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"Frauenpensionsalter ist diskriminierend"

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Pensionsforscher Bernd Marin spricht im Interview über das Frauenvolksbegehren, späte Freiheit für Witwen, rechte Republikaner und erklärt, warum er Umverteilung von Männern zu Frauen gut findet.

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Pensionsforscher Bernd Marin spricht im Interview über das Frauenvolksbegehren, späte Freiheit für Witwen, rechte Republikaner und erklärt, warum er Umverteilung von Männern zu Frauen gut findet.

Der Pensionsforscher Bernd Marin bezeichnet sich selbst als Feminist. Trotzdem kritisiert er manche Forderungen des neuen Frauenvolksbegehrens. Warum das Pensionssplitting so wenig populär ist und warum er findet, dass das Pensionsantrittsalter von Frauen angeglichen und die Witwenpension ersetzt werden soll.

Die Furche: Das neue Frauenvolksbegehren ist gegen die Anhebung des Frauenpensionsalters, die 2024 beginnt und bis 2033 langsam angeglichen wird, "bevor nicht die tatsächliche Gleichberechtigung in allen Bereichen gegeben ist." Was sagen Sie dazu?

Bernd Marin: Das war schon im Frauenvolksbegehren 1997 eine Forderung. Doch wir dürfen nicht Gleichstellungsrechte und Nichtdiskriminierung an tatsächliche Gleichheit binden. Der Europäische Gerichtshof hat ein geschlechtsneutrales Alter verfügt. Das bevorzugt Frauen sehr. Alles andere ist schlicht illegal. Österreich hat mit 40 Jahren den längsten Übergang außer der Türkei - als Schlusslicht in Europa.

Die Furche: Wer will ein geschlechtsunterschiedliches Pensionsantrittsalter?

Marin: Niemand. Bis auf zwei Randgruppen: Erstens rechte Republikaner, rechts von Trump. So plädierte die ehemalige Chefökonomin der Weltbank, Estelle James, aber andersrum: Sie will ein unterschiedliches Pensionsantrittsalter, nach Maßgabe des längeren Lebens der Frauen. Das heißt: Nach ihren Vorstellungen müssen Frauen länger arbeiten als Männer, weil sie länger leben. Also genau umgekehrt wie ein paar polnische PiS-Taliban oder heimische Politikerinnen, die Frauen gegen sich selbst vertreten.

Die Furche: Hängt die Gleichberechtigung, etwa was Karrierechancen und damit den "Gender Pay Gap" betrifft, nicht unmittelbar mit der Anhebung des Pensionsantrittsalters zusammen?

Marin: Das ungleiche Pensionsalter schadet den Frauen. Es diskriminiert sie doppelt. Arbeitgeber gewähren keine Weiterbildung, weil sich das nicht amortisiere. Angebote in den Firmen hängen stark von Qualifikation und Geschlecht ab: Je höher oben in der Hierarchie, desto mehr bekommen Mitarbeiter Seminare in ihrer Dienstzeit bezahlt - Männer sehr viel öfter als Frauen. Arbeitgeberausrede: Frauen gehen doch fünf Jahre früher - was empirisch gar nicht zutrifft. Aber sie könnten, deshalb fürchten viele Unternehmen um ihre Investitionen in bildungshungrigere Frauen. Das betrifft Rehabilitation und Weiterbildungsmaßnahmen am Arbeitsmarkt.

Die Furche: In den Paradeländern der Gleichberechtigung wie Finnland, Schweden, Dänemark, Norwegen und Kanada gibt es bereits ein gleiches Pensionsalter.

Marin: Das gibt es in ausnahmslos allen modernen westlichen Demokratien und Ländern mit höchster Gleichstellung. Dagegen geht es Frauen von Albanien über Moldawien bis Kasachstan, die ein unterschiedliches Antrittsalter haben, nicht so toll. In Österreich hat das niedrigere Antrittsalter die zweitgrößte Einkommenskluft Europas im Privatsektor nicht eingedämmt. Aber der öffentliche Sektor kennt bei gleichem Ruhestandsalter von 65 annähernde Lohngleichheit.

Die Furche: Da gibt es auch eine Quote.

Marin: Ich befürworte temporäre Quoten. Ohne sie können -wie politischer Hausverstand und wissenschaftliche Forschung zeigen -nicht einmal zivilisatorische Mindeststandards und wettbewerbsnötige Effektivitätspotenziale erreicht werden. Mir ist bis jetzt nichts besseres eingefallen, das funktioniert. Als ich an die Europa-Universität gekommen bin, waren da von 32 Professoren alle Männer. Das war peinlich. Bis ich Dekan wurde, haben wir kurzfristig drei Professorinnen rekrutiert. Natürlich geht das. Es gibt fabelhafte, brillante Frauen in allen Bereichen.

