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Mit Nervengift gegen Honigsammler

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Die EU will Pflanzenschutzmittel, die in Verdacht stehen, Bienen zu töten, verbieten. Doch Österreich ist dagegen. Deshalb führen die Bienen neben ihrem Überlebenskampf eine hitzige politische Debatte an.

Es war am 16. Mai vor einem Jahr, als das Sterben begann. In Schichten von zwei bis drei Zentimetern lagen die Bienen in seinen Stöcken. Vier Tage dauerte es, dann waren alle zwei Millionen Bienen tot. 42 Völker, ein ganzer Bienenstand. Vier Tage lang sah der Berufsimker Wolfgang Pointecker aus Wippenham in Oberösterreich seinen Honigsammlerinnen beim Sterben zu und konnte nichts dagegen machen. "Da kommen einem die Tränen“, sagt Pointecker. "Wenn es so weitergeht, hänge ich meine Arbeit spätes-tens in fünf Jahren an den Nagel.“

Heute weiß Wolfgang Pointecker, woran seine Bienen zugrunde gegangen sind: an Neonicotinoiden. So wird eine Gruppe von giftigen Pflanzenschutzmitteln mit nikotinartigen Wirkstoffen genannt. Hergestellt werden diese Substanzen von den Chemieriesen Bayer und Syngenta. Sie sollen Pflanzen schützen und Insekten töten - sogenannte Schädlinge wie den Maiswurzelbohrer zum Beispiel, dessen Larven mit Vorliebe die Füße der Maispflanzen fressen, oder Blattläuse und Käfer, die es auf Kartoffel oder Raps abgesehen haben. Doch auch Bienen sind Insekten. Die Bienenstände von Wolfgang Pointecker sind zu einem Drittel von Maisfeldern umgeben.

Mit seiner Geschichte ist Pointecker nicht alleine: Josef Stich, Obmann des heimischen Erwerbsimkerverbandes und selbst Imker mit 200 Völkern, spricht von einem "erhöhten Bienensterben“. Der Winter sei der Selekteur unter den Bienen. Kranke, schwache, zu alte Bienen überleben den Winter nicht. Das sei in einem gewissen Ausmaß ganz natürlich. Doch dieses Bienensterben ist es längst nicht mehr: "Die Pestizide haben mit Sicherheit einen höheren Anteil an den Winterverlusten, als ich jemals geglaubt habe“, sagt Stich, "was das Bienensterben von April bis Juni betrifft, steht sowieso fest: Das können nur Pestizide sein.“

Die Wissenschaftler der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) haben in einem Gutachten "eine Reihe von Risiken für Bienen identifiziert, die von drei Neonicotinoiden-Insektiziden ausgehen“. Clothianidin ist einer dieser Stoffe, er hat auch Wolfgang Pointeckers Bienen getötet. Die EFSA warnt außerdem noch vor Imidacloprid und Thiamethoxam. In Italien, Slowenien und einigen Bundesländern Deutschlands sind einige dieser Neonicotinoide bereits verboten. Auch die EU-Kommission strebt seit dem EFSA-Gutachten ein europaweites Verbot der giftigen Stoffe an - und ließ die EU-Länder Ende April endgültig darüber abstimmen: Vier Länder enthielten sich der Stimme, fünfzehn waren für ein Verbot und acht Länder dagegen - darunter Österreich. Nun liegt die Entscheidung bei der EU-Kommission.

Gen-Saatgut wegen Pestizid-Verbot?

In Österreich führen die Bienen neben ihrem Überlebenskampf nun auch eine harte innenpolitische Debatte an. Auf Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich (ÖVP), der für das "Nein“ zum Pestizidverbot verantwortlich ist, hagelt es Kritik vom Koalitionspartner SPÖ und der Opposition, die sogar seinen Rücktritt fordert. Am 15. Mai wird auf Antrag der Grünen im Landwirtschaftsausschuss über ein Verbot in Österreich abgestimmt. "Die ÖVP muss ihre Blockadehaltung beenden und den Weg für den Schutz der Bienen frei machen“, fordert Wolfgang Pirklhuber, Landwirtschaftssprecher der Grünen. Berlakovich wiederum befürchtet, dass durch ein Verbot der Neonicotinoide Österreichs Umwelt noch viel größerer Schaden blüht: Mehrere Mitgliedsstaaten hätten bereits angekündigt, dass sie bei einem Verbot gentechnisch verändertes Saatgut anbauen wollen, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Bei Nachbarländern wäre es dann "unvermeidbar“, dass Gen-Saatgut auch auf heimischen Feldern landen würde. Zudem wären vor allem Kleinbauern einem vermehrten wirtschaftlichen Druck ausgesetzt.

Abgesehen davon hält Berlakovich nicht viel von dem EFSA-Gutachten zum Bienensterben: "Die europäische Ebene hat es bisher verabsäumt, eine wissenschaftlich fundierte und vollständige Studie vorzulegen.“ Dabei sind die Wissenschaftler der EU-Behörde in ihrer Risikobewertung zum selben Schluss gekommen, wie die "Melissa-Studie“ aus Österreich: Nämlich dass Neonicotinoide Bienen gefährden. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), deren Eigentumsvertreter Niki Berlakovich ist, hat von 2009 bis 2011 tote Bienen, kontaminierte Waben und Pflanzen von Österreichs Imkern gesammelt und untersucht.

Keine wissenschaftlichen Zweifel

Das Ergebnis war eindeutig: "Es gibt einen unbestrittenen Zusammenhang zwischen Bienenverlusten und insektizidgebeiztem Saatgut“, schreibt die AGES in ihrem Endbericht der "Melissa-Studie“. Und nennt bei der offiziellen Präsentation der Daten auch eine Zahl - eine Zahl, die in der Studie selbst jedoch nicht zu finden ist: "Von zirka 367.000 Bienenvölkern in Österreich wurden 2011 bei 1396 Bienenvölkern (0,38 Prozent) Schädigungen durch insektizidgebeiztes Saatgut nachgewiesen“. Nicht einmal ein halbes Prozent von Österreichs Bienenvölkern ist demnach vergiftet. Übertreibt die EU etwa mit ihrem Kampf gegen Pestizide?

"Das ist eine falsche Rechnung“, sagt Helmut Burtscher, Umweltchemiker von Global 2000. "Indem die AGES die Zahl der geschädigten Bienenvölker, die sich aus freiwillig eingesandten Verdachtsproben ergab, ohne Hochrechnung mit der Gesamtheit der in Österreich registrierten Bienenvölker in Verhältnis setzte, kam sie auf diese geringe Zahl.“ Tatsächlich hätten sich in der Melissa-Studie rund 50 Prozent der 2011 untersuchten Verdachtsproben als mit Neonicotinoiden geschädigt erwiesen. Auch der ehemalige langjährige Koordinator der ARGE Bienenforschung und mit 5000 Bienenvölkern Österreichs größter Bio-Imker, Stefan Mandl, hält die Giftigkeit von Neonicotinoiden für längst erwiesen: "Wissenschaftlich gibt es da überhaupt keinen Zweifel“, sagt Mandl und verweist auf 50 Abhandlungen international renommierter Forscher.

Bauern zahlen doppelt drauf

Verbergen sich etwa ganz andere Interessen hinter der Haltung des Landwirtschaftsministers? Sind wirklich die Bauern die geschädigten, wenn es um ein Verbot von Neonicotinoiden geht? Oder ist es nicht gerade umgekehrt - werden die Bauern nicht weit mehr geschädigt, wenn das Bienensterben durch Pestizide zunimmt?

Mit seiner früheren Forschungsgruppe an der BOKU Wien hat Stefan Mandl ein "Bestäubungshandbuch“ herausgebracht und die Arbeit der Biene in Geld umgerechnet: 90 Millionen Euro - so viel ist der Honig eines Jahres in Österreich Wert. 900 Millionen Euro - so viel ist ihr Flug von einer Blüte zur nächsten, also die Bestäubung von Nutz- und Gartenpflanzen Wert. "Stellt der Bauer neben seinem Kürbisfeld Bienenvölker auf, kann er um ein Viertel mehr ernten, kann mehr Kürbiskernöl produzieren und mehr Gewinn machen“, rechnet Mandl vor.

Die Bauern, vermeintliche Kernklientel von Niki Berlakovich, zahlen beim Bienensterben aber doppelt drauf: "Niemand bestreitet, dass die Stoffe hochgiftig sind“, sagt der Imker-Obmann, Josef Stich, "selbst die Hersteller nicht.“ Stattdessen schieben sie die Verantwortung den Bauern zu, was sich dann auf Sicherheitshinweisen so liest: "Exposition nur bei unsachgemäßer Anwendung“. "Die Bauern werden so zu Rechtsbrechern gemacht“, sagt Wolfgang Pirklhuber von den Grünen. Auch der Landwirtschaftsminister argumentiert mit der Verantwortung der Bauern: "Seit Jahren gelten hierzulande strenge und nachweislich wirksame Auflagen für den Einsatz von Neonicotinoiden“, heißt es in einer Aussendung des Ministeriums.

