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Gesellschaft

EIN WUNDER mit Nebenwirkungen

1945 1960 1980 2000 2020

Mit louise Brown, dem ersten IVF-Baby, wird die assistierte Fortpflanzung 40 Jahre alt. Über Glück, Geschäft und den trend zur Grenzüberschreitung.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit louise Brown, dem ersten IVF-Baby, wird die assistierte Fortpflanzung 40 Jahre alt. Über Glück, Geschäft und den trend zur Grenzüberschreitung.

Ein winziges Herz. Ein kaum erkennbarer Daumen. Und Zehen, die sprachlos machen: Ein Neugeborenes ist ein Wunder - nicht nur für jene Familien, die es monatelang erwartet haben. Das kleine Mädchen, das am 25. Juli 1978 im Royal Oldham Hospital nahe Manchester nach einem Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickte, galt freilich weltweit als Sensation. Es war Louise Brown, das erste "Retortenbaby", das nicht durch einen mehr oder weniger liebevollen Akt seiner Eltern entstanden war, sondern durch die Kunstfertigkeit der Medizin.

Mehr als sechs Millionen Kinder sind seither dank künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen. Über 10.000 Babys will allein Wilfried Feichtinger, der "Vater" des 1982 geborenen ersten österreichischen IVF-Babys, zur Geburt verholfen haben. Jedes einzelne davon ist ein Mirakel - erst Recht für die betroffenen Eltern. Oft jahrelang haben sie darauf gehofft und viel auf sich genommen: Sorgen, Risiken, Kosten auch die eine oder andere Grenzüberschreitung.

"Mein Sohn braucht keine Mutter"

Samenspende, Eizellspende, Präimplantationsdiagnostik (PID) oder gar Leihmutterschaft: Alles ist heute möglich. Und alles wird von Paaren (oder Einzelpersonen) mit Kinderwunsch auch gemacht. Real Madrid-Star Cristiano Ronaldo etwa hatte - obwohl liiert -bereits bei seinem ersten Sohn eine US-Amerikanerin als Leihmutter engagiert. "Mein Sohn braucht keine Mutter. Nur mich", meinte er im Dokumentarfilm "Die Welt zu seinen Füßen". Vor einem Jahr bekam er auf demselben Weg zwei weitere Buben. Auch der Fall von Annegret Raunigk sorgte für Schlagzeilen: Die alleinstehende Berliner Lehrerin, die bereits 13 Kinder hatte, brachte 2015 mit 65 Jahren nach einer Eizell- und Samenspende-Behandlung in der Ukraine Vierlinge zur Welt. Die Kinder mussten in der 26. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geholt werden. Ein Mädchen benötigte eine Darmoperation, ein Bub erlitt nach der Geburt eine Gehirnblutung.

Was soll die Reproduktionsmedizin dürfen? Und wo muss man ihr Grenzen setzen? Diese Fragen hat sich auch der österreichische Gesetzgeber gestellt. Im Jänner 2015 wurde schließlich nach heftigen Kontroversen das Fortpflanzungsmedizinrechts-Änderungsgesetz beschlossen: Künstliche Befruchtung wurde darin für lesbische Paare geöffnet und die Eizellspende begrenzt zugelassen, ebenso die Präimplantationsdiagnostik, also die genetische Untersuchung von Embryonen in vitro. Nur die Leihmutterschaft blieb (wenn auch indirekt) verboten.

Die Plattform kinderbekommen.at hat schon damals heftige Kritik an der Novelle geübt. Heute, dreieinhalb Jahre später und 40 Jahre nach der Geburt von Louise Brown, bekräftigt der Zusammenschluss von "Aktion Leben", "Katholischer Aktion", "Katholischem Familienverband" und der "Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände" die Kritik. Neben einem verfassungsrechtlichen Verbot der Leihmutterschaft wird vor allem mehr Transparenz gefordert.

So fehle bis heute ein zentrales Register für Eizellenspenderinnen und Samenspender, wie es 2015 in einem Entschließungsantrag gefordert worden ist. "Spenderkinder" sollen hier zentral nach leiblichen Elternteilen oder Halbgeschwistern suchen können - und zwar schon vor dem Alter von 14 Jahren, wie es derzeit festgeschrieben ist. Dringend gefordert wird auch eine umfassende Dokumentation sowie Begleitforschung zu den Ergebnissen der Fortpflanzungsmedizin. Zwar ist laut Gesetz eine jährliche Statistik vorgesehen, diese sei jedoch "wenig aussagekräftig", heißt es. Tatsächlich wird darin zwar vermerkt, dass etwa im Jahr 2016 rund 10.600 Frauen behandelt wurden (und dabei 5300 Schwangerschaften entstanden sind), dass bei 597 Frauen der Samen eines fremden Mannes und bei 137 eine fremde Eizelle verwendet wurde. Wie häufig es zu Fehl-,Tot-oder Frühgeburten kam oder wie es den Kindern und Frauen längerfristig geht, bleibt im Dunkeln.

