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Kinderwunsch zwischen Zufall & Plan

Ob eine Frau ein Kind will und bereit ist, die Mutterrolle zu übernehmen, ist heute Ergebnis eines Entscheidungsprozesses, den sie zu durchlaufen hat. Darin liegt eine große Chance, aber auch eine Gefahr: die ungewollte Kinderlosigkeit. Über die Erfüllung des Kinderwunsches und Gründe, sich diese zu versagen.

War ein Kind vor einigen Jahrzehnten noch Schicksal und fast zwangsläufig Ergebnis gelebter Sexualität, so hat sich das spätestens mit dem Aufkommen der „Pille“ und der Einführung der Fristenregelung geändert. Ob eine Frau ein Kind will und bereit ist, die Mutterrolle zu übernehmen, ist mittlerweile das Ergebnis eines Entscheidungsprozesses, den sie zu durchlaufen hat. Darin liegt eine Chance, denn eine Frau kann ihre Sexualität unbeschwerter leben, wenn sie nicht ständig Angst vor ungewollter Schwangerschaft haben und in jedem Partner und Geliebten den potenziellen Vater ihres Kindes imaginieren muss. Und sie kann die Kinderzahl auf das ihr verkraftbar scheinende Maß beschränken. (Anders bei einem Mann, denn er ist seiner Partnerin in der Frage nach der Erfüllung des Kinderwunsches noch weitgehend ausgeliefert.)

Dort, wo eine Chance ist, ist aber auch eine Gefahr und aus der Entscheidungsmöglichkeit wird eine Entscheidungspflicht. Das ist bei der Frage betreffend den Kinderwunsch nicht anders. Eine Frau muss sich entscheiden, ob sie die Erfahrung der Mutterschaft machen möchte. Sie wird zur Gestalterin ihrer Reproduktionsbiografie und trägt dafür Verantwortung. Oder doch nicht?

Keine Garantie

Das Ganze hat einen Haken. Man kann sich als Frau gegen ein Kind entscheiden, man kann für sich festlegen, die Rolle der Mutterschaft nicht annehmen zu wollen. Man kann auch festlegen, dass man ein Kind will, aber man darf nicht damit rechnen, dass man es tatsächlich auch bekommt! Daran ändern auch die vielen Beispiele, die mit „Ich habe die Pille abgesetzt und prompt bin ich schwanger geworden!“ beginnen, und die Verheißungen der Reproduktionsmedizin nichts. So wird gewollte Kinderlosigkeit sehr oft zu ungewollter, ein Paar wird als „steril“ bezeichnet, wenn „nach einem Jahr ungeschützten Verkehrs“ keine Empfängnis zustandekommt.

Was das bedeutet, weiß Marion. Die Akademikerin, Alter Mitte Dreißig, verheiratet, ist das, was man eine besonnene Frau nennt, die auf das bislang Erreichte mit Stolz blickt. Sie hat sich alles hart erarbeiten müssen, ein Studium hat sie nebenberuflich absolviert, dann hat sie in einem staatsnahen Betrieb Karriere gemacht. Als sie ihren Mann kennenlernt, ist klar, dass sie mit ihm eine Familie gründen will. Aber zuerst wird noch ein Haus gebaut und „gelebt“. Als das Kind dann kommen soll, folgt die große Enttäuschung, weil es sich nicht einstellt. Marion und ihr Mann versuchen es mit künstlicher Befruchtung, aber auch damit erzielen sie keinen Erfolg. „Bis jetzt haben wir alles aus eigener Kraft geschafft – jetzt wissen wir zum ersten Mal nicht weiter.“ Marion ist frustriert von dem Technikglauben der Gesellschaft, der suggeriert, dass Kinderlosigkeit dank medizinischer Hilfe nicht mehr sein müsse. Und sie empfindet es als Zumutung, wenn sie gefragt wird, „warum sie denn unbedingt ein Kind will“, es reicht ihr, sich rechtfertigen zu müssen. Nach ihrer Heirat, weil sie kein Kind wollte, nun, weil sie „alles Erdenkliche“ dafür tun würde, eines zu bekommen. Ein leibliches Kind, wohlgemerkt.

