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Feuilleton

Konjunktur für Menschenmacher

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Unbehagen machte sich im Konferenzsaal des Austria Centers in Wien breit, damals 1988 beim 12. Internationalen Familienkongress: Bernard Nathanson, der zum überzeugten Kämpfer gegen den Schwangerschaftsabbruch bekehrte einstige Direktor der größten New Yorker Abtreibungsklinik, sprach über die Perspektiven der Biotechnologie. Was er beschrieb, schien furchtbar übertrieben.

Heute, nur 13 Jahre später, würde das Urteil anders ausfallen. Vor allem seine Aussagen über die Züchtung von Geweben und Organen klingen mittlerweile nicht mehr so abstrus wie damals, als er davon sprach, dass "Body-Shopping" einer der florierenden Wirtschaftszweige der Zukunft sein würde. Die Stammzellen-Forschung (Seite 16) hat in Verbindung mit der Technik des Klonens (Seite 17) nämlich ein Niveau erreicht, das die Vision vom Ersatzteillager für Organe nicht mehr gänzlich utopisch erscheinen lässt.

An diesem Beispiel wird die enorme Dynamik der Bioforschung und -technik, sofern sie den Menschen betrifft, erkennbar. Man bedenke: Es ist noch keine 50 Jahre her, dass James Watson und Francis Crick ihre - 1962 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten - Erkenntnisse über die doppelsträngige Struktur der DNS publizierten, keine 30 Jahre, dass der erste genetisch neugestaltete Organismus, ein Coli-Bakterium, geschaffen wurde (Seite 17). Und heute ist der genetische Code des Menschen weitgehend entschlüsselt (Seite 14).

Wesentlich zu dieser Dynamik hat der Umstand beigetragen, dass die Biotechnologie als einer der aussichtsreichsten Zukunftsmärkte angesehen wird. "The Biotechnology Industry Report" von "Ernst & Young" verzeichnet 1999 in den USA 162.000 Beschäftigte in diesem Sektor (inklusive Agrar-Biotechnologie) mit einem Umsatz von 335 Milliarden Schilling. Tendenz steigend.

Und in Europa war das Jahr 2000 mit einem Zuwachs von 38 (!) Prozent bei den Umsätzen (insgesamt 120 Milliarden Schilling) für Biotech sogar das bisher erfolgreichste Geschäftsjahr. Die nach wie vor nicht unbeträchtlichen Verluste der Branche werden im Hinblick auf die zu erwartenden Zukunftserfolge in Kauf genommen.

Verständlich, dass ein Sektor, der auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung enorme Möglichkeiten (und wissenschaftliche Lorbeeren) bietet, der außerdem wirtschaftlich als einer der meist versprechenden Zukunftsmärkte erscheint, eine Dynamik entwickelt, die alles überrollt. Der Umstand, dass auf dem Sektor der Biotechnik eine bisher nicht gekannte Symbiose zwischen Forschung und Wirtschaft vorherrscht, verstärkt zusätzlich den Druck, erwarteten Erfolgen rechtlich nur ja nichts in den Weg zu legen.

Ein wichtiger Schritt in der Erfolgsstory war 1980 die wirtschaftsfreundliche Entscheidung des Obersten US-Gerichtshofes, Gene für pa-tentfähig zu erklären - ein Bruch in der Rechtstradition. Bis dahin waren nur Erfindungen patentfähig. Seit 1980 genügt eine Entdeckung, das Erkennen eines Zusammenhangs zwischen genetischer Steuerung und deren Folgewirkungen.

Das Europäische Patentamt in München zog nach. Und auch die Bio-Patent-Richtlinie der EU liegt in dieser Frage auf Kurs. Also werden Gene patentiert - auch menschliche. Welche Blüten das treiben kann, war im vergangenen Juni zu lesen: Da schloss die australische Firma "Autogen" mit dem Südsee-Königreich Tonga einen Vertrag ab, mit dem sie die Rechte auf das Erbgut der Bevölkerung dieses Landes erwarb.

