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Nahrung ohne Gentechnik

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Soll Gentechnik in der Herstellung von Lebensmitteln zum Einsatz kommen? Dieser Frage ging vergangenen Donnerstag eine Podiumsdiskussion nach. Das Ergebnis: Derzeit überwiegt die Skepsis.

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Soll Gentechnik in der Herstellung von Lebensmitteln zum Einsatz kommen? Dieser Frage ging vergangenen Donnerstag eine Podiumsdiskussion nach. Das Ergebnis: Derzeit überwiegt die Skepsis.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion der "Ärzte für Schadstoff-freie Nahrung" zum Thema "Gentechnik in Lebensmitteln - Risiko oder Chance?" letzte Woche in Wien mahnte deren Vorsitzender, Primarius Karl Zwiauer, zu Skepsis und Vorsicht beim Einsatz der Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Die zahlreichen, ungeklärten Risiken der in ihren Kinderschuhen steckenden Technologie würden einen Einsatz in der Lebensmittelherstellung derzeit nicht rechtfertigen.

Die Industrie sei bislang klare Aussagen über den Nutzen für den Konsumenten schuldig geblieben, erklärte der Primarius der Kinderabteilung am Krankenhaus St. Pölten.

Mangelnde Transparenz für den Konsumenten bei der Kennzeichnung sowie bei der Bewertung von Risiken und beim Abtesten potentieller ungewollter Nebenwirkungen lassen bei einer Beurteilung die Aspekte klar überwiegen, die Vorsicht und Skepsis gegenüber dem Einsatz der Gentechnik in der Lebensmittelproduktion verlangen.

"Gerade die Ärzteschaft steht bei der Einschätzung der Gentechnik in einem starken Spannungsfeld", so Zwiauer. "Im Bereich der Medizin bietet die Gentechnik klarerweise nicht mehr wegzudenkende Errungenschaften. Bei der Beurteilung der beiden Einsatzbereiche muß jedoch eine ganz klare Unterscheidung vorgenommen werden: In der Medizin ermöglicht die neue Technologie unheilbar kranken Menschen neue Chancen und damit neue Hoffnung auf Heilung oder Hilfe. Bei der Lebensmittelproduktion ist diese Notwendigkeit allerdings nicht vorhanden und dem Konsumenten gegenüber nicht argumentierbar."

Die natürliche, über Jahrhunderte hinweg erprobte Ernährungsform biete dem Konsumenten sehr viel mehr Sicherheit und sei überdies die der Struktur der österreichischen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion viel mehr entsprechende Produktionsform, bricht Zwiauer eine Lanze für die Bionahrung als gesunde, schadstoffarme Alternative zum Gentechnik-Einsatz.

Kein Trend zu Gentech-Lebensmitteln Überraschende Trends stellte die Biochemikerin und Lebensmittelexpertin Alice Schmatzberger vom "Culinar Institut" für Ernährungskultur und Lebensmittelwirtschaft in einer unlängst für das Ministerium für Verbraucherangelegenheiten erstellten Bestandsaufnahme über gentechnisch hergestellte Lebensmittel in der EU fest: Die Anzahl der vorhandenen beziehungsweise zugelassenen gentechnisch veränderten Produkte ist deutlich geringer als es den Erwartungen der Industrie entspräche.

Bei transgenen Tieren gibt es derzeit keine Zulassungen; in den nächsten Jahren sei auch in diesem Bereich nichts zu erwarten. Außer der nur in England auf den Markt gebrachten "Anti-Matsch-Tomate" gäbe es keine gentechnisch veränderten Pflanzen, die direkt zum Verzehr gedacht seien.

Lediglich im Bereich der Zusatzstoffe käme die Gentechnik zum Einsatz, aber auch hier sei durch die massive Ablehnung der Gentechnik durch die Konsumenten in Europa und neuerdings auch in den USA nur eine schwache Entwicklung festzustellen. Besonders auffällig sei, so die Studienautorin, daß die hochgreifenden Prognosen über das zu erwartende Marktvolumen für gentechnisch veränderte Produkte in den letzten Jahren konstant nach unten revidiert wurden: "Der erwartete beziehungsweise dem Konsumenten angekündigte Boom findet eindeutig nicht statt."

Anfang der neunziger Jahre prognostizierte die Gentechnik-Industrie für das Jahr 2000 noch Umsätze in der Höhe von 780 Milliarden Schilling. Mittlerweile sieht die Prognose deutlich anders aus: Für 2005 werden Umsätze in der Höhe von 72 Milliarden Schilling erwartet, im Jahr 2010 sollen es 240 Milliarden sein.

