Digital In Arbeit

Menschen aus dem Labor

Als das Klonschaf Dolly im Mai 1997 im schottischen Roslin Institut das Licht der Welt erblickte, war die Aufregung groß. Zum allerersten Mal war es gelungen, einen Nachwuchs aus einer Zelle eines bereits erwachsenen Tieres zu klonen. Noch wenige Jahre zuvor war es völlig undenkbar erschienen, Tiere und Menschen zu klonen. Heute zweifelt kein Wissenschafter mehr daran, dass auch das Klonen von Menschen machbar ist. Mehr noch, es scheint in absehbarer Zeit sogar möglich zu werden, mittels Klontechnik und Keimbahneingriffe den perfekten "Übermenschen" zu züchten. Der Mensch nach Maß (oder Katalog), gemäß dem Motto: man nehme eine Zelle von Albert Einstein und kombiniere sie mit einer von Arnold Schwarzenegger.

Klonen von Menschen, noch vor einigen Jahren als Ungeheuerlichkeit und Anmaßung abgelehnt, erfährt zunehmend Anerkennung, auch in der breiten Bevölkerung. Der Gedanke sickert langsam in das Bewusstsein und wird so zur Normalität. Wissenschafter sprechen dabei von der "typischen Akzeptanzphase", die schon vor 30 Jahren für die Fortpflanzungstechnik beobachtet und beschrieben wurde: Entsetzter Ablehnung folgen Ablehnen ohne Entsetzen, tastende Neugier, Erforschung und schließlich langsame aber zunehmende Zustimmung.

So betonte etwa noch 1997 der "Vater" von Klonschaf Dolly, dass es keinen medizinischen Grund gebe, warum man ein menschliches Wesen klonen sollte. Heute klingen seine Aussagen etwas anders: Man müsse sich die Tür zu dieser Forschung offen halten, therapeutisches Klonen biete eine einmalige Chance, Krankheiten wie Alzheimer zu bekämpfen. Wissenschafter in Großbritannien fordern ihre Regierung auf, Klonforschung am Menschen künftig in Teilbereichen zuzulassen, da sonst der internationale Anschluss verpasst wird. Auch US-Präsident Bill Clinton, der mehrmals versucht hat, ein Anti-Klongesetz durchzusetzen, aber damit jedesmal am Kongress gescheitert ist, veröffentlichte Ende letzten Jahres eine Presseerklärung mit deutlich anderen Tönen: "Die wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten Monate verstärken meine Hoffnung, dass eines Tages menschliche Stammzellen dazu genutzt werden können, um zerstörte Herzmuskelzellen bei Herzkranken, Nerven- und Gehirnzellen der Hunderttausenden von Parkinsonkranken oder insulinproduzierende Zellen von Kindern, die an Diabetes leiden, zu ersetzen."

Eine Frage der Zeit Viele Forschergruppen arbeiten heute weltweit an Klonexperimenten. Mitte 1998 wurde das erste Kalb nach der Dolly-Methode geklont. Danach ging es Schlag auf Schlag: Mäuse, Schweine, Schafe und zuletzt Affen. Erstaunlicher Weise erregten die Klonversuche bei Affen kaum mehr ein mediales Echo - Klonen ist eben bereits zur Normalität geworden. Für einige Aufregung sorgte dann jedoch das Experiment japanischer Wissenschafter der Universität Tokyo, die versuchten, den Zellkern menschlicher Blutzellen von Leukämiepatienten mit Eizellen von Kühen zu verschmelzen. Über drei Teilungszyklen blieb aber kein Embryo am Leben.

Bereits Ende 1998 behaupteten Wissenschafter der Universität Seoul, sie hätten zum ersten Mal menschliche Zellen geklont, aus der sich ein vierzelliger Embryo entwickelte. Auch Wissenschafter der amerikanischen Firma Advanced Cell Technology gaben an, im Sommer 1999 einen menschlichen Embryo nach der Dolly-Methode geklont zu haben, der nach zwei Wochen getötet wurde, um den amerikanischen Gesetzen zu genügen. Die Firma Geron bestätigte ebenfalls, dass sie an einem Klonverfahren mit menschlichen Zellen - für therapeutische Zwecke - arbeitet.

Getrieben vom Ehrgeiz und Forscherdrang, aber auch von der vielversprechenden Aussicht auf wirtschaftliche Gewinne, hat sich mittlerweile ein regelrechter internationaler Klonierungswettbewerb entwickelt. Politiker, Juristen und Ethiker versuchen derzeit noch durch gesetzliche Regelungen die Forschung mit menschlichen Embryonenzellen einzuschränken, doch sie haben schlechte Karten und laufen der rasanten Entwicklung immer weiter hinterher. Der bekannte US-Physikers Richard Seed, der ankündigte, er wolle demnächst die erste Klonklinik der Welt eröffnen ist überzeugt, dass Klonen von Menschen nicht zu stoppen ist, es werde sich so und so durchsetzen.

Dabei ist das Klonen von Menschen vermutlich nur der erste Schritt einer noch nicht genau absehbaren Entwicklung. Durch Eingriffe in die Keimbahn der embryonalen Zellen könnten Menschen sozusagen nach Maß angefertigt werden. Noch ist die Technik des Keimbahneingriffes bei weitem nicht ausgereift - aber was heißt das heute schon. Schlagworte wie Übermenschen und neue Sklaven tauchen vermehrt in diesem Zusammenhang auf. Mit der gezielten Manipulation des Erbgutes sind (noch) Ängste verbunden. Denn das Erbmaterial von Eizellen und damit auch das aller weiteren Nachkommen wird verändert. Die geklonte Klassengesellschaft, die Aldous Huxley 1932 in seinem Buch "Schöne neue Welt" beschrieb, könnte näher sein als uns vielleicht lieb ist.

Und noch eine Entwicklung ist für die kommenden Jahrzehnte absehbar. Mit der Entschlüsselung des genetischen Codes und der Funktionsweise der einzelnen Gene, könnte man gleich ganze, maßgeschneiderte Organismen zusammensetzen, ohne Klonen und Keimbahneingriffe. Man füge einfach in einem Reagenzglas Gen an Gen - und fertig ist das neue Lebenwesen. Utopien? Sicher nicht. Wissenschafter an der Universität von Texas haben kürzlich ein Verfahren entwickelt, mit dem sich lange DNA-Ketten (die Bausteine des Lebens) bilden lassen. Damit könnten nun tatsächlich künstliche Mikroorgansimen mit definierten Eigenschaften hergestellt werden. Bleibt nur noch herauszufinden, welches Gen für welche Aufgabe im Körper zuständig ist. Doch auch das ist nur noch eine Frage der Zeit.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau