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Ideologen, geht heim!

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Der Streit ums "Karenzgeld für alle" hat einen Hintergrund: einen dramatischen Geburtenrückgang (siehe auch Seite 6).

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Der Streit ums "Karenzgeld für alle" hat einen Hintergrund: einen dramatischen Geburtenrückgang (siehe auch Seite 6).

Große Zankäpfel zwischen Österreichs Koalitionsparteien scheint es kaum noch zu geben, doch nun ist wieder einer deutlich sichtbar geworden: die Familienpolitik. Seit Familienminister Martin Bartenstein das "Karenzgeld für alle" propagiert, ist Feuer am Dach. "profil"-Kolumnistin Elfriede Hammerl wittert "lauter Fallen und falsche Signale" für erwerbstätige Frauen, die wieder an den Herd gedrängt werden sollen. ÖGB-Vizepräsidentin Irmgard Schmidleithner nennt das Vorhaben sogar ein "soziales Verbrechen", weil damit auch Frauen Karenzgeld beziehen würden, die in den betreffenden Topf gar nichts eingezahlt haben. Diesen Topf speist zum überwiegenden Teil der Familienlastenausgleichsfonds und zum kleineren Teil das Sozialministerium, Karenzgeld galt bisher als Ersatz für Erwerbseinkommen, nicht als allen zustehende Sozialleistung.

Beifall erhält der Minister vor allem von denen, die auf eine allgemeine Grundsicherung hinarbeiten und deshalb die Trennung von Karenzgeld und Erwerbsarbeit begrüßen. Denn in Zukunft wird es noch mehr Menschen schwer fallen, einen Arbeitsplatz zu ergattern, und soll die Öffentlichkeit diese Leute im Stich lassen?

Die Karenzgelddiskussion hat viele Aspekte, mündet aber letztlich in die brennende Frage: Was sind uns Kinder wert? Was sind wir bereit, für sie aufzuwenden? Eher Geld als Zeit? Sind sie uns eher Aufwertung des Lebens oder Karrierehindernis? Oder Spielball im Kampf der Geschlechter?

Rein zahlenmäßig spiegelt sich die Einstellung zum Kind in Daten, die jüngst präsentiert wurden. Für Österreich erwartet das Statistische Zentralamt zwischen 2030 und 2050 einen Bevölkerungsrückgang von etwa 8,1 auf 7,6 Millionen Menschen, alarmierend ist dabei die voraussichtliche Altersstruktur. Rund 37 Prozent der Menschen werden 2050 mehr als 60 Jahre zählen (1997: 19,7 Prozent), aber nur 12,4 Prozent werden jünger als 15 Jahre sein (1997: 17,3 Prozent). Im "Erwerbsalter" zwischen 15 und 60 Jahren werden sich nur noch 50,6 Prozent (1997: 63 Prozent) befinden.

Da demographische Prognosen sehr ernst zu nehmen sind, führt kein Weg an der Frage vorbei: Was bleibt vom Generationenvertrag, wenn die Generationen allzu unterschiedliche Größen haben, wenn es für die wenigen Jüngeren schlicht unzumutbar wird, die vielen Älteren zu erhalten? Daß Zuwanderer uns im Alter die Pensionen zahlen werden, ist unwahrscheinlich. Es empfiehlt sich jedenfalls, den Rollbalken für Ausländer nicht ganz unten zu lassen.

Mehr Geburten (derzeit in Österreich nur 1,32 pro Frau) würden das sich hier auftuende Problem sicher etwas entschärfen. Mehr Großzügigkeit bei Karenzgeld oder Familienbeihilfe könnte dazu ein wenig beitragen und sollte deshalb im Grunde kein Streitthema sein.

Warum übertreffen heute die Geburtenraten in Skandinavien klar den angeblich so "bambinifreudigen" Süden? Werden Frauen beinhart vor die Alternative Beruf oder Haushalt gestellt, so wählen die meisten den außerhäuslichen Broterwerb. Schweden oder Norwegen bieten Eltern eher die Chance, Beruf und Familie zu verbinden. Dortige Modelle sind sicher hierzulande kaum finanzierbar, deuten aber an, in welche Richtung auch gedacht werden könnte, um zwei Hauptzielen - Betreuung des Babys durch die eigenen Eltern und Bewahren der Anwartschaft auf den Arbeitsplatz - Rechnung zu tragen.

Ideologen hüben und drüben, die entweder möglichst alle Frauen im Berufsleben und alle Kinder in Betreuungseinrichtungen oder aber möglichst alle Frauen am häuslichen Herd sehen wollen, mögen endlich zur Kenntnis nehmen, daß nicht alle Frauen gleich sind. Sehr viele Frauen wollen nach der Geburt eines Kindes längere Zeit zuhause bleiben, andere wollen das nicht.

Ersteren sollte der Staat ermöglichen, daß sie es sich finanziell leisten können und nicht zittern müssen, daß sie später nicht mehr in den Arbeitsmarkt hineinkommen. Für die anderen sollte er sicherstellen, daß die Kleinkinder optimal betreut werden. Ein echtes soziales Verbrechen wäre es, mit der ideologischen Brille über folgende psychologische Binsenweisheit hinwegzusehen: Kleinkinder brauchen zumindest in den ersten Monaten möglichst rund um die Uhr intensive Zuwendung durch die Eltern oder eine Bezugsperson. Tagesmüttern ist daher gegenüber Krabbelstuben eindeutig der Vorzug zu geben.

Der Bartenstein-Vorschlag ist ein enormer Fortschritt, birgt aber auch Gefahren. Daß jemand etwas aus einem Topf bekommt, in den er nicht eingezahlt hat, wiegt dabei nicht am schwersten, das kommt im Sozialbereich ständig vor. Sollten sich freilich allzu viele aufs Kinderkriegen verlegen statt einen Beruf zu erlernen, wäre das problematisch.

Und wenn, wie Bartenstein vorschlägt, trotz Bezuges von Karenzgeld unbeschränkt weitergearbeitet werden kann, muß man befürchten, daß in manchen Fällen doppelt kassiert wird, die Kinderbetreuung aber auf der Strecke bleibt. Diese Idee, um Mütter oder Väter den Kontakt mit ihrem Arbeitsplatz nicht verlieren zu lassen (also alles andere als ein "An-den-Herd-Drängen"), gehört noch ausgefeilt.

Was die Koalition letztlich aushandelt, bleibt offen, es sollte nur nicht mehr kosten als der Bartenstein-Vorschlag und dessen vernünftigen Kern nicht total verwässern. Familienpolitische Maßnahmen sind jedenfalls sinnvoll und notwendig. Ein langsames Schrumpfen der Bevölkerung ist keine Katastrophe, sehr wohl aber ein starkes Ungleichgewicht der Generationen, wie es jetzt auf uns zukommt.

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