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Meine Pension zahl' ich mir selbst

1945 1960 1980 2000 2020

Sinkende Kinderzahlen bringen das bestehende So-zialgefüge in Gefahr, denn demnächst wird es ebenso viele Pensionisten wie Erwerbstätige geben.

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Sinkende Kinderzahlen bringen das bestehende So-zialgefüge in Gefahr, denn demnächst wird es ebenso viele Pensionisten wie Erwerbstätige geben.

Ich brauche keine eigenen Kinder, um mich für meinen Lebensabend finanziell abzusichern. Meine Pension zahle ich mir selbst!" Solche Äußerungen kann man derzeit recht häufig hören. Doch diese Ansicht ist, aus dem Rlickwinkel des Durchschnittsbürgers gesehen, einfach falsch. Denn natürlich brauchen junge, agile Berufstätige von heute jemanden, der später, wenn sie einmal im entsprechenden Alter sind, mit seinen Beiträgen ihre Pensionen bezahlt.

Der Anlaß für die Debatte ist klar: Die Geburtenzahlen gehen in Osterreich und nahezu in ganz Europa zurück. Allein von 1993 auf 1994 nahm die Zahl der Geburten in unse rem Land um drei Prozent ab. Bis zum Jahr 2015 wird ein Geburtenrückgang von 14,5 Prozent prognostiziert. Andererseits leben die Menschen dank guter medizinischer Versorgung und hohem Lebensstandard immer länger. Während derzeit jeder fünfte Einwohner 60 Jahre und älter ist, wird es nach dem Jahr 2015 bereits jeder vierte sein, um 2030 sogar jeder dritte. Immer weniger Erwerbstätige müssen also immer mehr Pensionisten erhalten. Derzeit stehen 1,6 Millionen Pensionisten rund drei Millionen Aktiven gegenüber. Im Jahr 2030 wird der Schlüssel 1:1 sein.

Die Folge ist: Der Verteilungskampf wird härter. Schon in der bisherigen Debatte rund um die Pensionen wurde deutlich, daß vor allem jüngere Menschen vielfach nicht mehr einsehen, warum sie allmonatlich beträchtliche Teile ihres Einkommens dafür aufwenden sollen, daß ältere Mitbürger die „wohlerworbene" , oft gar nicht so schlecht dotierte Pension erhalten. Die Problematik wird sich aber noch weiter verschärfen. Und weil man den Erwerbstätigen nicht immer noch höhere Sozialbeiträge zumuten kann, wird mit der Umdrehung der Alterspyramide dem derzeitigen Umlageverfahren bei der Pensionsversicherung - Aktive zahlen für nicht mehr Aktive - ein Teil seiner Finanzierung entzogen.

Das aktuelle Leistungsniveau bei den Pensionen ist damit nicht mehr auf Dauer zu halten. Wer im Ruhestand etwa vergleichbar leben will wie zur Zeit der Erwerbstätigkeit, muß zusätzlich selbst Vorsorgen; privat und -wenn möglich - auch noch mittels einer betrieblichen Pensionskassa. Damit ist die Altersabsicherung auf den berühmten drei Säulen aufgebaut: staatlich, privat und betrieblich.

Haben in einem solchen System aber wirklich alle dieselben Chancen? Ist es tatsächlich nur eine Frage der ausreichenden Information und des eigenen Wollens, ob man im Alter keine Geldsorgen hat?

Noch herrscht weitgehend Konsens darüber, daß viele Kinder geboren werden müssen, damit auch langfristig die Pensionen der Alten gesichert sind. Doch sind paradoxerweise in diesem System jene, die diese Kinder zur Welt bringen und aufziehen, nicht besonders begünstigt. Im Gegenteil: Wer keine Kinder hat, kann im Beruf eher Karriere machen, mehr Geld verdienen und daher mit einer höheren Altersrente rechnen; und er kann ausreichend für eine zusätzliche Pension Vorsorgen, auch weil er das dazu notwendige Geld nicht braucht, um Kinder großzuziehen. Dafür, daß einmal jemand seine staatliche Pension finanziert, sind ja andere da, nämlich die Kinder fremder Leute.