Gebeiztes Maissaatgut "sachgemäß“ anzuwenden, also so, dass es nicht in die Umwelt gerät, ist aber nicht so einfach, bestätigt auch Stefan Mandl: "Alleine wenn das Saatgut in die Sämaschinen geschüttet wird, verbreitet sich der Abrieb des Giftes. Dieser Staub bei der Aussaat ist die erste Vergiftungsmöglichkeit für die Landschaft. Die zweite Vergiftungswelle ist das Schwitzwasser der jungen Pflanzen, die dritte sind die Pollen, und die vierte sind die Nachkulturen.“ Folgt auf gebeizten Mais etwa Raps, könne man das Gift im Rapspollen immer nachweisen. Das Problem des Giftes sei, so Mandl, "dass es nicht im Maiskorn bleibt - und bereits vier Nanogramm, also vier Milliardstel Gramm, des Mittels reichen aus, um eine Biene zu töten.“ Oder, wie die Umweltschutzorganisation Global 2000 umrechnet: Die Menge entspreche einer Dosis von fünf Tropfen in einem 80 Kubikmeter großen Schwimmbecken.

Berufsimker Wolfgang Pointecker beobachtet die kommenden Tage seine Bienen besonders genau. Er hofft, dass es diesmal zu keinem großen Sterben kommt, wie damals im Mai vor einem Jahr. Der Imker kennt die Besitzer jener Felder, die seine Bienen besuchen. Er kennt die Landwirte in dem rund 600 Einwohner Ort in Oberösterreich - und er kennt ihre Argumente.

"Wir brauchen das, diese Pestizide, sonst funktioniert die Ernte nicht“, habe einer zu ihm gesagt, "sonst können wir die österreichische Bevölkerung nicht ernähren“. Aber er habe auch andere Sätze gehört. Sätze wie: "Das giftige Zeug nehm’ ich sowieso nicht. Das liegt in meiner Verantwortung.“

Die EU will Pflanzenschutzmittel, die in Verdacht stehen, Bienen zu töten, verbieten. Doch Österreich ist dagegen. Deshalb führen die Bienen neben ihrem Überlebenskampf eine hitzige politische Debatte an.

Es war am 16. Mai vor einem Jahr, als das Sterben begann. In Schichten von zwei bis drei Zentimetern lagen die Bienen in seinen Stöcken. Vier Tage dauerte es, dann waren alle zwei Millionen Bienen tot. 42 Völker, ein ganzer Bienenstand. Vier Tage lang sah der Berufsimker Wolfgang Pointecker aus Wippenham in Oberösterreich seinen Honigsammlerinnen beim Sterben zu und konnte nichts dagegen machen. "Da kommen einem die Tränen“, sagt Pointecker. "Wenn es so weitergeht, hänge ich meine Arbeit spätes-tens in fünf Jahren an den Nagel.“

Heute weiß Wolfgang Pointecker, woran seine Bienen zugrunde gegangen sind: an Neonicotinoiden. So wird eine Gruppe von giftigen Pflanzenschutzmitteln mit nikotinartigen Wirkstoffen genannt. Hergestellt werden diese Substanzen von den Chemieriesen Bayer und Syngenta. Sie sollen Pflanzen schützen und Insekten töten - sogenannte Schädlinge wie den Maiswurzelbohrer zum Beispiel, dessen Larven mit Vorliebe die Füße der Maispflanzen fressen, oder Blattläuse und Käfer, die es auf Kartoffel oder Raps abgesehen haben. Doch auch Bienen sind Insekten. Die Bienenstände von Wolfgang Pointecker sind zu einem Drittel von Maisfeldern umgeben.

Mit seiner Geschichte ist Pointecker nicht alleine: Josef Stich, Obmann des heimischen Erwerbsimkerverbandes und selbst Imker mit 200 Völkern, spricht von einem "erhöhten Bienensterben“. Der Winter sei der Selekteur unter den Bienen. Kranke, schwache, zu alte Bienen überleben den Winter nicht. Das sei in einem gewissen Ausmaß ganz natürlich. Doch dieses Bienensterben ist es längst nicht mehr: "Die Pestizide haben mit Sicherheit einen höheren Anteil an den Winterverlusten, als ich jemals geglaubt habe“, sagt Stich, "was das Bienensterben von April bis Juni betrifft, steht sowieso fest: Das können nur Pestizide sein.“

Die Wissenschaftler der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) haben in einem Gutachten "eine Reihe von Risiken für Bienen identifiziert, die von drei Neonicotinoiden-Insektiziden ausgehen“. Clothianidin ist einer dieser Stoffe, er hat auch Wolfgang Pointeckers Bienen getötet. Die EFSA warnt außerdem noch vor Imidacloprid und Thiamethoxam. In Italien, Slowenien und einigen Bundesländern Deutschlands sind einige dieser Neonicotinoide bereits verboten. Auch die EU-Kommission strebt seit dem EFSA-Gutachten ein europaweites Verbot der giftigen Stoffe an - und ließ die EU-Länder Ende April endgültig darüber abstimmen: Vier Länder enthielten sich der Stimme, fünfzehn waren für ein Verbot und acht Länder dagegen - darunter Österreich. Nun liegt die Entscheidung bei der EU-Kommission.

Gen-Saatgut wegen Pestizid-Verbot?

In Österreich führen die Bienen neben ihrem Überlebenskampf nun auch eine harte innenpolitische Debatte an. Auf Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich (ÖVP), der für das "Nein“ zum Pestizidverbot verantwortlich ist, hagelt es Kritik vom Koalitionspartner SPÖ und der Opposition, die sogar seinen Rücktritt fordert. Am 15. Mai wird auf Antrag der Grünen im Landwirtschaftsausschuss über ein Verbot in Österreich abgestimmt. "Die ÖVP muss ihre Blockadehaltung beenden und den Weg für den Schutz der Bienen frei machen“, fordert Wolfgang Pirklhuber, Landwirtschaftssprecher der Grünen. Berlakovich wiederum befürchtet, dass durch ein Verbot der Neonicotinoide Österreichs Umwelt noch viel größerer Schaden blüht: Mehrere Mitgliedsstaaten hätten bereits angekündigt, dass sie bei einem Verbot gentechnisch verändertes Saatgut anbauen wollen, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Bei Nachbarländern wäre es dann "unvermeidbar“, dass Gen-Saatgut auch auf heimischen Feldern landen würde. Zudem wären vor allem Kleinbauern einem vermehrten wirtschaftlichen Druck ausgesetzt.

Abgesehen davon hält Berlakovich nicht viel von dem EFSA-Gutachten zum Bienensterben: "Die europäische Ebene hat es bisher verabsäumt, eine wissenschaftlich fundierte und vollständige Studie vorzulegen.“ Dabei sind die Wissenschaftler der EU-Behörde in ihrer Risikobewertung zum selben Schluss gekommen, wie die "Melissa-Studie“ aus Österreich: Nämlich dass Neonicotinoide Bienen gefährden. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), deren Eigentumsvertreter Niki Berlakovich ist, hat von 2009 bis 2011 tote Bienen, kontaminierte Waben und Pflanzen von Österreichs Imkern gesammelt und untersucht.

Keine wissenschaftlichen Zweifel

Das Ergebnis war eindeutig: "Es gibt einen unbestrittenen Zusammenhang zwischen Bienenverlusten und insektizidgebeiztem Saatgut“, schreibt die AGES in ihrem Endbericht der "Melissa-Studie“. Und nennt bei der offiziellen Präsentation der Daten auch eine Zahl - eine Zahl, die in der Studie selbst jedoch nicht zu finden ist: "Von zirka 367.000 Bienenvölkern in Österreich wurden 2011 bei 1396 Bienenvölkern (0,38 Prozent) Schädigungen durch insektizidgebeiztes Saatgut nachgewiesen“. Nicht einmal ein halbes Prozent von Österreichs Bienenvölkern ist demnach vergiftet. Übertreibt die EU etwa mit ihrem Kampf gegen Pestizide?