Die Furche: Was nutzt den Frauen? Marin: Alles, was die Gleichstellung von Bildung, Berufschancen und Einkommen vorantreibt. Also etwa wenn Frauen vermehrt studieren.

Die Furche: Das ist ja schon passiert. Ungleiche Chancen gibt es noch immer.

Marin: Auf 100 Männer mit Abschluss kamen schon vor einem Jahrzehnt 107 Frauen. Dass sie früher bildungsmäßig im Nachteil waren, wird sich innerhalb einer Generation völlig umdrehen. Das finde ich gut.

Die Furche: Was also wäre noch eine sinnvolle Änderung?

Marin: Großzügige Grundsicherung, die immer noch von 70 Prozent der Frauen beansprucht wird; großzügige Ersatzzeiten; geschlechtsneutrale Sterbetafeln (Anm.: Lebenserwartungstabellen). In der Ukraine, in Weißrussland, in Russland leben die Männer durchschnittlich 13 bis 15 Jahre kürzer als die Frauen, in Israel nur zwei Jahre, in Österreich etwa sechs. Die unterschiedliche Sterblichkeit nach Geschlecht ist kein Naturgesetz, sondern komplex verursacht: Riskanter Lebenswandel und riskante Sportarten, betrunken Auto fahren, rauchen, Selbstüberschätzung. Unabhängig davon verteilt jedes Umlagesystem von Kurzlebigen zu Langlebigen um. Das kann ungerecht oder sinnvoll sein: Es verteilt um von Schwarzen zu Weißen, von Armen zu Reichen, von Ungebildeten zu Gebildeten -weil die natürlich viel länger leben -, es verteilt um von Männern zu Frauen. In Österreich bekommen Frauen relativ zu ihrer Beitragsleistung 27 Prozent mehr. Und das ist gut so.

Die Furche: Weil sie länger leben und weniger einzahlen?

Marin: Auch weil sie Witwenpension bekommen. Per se ist das eher ein mittelalterliches Modell. Die meisten Frauen sind für sich selbst an oder unter der Armutsgrenze. Bis heute haben sie bloß 57 Prozent der männlichen Monatspension, zugleich aber zigtausende Euro mehr Lebenspensionssumme. Leider gibt es erst, wenn wir Männer gestorben sind, für Witwen eine späte Freiheit und Gleichheit.

Die Furche: Wie viele Frauen beziehen die Witwenpension?

Marin: 91 Prozent aller Hinterbliebenenrenten gehen an Frauen, neun Prozent an Männer. Es gibt mehr als 430.000 Witwen, gerade einmal 41.000 Witwer. Die Witwenpensionen machen 34 Prozent aller Frauenpensionen aus, bei den Männern sind es fünf Prozent. Es wäre klüger, die milliardenschweren Hinterbliebenenrenten durch höhere eigenständige Alterssicherung an alle Frauen ab 65 zu ersetzen, statt nur an Witwen ein paar Jahre vor ihrem Ableben.

Die Furche: Eine paradoxe Situation. Alleinstehende Frauen sind sehr benachteiligt.

Marin: Da haben wir eine Umverteilung von unverheirateten Frauen zu verheiraten. Auch das ist ungerecht. Frauen sollten als Individuen eine unabhängige, eigenständige, völlig gleichwertige Alterssicherung haben. Persönlich und von Anfang an, nicht als a titolo überlebende Ehefrau. Frauen erbringen den Großteil unbezahlter gesellschaftlich wertvoller Leistungen, wie Kindererziehung und Pflegearbeit. Gerade auch Alleinstehende und Alleinerzieherinnen.

Die Furche: Das könnte man mit Pensionssplitting ausgleichen, oder?

Marin: Leider nur für Ehepartner. Ich bin daher für großzügige Ersatzzeiten für alle, besonders für Alleinerzieherinnen, und reguläres Splitting mit Opt-Out-Klausel bei Paaren. Das derzeitige freiwillige Splitting wird kaum beansprucht.

Die Furche: Warum wird es so selten genutzt? Marin: Die meisten wissen nicht, dass es das gibt. Die, die es wissen, kennen sich kaum aus. Die Pensionsversicherungen bewerben es nicht, weil sie die Übertragung von Anwartschaften auf langlebigere -und gegenüber dem Ehepartner meist jüngere -Frauen sehr viel kosten würde. Ein Mannsbild ist als Toter immer viel teurer als verstorbene Frauen, und das steigt mit gesplitteten Ansprüchen.

Die Furche: Das trifft aber auf die Witwenpension genauso zu. In Ländern, wo sie abgeschafft wurde, hat man das Pensionssplitting automatisiert.

Marin: Das machen die Schweden und viele moderne Länder. In Härtefällen, wenn jemand zum Beispiel in zartem Alter verwitwet und kleine Kinder hat, bin ich für hohe Abfertigungen - wie eine Unfallrente.

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