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Männer haben's gern bequem

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Männer verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als noch vor zehn Jahren. Die Hausarbeit bleibt aber immer noch den Frauen.

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Männer verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als noch vor zehn Jahren. Die Hausarbeit bleibt aber immer noch den Frauen.

Die Tendenz zur Auflösung traditioneller, familiärer Rollenauffassungen bestätigt sich auch in Umfrageergebnissen. Daß es „für alle Beteiligten besser ist, wenn der Mann im Berufsleben steht, die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert", stimmten 1986 noch 74 Prozent aller Österreicher zu. 1993 nur noch 65 Prozent. Die junge Generation der Frauen investiert viel Zeit und Geld in eine langjährige Ausbildung und strebt eine berufliche Karriere an. Das mittlere Heiratsalter der Braut von 22 Jahren im Jahr 1961 ist mittlerweile auf 27 Jahre (1996) gestiegen, während der durchschnittliche Bräutigam nicht mehr mit 26, sondern 29,5 Jahren in den Stand der Ehe tritt.

Man hat genaue Vorstellungen von seinem zukünftigen I.eben, will sich zuerst selbst finden, selbst definieren und läßt sich mit der Familiengründung gern ein bißchen Zeit. Der Traum vom partnerschaftlichen Miteinander schwebt vor Augen, greifbar nahe und doch so fern. Die „ganzen Männer" waschen zwar das Geschirr am Wochenende, aber oft erst nach einem langen Bittgesuch und mit Aussicht auf ewige Dankbarkeit. Männer verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als noch vor zehn Jahren, aber die Hausarbeit bleibt immer noch den Frauen.

Versteht die junge Generation besser, die gemeinsamen und doch so verschiedenen Wünsche und Ziele unter einen Hut zu bringen? Sprechen sie über ihre gemeinsame Zukunft, finden sie Kompromisse oder lassen sie alles auf sich zukommen?

„Nach meinem Gefühl", so Edith Wilner, Initiatorin der Wiener Beratungsstelle Kinderdrehscheibe, „überlegen viele junge Paare sehr genau, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Ob es dann wirklich so planmäßig abläuft, aus welchen Gründen auch immer, ist eine andere Frage. Es ist auf jeden Fall so, daß es immer schwieriger wird, Beruf und Kinder wirklich unter einen Hut zu bringen."

Wie weit her ist es mit der Partner-schaftlichkeit?

Familienberater Jörg Smazinka bestätigt den Trend zum partnerschaftlichen Denken und Handeln. „Aber von seiten der Frau muß mehr Druck da sein. Jedoch nicht auf eine Art, die Feindbilder erzeugt. Die Männer sind mehr und mehr über das starke Rollenbild der Frau verunsichert."

„Frauen gehen großteils lieber selbst in Karenz, weil die Bindung zu den Kindern meist stärker ist", erzählt Smazinka. „Außerdem verdienen sie oft weniger. Es ist aber auch so, daß viele Männer sich seltsam vorkommen, wenn sie ihren Kollegen sagen: Ich geh' jetzt ein Jahr in Karenz."

Auch aus ihrer Beratungstätigkeit weiß Edith Wilner: „Ein ganz geringer Prozentsatz der Männer nimmt überhaupt vom Karenzzeitangebot Gebrauch. Der Mutter-Kind-Beziehung mißt man weiterhin große Bedeutung bei, denn die überwiegende Mehrheit der Männer und Frauen sind sich einig: Die Mutter soll beim Kind bleiben können. Hinsichtlich der Dauer der Unterbrechung rangiert bei der Wunschliste der Frauen eine befristete Unterbrechung des Berufes an erster Stelle.

Die Mehrheit der Frauen möchte nach einer Unterbrechung wieder in den Erwerb zurückkehren, ohne die Kinderbetreuung völlig außer Haus zu geben. Prinzipiell gilt, je mehr Kinder eine Familie hat, um so mehr wird der Berufsausstieg der Mutter bis zum Schulalter des jüngsten Kindes bevorzugt.

Der Grund dafür, daß junge Mütter arbeiten gehen, ergibt sich oft aus einer finanziellen Notwendigkeit. „Dazu kommt", laut Edith Wilner, „daß die Arbeitsplätze für Frauen immer weniger werden, und die Frauen wissen: Wenn ich eine längere Pause mache, finde ich nur schwer wieder einen Job, besonders einen gleich qualifizierten."

