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"Andere kaufen sich Autos"

Wilfried Feichtinger, "Vater" von Österreichs erstem Retortenbaby, über Ursachen von Unfruchtbarkeit, eugenische Selektion und reproduktives Klonen.

die furche: Wie vielen Kinder haben Sie schon künstlich zum Leben verholfen?

Feichtinger: Bei 3.000 Kindern haben wir aufgehört zu zählen.

die furche: Wo liegt das Problem bei den Paaren, die zu Ihnen kommen?

Feichtinger: Noch vor wenigen Jahren haben wir gesagt, in 40 Prozent der Fälle liegt es am Mann. Heute haben schon 70 Prozent der Patienten, die vom Fonds zur Finanzierung der In-vitro-Fertilisation unterstützt werden (siehe Kasten rechts), männliche Indikation. Hier nehmen wir eine ICSI vor (Anm: Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion. Dabei wird die Samenzelle direkt in die Eizelle injiziert). Die Samenbefunde werden immer schlechter. Warum, weiß man nicht genau. Entweder es ist durch die Umwelt bedingt, oder durch das Rauchen: das macht die Samenqualität kaputt.

die furche: Wie hoch sind die Erfolgs-chancen bei künstlicher Befruchtung?

Feichtinger: Das hängt sehr stark vom Alter ab. Bei den unter 35-jährigen Frauen werden vier von zehn beim ersten Versuch schwanger. Ab 40 wird es dramatisch schlechter. Da ist es nur noch eine von zehn. Auch beim Mann lässt die Samenqualität nach. Aber bekanntlich können auch 80-jährige Männer Kinder zeugen.

die furche: Was war die höchste Anzahl an Versuchen, die eine Patientin auf sich genommen hat?

Feichtinger: Eine Patientin ist mit 42 zu mir gekommen, beim neunten Versuch schwanger geworden und hat mit 45 einen gesunden Buben bekommen. Eine andere ist erst beim elften Versuch schwanger geworden.

die furche: Wie viel haben diese Frauen bezahlt?

Feichtinger: Das war noch, bevor der IVF-Fonds eingerichtet wurde. Sie haben im Durchschnitt 30.000 Schilling pro Versuch gezahlt. Andere Leute kaufen sich um dieses Geld eben ein Auto.

die furche: Gibt es Fälle, in denen Sie nicht helfen können?

Feichtinger: Das ist gar nicht ungewöhnlich. Wir haben zwei Psychotherapeutinnen angestellt, um die Leute dann auf andere Ideen zu bringen, etwa Adoption. Leider gibt es aber zu wenige Adoptivkinder.

die furche: Wie viele Eizellen werden den Frauen entnommen?

Feichtinger: Wir fangen immer mit einem milden Stimulationsschema an, das im Durchschnitt sechs Eizellen produziert. Normalerweise sind drei bis vier befruchtet. Wenn die Frau über 35 ist und einverstanden, setzen wir ihr alle ein - mit dem Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft. Wenn sie nur zwei eingesetzt haben will, müssen wir die anderen kryokonservieren. Der Staat zwingt uns, jedes Jahr rund 20 wegzuschmeißen. (Anm.: Österreichweit waren im Vorjahr 1.860 Embryonen kryokonserviert.) Deshalb sollte man die Aufbewahrungsfrist auf fünf Jahre verlängern. Außerdem habe ich schon 1985 die Möglichkeit zur pränatalen Adoption vorgeschlagen.

die furche: Noch ist Leihmutterschaft in Österreich verboten ...

Feichtinger: Sicher, aber rechtlich ist alles zu ändern.

die furche: Ließen sich überzählige Embryonen nicht überhaupt vermeiden?

Feichtinger: Eine elegante Lösung ist die IVF im Naturzyklus. Hier arbeitet man mit nur einer Eizelle im normalen Zyklus, ohne Hormonbehandlung. Heute können wir den Eisprung steuern und die Eizellentnahme danach ausrichten. Bei denen, die normal ovulieren, geht das gut. Aber es gibt viele Frauen, die Hormonstörungen haben. Man muss halt probieren, der Mensch ist kein Computer. Wenn dann mehrere Eier da sind, kann ich die besten aussuchen.

die furche: Noch ist die Präimplantationsdiagnostik hierzulande verboten. Wünschen Sie sich eine Änderung?

Feichtinger: Die Ärzte und Wissenschafter sind hunderprozentig dafür, dass das geändert wird.

die furche: Sehen Sie nicht die Gefahr einer eugenischen Selektion?

Feichtinger: Nein, ich sehe eher die Möglichkeit auszusuchen, ob das wirklich ein Embryo ist. Es wird immer gesagt "das ist beginnendes Leben". Aber das kann auch ein chromosomal degenerierter Zellhaufen sein. Wir haben immer von einem "nasciturus" gesprochen, das könnte beginnendes menschliches Leben sein. Mit der PID könnten wir hineinschauen.

die furche: Würde diese Selektion nicht dazu führen, dass Eltern sich ihren Nachwuchs irgendwann nach bestimmten Anlagen "designen"?

Feichtinger: Ich bezweifle, dass das möglich sein wird. Auf Kongressen wird deutlich, wie schwierig es ist, das zu unterscheiden. Man kann bestenfalls ein X- von einem Y-Chromosom unterscheiden.

die furche: Wie könnte man verhindern, dass es zu einer solchen Geschlechterselektion kommt?

