auch nicht, daß eine Frau männliches Verhalten nachahmen, unbedingt am Traktor sitzen oder Straßenarbeiten verrichten muß.

Emanzipation bedeutet vielmehr eine neue Möglichkeit für beide Geschlechter. Kindererziehung - und auch Hausarbeit - sind sehr wichtige Bestandteile unseres Lebens. Ein Mann sollte es nicht unter seiner Würde finden, sich darin mit seiner Frau zu teilen. Das würde zur Bereicherung seines Lebens ebenso beitragen, wie die Teilnahme am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben der Frau neue Aspekte eröffnet.

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