Auch in den Vereinigten Staaten sei der Markt schon vor dem im letzten Jahr auch dort einsetzenden Umdenken des Konsumenten nur langsam gewachsen: 1995 betrug der Umsatz in den USA 1,2 Milliarden Schilling, 1996 waren es 3,6 Milliarden. Demgegenüber stehen jedoch 24 Milliarden Schilling, die alleine 1995 in die Entwicklung der Gentechnik-Industrie geflossen sind.

Univ. Prof. Helmut Schwab, bis Ende Oktober Präsident und Sprecher der Plattform "Gentechnik & Wir", sieht die Situation der Gentechnik naturgemäß anders: Der Einsatz der Gentechnik per se stelle keinen besonderen Risikofaktor dar. Auch bei konventionell gezüchteten Pflanzen bestehe die Möglichkeit unerwarteter Nebenwirkungen. Gentechnisch hergestellte Produkte würden lediglich strenger überprüft; die Technologie biete jedoch dem Züchter die Chance, viel gezielter den Nutzen einer Pflanzen zu identifizieren und zu verbessern.

In der Reduktion der Belastung von Pflanzenprodukten durch Chemikalien, im Entfernen oder Modifizieren von toxischen oder allergenen Inhaltsstoffen, in der Verbesserung von ernährungsphysiologischen Eigenschaften von Agrarprodukten und im Verstärken von Nahrungsmittelbestandteilen, die die Gesundheit oder das menschliche Wohlbefinden fördern (sogenanntes "Functional Food"), sieht der Biotechnologe die größten Chancen für den Einsatz der Gentechnik.

Gerhard Becher, ehemals Vizedirektor des "Prognos-Zentrums für Wirtschaftsforschung" in Basel, untersuchte die ökonomische Perspektiven für die Lebensmittelindustrie. Die Technologie stünde in ihrer Entwicklung noch ganz am Anfang, vergleichbar mit den ersten Großrechnern der Computertechnologie. Die wirtschaftlichen Chancen seien daher sehr schwer zu beurteilen - die aktuellen Entwicklungen für Umsatz und Arbeitsplatzentwicklung allerdings blieben deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Nichts geht gegen die Komsumenten "Mittelfristig bieten die Entwicklungschancen der Gentechnik große Chancen, sowohl ökologischer Natur, durch eine umweltfreundlichere Landwirtschaft, als auch im Hinblick auf wachsende Produktivität dieser Branchen durch die weitere Nutzung der neuen Möglichkeiten zur Beeinflussung von Qualität und gesundheitlichen Auswirkungen der Nahrungsmittel", so der Wirtschaftsforscher.

"Das zukünftige Verbraucherverhalten ist dabei aber eine besonders wichtige Einflußgröße; der Frage, in welchem Ausmaß auf Gesundheit und bestimmte für den Verbraucher spür- und nutzbare Produktmerkmale Wert gelegt wird, kommt dabei eine wesentliche Rolle zu." Gegen die Ablehnung des Konsumenten sei die neue Technologie auch mit noch so großem Aufwand nicht durchzusetzen.

Die Ärzteschaft solle in Zukunft eine stärkere und aktivere Rolle in der öffentlichen Debatte um die Qualität von Lebensmitteln und um Chancen und Risiken neuer Technologien wie der Gentechnik einnehmen, resümierte Primarius Zwiauer die angeregte Diskussion im Wiener Naturhistorischen Museum.

"Ärzten wird nach wie vor gerade in Ernährungsfragen hohes Vertrauen entgegengebracht. Im Hinblick auf eine gesunde, risikofreie Ernährung, die wir unseren Patienten ebenso wie allen Konsumenten empfehlen sollten, tragen wir Ärzte daher eine besonders große Verantwortung. Sowohl die Erfahrungen in der medizinischen Forschung, als auch die bisherigen Erfahrungen mit der Gentechnik lassen Skepsis und große Vorsicht bei der Nutzbarmachung neuer Technologien angebracht sein."

ZUM THEMA Schadstoffe und Ernährung Die "Ärzte für Schadstoff-freie Nahrung" sind, eine politisch und wirtschaftlich unabhängige Vereinigung von mehr als 150 Ärzten aus ganz Österreich mit dem Ziel, die Öffentlichkeit verstärkt über die Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Schadstoffbelastung und Gesundheit zu informieren. "Ärzte für Schadstoff-freie Nahrung", 1030 Wien, Geusaugasse 9, Tel: 01-7158191-0, Fax: 01-7158191-14, e-mail: aerze@stratcom.at

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