Feichtinger: Ja und? Ich sehe darin gar kein so großes Problem. Warum soll ein Paar kein Recht haben zu sagen: Jetzt haben wir einen Bub, jetzt wollen wir ein Mädel? Außerdem kann ich aus meiner 22-jährigen Erfahrung die Fälle an einer Hand abzählen, die einen solchen Geschlechtswunsch äußern. Die meisten wollen ein gesundes Kind haben. Was, ist ihnen egal.

die furche: Haben die Eltern ein Recht auf ein gesundes Kind?

Feichtinger: Als Mediziner sage ich: ja. Wenn es die medizinische Möglichkeit gibt, dann hat die Frau auch ein Recht darauf, diese in Anspruch zu nehmen. Wenn es eine Krebstherapie gibt, hat man ja auch ein Recht darauf.

die furche: Auch gegenüber dem Klonen (vgl. S. 17) halten sich Ihre Berührungsängste in Grenzen. Anfang des Jahres haben Sie gemeint, es sei für ein Kind egal, wie es zustande kommt: im Auto, im Ehebett, im Labor durch künstliche Befruchtung oder durch Klonen.

Feichtinger: Das war etwas salopp gesagt, aber ich weiß aus Erfahrung, dass die IVF-Kinder völlig normale Kinder sind. Viele Eltern sagen es ihnen, und es stört sie überhaupt nicht. Unser erster, der Slatan Jovanovic erzählt es überall herum, dass er 1982 Österreichs erstes Retortenbaby war. Der fühlt sich als etwas besonderes.

die furche: Sie haben damals auch von reproduktivem Klonen gesprochen...

Feichtinger: Ja. Wenn es funktioniert und keine wissenschaftlichen Bedenken sind, dann hätte so ein Kind überhaupt keine psychischen Probleme.

die furche: Auch nicht, wenn es ständig seine ältere Kopie vor Augen hat?

Feichtinger: Was macht das, wenn man in einer anderen Zeit geboren ist, unter anderen Umständen, in einer anderen Umwelt? Es gibt ja viele Faktoren, die auch die Genetik beeinflussen. Auch wenn ein Klon idente Gene hat, ist er niemals bloß eine Kopie.

die furche: Sie sind seit 1998 Präsident von "A Part", der internationalen Vereinigung privater Reproduktionskliniken. War nicht für Herbst ein Kongress vorgesehen?

Feichtinger: Wir hätten in Monte Carlo einen Kongress gehabt, aber der Herr Antinori, der nicht ganz bei Trost ist, hat ihn ruiniert. Wir mussten uns zurückziehen, weil er die Sache so unseriös publiziert.

die furche: Hätte man das nicht seit jener Tagung im März wissen müssen, als der italienische Fortpflanzungsmediziner Severino Antinori verkündet hat, noch im Herbst Menschen klonen zu wollen?

Feichtinger: Damals habe ich das nicht abgesehen, das war mein Fehler. Jetzt planen wir unseren nächsten Weltkongress im Juni 2002 in Wien.

die furche: Antinori hat Klonen als letztes Mittel gegen die männliche Unfruchtbarkeit bezeichnet ...

Feichtinger: Es gibt theoretisch gewisse Indikationen für das Klonen, etwa das Sertoli-cell-only-Syndrom, bei dem der Mann im Hoden keine samenproduzierenden Zellen hat. Dann könnte ein Ehepaar ein Kind bekommen, das zumindest genetisch ganz vom Mann abstammt.

die furche: Dieser Klon des Vaters hätte genetisch mit der Mutter nichts zu tun.

Feichtinger: Ja, aber seit Urzeiten ist jene Frau, die das Kind auf die Welt bringt, auch die Mutter.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

In-vitro-Fertilisation: Zwei Wochen zittern

Für 24 österreichische Institute - darunter auch Wilfried Feichtingers "Institut für Sterilitätsbetreuung" in Wien-Hietzing, übernimmt ein öffentlicher Fonds seit 1. 1. 2000 unter bestimmten Voraussetzungen (Höchstalter der Frau 40 Jahre) 70 Prozent der Kosten für bis zu vier IVF-Versuche pro Jahr. Fondspatienten zahlen pro Versuch rund 10.000 Schilling inklusive Medikamente. 2.876 Paare wurden im Vorjahr behandelt. Bei rund 20 Prozent kommt es zu einer Zwillings-, bei vier Prozent zu einer Drillingsschwangerschaft.

Die IVF-Prozedur ist kein Kinderspiel, weiß Gabriele (36). Als sich bei der damals 31-Jährigen kein Nachwuchs einstellt, lässt sie sich untersuchen. Sie ist unfruchtbar. Weil kein Kind zur Adoption freigegeben wird, entscheidet sie sich für künstliche Befruchtung. Die Hormonbehandlung "übersteht" sie recht gut. Neun Eier reifen heran. Von den vier befruchteten lässt sie sich "zur Sicherheit" nur zwei einsetzen. Nach der Punktion folgen zwei bange Wochen bis zum Schwangerschaftstest. Sie hat Glück: Es klappt beim ersten Mal.

Anders ergeht es Daniela, heute Mitte 30. Als bei ihr die Hormonbehandlung einsetzt, treten unerträgliche Stimmungslagen auf. Von den sieben entnommenen Eizellen werden ihr vier befruchtete eingepflanzt. Das Warten wird zur Zerreißprobe, der Fehlschlag zur Katastrophe. Auch die drei tiefgekühlten Embryonen werden eingesetzt - ohne Erfolg. Eine Selbsthilfegruppe hilft ihr langsam auf die Beine. Halbwegs überwunden ist das Trauma erst, nachdem es mit der Adoption von Jakob, heute drei Jahre alt, klappt. DH

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