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Die Rückkehrder weißen Götter

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Die Gentechnik ist heute bereits ein fixer Bestandteil in der Medizin. Optimisten prognostizieren sogar die erfolgreiche Behandlung bisher unheilbarer Leiden wie Krebs oder Aids mittels Gentherapie. Kritiker warnen jedoch vor zu hohen Erwartungen.

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Die Gentechnik ist heute bereits ein fixer Bestandteil in der Medizin. Optimisten prognostizieren sogar die erfolgreiche Behandlung bisher unheilbarer Leiden wie Krebs oder Aids mittels Gentherapie. Kritiker warnen jedoch vor zu hohen Erwartungen.

Ärzte und Wissenschafter träumen von einem neuen goldenen Zeitalter der Medizin. Die Ära der Gentherapie soll's möglich machen. Krankheiten, die derzeit noch unheilbar sind, allen voran Krebs und Aids, könnten in nicht allzu ferner Zukunft, meinen Optimisten, so einfach zu kurieren sein wie etwa eine Halsentzündung.

Die Gentechnik ist bereits heute ein fixer Bestandteil in der Medizin. Ihr Einsatz reicht mittlerweile von der Diagnose von (Erb-) Krankheiten mittels Gentests, dem Nachweis von Krankheitserregern bis hin zur Herstellung von Medikamenten (etwa Penicillin oder Insulin).

Noch im Stadium der Erprobung befindet sich die Gentherapie, bei der veränderte Gene gezielt in die Zellen von Patienten eingeschleust werden, um dort die Funktion defekter Gene zu ersetzen (somatische Gentherapie) oder auszuschalten.

Um, wie Ärzte sagen, "irrationale" Ängste rund um die Anwendung der Gentechnik in der Medizin auszuräumen, formierten sich Wissenschafter und Ärzte letzte Woche im Wiener AKH zu einer Aufklärungskampagne. "Wir wollen eine seriöse Darstellung der Gen-Medizin erreichen, ohne die wir heute nicht mehr leben könnten," erklärte Universitätsprofessor Hubert Pehamberger, Präsident des Vereins zur Förderung von Wissenschaft und Forschung beim Symposium "Gentechnik in der Medizin".

Die vorwiegend ablehnende Einstellung der Österreicher punkto Gentechnik in der Landwirtschaft, darf nicht auf die Medizin übergreifen, so der Tenor. Die Sorge der Mediziner ist, daß eine latent vorhandene Angst vor der Gentechnik weitere Entwicklungen auf diesem Gebiet, wenn nicht verhindert, so zumindest behindert. Damit würde die Forschung ins Hintertreffen geraten, Österreich könnte dann international nicht mehr mithalten. Das wäre nach Ansicht der Wissenschafter verheerend, denn das Entwicklungspotential der Gentechnik sei enorm.

Universitätsprofessor Dontscho Kerjaschki, Vorstand des Institutes für Klinische Pathologie, fürchtet, daß die Österreicher auf diesem Gebiet bereits eine ganze Menge verschlafen haben. "Die Situation hier ist zur Zeit vergleichbar mit einem Pflänzchen, das gerade zu sprießen begonnen hat. Wir dürfen jetzt nicht das Wasser abdrehen", appelliert Kerjaschki vor allem an den Gesetzgeber.

Die Forderung der Ärzte und Wissenschafter: raschere Zulassungsverfahren und keine bürokratischen Hindernisse.

Prominente Unterstützung für ihr Anliegen erhielten die AKH-Mediziner aus den USA. Theodore Friedmann von der Universität of California - er gilt als Vater der Gentherapiehielt - hielt einen Gastvortrag in Wien. "Die Gentechnologie ist die Medizin der Zukunft, und wir werden sehr bald schon Menschen damit heilen können", ist Friedmann überzeugt. Für ihn ist es keine Frage, daß die meisten Krankheiten genetische Ursachen haben, vom Krebs bis zum Gehirn.

Soziale und ethische Belange müßten noch diskutiert werden, für Friedmann ist die Einführung der Gen-Medizin aber nur noch eine Frage des Zeitpunktes und nicht mehr des "ob". Zwar räumt Friedmann ein, daß bisher mit Hilfe der Gentherapie noch kein Patient geheilt werden konnte, der Gentechnologe ist jedoch optimistisch, daß der entscheidende Durchbruch früher als erwartet eintreten wird.

Auch wirtschaftlich liege ein ungeheures Potential in der Anwendung der Gentechnik, so Friedmann. Wäre Kalifornien, Hochburg der Gentechnologie, ein eigener Staat, wäre es die achtgrößte Wirtschaftsnation. 40 Prozent dieses Wohlstandes verdankt Kalifornien der Gentechnologie.