Probleme gibt es allerdings mit Kinderbetreuungsplätzen. Besonders schwer ist es, für unter Dreijährige einen Betreuungsplatz zu bekommen. Ein weiteres Problem sind die Betreuungszeiten. „Durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten reicht das Angebot an Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen nicht mehr aus", so die Geschäftsführerin der Kinderdrehscheibe. Es ist aber nicht immer nur der wirtschaftliche Faktor, der Frauen in die Berufswelt zieht. Das oft zitierte Statement „Wenn es aus finanziellen Gründen nicht unbedingt notwendig ist, sollte eine Frau zu Hause bleiben" ver-

schweigt die wichtige Bedeutung der Frauenberufstätigkeit für ein selbstbewußtes „Ich".

Jörg Smazinka, Berater der Kol-ping-Lebensberatung in Wien Währing, sieht die Berufstätigkeit der Frau mit einem sehr starken positiven Gewicht, „denn es gibt selten eine Frau, die ihren Selbstwert aus dem schöpft, was sie zu Hause in der Familie macht. Die Anerkennung der Frau von den Kindern und ihrem Mann ist sehr gering. Nach wie vor ist die Tätigkeit daheim gesellschaftlich unterbewertet. So holt sich die Frau woanders ihr Selbstwertgefühl und zwar in ihrem Beruf. Hier hat sie eine bestimmte Aufgabe und bringt dafür ihr eigenes Geld nach Hause."

Zum Thema „Karriere und Familie" schreibt Eva-Maria Baml in ihrer

Diplomarbeit, daß die meisten Unternehmer immer noch glauben, daß sich Frauen zwischen Kind und Kar riere zu entscheiden haben: „Beides paßt einfach nicht zusammen", so der Grundtenor. Sie anerkennen zwar die Karrierefrau, aber natürlich nur ohne Kinder. In der Arbeit muß sie so tun, als hätte sie keine Familie, und in der Familie soll keiner merken, daß sie auch noch berufliche Verpflichtungen hat.

In der Praxis ergeben sich dann Problemsituationen wie diese: Natürlich, sie hat im Beruf gelernt, zu delegieren und zu motivieren. Doch Kinder sind keine Mitarbeiter und akzeptieren oft nur widerspenstig den Babysitter. Verzweifelt klammern sie sich an Muttis Beine -Papi ist ja bereits im Büro - und machen mit lautstarkem, tränenreichem Geschrei klar, daß ihr Weggehen einen dauerhaften psychischen Schaden an der sensiblen Seele anrichten werde.

Auf die Frage, wie man denn den Kindern in so einer Situation helfen kann, meint Edith Wilner: „Kleinen Kindern hilft man am besten damit, daß man den Müttern hilft. Wenn die Mutter ein gutes Gefühl hat, überträgt sich das auf das Kind und macht die Situation etwas erträglicher."

Den tiefenpsychologischen Konflikt einer Frau, die beides will und sich für keines voll einsetzten kann, zu verschweigen, wäre eine glatte Lüge. „Frauen haben sehr oft Schuldgefühle", weiß Smazinka aus seiner Erfah-

rung: „Ich muß gehen, weil wir das Geld brauchen, aber am liebsten würde ich bei den Kindern bleiben", ist ihm ein bekannter Ausspruch. „Schuldgefühle über Jahre hinweg belasten die Frau und die Beziehung zu den Kindern sehr. Auch wenn Mütter ihre Berufstätigkeit genießen, haben viele noch immer Schuldgefühle, weil sie ihre Interessen auf Kosten der Kinder verwirklichen.

„Zur Wiedergutmachung zeigt sich die gestreßte Mutti nachsichtiger und verabsäumt, den Kindern Grenzen zu setzen. Dies rächt sich dann früher oder später im unbändigen, respektlosen Verhalten der Kinder", so der Familienberater. Das Fatale an der Situation ist, daß Mutti es nie richtig macht: Bleibt sie zu Hause, wird sie als Glucke abgestempelt, ist sie erwerbstätig, ist sie eine egoistische, geldgierige Babenmutter.

Edith Wilner: „Wenn die Entscheidung, daß auch die Frau arbeiten geht, nicht mit einer Arbeitsteilung von Haushalt und Kinderbetreuung gekoppelt ist, dann ist die Frau sicher extrem überbelastet."