Dass Hormonstimulationen generell riskant sind, ist jedenfalls bekannt. Umso mehr kritisiert "Aktion Leben Österreich"-Geschäftsführerin Martina Kronthaler, dass es für potenzielle Eizellspenderinnen keine unabhängige Beratung gebe. Auch das gesetzliche Werbeverbot werde umgangen. "Ein Grazer Institut hat mit dem Slogan geworben: Du bist unter 30? Dann werde zur Heldin!", erzählt sie. "Hier werden junge Frauen verführt, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen." Auch bei der Präimplantationsdiagnostik werde das Gesetz aufgeweicht, meint Franz-Joseph Huainigg, ehemaliger Behindertensprecher der ÖVP. Institute würden etwa nach "Cystischer Fibrose" und anderen Erbkrankheiten suchen, die nicht bewilligungsfähig seien. Zudem fehle auch hier die Information, ob nach den genetischen Untersuchungen der Embryonen (2016 waren es immerhin 75) Kinder geboren wurden -bzw. ob dadurch tatsächlich Spätabbrüche oder "Schwangerschaften auf Probe" verhindert werden konnten.

Und was sagen die wichtigsten Akteure zu dieser Kritik? "Wir führen PIDs nur für jene Erkrankungen durch, die von der im Ministerium dafür eingerichteten Kommission nach individueller Antragstellung genehmigt wurden", erklärt Markus Hengstschläger, der neben dem Institut für Medizinische Genetik der Uni Wien auch das private Institut "HLN-Genetik" leitet. Auch Wilfried Feichtinger kontert und warnt vor einer "Diskreditierung" künstlicher Befruchtung: Die Entscheidung von Paaren zu diesem Schritt sei "ein ungeheurer Akt der Liebe und damit ethisch unanfechtbar". Heinz Strohmer, Leiter des Wiener "Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz", antwortet mit weniger Pathos. Die Forderung nach Dokumentation und Begleitforschung gehe "mit einer Stigmatisierung der betroffenen Frauen und Kinder einher", meint er. Zudem gebe es bereits viele Langzeitstudien. "Manche ergeben, dass diese Kinder von anderen in ihrer Entwicklung nicht zu unterscheiden sind, andere besagen, dass sie besonders behütet aufwachsen", so Strohmer.

Psychologen und Erziehungsberater machen freilich auch andere Erfahrungen: Nach Ansicht der Wiener Psychotherapeutin Karin Lebersorger sei durch die erhöhten emotionalen Belastungen der Eltern bei jedem vierten "Wunsc kind" später mit Auffälligkeiten und Anpassungsstörungen zu rechnen. Noch problematischer werde es bei "geteilter Elternschaft" durch Samen-oder Eizellspende bzw. Leihmutterschaft.

Fremdes "eigenes" Kind

"Viele Paare sind in den Entscheidungen zu assistierter Reproduktion extrem risikobereit -sowohl was sie selbst betrifft, als auch ihr Kind", meint auch Barbara Maier, Vorständin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wiener Wilhelminenspital. Empfängerinnen einer Eizellspende hätten nicht selten ein Fremdheitsgefühl gegenüber dem in ihrem Körper heranwachsenden -genetisch nicht "eigenen" - Kind. "Man muss deshalb im Vorfeld besprechen, dass die Eizellspende emotional eher einer Adoption gleichkommt", betont die Ärztin und Psychosomatikerin. Um die schwangeren Frauen nach assistierter Fortpflanzungshilfe besser betreuen zu können, wünscht auch sie sich Dokumentation und Begleitforschung. Schon jetzt könne man zwar reproduktionsmedizinische Hilfe im Mutter-Kind-Pass eintragen, nur geschehe das aus Angst vor Diskriminierung "nur sehr marginal". Und was hat die assistierte Fortpflanzung insgesamt für die Frauen gebracht? "Einerseits mehr Freiheit von der biologischen Uhr, aber auch mehr Druck, Angebote in Anspruch zu nehmen", meint Maier.

Nicht zuletzt diesen Druck würde auch die Plattform kinderbekommen.at gern reduzieren. "Die Politik sollte es jungen Menschen möglich machen, in ihren fruchtbaren Jahren Kinder zu bekommen", betont Martina Kronthaler. Louise Brown hat das offenbar bereits getan: Sie bekam Sohn Cameron mit 28 -und zwar ganz und gar natürlich.

Ein winziges Herz. Ein kaum erkennbarer Daumen. Und Zehen, die sprachlos machen: Ein Neugeborenes ist ein Wunder - nicht nur für jene Familien, die es monatelang erwartet haben. Das kleine Mädchen, das am 25. Juli 1978 im Royal Oldham Hospital nahe Manchester nach einem Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickte, galt freilich weltweit als Sensation. Es war Louise Brown, das erste "Retortenbaby", das nicht durch einen mehr oder weniger liebevollen Akt seiner Eltern entstanden war, sondern durch die Kunstfertigkeit der Medizin.

Mehr als sechs Millionen Kinder sind seither dank künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen. Über 10.000 Babys will allein Wilfried Feichtinger, der "Vater" des 1982 geborenen ersten österreichischen IVF-Babys, zur Geburt verholfen haben. Jedes einzelne davon ist ein Mirakel - erst Recht für die betroffenen Eltern. Oft jahrelang haben sie darauf gehofft und viel auf sich genommen: Sorgen, Risiken, Kosten auch die eine oder andere Grenzüberschreitung.

"Mein Sohn braucht keine Mutter"

Samenspende, Eizellspende, Präimplantationsdiagnostik (PID) oder gar Leihmutterschaft: Alles ist heute möglich. Und alles wird von Paaren (oder Einzelpersonen) mit Kinderwunsch auch gemacht. Real Madrid-Star Cristiano Ronaldo etwa hatte - obwohl liiert -bereits bei seinem ersten Sohn eine US-Amerikanerin als Leihmutter engagiert. "Mein Sohn braucht keine Mutter. Nur mich", meinte er im Dokumentarfilm "Die Welt zu seinen Füßen". Vor einem Jahr bekam er auf demselben Weg zwei weitere Buben. Auch der Fall von Annegret Raunigk sorgte für Schlagzeilen: Die alleinstehende Berliner Lehrerin, die bereits 13 Kinder hatte, brachte 2015 mit 65 Jahren nach einer Eizell- und Samenspende-Behandlung in der Ukraine Vierlinge zur Welt. Die Kinder mussten in der 26. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geholt werden. Ein Mädchen benötigte eine Darmoperation, ein Bub erlitt nach der Geburt eine Gehirnblutung.

Was soll die Reproduktionsmedizin dürfen? Und wo muss man ihr Grenzen setzen? Diese Fragen hat sich auch der österreichische Gesetzgeber gestellt. Im Jänner 2015 wurde schließlich nach heftigen Kontroversen das Fortpflanzungsmedizinrechts-Änderungsgesetz beschlossen: Künstliche Befruchtung wurde darin für lesbische Paare geöffnet und die Eizellspende begrenzt zugelassen, ebenso die Präimplantationsdiagnostik, also die genetische Untersuchung von Embryonen in vitro. Nur die Leihmutterschaft blieb (wenn auch indirekt) verboten.

Die Plattform kinderbekommen.at hat schon damals heftige Kritik an der Novelle geübt. Heute, dreieinhalb Jahre später und 40 Jahre nach der Geburt von Louise Brown, bekräftigt der Zusammenschluss von "Aktion Leben", "Katholischer Aktion", "Katholischem Familienverband" und der "Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände" die Kritik. Neben einem verfassungsrechtlichen Verbot der Leihmutterschaft wird vor allem mehr Transparenz gefordert.

So fehle bis heute ein zentrales Register für Eizellenspenderinnen und Samenspender, wie es 2015 in einem Entschließungsantrag gefordert worden ist. "Spenderkinder" sollen hier zentral nach leiblichen Elternteilen oder Halbgeschwistern suchen können - und zwar schon vor dem Alter von 14 Jahren, wie es derzeit festgeschrieben ist. Dringend gefordert wird auch eine umfassende Dokumentation sowie Begleitforschung zu den Ergebnissen der Fortpflanzungsmedizin. Zwar ist laut Gesetz eine jährliche Statistik vorgesehen, diese sei jedoch "wenig aussagekräftig", heißt es. Tatsächlich wird darin zwar vermerkt, dass etwa im Jahr 2016 rund 10.600 Frauen behandelt wurden (und dabei 5300 Schwangerschaften entstanden sind), dass bei 597 Frauen der Samen eines fremden Mannes und bei 137 eine fremde Eizelle verwendet wurde. Wie häufig es zu Fehl-,Tot-oder Frühgeburten kam oder wie es den Kindern und Frauen längerfristig geht, bleibt im Dunkeln.

