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Mißbrauch nicht zu verhindern

dieFurche: Der amerikanische Physiker Richard Seed hat angekündigt, Menschen klonen zu wollen. Was halten Sie von diesem Vorhaben?

Johannes Huber: Am Klonen selbst geht unser Planet sicher nicht zugrunde. Beim Klonen passiert das gleiche wie auch in der Natur, aber ohne Zeitversetzung: Dann läuft eine Kopie von mir herum, die wie ein eineiiger Zwilling ist. Das Problem dabei ist, daß versucht werden wird, das geklonte Double zu Organspendezwecken zu mißbrauchen, gleichsam als Ersatzteillager. Es ist zweifellos eine gesellschaftliche Katastrophe, wenn man ein Individuum klont, um von ihm eine Niere, ein Auge oder das Herz für sich zu verwenden.

dieFurche: Sie sind also kein strikter Gegner des Klonens?

Huber: Vom medizinischen Standpunkt aus ist das Klonen keine Gefährdung, denn da kann keine biologische Katastrophe passieren. Bei der Gentechnologie - wo es wahrscheinlich trotzdem zu keiner Katastrophe kommen wird - ist es anders: Die Folgen von Veränderungen des Genoms lassen sich nicht abschätzen. Sehr wohl aber kann es beim Klonen zu massivem Mißbrauch kommen.

dieFurche: Man könnte einwenden: Wenn das Klonen so gravierenden Mißbräuchen wie die Benutzung von Menschen als lebende Organbanken Tür und Tor öffnet, sollte es lieber gleich verboten werden.

Huber: Als flankierende Maßnahme sind Gesetze sicher wichtig, aber dadurch wird man den Mißbrauch nicht unterbinden können. In Ländern, wo es keine entsprechenden Gesetze gibt, wird es dazu kommen. Man muß sich fragen, ob Gesetze das einzige Mittel sind, um sich zu schützen, oder ob es nicht besser wäre, zu versuchen, das Bewußtsein und die Ethik der Menschen zu verändern.

Die Sozialdemokratie zum Beispiel hat sich in den letzten 150 Jahren redlich bemüht, das leibliche Wohl der Menschen zu verbessern, aber es hat kaum eine gesellschaftliche Kraft gegeben, die sich bemüht hat, das charakterliche Wohl der Menschen zu verbessern. Wenn die Kirche das gemacht hat, ist sie ausgelacht worden. Aber diese Bewußtseinsänderung wird jetzt durch die Naturwissenschaften notwendig.

Man kann diese neuen Technologien nicht verbieten, wenn eine Mehrheit sie möchte - auch wenn diese Mehrheit im gesamten betrachtet eine Minderheit ist, aber in ihrem Bereich den Ton angibt. Man muß die Menschen so erziehen, daß die Ächtung des Mordes aus Gründen der Ersatzteilbeschaffung eine Selbstverständlichkeit ist. Gesetzliche Maßnahmen schützen nicht vor Mißbrauch, nur eine Änderung des Charakters, eine Änderung des Herzens.

dieFurche: Vertrauen sie da nicht ein bißchen zu sehr auf das Gute im Menschen? Ist es nicht fraglich, ob es zu einer solchen Änderung des kollektiven Bewußtseins kommen wird?

Huber: Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, die diese Hoffnung rechtfertigen. Wenn jemand vor 40 Jahren von Umweltschutz gesprochen hat, ist er auf völliges Unverständnis gestoßen und ausgelacht worden. Heute ist Umweltschutz selbstverständlich. Auch unser heutiges Sozialsystem war ja einst revolutionär: Vor hundert Jahren war es völlig unvorstellbar, daß ein Bürger für einen anderen die Pension bezahlt, daß man von seinem Verdienst etwas abgibt, um einen anderen zu ernähren. Heute ist auch das ganz selbstverständlich.

Wenn in diesen Bereichen ein Umdenken gelungen ist, muß es doch auch möglich sein, daß man sagt: Wir brauchen einen sauberen Geist und nicht nur Egoismus. Einen gewissen Humanisierungsprozeß haben wir im Laufe der Geschichte schon durchgemacht. Was sind den Menschenrechte anderes als eine Entwicklung der Werte? Vor 200 Jahren gab es noch keine Menschenrechte, wenn sie aber heute von einem Staat nicht anerkannt werden, wird dieser von der Weltgemeinschaft an den Pranger gestellt.

dieFurche: Wie funktioniert eigentlich das Klonen?