Wie lassen sich die daraus entstehenden drohenden Krisen meistern?

Daß eine Krise erst gar nicht entsteht, müssen die Frauen lernen, den Männern eine Chance zu geben, wenn sie ihre Hilfe anbieten, und nicht gleich wieder zu verstehen geben, daß man das eigentlich besser kann. Werden Männer nicht rechtzeitig in die Verantwortung miteinbezogen, werfen sie schnell das Handtuch.

Jörg Smazinka: „Da Männer, aus Angst ihre Privilegien zu verlieren, meist nicht zur Beratung kommen, lehre ich die Frau, Grenzen zu setzen. Sie lernt mit ihren Fähigkeiten gezielter umzugehen, zu gewissen Dingen Nein zu sagen und Modelle zu entwickeln, die realistisch handhabbar sind, und die die Frau leben kann. Wenn der Mann kooperativ ist, und die Frau sich traut ein bißchen Druck zu machen, dann funktioniert es."

Ein allgemeingültiges Rezept gibt es nicht! Ks geht im großen und ganzen darum, Gespräche zu führen, „Wie können wir uns beide beruflich so reduzieren, daß wir und die Kinder genügend voneinander haben?"

Paare sollten im gemeinsamen Gespräch nach Kompromissen suchen und ein konfliktbereites Verhalten an den Tag legen. „Das nimmt in der modernen Generation leider ab", klagt der Kheberater. „Wenn man ein, zweimal miteinander streitet, glaubt man, man liebt sich nicht mehr und geht auseinander. Das muß nicht sein."

TIPS VON FRAUEN ZUR KARRIERE

elisabeth gehrer, blndesministe-ri\ für unterricht und kulturelle angelegenheiten:

„Meine drei Söhne sind 1965,1967 und 1970 geboren. Ich habe es nie bereut, mir für die Kinder und ihr Heranwachsen Zeil genommen zu haben, und dafür auch auf mehr Komfort verzichtet zu haben.

Martina Greuler, Abgeordnete zum Nationalist, Liberales Forum:

Eine umfassende Flexibilisierung der Arbeitswelt ist eine wichtige Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eine einsaitige Forcierung von Teilzeitarbeil für Frauen ist abzulehnen, da sie nur dazu führt, daß Frauen ausschließlich für die Familie zuständig sind. Wir brauchen vielmehr ein neues Arbeitszeitmodell, das für Frauen und Männer in gleicher Weise Anwendung findet. Hierher gehört auch die Möglichkeit der beruflichen Arbeitsaufteilung zwischen den Parinern während der Zeit der Kindererziehung, der Pflege von Familienmitgliedern oder der Weiterbildung. Es muß sowohl für den Mann als auch für die Frau möglich sein, im Rahmen individueller Vereinbarungen die Arbeitszeil in bestimmten Phasen des Erwerbslebens zu verkürzen und in anderen auszudehnen, je nach Notwendigkeiten.

ROTRAUT A. pernor, psychologin uni) psychotiierafeitin, ErWACH-sknenbildnkrin;

Ich habe meine Kinder 1972 und 1974 geboren und meine Berufstätigkeit schrittweise mit den Kindern mitwachsen lassen. Bei uns hat sich eine richtige Planung sehr, bewährt: „Was muß gemacht werden, wer kann es machen, wer macht es gerne, wer macht es gut, wer macht es schnell etc." Die Absprache mit den Kindern war immer wichtig, bei uns gab es nie „blinde Passagiere". Krisen und Problemstellungen waren immer die Notwendigkeit, neue Verträge oder Modifikation der bestehenden auszumachen. ♦

Ingrid Korosec, Volksanwältin: Ich habe meine beiden Söhne, bedingt durch meine durchgehende Berufstätigkeit, sehr selbständig erzogen. Ins politische Leben bin ich erst eingetreten, als der positive Abschluß der Mitlelschulzeit beider Söhne abzusehen war. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist die partnerschaftliche Einstellung des Mannes, dazu muß eine Flexibilisierung der Arbeitswelt und anderer Ijebensbereiche kommen. Ich halte auch eine qualifizierte Teilzcitarbcit für Frauen und Männer als wichtige Voraussetzung für diese Vereinbarkeit.

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