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Leidgeprüftes Mutterglück

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Für jugendliche Mütter wird das freudige Ereignis oft zur Katastrophe.

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Für jugendliche Mütter wird das freudige Ereignis oft zur Katastrophe.

Im Alter von 14 Jahren darf man in Österreich noch nicht wählen, man darf noch nicht Auto fahren, und laut Jugendschutzgesetz muß man je nach Bundesland spätestens zwischen 23 Uhr und Mitternachtzu Hause sein. Es ist eine Zeit vieler Verbote, in der Jugendliche einiges nicht bekommen, was sie gerne haben möchten.

Doch ein 14-jähriges Mädchen aus Retz (NO) hat etwas bekommen, etwas, was es - zumindest jetzt - absolut noch nicht wollte: ein Baby (ging als „Fall Dorothea” durch die Presse). Nach geheimgehaltener Schwangerschaft brachte die junge Mutter das Kind alleine zur Welt und legte es im Garten ihrer Ziehmutter weg. Als der um ein Jahr ältere Vater von der Geburt seiner Tochter erfuhr, verschwand er für drei Tage.

Heute befinden sich Mutter und Tochter zumindest körper lieh wieder bei bester Gesundheit. Auch der junge Vater ist' nach Hause zurückgekehrt. Doch dieser Vorfall wirft die Frage auf, warum in Zeiten, in denen den Kleinsten bereits im Kindergartenalter Aufklärungsbücher vorgelesen werden, Politiker über den „Sexkoffer” für die Schulen diskutieren und Jugendlichen Kondome gratis auf der Straße in die Hand gedrückt werden, eine ungewollte Schwangerschaft passiert und dann auch noch monatelang geheimgehalten wird.

„Mein extremster Fall war vor 20 Jahren eine Zwölfjährige, die Zwillinge zur Welt gebracht hat”, berichtet der Wiener Jugendgynäkologe Werner Grün-berger. „Fragen sie doch die Schwestern im AKH, die können sich bestimmt daran erinnern”, ist der Universitätsprofessor für Gynäkologie und Geburtshilfe überzeugt. Er selbst habe noch das Mädchen vor seinen Augen, wie es im Wochenbett gelegen ist: links und rechts ein Säugling und in der Mitte ein „Fix und Foxi”-Heftchen.

Vor allem um Fällen wie diesem vorzubeugen, gründete Grünberger die Beratungsstelle „First-Love-Ambulanz” in der Wiener Budolfstiftung. Er hoffte, er würde die Jugendlichen vor dem ersten Geschlechtsverkehr zu Gesicht bekommen. Doch heute weiß er, daß nur 30 Prozent seiner Besucher vor dem „ersten Mal” Bat einholen. Die meisten kommen später. Dann vor allem deshalb, weil sich das junge Team der „First-Love-Ambulanz” für die erste gynäkologische Untersuchung der Mädchen mehr Zeit nimmt als so mancher Kassenarzt.

„Daß jüngere Mädchen schwanger werden, ist heute seltener als früher. Aber die Lage ist bei Gott nicht besser geworden”, versichert der Gynäkologe. Die Zahl der Geburten von Müttern unter 19 Jahren nimmt in Österreich, wie in den anderen europäischen Ländern, tatsächlich stark ab. Lag sie laut Statistischem Zentralamt im Jahr 1975 noch bei 7.770 (ungefähr acht Prozent aller Geburten), so erfaßte die Statistik im vergangenen Jahr nur mehr 1.776 Geburten (zwei Prozent).

„Bei uns sinkt die Anzahl der Geburten jener Eltern, die schon früh Kinder bekommen wollen, also die Zahl der Wunschkinder”, begründet Grünberger diesen Rückgang. 13- bis 18jährige Mädchen würden auf die Frage: „Wann willst du dein erstes Kind bekommen?” im

Durchschnitt das Alter von ungefähr 25 Jahren angeben. Schwangerschaften, die viel früher „passieren”, sind also zum Großteil ungeplant und meist nicht gewünscht.

„Die Kinder sind aufgeklärt, wie es vor 20 Jahren gefordert wurde. Sie kennen den organischen Ablauf”, ist Herbert Janig, Assistenzprofessor am Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt, überzeugt.

