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"Recht, nicht getötet zu werden"

Robert Spaemann zählt zu den bekanntesten Philosophen Deutschlands. Immer wieder hat sich der streitbare Ethiker auch öffentlich zu aktuellen Themen geäußert. Mit der Furche sprach er über ethische Grenzen in der Wissenschaft, insbesondere über das neue Stammzellengesetz in Deutschland und die Schimärenforschung in Großbritannien.

Die Furche: Herr Professor, durch die Novelle des Stammzellen-Gesetzes in Deutschland, Diskussionen über die verbrauchende Embryonenforschung auch in Österreich und Versuche in England, Schimären zu erzeugen, sind wichtige Punkte der Bioethik in die Schlagzeilen gelangt. Darf die Forschung alles, was sie kann?

Robert Spaemann: Es geht nicht um Regeln, es geht um die Rechte anderer. Es gibt immanente Schranken der Grundrechte der Freiheit der Forschung und der Kunst, die auf der Hand liegen. Denken sie zum Beispiel an die KZ-Ärzte, die Unterkühlungsversuche machten, die in der Folge Soldaten an der Ostfront zugute kamen. Diese Versuche wurden mit Häftlingen gemacht, mit Juden und anderen, und sie dienten der Forschung und dem medizinischen Fortschritt. Trotzdem waren diese Forschungen kriminell. Das heißt, der Forscher kann nicht machen, was er will. Es ist ähnlich wie mit der Freiheit der Kunst. In Deutschland hatten wir einen Prozess um einen Sprayer, der auf fremde Wände sprayte. Aber die Kunstfreiheit schließt nicht mit ein, dass ich Wände, die mir gar nicht gehören, bemalen darf.

Die Furche: Am 11. April entschied das deutsche Parlament über eine Änderung des Stammzellen-Gesetzes. Um menschliche embryonale Stammzellen zu gewinnen, ist die Zerstörung von frühen menschlichen Embryonen erforderlich. Wird hier eine Grenze der Freiheit der Forschung ihrer Meinung nach überschritten?

Spaemann: Immanuel Kant hat hier etwas sehr Kluges gesagt. Er schreibt in der "Metaphysik der Sitten": "Wir können uns überhaupt keinen Begriff davon machen, wie ein erkennendes und frei handelndes Wesen aus einem Naturprozess entstehen kann. Aber wir sehen, es ist so." Das heißt wir können nicht sagen, das beginnt genau hier und hier. Man kann es überhaupt nicht lokalisieren. Und ich würde hier auch nicht sagen, der Mensch ist eine menschliche Person mit einer menschlichen Seele vom Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an, sondern ich würde sagen, wir wissen es nicht. Und das genügt. Sie können auch nicht im Wald, wenn es hinter einem Busch raschelt, hinschießen, wenn Sie nicht genau wissen, ob es ein Mensch ist oder ein Reh. Wahrscheinlich ist es ein Reh. Aber wenn es ein Mensch ist und Sie sagen, das habe ich nicht gewusst, ja - da du es nicht wusstest, hättest du nicht schießen dürfen. Und so ist es in diesem Fall auch. Wir wissen zu wenig, um uns das Recht herausnehmen zu können, mit Menschen in irgendeinem Stadium ihrer Entwicklung tödliche Experimente zu machen.

Die Furche: Thomas von Aquin meinte, dass die Beseelung des Embryos schrittweise erfolge. Die höchste Form der Seele, die "anima intellectiva" würde - diesem Konzept der "Sukzessivbeseelung" nach - erst etwa drei Monate nach der Empfängnis übertragen. Heute gibt es eine breite Palette von Definitionen über den Beginn des Lebens.

Spaemann: Wir sind heute ein bisschen weiter als Thomas von Aquin. Heute wissen wir, dass ab dem Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle das vollständige genetische Programm vorliegt, die komplette DNS-Struktur, und von da an gibt es eine kontinuierliche Entwicklung, wo es keine Art von Einschnitten gibt, bis hin zum erwachsenen Menschen. Und wenn wir hier irgendwelche Anfänge setzen wollen, die später sind als dieser, müssen wir ganz willkürlich verfahren. Und so ist es ja auch. Heute sagen die einen, mit dem dritten Schwangerschaftsmonat beginnt der Mensch, ein menschliches Wesen zu sein, die anderen sagen mit der Geburt, wieder andere sagen mit der Erreichung des zweiten Lebensjahres. Peter Singer zum Beispiel sagt, ein einjähriges Kind darf man ohne weiteres töten; das Leben eines einjährigen Kindes ist weniger wert als das Leben eines erwachsenen Schweines. Ja, das kann man alles sagen, wenn man einmal angefangen hat, eine solche Grenze zu ziehen.