Dass Hormonstimulationen generell riskant sind, ist jedenfalls bekannt. Umso mehr kritisiert "Aktion Leben Österreich"-Geschäftsführerin Martina Kronthaler, dass es für potenzielle Eizellspenderinnen keine unabhängige Beratung gebe. Auch das gesetzliche Werbeverbot werde umgangen. "Ein Grazer Institut hat mit dem Slogan geworben: Du bist unter 30? Dann werde zur Heldin!", erzählt sie. "Hier werden junge Frauen verführt, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen." Auch bei der Präimplantationsdiagnostik werde das Gesetz aufgeweicht, meint Franz-Joseph Huainigg, ehemaliger Behindertensprecher der ÖVP. Institute würden etwa nach "Cystischer Fibrose" und anderen Erbkrankheiten suchen, die nicht bewilligungsfähig seien. Zudem fehle auch hier die Information, ob nach den genetischen Untersuchungen der Embryonen (2016 waren es immerhin 75) Kinder geboren wurden -bzw. ob dadurch tatsächlich Spätabbrüche oder "Schwangerschaften auf Probe" verhindert werden konnten.

Und was sagen die wichtigsten Akteure zu dieser Kritik? "Wir führen PIDs nur für jene Erkrankungen durch, die von der im Ministerium dafür eingerichteten Kommission nach individueller Antragstellung genehmigt wurden", erklärt Markus Hengstschläger, der neben dem Institut für Medizinische Genetik der Uni Wien auch das private Institut "HLN-Genetik" leitet. Auch Wilfried Feichtinger kontert und warnt vor einer "Diskreditierung" künstlicher Befruchtung: Die Entscheidung von Paaren zu diesem Schritt sei "ein ungeheurer Akt der Liebe und damit ethisch unanfechtbar". Heinz Strohmer, Leiter des Wiener "Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz", antwortet mit weniger Pathos. Die Forderung nach Dokumentation und Begleitforschung gehe "mit einer Stigmatisierung der betroffenen Frauen und Kinder einher", meint er. Zudem gebe es bereits viele Langzeitstudien. "Manche ergeben, dass diese Kinder von anderen in ihrer Entwicklung nicht zu unterscheiden sind, andere besagen, dass sie besonders behütet aufwachsen", so Strohmer.

Psychologen und Erziehungsberater machen freilich auch andere Erfahrungen: Nach Ansicht der Wiener Psychotherapeutin Karin Lebersorger sei durch die erhöhten emotionalen Belastungen der Eltern bei jedem vierten "Wunsc kind" später mit Auffälligkeiten und Anpassungsstörungen zu rechnen. Noch problematischer werde es bei "geteilter Elternschaft" durch Samen-oder Eizellspende bzw. Leihmutterschaft.

Fremdes "eigenes" Kind

"Viele Paare sind in den Entscheidungen zu assistierter Reproduktion extrem risikobereit -sowohl was sie selbst betrifft, als auch ihr Kind", meint auch Barbara Maier, Vorständin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wiener Wilhelminenspital. Empfängerinnen einer Eizellspende hätten nicht selten ein Fremdheitsgefühl gegenüber dem in ihrem Körper heranwachsenden -genetisch nicht "eigenen" - Kind. "Man muss deshalb im Vorfeld besprechen, dass die Eizellspende emotional eher einer Adoption gleichkommt", betont die Ärztin und Psychosomatikerin. Um die schwangeren Frauen nach assistierter Fortpflanzungshilfe besser betreuen zu können, wünscht auch sie sich Dokumentation und Begleitforschung. Schon jetzt könne man zwar reproduktionsmedizinische Hilfe im Mutter-Kind-Pass eintragen, nur geschehe das aus Angst vor Diskriminierung "nur sehr marginal". Und was hat die assistierte Fortpflanzung insgesamt für die Frauen gebracht? "Einerseits mehr Freiheit von der biologischen Uhr, aber auch mehr Druck, Angebote in Anspruch zu nehmen", meint Maier.

Nicht zuletzt diesen Druck würde auch die Plattform kinderbekommen.at gern reduzieren. "Die Politik sollte es jungen Menschen möglich machen, in ihren fruchtbaren Jahren Kinder zu bekommen", betont Martina Kronthaler. Louise Brown hat das offenbar bereits getan: Sie bekam Sohn Cameron mit 28 -und zwar ganz und gar natürlich.