Digital In Arbeit

Das unsichtbare Korsett

Hinter der Diskussion um die Betreuung von Babys und Kleinstkindern verstecken sich die Zwänge unserer Leistungsgesellschaft, für die jeder einfach funktionieren muss.

Es geht wieder darum, die Frauen in ein Korsett drängen zu wollen. Während das eine - die enge, starre Hausfrauenschürze - doch wirklich nur mehr von wenigen ernsthaft gemeint ist und endlich im Museum verstauben soll, versteckt sich hinter der Diskussion über die geeignete Betreuung von Kindern unter drei Jahren - im Mantel der modernen Idee - das Korsett der knallharten Leistungsgesellschaft. Es ist offenbar zur Zeit chic, aber es beengt genauso und raubt den Frauen die Luft zum Atmen. Nur dass dies noch wenige merken, weil das Mithalten-Wollen mit dem Zeitgeist auch viele stumm und feige macht.Was bei dieser Diskussion übersehen wird, sind die ureigensten Gefühle einer Frau und eines Kindes, auch die eines Mannes. Und darum soll es in erster Linie einmal hier gehen. Wie fühlt sich eine Frau, wie geht es dem Kind, wann ist sie und es bereit, reif genug, gewachsen genug, für eine sanfte und schrittweise Trennung, die wichtig und richtig ist, die auch immer naturgemäß so gemeint war? Den Zeitpunkt bestimmt nur die Familie selbst.

Es darf aber nicht um irgendwelche Geburtenraten gehen und um plötzlich wie eine heilige Ziffer festgeschriebene Vorgaben durch die EU, wie viele Kinder bis zu welchem Jahr eine Krippe besuchen müssten. Geburtenraten wie 1,4 für Österreich oder die angeblich so anstrebenswerte Zahl 2,1, die Französinnen schaffen, stehen plötzlich als Indikator für eine "gesunde Gesellschaft" da. Wer schaut auch schon genauer hin? Was soll diese seltsame Diskussion, ob 1,4 pro Frau oder 2,1? Drücken diese Ziffern bei aller Kenntnis über Statistiken nicht aus, worum es hier ganz überspitzt gedacht eigentlich geht: um ein Stück Zerrissenheit, die viele Frauen empfinden. Tatsache ist doch, dass es genügend Menschen auf diesem Globus gibt und viele von denen auch gerne in Europa leben würden. Versteckt sich hinter diesem angeblichen demografischen Problem nicht auch noch ein Funken Rassismus?

Doch dieser Gedanke lenkt ab, es geht vielmehr um den Druck, der auf vielen Frauen lastet und der im Dienste der angeblichen Emanzipation ausgeblendet wird. Beziehungen, die reifen müssen, die Zeit brauchen, passen nicht in unsere schnelllebige Welt, in der alles möglich ist. Mutterinstinke vertragen sich scheinbar nicht mit dem Recht der Frau auf ein selbstbestimmtes Leben. Und sie tun es doch.

Das Kind, das neun Monate im Leib einer Frau heranwächst, weiß Gott sei Dank eine Zeit lang nichts von der Welt, in die es geboren wird. Es will bei seinen unmittelbaren Bezugspersonen sein, erst allmählich wird es offener. Doch der Zeitgeist schreibt der eben erst Entbundenen vor, so schnell wie möglich wieder fit zu sein, wieder zu funktionieren, wieder an der Karriere zu schneidern. Dem Säugling ist das egal, er will wörtlich und bildlich gesprochen an der Mutterbrust verharren. Die Frauen, die vor der oft durch und durch geplanten Wunschschwangerschaft voll im Beruf standen, sind zunächst überwältigt und oft überfordert mit dieser neuen Aufgabe, die so gar nicht planbar und durchstrukturierbar ist. Die körperlichen und psychischen Veränderungen nach der Geburt werden ignoriert, besser: müssen ignoriert werden. Frau muss schnell wieder in jeden feingeschnittenen Hosenanzug passen.

Die meisten Kinder machen da zu Recht nicht mit: Sie wollen nicht im teuren, weit von Mutters Wärme enfernten Bettchen acht Stunden durchschlafen, sie kleben an der Mutter und fremdeln jeden noch so lieben Babysitter an. Ihr ureigenster Instinkt lässt sich nicht so leicht abschalten wie der Computer im Büro, ebenso wenig wie der Mutterinstinkt einer Frau, einer der stärksten Gefühle, zu denen der Mensch fähig ist.

Wem es wirklich um die Selbstbestimmung der Frau geht, der soll akzeptieren, dass den Zeitpunkt, wann eine Frau wieder arbeiten gehen will und ihr Kind mit gutem Gefühl in einer Krippe oder in einer anderen Betreuungsform weiß, nur sie im Hinblick auf ihr Kind trifft. Selbstbestimmt und frei ist sie dann, wenn sie trotz Gratiskinderkrippe sagen kann: Ich will sehen, wie mein Kind die ersten Schritte macht und wie es das erste Liedchen singt, und weiß: "Ich bin dabei gewesen, und jetzt sind wir bereit."

regine.bogensberger@furche.at

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau