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Bio-Produkte in der Gentechnik-Falle

Bisher galten Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft als Garant für Gentechnikfreiheit. Doch die EU-Kommission will eine Verschmutzung mit gentechnisch veränderten Organismen zulassen - und die Bio-Verbände üben sich in Schweigen.

Am 21. Dezember des Vorjahres gab die eu-Kommission in einem Vorschlag für eine Bio-Verordnung bekannt, künftig in ökologischen Lebensmitteln einen Gentechnik-Anteil von bis zu 0,9 Prozent zulassen zu wollen. Zwar dürften nach wie vor keine gentechnisch veränderten Organismen (gvo) absichtlich für die Erzeugung von Bio-Produkten verwendet werden, aber eine zufällige Kontaminierung - zum Beispiel durch Einkreuzung via Pollenflug - soll toleriert werden.

"Extrem teure" Gentechnik

Die Reaktionen darauf waren gleich Null. Lediglich die Umweltschutzorganisation "Friends of the Earth", die internationale Partnerorganisation von Global 2000, protestierte postwendend: Damit setze die eu-Kommission die Biotech-Industrie klar über die biologischen Landwirte und Konsumenten, heißt es hier. Eine gentechnische Verschmutzung sei "für Konsumenten in der gesamten eu ganz und gar inakzeptabel". Wenn die Gentechnik-Industrie eine Kontamination nicht verhindern könne, dürften auch keine gvo in der eu angebaut werden, lautet die Forderung. Für die dänische Agrar-Kommissarin Mariann Fischer Boel kommt das nicht in Frage: "Wir leben in der Realität. Je niedriger wir mit dem Grenzwert gehen, desto teurer wird es für Bio-Produzenten. Wir müssen die richtige Balance finden", erklärte sie etwa im Jänner vor Journalisten. Der hohe Preis würde Konsumenten davon abhalten, Bioprodukte zu kaufen, wurde sie erst vor wenigen Tagen im Standard zitiert, wo sie einen Grenzwert von 0,0 Prozent als "nicht realistisch" und einen von 0,1 Prozent als "extrem teuer" bezeichnete - obwohl diese beiden Werte die jetzt gültige Realität darstellen (siehe Kasten). Derzeit ist der Gentechnik-Grenzwert für österreichische Bio-Produkte im Lebensmittel-Codex mit 0,1 Prozent geregelt. Dieser Codex ist zwar ans Lebensmittelrecht angeschlossen, wäre aber rechtlich sofort irrelevant, sobald die von der eu-Kommission geforderten 0,9 Prozent Gültigkeit erlangen würden.

Verbote "blauäugig"

Mit ihren Aussagen ließ die Agrar-Kommissarin keinen Zweifel aufkommen, dass mit der Einführung der Gentechnik alle bisherigen Prinzipien der biologischen Landwirtschaft über den Haufen geworfen würden. Auffallend bedeckt hielten sich dabei die Bio-Verbände, die von sich aus nicht an die Öffentlichkeit gingen. Markus Schörpf von der Bio Austria, dem Dachverband der österreichischen Bio-Verbände, erklärt, dass dieser Kommissionsvorschlag "grundsätzlich keine Änderung der rechtlichen Situation bedeutet". Da kein eigener gvo-Verunreinigungs-Grenzwert für Bioprodukte festgelegt sei, gelte im Zweifelsfall derselbe wie für konventionelle Produkte - nämlich 0,9 Prozent. "Österreich ist durch die Regelungen im Lebensmittel-Codex eine Ausnahme", wird jedoch betont. Der Bio-Sektor müsse vor Verunreinigung ("auch unter 0,9 Prozent") mit entsprechenden Maßnahmen geschützt werden, indem daraus entstehende Kosten dem Verursacher und nicht dem Bio-Bauern anzulasten seien. Dennoch hoffe er, dass die von inzwischen sechs Bundesländern beschlossenen Gentechnik-Vorsorgegesetze streng genug seien, einen Gentechnik-Anbau - vor allem bei Raps und Mais - weiter verhindern zu können. Sich für ein befristetes Verbotsgesetz für den kommerziellen Anbau einzusetzen, wie es die Schweiz im vergangenen Jahr beschlossen hat, hält Schörpf für "blauäugig - wir sind in der eu." Anstatt laut aufzuschreien, habe sich Bio Austria entschieden, Landwirtschaftsminister Josef Pröll bei dessen Bemühungen rund um die Gentechnikfreiheit Österreichs zu unterstützen.

Kopfschütteln löst diese Einstellung zum Teil bei Umweltschutzorganisationen aus: "Wenn die Bio-Verbände auf einem Grenzwert von 0,1 Prozent für zufällige Kontaminierung beharren würden, könnte man für die biologische Landwirtschaft entsprechende Abstände zu Gentechnik-Feldern einfordern und so den Anbau von gvo erschweren", erklärt Risikoforscher Werner Müller, der auch für Global 2000 tätig ist. Anstatt mit allen nur möglichen Mitteln gegen die Aufweichung strenger Regelungen zu kämpfen, bestreite man eine defensive, angstvolle Strategie, bei der der Gentechnik-Anbau als unabwendbar gesehen werde. Eine Gruppe, die hingegen kompromisslos gegen die Gentechnik in der Landwirtschaft kämpft, sind die deutschen Berufsimker. Seit Jahren warnen sie unüberhörbar vor den unabsehbaren Folgen, weil die Bienen die ersten seien, die mit Gentechnik-Pflanzen in Berührung kämen, was den Wert des Naturproduktes Honig in Frage stelle.

"Bio" gefragter denn je

Biologische Lebensmittel sind gefragter denn je: 500 Millionen Euro setzte der österreichische Lebensmittelhandel im Vorjahr damit um, was ein Plus von rund 25 Prozent im Vergleich zu 2004 bedeutete. Ob der Zukunftstrend anhält, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die Gentechnik auf den Äckern Einzug hält oder nicht. Mehr noch: Die biologische Landwirtschaft ist akut gefährdet, wie Werner Müller erklärt: "Es wird der Marke ,Gentechnik' erlaubt, die Marke ,Bio' physisch zu schädigen. Normalerweise hätte jeder, der das macht, eine Monsterklage am Hals, doch in diesem Fall soll der Bio-Landbau die Kosten auch noch selbst bezahlen. Mit der Strategie der Koexistenz wollen die Verantwortlichen - vor allem jene in der EU-Kommission - eine flächendeckende Kontamination herbeiführen. Das wäre das Ende des Bio-Landbaues im ursprünglichen Geist der Pioniere."

Saatgut

Ein in Europa einzigartiges System zur Reinhaltung des Saatgutes wurde in Österreich 2002 mit der "Saatgut-Gentechnik-Verordnung" installiert: Mittels eines dreifachen Kontrollsystems (Laboruntersuchungen, Untersuchungen auf Saatgut-Vermehrungsfeldern und Kontrollanbau) soll sichergestellt werden, dass nur absolut gentechnikfreies Saatgut (= 0,0 Prozent) und in Ausnahmefällen Saatgut mit einem Gentechnik-Anteil von unter 0,1 Prozent auf Österreichs Felder kommt. Die Einhaltung der Vorschriften wird von der Agentur für Ernährungssicherheit (ages) überwacht, deren Kontrollore pro Jahr beispielsweise über eine Million Maispflanzen auf den Saatgut-Vermehrungsfeldern untersuchen. Obwohl das System aufwändig und kostspielig ist, hat es sich als wirtschaftlicher Volltreffer erwiesen: Die Saatgut-Vermehrungsfläche bei Raps und Mais hat sich aufgrund der enormen Nachfrage nach garantiert gentechnikfreiem Saatgut innerhalb von fünf Jahren verdreifacht. Einziger Wermutstropfen: Die Saatgut-Züchtung bei den gvo-gefährdeten Arten Mais und Raps erfolgt fast ausschließlich im Ausland, in Österreich wird lediglich vermehrt. Dadurch sind die Vermehrer auf den guten Willen der ausländischen Züchter angewiesen. Klaus Faißner

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