An diesem Beispiel wird ein Grundproblem deutlich: Zwar wird seit Jahrzehnten über Fragen der Bioethik und notwendige Rahmenbedingungen für die Zukunft der Biotechnologie gesprochen, tatsächlich aber hinken die entsprechenden Konzepte und Regelungen hinter den Entwicklungen her. Und oft wird nur sanktioniert, was ohnedies praktiziert wird.

Im Wesentlichen wird das Geschehen somit von zwei Kräften geprägt: vom Dogma der Forschungsfreiheit und von mächtigen wirtschaftlichen Interessen. Beide kennen keine inhärenten Grenzen. Als attraktive Legitimation wird eine Fülle von Verheißungen angeboten: ein langes, gesundes Leben, das Ausmerzen schwerer, derzeit unheilbarer Krankheiten, ein Leben ohne Behinderung ...

Dazu Professor Johannes Huber, Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission: "Für die nächste Generation sind die Rezepte schon in der Schublade, wie sie ohne Alzheimer und Krebs 150 bis 200 Jahre alt werden" (furche 4/98).

Wer tut sich leicht, Verfahren abzulehnen, die solch durchschlagende Erfolge in Aussicht stellen? Wirkt es da nicht kleinkariert, wenn man das Lebensrecht von Embryonen als Gegenargument ins Treffen führt, also von Wesen, die aus nur wenigen Zellen bestehen und keinerlei erkennbare Ähnlichkeit mit einem lebenden Menschen aufweisen?

An dieser Front finden die Ausei-nandersetzungen in der öffentlichen Debatte und in den Bioethikkommissionen statt. Geht man der Sache auf den Grund, wird deutlich, dass es um das Menschenbild geht. Wie weit der Bogen in dieser Frage gespannt ist, zeigen folgende Zitate: "Soweit die Wissenschaft das sagen kann, ist homo sapiens ein Vertreter des Tierreichs. [...] Das reiche menschliche Repertoire an Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen scheint sich aus elektrochemischen Hirnprozessen zu speisen und nicht aus einer immateriellen Seele ..." (aus der "Erklärung zur Verteidigung des Klonens", unterschrieben von 22 namhaften Wissenschaftern, darunter Nobelpreisträger Crick).

Dem hält die Glaubenskongregation entgegen: "Vom Augenblick der Empfängnis an muss jedes menschliche Wesen in absoluter Weise geachtet werden, weil der Mensch auf der Erde die einzige Kreatur ist, die Gott um ihrer selbst willen gewollt' hat" (Instruktion "Donum Vitae", 1987).

Eine pluralistische Gesellschaft tut sich schwer, solche Grundsatzfragen ein für alle Mal zu entscheiden. So ist damit zu rechnen, dass zwar weiterhin debattiert, aber unüberschreitbare Grenzen nicht wirklich gezogen werden. Ihre Einhaltung zu überwachen, wäre überdies extrem schwierig. Schließlich findet viel Entwicklungsarbeit in privaten Labors statt.

So ist zu erwarten, dass demnächst auch über Eingriffe in die Keimbahn - bisher einhellig, auch von internationalen Vereinbarungen, etwa der Bioethik-Konvention des Europarates, verboten - heftig debattiert werden wird.

Auf der Homepage der "University of California" (research.mednet. ucla.edu/pmts/Germline/) findet man eine Fülle von Argumenten, warum dies dennoch möglichst bald getan werden sollte ...

Zum Dossier

Tag für Tag Erfolgsmeldungen der Humangenetik und Biotechnologie. Kaum ist der Jubel über die Entzifferung des menschlichen Genoms verklungen, weckt die Stammzellenforschung neue Hoffnungen. Eine Bilanz der bisherigen Entwicklungen und einen Überblick über verschiedene Biotechnologien bieten die folgenden fünf Seiten.

