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Digital In Arbeit

Höchste Zeit für Gerechtigkeit

Frauen dürfen Schulen besuchen. Frauen dürfen arbeiten, teilweise sogar bezahlt. Frauen dürfen wählen. Warum also ein Frauen-Volksbegehren? Weil Frauen in der Realität noch immer benachteiligt werden. Frauen verdienen in Österreich rund ein Drittel weniger als Männer. Das hat damit zu tun, daß es noch immer doppelt so viele junge Frauen (rund 25 Prozent) wde Männer gibt, die bloß einen Pflichtschulabschluß haben. Außerdem wird Frauenarbeit geringer bewertet als Männerarbeit. Wie sonst ist es zu erklären, daß gerade in typischen Frauenbranchen die Löhne am niedrigsten sind? Und drittens gelten Frauen eben bloß als „Dazuverdienerinnen". Ganz abgesehen, daß dieses Modell schon wegen der vielen Alleinerzieherinnen nicht mehr stimmt: Es ist ungerecht. Denn es ist nicht einzusehen, warum die Arbeit einer Frau, bloß weil sie eine Frau ist, geringer bewertet wird.

Frauen werden aber auch benachteiligt, wenn es um Aufstiegschancen geht. In Österreich gibt es keine einzige Tageszeitung mit einer Chefredakteurin, keine Bankdirektorin. Auch bei den Sektionschefs findet man unter den mehr als 60 Männern nur drei Frauen.

Wirklich existenzbedrohend wirken sich diese Benachteiligungen bei älteren Frauen aus: Ihre durchschnittliche Pension beträgt bloß 6.992 Schil-

ling, 180.000 Frauen haben gar keine eigene Pension. Sie haben ihr Leben lang unbezahlt im Haushalt gearbeitet und sind nun auch im Alter von ihrem Mann abhängig. Doch Scheidungen sind Realität, die Ehe ist längst keine sichere Versorgungseinrichtung mehr. Jetzt steht solchen Frauen oft nur mehr der Bittgang zum Sozialhilfeamt offen.

Eine der Grundlagen dieser Ungerechtigkeiten liegt in der Verteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit. Frauen werden für Haushalt, Kindererziehung und die Pflege von Alten und Kranken verantwortlich gemacht. Dadurch fehlt ihnen oft die Zeit, im Berufvoranzukommen. Verzichten sie aber auf eine eigene Erwerbstätigkeit, bleiben sie abhängig von ihrem Mann. Verzichten sie hingegen auf Kinder, so wird ihnen das oft nicht geglaubt. Motto: Es könnte ja bloß ein Trick sein, mit dem sich diese Frau einen guten Job „erschleicht" ...

Dabei ist es mit Sicherheit nicht „naturgegeben", daß Frauen allein für das Kochen, das Wickeln, das Putzen, das Waschen und das Pflegen zuständig sind. Bereits im Jahr 1926 erklärte Therese Schlesinger, eine der ersten österreichischen Parlamentarierinnen: „Es gibt männliche Köche, es gibt männliche Stiefelputzer, Fensterput-

zer, Wohnungsaufräumer, Friseure und so weiter. Jede dieser Arbeiten, von denen man sagt, sie seien der Frau natürlich, die machen Männer sehr gut, wenn sie dafür bezahlt werden. Sie machen sie allerdings nicht ohne Bezahlung."

Eines ist klar: Wir Frauen bekommen die Kinder. Aber heißt das automatisch, daß wir deshalb auch allein für die Betreuung der Kinder zuständig sind? Auch Frauen müssen erst lernen, sich auf Kinder einzustellen. Männer könnten das ebenso (einige Beispiele zeigen auch schon, daß es geht) allerdings: Sie stehen nicht unter dem gesellschaftlichen Druck, es beweisen zu müssen.

Daß Frauen in erster Linie die unbezahlte Arbeit zugerechnet wird, hat sich in den letzten Jahren sogar verschärft: Unternehmen brauchen nicht mehr so viele Arbeitskräfte, um ihren Gewinn hoch zu halten. Politiker und konservative Kirchenmänner sind mit ihnen eine unheilige Allianz eingegangen und erklären den Frauen verstärkt, daß sie es daheim bei ihren Kindern doch ohnehin viel schöner hätten. Alle Frauen, die derartige Erklärungen nicht hören wollen, bekommen sie zu fühlen. Im letzten Sparpaket hat die Regierung gerade bei den Sozialleistungen gekürzt. Gespart muß werden. Aber wer hat die Lasten zu tragen? Es sind vor al-

lem Frauen, die - unbezahlt - \;iele der Sozialleistungen erbringen sollen, für die der Staat nicht mehr zahlen will: Die Karenzzeit für Frauen wurde auf eineinhalb Jahre gekürzt. Gleichzeitig gibt es zu wenige Kinderbetreuungsplätze. Das zwingt viele Frauen, daheim zu bleiben. Wenn sie wegen ihrer Kinder bloß halbtags er-werbsarbeiten können, dann haben sie nicht einmal mehr Anspruch auf Arbeitslosengeld. Das gibt es nämlich nur, wenn man dem Arbeitsmarkt voll „zur Verfügung steht".

Doch über die Benachteiligung von Frauen in Österreich zu klagen, ist zu wenig. Es ist höchste Zeit, daß wir Frauen uns selbst um eine gerechte Verteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit, der Macht und des Geldes kümmern. Wir sind 52 Prozent der Bevölkerung. Unser Ziel als Initiatorinnen des Frauenvolksbegehrens ist es, daß Frauen und Männer ihre Fähigkeiten abseits aller Rollenklischees bestmöglich einsetzen können. Unser Ziel ist es, daß sich Frauen emanzipieren - also im Wortsinn dieses lateinischen Ausdruckes „aus der Hand des Mannes befreien". Wir wünschen uns Partnerschaften, die nicht mehr länger auf Abhängigkeit, sondern auf Zuneigung und freiwilliger Verantwortung für einander beruhen. Es geht um Gerechtigkeit. Und es ist höchste Zeit dafür.

Die Autorin ist

Buchautorin, Journalistin und Mitinitiatorin des Frauenvolksi

Auslöser Sparpaket

Heidi Rest-Hinterseer, Bergbäce-rin AtiS Dorf-Gastkin, Aktivistin der „Österreichischen Bergbauernverei-nigung" (ÖBV) - durch dieVereini-gung wurde die Bäuerinnenpension erstritten -, Mutter von drei Kindern, im Nebenerwerb Bewirtschafterin eines kleinen Bio-Hofs und Bewährungshelferin im Pongau: „1992 kam endlich die eigenständige Pensionsversicherung für Bäuerinnen heraus, jetzt - fünf Jahre später wird sie vom Sparpaket aufgefressen. Nach dem Sparpaket hat sich bei uns ,Lähmung' breitgemacht. Da kam die Einladung, beim Volksbegehren mitzumachen, das hat diese Lähmung zum Teil aufgehoben. Männer profitieren in letzter Konsequenz genauso davon, wenn Frauen gleichberechtigte Menschen sein können. Mit Kindern leben zu können, ist für Männer und Frauen gleich wichtig zum Menschwerden." Heidi Rest-Hinterseer begründet ihr Engagement auch mit der Tatsache, daß die Arbeit der Frauen der bäuerlichen Arbeit nicht unähnlich ist. Wie die Frauenarbeit ist auch die bäuerliche Arbeit, eine die reproduziert, die auf lange Zeit ausgerichtet ist, die man erst sieht, wenn sie keiner tut. So wie man eben auch erst beim Erwachsenen merkt, was in der Erziehung richtig oder schief gelaufen ist, während die jahrelange Frauenarbeit des Kinderaufziehens unbeachtet bleibt.

Eva Lichtenherger, grüne Tiroler Landesrätin: „Selbst bei den Grünen, in deren Reihen immer wieder Frauen das Sagen haben, übernehmen neuerdings wieder die Männer das Ruder. Der Grund für die weibliche Abstinenz in der Spitzenpolitik: Männer trauen sich einfach mehr zu und drängen daher auch schneller an die Spitze. Frauen stehen bei einem geplanten Einstieg in die Politik immer wieder vor einer Ja/Nein Entscheidung, und entschließen sich meist für ,nein', um nicht als Rabenmutter zu gelten."

Ursula Forster, Steli.v. Vorsitzende ijer Ji;ngen Generation der SP-OÖ.: „ Fur mich wäre es ein Erfolg, wenn dieses Volksbegehren die 460.000 Unterschriften des Tierschutzvolksbegehrens überschreiten würde. Wir werden jedenfalls sehr aufmerksam schauen, wie genau es die Herren Politiker mit der Umsetzung der Forderungen nehmen werden."

Die Statements zum Volksbegehren

hohe Angela Thierry ein.

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