Die Furche: Eine dieser gezogenen Grenzen war die so genannte "Stichtagsregelung" in Bezug auf Stammzellen in Deutschland. Konkret ging es um eine Verschiebung des Stichtages für die Einfuhr embryonaler Stammzellen, die für die Forschung verwendet werden dürfen. Und dieser Stichtag wurde von der Mehrheit der Abgeordneten gekippt und der Stichtag verschoben, um neues Embryonenmaterial für die Forschung zu bekommen.

Spaemann: Da sind wir bei der Frage des "Brauchens" und ich komme zu den eingangs erwähnten Beispielen zurück: die KZ-Ärzte "brauchten" auch neue Häftlinge für ihre Forschungen, nachdem die anderen verstorben waren, und der Sprayer "braucht" auch neue Wände für seine Kunst. Aber es ist nicht in Ordnung. Zur Verschiebung des Stichtages: Da lügt man sich in die eigene Tasche. Wenn der Stichtag jetzt einmal verschoben wurde heißt das, wir werden ihn immer wieder verschieben. Und dann können Forscher auch ruhig Embryonen töten, weil sie wissen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dass das alte Material zu Ende geht, dann wird der Bundestag auch ein drittes Gesetz machen und den Stichtag immer wieder verschieben. Das geht nicht. Und ich muss dazusagen, dass die ganzen therapeutischen Hoffnungen, die sich an die Forschung mit embryonalen Stammzellen geknüpft haben, sich bisher als gegenstandslos erwiesen haben. Es gibt nicht eine einzige Krankheit, die durch diese Forschung wirksam bekämpft werden konnte.

Die Furche: In Großbritannien wurde durch die Möglichkeit, menschliches Erbgut in Eizellen von Tieren einschleusen zu dürfen, eine bis dahin bestehende Grenze überschritten und eine heftige Ethik-Diskussion um hybride Stammzellen und Schimären ausgelöst.

Spaemann: Das ist ein ungeheuerlicher Tabubruch. Allein so etwas anzufangen, scheint mir kriminell zu sein, denn es ist ein Angriff auf den Gedanken einer Menschheitsfamilie, wenn nicht mehr klar ist, wer dazugehört. Ist ein solches Halbschwein mein Bruder oder meine Schwester oder was? Es wird uneindeutig, wer überhaupt Mitglied der Menschheitsfamilie ist. Begriffe wie Menschenrechte kommen alle ins Wanken, wenn man das anfängt. Ich persönlich finde das schlimmer, als einen Menschen umzubringen.

Die Furche: Ihre Position über die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott, ihr Einsatz für Werte und Tugenden sind bekannt. Papst Benedikt XVI. schätzt sie seit vielen Jahren auch als Berater und Diskussionspartner. Wie wichtig sind Tugenden und Werte?

Spaemann: "Werte" sind ein uneindeutiger und kulturell unterschiedlich verstandener Begriff. Deshalb verwende ich lieber den Begriff "Tugenden". Wenn Sie zum Beispiel vom "Wert des Lebens" sprechen statt vom "Recht auf Leben", dann werden Ihnen die Forscher sagen, dass ihre Forschung mit Embryonen ja auch dem Leben dient. Eigentlich gibt es auch kein "Recht auf Leben", sondern nur das "Recht, nicht getötet zu werden". Das ist die eigentliche Diskussion. Denn jeder muss einmal sterben, und das ist ja an und für sich noch keine Verletzung eines Menschenrechtes. Ehrlichkeit, Mut, Respekt - das sind für mich Tugenden. Und die gelten überall auf der Welt.

Das Gespräch führte Maria Harmer.

Philosoph, der öffentlich Stellung bezieht

Robert Spaemann wurde 1927 in Berlin geboren. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Romanistik in München, Fribourg und Paris habilitierte er sich in Münster. Ab 1962 war er ordentlicher Professor für Philosophie an den Universitäten Stuttgart (bis 1968), Heidelberg (bis 1972) und München, wo er 1992 emeritierte. Seit mehr als vierzig Jahren mischt sich der streitbare Philosoph in aktuelle politische Debatten ein. So äußerte er sich zu kontroversen Fragen wie der atomaren Aufrüstung, Sonntagsarbeit, Abtreibung, Euthanasie oder auch dem Kosovo-Krieg. Im nebenstehenden Furche-Interview kritisiert Spaemann unter anderem die kürzlich gefällte Entscheidung des Bundestags, wonach in Deutschland künftig auch embryonale Stammzellen zu Forschungszwecken verwendet werden dürfen, die nach dem 1. Jänner 2002 hergestellt wurden. Ein neuer Stichtag sei notwendig geworden, weil die alten Stammzell-Linien von minderer Qualität seien und damit keine Top-Forschung mehr betrieben werden könne, argumentierten die Befürworter. Die Kritiker dagegen hatten gefordert, dass man in Deutschland nur mehr an ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen oder den neuen, so genannten induzierten pluripotenten Stammzellen forschen solle (siehe auch das Dossier "Hoffen auf Stammzellen" in Furche Nr. 4/08). TM

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