Der Kinderlose erfüllt damit den Generationenvertrag, so wie ihn sein Erfinder, der deutsche Ökonom, Mathematiker und Journalist Wilfried Schreiber, im Jahr 1955 bezeichnete, nämlich als „Drei-Generationen-Vertrag", nur in eine Bichtung. Nach Schreibers Definition hat die Generation der Erwerbstätigen sowohl für die Kinder als auch für die Alten zu sorgen. Das heißt aber, daß die Politik dies auch entsprechend zu berücksichtigen hat. Schreiber hatte ganz deutlich die Asymmetrie gesehen, die entsteht, wenn man zwar die Alterslasten sozialisiert, gleichzeitig jedoch die Kinderlasten nahezu privatisiert. Kinderlose haben somit die Verpflichtung nur gegenüber den Alten. Jene Personen, die Kinder großziehen, tragen aber doppelte Lasten: nämlich für den eigenen Nachwuchs sowie für die ältere Generation.

Wie sieht das konkret aus? Zumindest ein Elternteil hat in der Regel beruflich weniger oder keine Chancen, verdient also wenig oder gar kein Geld und erhält daher später auch wenig oder keine Pension. Das Geld des anderen muß zu einem großen Teil für die Kinder und deren Versorgung ausgegeben werden. Für eine zusätzliche Pensionsvor-sorge bleibt da meist nicht viel übrig. Fazit: Im Alter sind die Eltern knapp bei Kasse, während ihre Kinder sicherstellen, daß auch Kinderlose eine Pension erhalten.

Wen wundert es da, daß sich Männer und Frauen, die für Kinder sorgen, gerade in der Pensionsfrage enorm benachteiligt fühlen? Da ist selbst die leichte Verbesserung bei der Anerkennung der Kindererziehungszeiten für die Pension anläßlich der jüngsten Reform nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Rein materiell betrachtet, ist es einfach vernünftiger, auf Kinder zu verzichten.

Was ist also die Lösung? Akzeptieren wir, daß es irgendwann eine Welt ohne Kinder geben wird? Steigen wir bei der Pension dann auf ein reines Kapitaldeckungsverfahren um, was nichts anderes heißt, als daß jeder selbst für seine eigene Alterssicherung anspart und am Schluß - mit Zinsen - genau das wieder herausbekommt, was er selbst eingezahlt hat? Experten halten einen generellen Wechsel zu einem solchen System für unrealistisch, nicht nur weil viele dabei durch den Rost fielen, sondern auch deshalb, weil niemand über Jahrzehnte absolute Sicherheit geben kann, daß das veranlagte Geld seinen Wert behält oder gar erhöht.

Wir brauchen also auch weiterhin Kinder und sollten alles dazu tun, daß es in unserer Gesellschaft wieder attraktiver wird, eine Familie zu gründen. Doch muß davor gewarnt werden, Bevölkerungspolitik und Familienpolitik gleichzusetzen. Wenn aber die Maßnahmen der Familienpolitik dazu beitragen, daß mehr Leute „Ja" zu Kindern sagen, hat das auch bevölkerungspolitische Effekte.

Welche Maßnahmen sind dies? Notwendig sind Verbesserungen nicht nur auf materieller Ebene - wie Steuergerechtigkeit für die Familien oder stärkere Anerkennung der Erziehungsleistung in der Pension - nein, es muß auch endlich gelingen, Familien und Arbeitswelt miteinander im positiven Sinne zu verbinden. Mehr Flexibilität in der Arbeitswelt, mehr Rücksichtnahme auf Familienpflichten, mehr guten Willen von Arbeitgeberseite, aber auch Deregulierung, die Eröffnung neuer Möglichkeiten zum Selbständigwerden - oft eine echte Chance, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren - sind nur einige wichtige Ansätze in diesem Bereich.

Eine Welt ohne Kinder, ohne junge Menschen, ist aus vielen Gründen, die nicht Thema dieses Beitrags sind, eine undenkbare, ja eine schreckliche Vision. Wenn wir eine solche Welt nicht wollen, dann müssen wir aber den Drei-Generationen-Vertrag im Sinne Wilfried Schreibers ernstnehmen und mit neuen Inhalten erfüllen. Das bedeutet: Gleiche Aufteilung der Lasten für alle Angehörigen der aktiven Generation und nicht Doppelbelastung von Bürgern mit Kindern. Sonst wird dieser Vertrag nämlich allmählich ad absurdum geführt.

Die Autorin ist

Vizepräsidenlin des Katholischen Familienverbandes Österreichs.

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