„Etwas zu wissen heißt aber nicht, daß man gleich in der Lage ist, es umzusetzen”, begründet Gabriele Traun-Vogt, Psychotherapeutin der „First-Love-Ambulanz”, ungewollte Schwangerschaften bei Jugendlichen. „Ob Jugendliche verhüten, hängt davon ab, wie sie erzogen wurden, sich selbst zu schützen - nicht nur in sexueller Hinsicht. Weiters ist entscheidend, ob sie bereit sind, Bedürfnisse zu äußern oder Sexualität zu enttabuisie-ren.” Außerdem würden manche Jugendliche aufgrund des „Ich-bin-so-sehr-verliebt-Ge-fühls” nicht an etwas Realistisches wie Verhütung denken.

Initiativen wie die „First-Love-Ambulanz” könnten einem dramatischen Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, wie jenem in Retz, vorbeugen und im gegebenen Fall Unterstützung bieten.

Doch auch der Schritt zur Beratungsstelle ist für die Jugendlichen nicht immer selbstverständlich. „Viele Frauen und Mädchen kommen nicht, weil sie Schwellenangst haben oder nicht wissen, daß es uns gibt”, vermutet Getraude Steindl, Pressesprecherin der Aktion Leben Österreich. Die Scheu liege vor allem daran, daß Menschen in aussichtslosen Situationen häufig denken: „Mir kann eh niemand helfen!” Oft müßten sie erst lernen, in schwierigen Phasen einen Bat anzunehmen.

Ein offenes Ohr der Eltern für die Probleme, Fragen und Gedanken ihrer Kinder kann alle Betroffenen vor der großen Überraschung bewahren. Und nicht nur das. Ist bereits ein Baby unterwegs, so schafft das Gespräch in der Familie eine gewisse Vertrauensbasis. Unter diesen Bedingungen werden die Sorgen ebenso geteilt wie die Freuden, die mit dem Heranwachsen eines Kindes verbunden sind.

„Das offene Gespräch in der Familie erfolgt noch immer zu selten”, weiß Janig. So komme es dazu, daß Eltern eine Schwangerschaft ihrer Kinder nicht bemerken, obwohl diese doch mit vielen körperlichen Anzeichen verbunden ist. „Es ist selbstverständlich, daß sich die Kinder im Notfall nicht an ihre Eltern wenden, wenn ihnen diese mit Abwehr begegnen und von sich aus so blind sind.” Als Devise empfiehlt der Psychologe, „ehrlich mit sich selbst und mit den anderen umzugehen”.

Auch Gertraude Steindl von der Aktion Leben stellt die Bedeutung der Familie in den Vordergrund: „Imldealfallstehtder Vater des ungeborenen Kindes zur Schwangerschaft, und die jungen Eltern erhalten Unterstützung von zu Hause.”

Doch wenn junge Mädchen vom Arzt die Worte „Sie sind schwanger” vernehmen, stehen sie oft alleine da. Für diese Mütter bricht bei den Gedanken an die Schule, die Eltern und nicht zuletzt an den Vater des Kindes eine Welt zusammen. Der Weg zum ersten herzigen Lächeln oder einem quengligen Schrei des Neugeborenen ist für sie nicht immer einfach. .

„Erst nach der Geburt werden die Reaktionen der Umgebung positiv”, berichteten Frauen im Rahmen einer Pilotstudie über langfristige Auswirkung früher Mutterschaft am Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt.

Die Sorgen um das Kind bleiben meist den Müttern. „Zum Großteil geben sie die Identität des Vaters nicht bekannt”, so Grünberger. Er vermutet, daß es sich dabei um erwachsene Männer handelt und eine Anzeige befürchtet wird.

Die Beziehnung der jungen Eltern zu ihrem Kind ist nicht immer gleich: „Die Mehrheit der Neugeborenen wird zur Adoption freigegeben. In anderen Familien wiederum schlüpfen die Großeltern in die Rolle der Eltern”, beschreibt Grünberger die Situation.

Auf der anderen Seite komme es aber auch vor, daß sich 15jährige entscheiden, eine Familie zu gründen. Statt Schularbeiten, Ausgehen mit Freunden oder anderen Hobbys zum Zeitvertreib heißt die Hauptbeschäftigung dieser Jugendlichen dann eben „unser Kind”.

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