"Das ist eine falsche Rechnung“, sagt Helmut Burtscher, Umweltchemiker von Global 2000. "Indem die AGES die Zahl der geschädigten Bienenvölker, die sich aus freiwillig eingesandten Verdachtsproben ergab, ohne Hochrechnung mit der Gesamtheit der in Österreich registrierten Bienenvölker in Verhältnis setzte, kam sie auf diese geringe Zahl.“ Tatsächlich hätten sich in der Melissa-Studie rund 50 Prozent der 2011 untersuchten Verdachtsproben als mit Neonicotinoiden geschädigt erwiesen. Auch der ehemalige langjährige Koordinator der ARGE Bienenforschung und mit 5000 Bienenvölkern Österreichs größter Bio-Imker, Stefan Mandl, hält die Giftigkeit von Neonicotinoiden für längst erwiesen: "Wissenschaftlich gibt es da überhaupt keinen Zweifel“, sagt Mandl und verweist auf 50 Abhandlungen international renommierter Forscher.

Bauern zahlen doppelt drauf

Verbergen sich etwa ganz andere Interessen hinter der Haltung des Landwirtschaftsministers? Sind wirklich die Bauern die geschädigten, wenn es um ein Verbot von Neonicotinoiden geht? Oder ist es nicht gerade umgekehrt - werden die Bauern nicht weit mehr geschädigt, wenn das Bienensterben durch Pestizide zunimmt?

Mit seiner früheren Forschungsgruppe an der BOKU Wien hat Stefan Mandl ein "Bestäubungshandbuch“ herausgebracht und die Arbeit der Biene in Geld umgerechnet: 90 Millionen Euro - so viel ist der Honig eines Jahres in Österreich Wert. 900 Millionen Euro - so viel ist ihr Flug von einer Blüte zur nächsten, also die Bestäubung von Nutz- und Gartenpflanzen Wert. "Stellt der Bauer neben seinem Kürbisfeld Bienenvölker auf, kann er um ein Viertel mehr ernten, kann mehr Kürbiskernöl produzieren und mehr Gewinn machen“, rechnet Mandl vor.

Die Bauern, vermeintliche Kernklientel von Niki Berlakovich, zahlen beim Bienensterben aber doppelt drauf: "Niemand bestreitet, dass die Stoffe hochgiftig sind“, sagt der Imker-Obmann, Josef Stich, "selbst die Hersteller nicht.“ Stattdessen schieben sie die Verantwortung den Bauern zu, was sich dann auf Sicherheitshinweisen so liest: "Exposition nur bei unsachgemäßer Anwendung“. "Die Bauern werden so zu Rechtsbrechern gemacht“, sagt Wolfgang Pirklhuber von den Grünen. Auch der Landwirtschaftsminister argumentiert mit der Verantwortung der Bauern: "Seit Jahren gelten hierzulande strenge und nachweislich wirksame Auflagen für den Einsatz von Neonicotinoiden“, heißt es in einer Aussendung des Ministeriums.

Gebeiztes Maissaatgut "sachgemäß“ anzuwenden, also so, dass es nicht in die Umwelt gerät, ist aber nicht so einfach, bestätigt auch Stefan Mandl: "Alleine wenn das Saatgut in die Sämaschinen geschüttet wird, verbreitet sich der Abrieb des Giftes. Dieser Staub bei der Aussaat ist die erste Vergiftungsmöglichkeit für die Landschaft. Die zweite Vergiftungswelle ist das Schwitzwasser der jungen Pflanzen, die dritte sind die Pollen, und die vierte sind die Nachkulturen.“ Folgt auf gebeizten Mais etwa Raps, könne man das Gift im Rapspollen immer nachweisen. Das Problem des Giftes sei, so Mandl, "dass es nicht im Maiskorn bleibt - und bereits vier Nanogramm, also vier Milliardstel Gramm, des Mittels reichen aus, um eine Biene zu töten.“ Oder, wie die Umweltschutzorganisation Global 2000 umrechnet: Die Menge entspreche einer Dosis von fünf Tropfen in einem 80 Kubikmeter großen Schwimmbecken.

Berufsimker Wolfgang Pointecker beobachtet die kommenden Tage seine Bienen besonders genau. Er hofft, dass es diesmal zu keinem großen Sterben kommt, wie damals im Mai vor einem Jahr. Der Imker kennt die Besitzer jener Felder, die seine Bienen besuchen. Er kennt die Landwirte in dem rund 600 Einwohner Ort in Oberösterreich - und er kennt ihre Argumente.

"Wir brauchen das, diese Pestizide, sonst funktioniert die Ernte nicht“, habe einer zu ihm gesagt, "sonst können wir die österreichische Bevölkerung nicht ernähren“. Aber er habe auch andere Sätze gehört. Sätze wie: "Das giftige Zeug nehm’ ich sowieso nicht. Das liegt in meiner Verantwortung.“