Weltweit laufen rund 200 bis 300 klinische Studien (Versuche am Menschen) zur Anwendung der eigentlichen Gen-Medizin, der Gentherapie. Knapp 70 Prozent davon betreffen Krebs, 17 Prozent Erbkrankheiten und rund 11 Prozent Aids. Die meisten Versuche werden in den USA durchgeführt, wo, so Friedmann, bürokratische Hürden kein Thema mehr sind.

Friedmann ist überzeugt, daß auch Österreich eine entscheidende Rolle spielen könnte. Das Wiener AKH könnte sich auf Grund der hervorragenden Wissenschafter und modernster Ausstattung durchaus dem internationalen Wettbewerb stellen. Friedmanns Rat an seine österreichischen Wissenschaftskollegen: "Viele große Mediziner-Karrieren haben in Wien begonnen. Sie sollten die Diskussion in Österreich über ethische und soziale Belange fortsetzen, aber sie sollten möglichst rasch zu einem Ergebnis kommen."

Gentherapie im AKH Das ist Wasser auf den Mühlen der AKH-Mediziner. Erste Gentechnik-Versuche an Patienten werden im AKH nämlich bereits in den kommenden Wochen gestartet. Bei Patienten, die an fortgeschrittenem Hautkrebs leiden, soll ein Gen ausgeschaltet werden, das verhindert, daß eine Chemotherapie wirken kann. 90 Prozent der Melanome entwickeln einen Schutzpanzer gegen Chemotherapie - das macht einen Hautkrebs so unberechenbar. Die Methode ist in den Tierversuchen erfolgreich.

Damit die Arbeit der Ärzte aber nicht durch bürokratische Hürden behindert wird, wollen Wissenschafter mehr Freiraum für die Forschung: "Wir haben ein sehr strenges Gentechnik Gesetz mit vielen Auflagen. Das bietet natürlich auch Schutz für uns und die Bevölkerung. Aber die Administration dauert zu lange. Es ist die Frage, ob wir mit diesen Verzögerungen konkurrenzfähig bleiben können," kritisiert Pehamberger.

Erwin Schilling, Präsident von Norvatis, einem der weltweit größten Gentechnik-Konzerne, drohte während der Enquete sogar mit dem Rückzug seiner Firma aus Österreich: "Wir denken uns jeden Tag: Wollen wir weiterhin in Österreich? Wir müssen uns hier bei jedem kleinen Detail aufhalten, und wenn wir eines in Europa nicht haben, dann ist es Zeit." Der Norvatis-Chef fürchtet um die Konkurrenzfähigkeit seiner Firma gegenüber den USA.

Falsche Hoffnungen Welche Chancen uns aber die Gen-Medizin tatsächlich einmal eröffnen wird, ist aber sogar unter Experten umstritten. Viele renommierte Wissenschafter sehen die Gen-Zukunft in der Medizin nicht ganz so rosig wie Gentechnik-Euphoriker Friedmann.

Friedmanns Forscher-Kollege und emeritierter Professor für Molekular- und Zellbiologie an der Universität California, Berkeley, Richard Strohman, arbeitete selbst viele Jahre an gentechnischen Versuchen und hielt vor zwei Wochen ebenfalls einen Gastvortrag in Wien. Er prognostiziert den Abstieg des genetischen Determinismus: "Das Mißtrauen gegen den genetischen Determinismus wächst, denn es gibt keine direkte Verbindung zwischen Genen und Merkmal. Es gibt kein ,Programm' in den Genen. Es ist unmöglich von ihnen auf die Funktion zu schließen. Dieser genetische Abstieg wird bereits allgemein diskutiert. Auch sind defekte Gene nur für etwa zwei Prozent aller Krankheiten verantwortlich. Das heißt, wir stecken derzeit ungeheuer viel Geld in die Heilung von sehr wenigen Krankheiten. Die Frage ist, ob dieser finanzielle Aufwand gerechtfertigt ist, denn unsere Ressourcen sind begrenzt."

Ein weiterer Vorwurf ist, daß die Gentechnik in der Medizin den Menschen auf seine Gene reduziert. Der direkte Zusammenhang, defektes Gen = Krankheit, entspreche in den allermeisten Fällen eben nicht der Realität. Der Glaube, daß mit Hilfe der Gentechnik jede Krankheit heilbar wäre, vernachlässige die Befindlichkeit des Menschen.

Auch ist die Gentechnik in der Medizin heute nur auf die Diagnose von Krankheiten beschränkt, eine entsprechende Heilung ist noch kaum möglich. Es stellt sich daher in vielen Fällen die Frage, ob ein Nicht-Wissen nicht besser wäre, als das Wissen um ein mögliches Erkrankungsrisiko.

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