Unbehagen machte sich im Konferenzsaal des Austria Centers in Wien breit, damals 1988 beim 12. Internationalen Familienkongress: Bernard Nathanson, der zum überzeugten Kämpfer gegen den Schwangerschaftsabbruch bekehrte einstige Direktor der größten New Yorker Abtreibungsklinik, sprach über die Perspektiven der Biotechnologie. Was er beschrieb, schien furchtbar übertrieben.

Heute, nur 13 Jahre später, würde das Urteil anders ausfallen. Vor allem seine Aussagen über die Züchtung von Geweben und Organen klingen mittlerweile nicht mehr so abstrus wie damals, als er davon sprach, dass "Body-Shopping" einer der florierenden Wirtschaftszweige der Zukunft sein würde. Die Stammzellen-Forschung (Seite 16) hat in Verbindung mit der Technik des Klonens (Seite 17) nämlich ein Niveau erreicht, das die Vision vom Ersatzteillager für Organe nicht mehr gänzlich utopisch erscheinen lässt.

An diesem Beispiel wird die enorme Dynamik der Bioforschung und -technik, sofern sie den Menschen betrifft, erkennbar. Man bedenke: Es ist noch keine 50 Jahre her, dass James Watson und Francis Crick ihre - 1962 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten - Erkenntnisse über die doppelsträngige Struktur der DNS publizierten, keine 30 Jahre, dass der erste genetisch neugestaltete Organismus, ein Coli-Bakterium, geschaffen wurde (Seite 17). Und heute ist der genetische Code des Menschen weitgehend entschlüsselt (Seite 14).

Wesentlich zu dieser Dynamik hat der Umstand beigetragen, dass die Biotechnologie als einer der aussichtsreichsten Zukunftsmärkte angesehen wird. "The Biotechnology Industry Report" von "Ernst & Young" verzeichnet 1999 in den USA 162.000 Beschäftigte in diesem Sektor (inklusive Agrar-Biotechnologie) mit einem Umsatz von 335 Milliarden Schilling. Tendenz steigend.

Und in Europa war das Jahr 2000 mit einem Zuwachs von 38 (!) Prozent bei den Umsätzen (insgesamt 120 Milliarden Schilling) für Biotech sogar das bisher erfolgreichste Geschäftsjahr. Die nach wie vor nicht unbeträchtlichen Verluste der Branche werden im Hinblick auf die zu erwartenden Zukunftserfolge in Kauf genommen.

Verständlich, dass ein Sektor, der auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung enorme Möglichkeiten (und wissenschaftliche Lorbeeren) bietet, der außerdem wirtschaftlich als einer der meist versprechenden Zukunftsmärkte erscheint, eine Dynamik entwickelt, die alles überrollt. Der Umstand, dass auf dem Sektor der Biotechnik eine bisher nicht gekannte Symbiose zwischen Forschung und Wirtschaft vorherrscht, verstärkt zusätzlich den Druck, erwarteten Erfolgen rechtlich nur ja nichts in den Weg zu legen.

Ein wichtiger Schritt in der Erfolgsstory war 1980 die wirtschaftsfreundliche Entscheidung des Obersten US-Gerichtshofes, Gene für pa-tentfähig zu erklären - ein Bruch in der Rechtstradition. Bis dahin waren nur Erfindungen patentfähig. Seit 1980 genügt eine Entdeckung, das Erkennen eines Zusammenhangs zwischen genetischer Steuerung und deren Folgewirkungen.

Das Europäische Patentamt in München zog nach. Und auch die Bio-Patent-Richtlinie der EU liegt in dieser Frage auf Kurs. Also werden Gene patentiert - auch menschliche. Welche Blüten das treiben kann, war im vergangenen Juni zu lesen: Da schloss die australische Firma "Autogen" mit dem Südsee-Königreich Tonga einen Vertrag ab, mit dem sie die Rechte auf das Erbgut der Bevölkerung dieses Landes erwarb.

An diesem Beispiel wird ein Grundproblem deutlich: Zwar wird seit Jahrzehnten über Fragen der Bioethik und notwendige Rahmenbedingungen für die Zukunft der Biotechnologie gesprochen, tatsächlich aber hinken die entsprechenden Konzepte und Regelungen hinter den Entwicklungen her. Und oft wird nur sanktioniert, was ohnedies praktiziert wird.

Im Wesentlichen wird das Geschehen somit von zwei Kräften geprägt: vom Dogma der Forschungsfreiheit und von mächtigen wirtschaftlichen Interessen. Beide kennen keine inhärenten Grenzen. Als attraktive Legitimation wird eine Fülle von Verheißungen angeboten: ein langes, gesundes Leben, das Ausmerzen schwerer, derzeit unheilbarer Krankheiten, ein Leben ohne Behinderung ...

Dazu Professor Johannes Huber, Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission: "Für die nächste Generation sind die Rezepte schon in der Schublade, wie sie ohne Alzheimer und Krebs 150 bis 200 Jahre alt werden" (furche 4/98).

Wer tut sich leicht, Verfahren abzulehnen, die solch durchschlagende Erfolge in Aussicht stellen? Wirkt es da nicht kleinkariert, wenn man das Lebensrecht von Embryonen als Gegenargument ins Treffen führt, also von Wesen, die aus nur wenigen Zellen bestehen und keinerlei erkennbare Ähnlichkeit mit einem lebenden Menschen aufweisen?

An dieser Front finden die Ausei-nandersetzungen in der öffentlichen Debatte und in den Bioethikkommissionen statt. Geht man der Sache auf den Grund, wird deutlich, dass es um das Menschenbild geht. Wie weit der Bogen in dieser Frage gespannt ist, zeigen folgende Zitate: "Soweit die Wissenschaft das sagen kann, ist homo sapiens ein Vertreter des Tierreichs. [...] Das reiche menschliche Repertoire an Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen scheint sich aus elektrochemischen Hirnprozessen zu speisen und nicht aus einer immateriellen Seele ..." (aus der "Erklärung zur Verteidigung des Klonens", unterschrieben von 22 namhaften Wissenschaftern, darunter Nobelpreisträger Crick).

Dem hält die Glaubenskongregation entgegen: "Vom Augenblick der Empfängnis an muss jedes menschliche Wesen in absoluter Weise geachtet werden, weil der Mensch auf der Erde die einzige Kreatur ist, die Gott um ihrer selbst willen gewollt' hat" (Instruktion "Donum Vitae", 1987).

Eine pluralistische Gesellschaft tut sich schwer, solche Grundsatzfragen ein für alle Mal zu entscheiden. So ist damit zu rechnen, dass zwar weiterhin debattiert, aber unüberschreitbare Grenzen nicht wirklich gezogen werden. Ihre Einhaltung zu überwachen, wäre überdies extrem schwierig. Schließlich findet viel Entwicklungsarbeit in privaten Labors statt.

So ist zu erwarten, dass demnächst auch über Eingriffe in die Keimbahn - bisher einhellig, auch von internationalen Vereinbarungen, etwa der Bioethik-Konvention des Europarates, verboten - heftig debattiert werden wird.

Auf der Homepage der "University of California" (research.mednet. ucla.edu/pmts/Germline/) findet man eine Fülle von Argumenten, warum dies dennoch möglichst bald getan werden sollte ...

Zum Dossier

Tag für Tag Erfolgsmeldungen der Humangenetik und Biotechnologie. Kaum ist der Jubel über die Entzifferung des menschlichen Genoms verklungen, weckt die Stammzellenforschung neue Hoffnungen. Eine Bilanz der bisherigen Entwicklungen und einen Überblick über verschiedene Biotechnologien bieten die folgenden fünf Seiten.