„Wissen zum ersten Mal nicht weiter“

Es gibt eine nicht unbeachtliche Zahl an Arbeiten über die Motive, die zum Kinderwunsch bei (kinderlosen) Frauen bzw. Männern führen. Diese sind unterschiedlich und beinhalten die Sinnstiftung und das Gefühl des Gebrauchtwerdens ebenso wie jene zur Stabilisierung der Partnerschaft bzw. Altersversorgung. Dass man als Beweggrund angibt, man wünsche sich ein Kind aus sozialem Gewissen und in Verantwortung gegenüber dem Staat, kommt dabei kaum vor (zumindest in Österreich). Und es gibt unterschiedliche Motive, die gegen die Verwirklichung des Kinderwunsches sprechen: Sie reichen von der Angst vor der finanziellen Belastung und beruflichen Einschränkungen bis dahin, ein Kind könne sich negativ auf die sozial-emotionale Beziehung zum Partner auswirken.

Fairness vonseiten Kinderloser?

In der öffentlichen bzw. veröffentlichten Meinung wird häufig suggeriert, es gäbe zu wenige Kinder und deren Fehlen würde zwangsläufig zu einem Zusammenbruch des Sozialsystem führen, denn: Woher künftig das Geld für die Pensionen nehmen, wenn es nicht genügend Beitragszahler gibt? Kinderlose, so die Forderung von Hardlinern, sollen daher im Sinne von „Fairness“ stärker als bislang zur Kasse gebeten werden, denn sie beuten ja „das System aus“. Umgekehrt lässt sich der Staat einiges einfallen, um die Geburtenrate zu steigern und einer Frau, unter Einbeziehung des Mannes, die Verbindung von Familien- und Erwerbsarbeit zu erleichtern. Die Liste ist lang, genannt seien hier die Modelle des neuen Kinderbetreuungsgeldes mit größerer Wahlmöglichkeit in der Bezugsdauer, die steuerliche Absetzbarkeit der Kinderbetreuung, der Gratiskindergarten (zumindest für alle Fünfjährigen halbtags). Ob und wie sich die Maßnahmen in der Geburtenrate auswirken werden, wird man sehen. Skepsis ist angebracht, denn bei vielen Aktionen hat man das Gefühl, es gehe nicht so sehr darum, das „Ja zum Kind“ und in weiterer Folge dessen Bedürfnisse zu unterstützen. Man gewinnt vielmehr den Eindruck, es gehe darum, einen Staat möglichst flexibler Erwachsener mit möglichst flexiblen Kindern in Institutionen mit möglichst flexiblen Öffnungszeiten und flexiblen Mitarbeitern zu produzieren. Da wird der Erfolg familienfördernder Maßnahmen über deren Quantität definiert, nicht über deren Qualität und das Glücksgefühl, das Kinder entwickeln können sollten.

Möglichst flexible Kinder

Wer moniert, dass die Geburtenzahl zu niedrig sei, und einer Frau bzw. einem Mann das „Ja zum Kind“ erleichtern möchte, der sollte die Gesellschaft einer Gesamtbetrachtung unterziehen. Und er sollte Maßnahmen setzen, die eine Lebensführung in der Gewissheit, es gibt eine Solidargemeinschaft, die familienfreundlich und unterstützend wirkt, ermöglichen. Denn wer sich den Kinderwunsch verwirklichen will, lässt in die Entscheidung viele Komponenten einfließen. Es sind persönliche, von der Sozialisation geprägte Komponenten, aber auch gesellschaftliche, die über finanzielle Anreize und die Angebote zur Kinderbetreuung hinaus reichen. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, die sich nicht kinderfreundlich gibt, sondern die kinderfreundlich ist – da ist der Staat mit seinen Beiträgen gefordert, aber auch jeder Einzelne. Denn eines ist klar: Kinder „kommen heute nicht mehr so einfach“, diese Zeit ist vorbei. Kinder sind vielmehr eine „sozial-emotionale Investition ins Leben“ geworden, die nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Die Autorin ist Soziologin, Journalistin und Erwachsenenbildnerin in Oberösterreich

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