Huber: Eine Möglichkeit ist, daß man einfach das macht, was die Natur mit eineiigen Zwillingen macht: Eine befruchtete Eizelle wird geteilt, und es entstehen zwei genetisch idente Individuen. Die zweite Art des Klonens besteht darin, daß man den Zellkern und damit das genetische Material aus einer Eizelle entfernt und das Erbmaterial eines erwachsenen Menschen in diese Hülle implantiert. Dann wächst die Kopie eines erwachsenen Menschen heran. Das ist die Methode, die bei dem von schottischen Wissenschaftlern geklonten Schaf Dolly angewandt wurde. Wie Richard Seed vorgehen möchte, weiß ich nicht.

dieFurche: Die zahlreichen Warner bringen nicht nur ethische, sondern auch medizinische Argumente gegen das Klonen von Menschen vor: Demnach käme es zu Hunderten von Fehlversuchen - sprich: mißgebildete Kinder -, die Klone würden besonders anfällig für Krebserkrankungen sein oder könnten sogar im Zeitraffer altern.

Huber: Das sind alles kurzfristige Probleme, die die Sache generell nicht in Frage stellen. In zehn, fünfzehn Jahren werden diese Schwierigkeiten behoben sein. Mit Säugetieren funktioniert es schon - allerdings nicht bei Mäusen. Deshalb wurde es zuerst beim Schaf gemacht hat, obwohl es ja kein angenehmes Labortier ist. Beim Schaf beginnt nur die Zellteilung später als bei der Maus. Wenn ein neuer Zellkern implantiert wird, braucht dieser - einfach ausgedrückt - ein bißchen Ruhe. Wie es letztendlich beim Menschen ist, weiß man nicht. Eine gemähte Wiese ist es jedenfalls nicht, aber es gibt keinen Anlaß, das Ganze in Frage zu stellen.

dieFurche: Wo beginnt für Sie der Mißbrauch des Klonens?

Huber: Die Grenze für den Naturwissenschaftler ist ein vorhandenes Nervensystem. Ab der siebenten oder achten Woche hat ein menschlicher Embryo ein ausgebildetes Nervensystem. In diesem Moment kommt es für keinen Wissenschaftler mehr in Frage, etwas zu machen - unabhängig von der Weltanschauung und Religion.

Wenn man zur Heilung eines erwachsenen Menschen einen Frühembryo benötigt, der nur aus vier Zellen besteht, so würde ich das in Güterabwägung als zulässig ansehen.Wenn man aber auf einen Embryo zurückgreifen müßte, der bereits ein Nervensystem hat, kommt das nicht in Frage - egal welche Krankheit man damit heilen könnte.

dieFurche: Warum ist ihrer Meinung nach die öffentliche Ablehnung des Klonens so massiv?

Huber: Die Leute lehnen die Dinge, die auf uns zukommen, aus Unkenntnis und irrationalen Ängsten ab. Doch die Medizin wird die Welt auf eine Art und Weise verändern, wie sich viele das gar nicht vorstellen können. Für die nächste und übernächste Generation sind die Rezepte schon in der Schublade, wie sie ohne Alzheimer und Krebs 150 oder sogar 200 Jahre alt werden können. Das heutige Wirtschafts- und Sozialsystem wird zusammenbrechen. Die Bevölkerung spürt diese Veränderungen und bekommt es mit der Angst zu tun. Das kann man den Leuten nicht übelnehmen. Umso mehr brauchen wir charakterlich kompetente Führungspersönlichkeiten, Politiker und Staatsbürger.

dieFurche: Sie glauben also, die Menschheit ist reif für das Klonen und andere einschneidende medizinische Errungenschaften?

Huber: Nein, aber diese Technologie ist nicht aufzuhalten. Das erfordert, daß die Politiker nicht nur Gesetze entwerfen, wie das Klonen am besten verhindert werden kann, sondern sich den Kopf zerbrechen, wie das kollektive Bewußtsein und die Verantwortung der Menschen so verändert werden können, daß sie fähig sind, den Fortschritt, der nicht aufzuhalten ist, zu managen.

Das Gespräch führte Michael Kraßnitzer.

Zur Person: DDr. Johannes Huber, Mediziner und Theologe Johannes Huber, seit 1992 Leiter der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung an der 1. Universitäts-Frauenklinik, war in den siebziger Jahren Sekretär von Kardinal Franz König.

Der wissenschaftlich und theologisch versierte Universitätsprofessor wurde am 31. Mai 1946 in Bruck a. d. Leitha geboren. An der Universität Wien studierte er Medizin und Theologie. 1985 habilitierte sich mit einer Arbeit, die sich mit der Untersuchung von Chromosomen, der Träger der Erbinformation, beschäftigt.

An der Universitätsklinik praktiziert Huber unter anderem in-vitro-Fertilisationen, das heißt die Befruchtung der weiblichen Eizelle außerhalb des Körpers, sowie andere Maßnahmen, die Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen zu Nachwuchs verhelfen. Huber ist auch Spezialist auf dem Gebiet der Bioethik. Er ist Mitglied einer Bioethik-Komission und steht zahlreichen Gremien als Berater zur Verfügung.

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