#Klimawandel

Klima im Wandel

Biene - © Foto: Pixabay
Gesellschaft

„Die Bienen kämpfen an vielen Fronten“

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Imker Albert Schittenhelm im Gespräch über die Honigbiene als Nutztier und ihre artgerechte Haltung.

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Imker Albert Schittenhelm im Gespräch über die Honigbiene als Nutztier und ihre artgerechte Haltung.

Bienen bestäuben rund drei Viertel aller vom Menschen genutzten Pflanzen und gelten nach Kühen und Schweinen als die wichtigsten Nutztiere. Albert Schittenhelm, Imker und Präsident des Wiener Landesverbands für Bienenzucht, über den Stellenwert des Tierwohls in der Honigproduktion und warum er es schade findet, dass Veganer keinen Honig essen wollen.

Bienen bestäuben rund drei Viertel aller vom Menschen genutzten Pflanzen und gelten nach Kühen und Schweinen als die wichtigsten Nutztiere. Albert Schittenhelm, Imker und Präsident des Wiener Landesverbands für Bienenzucht, über den Stellenwert des Tierwohls in der Honigproduktion und warum er es schade findet, dass Veganer keinen Honig essen wollen.

DIE FURCHE: Vergangene Woche hat ein Vorfall im US-Bundesstaat Montana auch bei uns für Schlagzeilen gesorgt: Ein LKW mit 133 Millionen Bienen ist umgekippt. Ein kleiner Teil der Bienen ist gestorben, der Rest entkommen. Warum werden Bienen in den USA mit LKWs transportiert?
Albert Schittenhelm: In den USA herrscht eine ganz andere Struktur als bei uns. Dort bekommt der Imker kaum Geld für den Honig, sondern dafür, dass er die Landwirtschaft bei der Bestäubung unterstützt. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein Imker mit seinen Bienen von der Westküs­te zur Ostküste fährt, um Kulturpflanzen zu bestäuben. Das Problem liegt in der amerikanischen Agrarindustrie, denn es werden Lebensmittel in Regionen angebaut, die dort gar nicht hingehören – etwa Mandelplantagen mitten in der Wüste Kaliforniens. Da gibt es Hunderte Kilometer rund herum nichts, auch keine Bienen.

DIE FURCHE: Was bedeutet das für die transportierten Bienen?
Schittenhelm: Für die Bienen ist das natürlich vernichtend, die leiden an Mangel­ernährung, weil sie immer nur zu Monokulturen gebracht werden. Es ist generell katastrophal, wie in den USA mit den Bienen umgegangen wird. Da gibt es riesige Honigfabriken, in denen die Imker die Waben einfach abliefern, weil sie mit dem Honig gar nichts zu tun haben wollen.

DIE FURCHE: Werden Bienen auch in Österreich für die Bestäubung transportiert?
Schittenhelm: Es ist durchaus Praxis, dass etwa ein Imker aus dem Weinviertel auch Waldhonig ernten möchte und deswegen mit einem Teil seiner Bienenvölker in das Waldviertel fährt. Aber das passiert natürlich unter ganz anderen Bedingungen als in den USA. Dort werden die Bienenvölker einfach auf den LKW gepackt und es ist völlig egal, ob während der Reise zehn Bienenvölker verenden, weil im Truck sowieso Tausende Völker sind. In Österreich fährt der Imker nur mit ein paar Völkern herum, hat die aber entsprechend gesichert.

DIE FURCHE: Gibt es in Österreich Vorschriften für die artgerechte Haltung von Bienen?
Schittenhelm: Es gelten Gesetze wie auch bei anderen Nutztieren, etwa dass man Tiere nicht grundlos töten darf. Aber der Unterschied zu anderen Tierarten ist, dass die Biene immer ein Wildtier bleiben wird. Sie lässt sich nicht domestizieren. Daher ist auch schon vorgegeben, wie ich ein Bienenvolk zu halten habe: nämlich so natürlich wie möglich. Man muss sich auch Regeln unterwerfen, die zum Beispiel im Landesbienenzuchtgesetz oder im Bienenseuchengesetz vorgeschrieben sind.

DIE FURCHE: Wie geht es den Bienen in Österreich? Was hat es mit dem Bienensterben auf sich?
Schittenhelm: Die Bienen kämpfen derzeit an vielen Fronten. Ein Mitverursacher für das Bienensterben ist der Einsatz von Neo­nicotinoiden als Spritzmittel in der Landwirtschaft. Denn diese Pestizide töten nicht selektiv, sondern sie töten – und zwar umfassend. Auch der Klimawandel ist ein Problem. Viele Imker wissen oftmals noch nicht, wie sie in der Betriebsweise damit umgehen sollen. In den vergangenen Jahren haben sich zudem viele Viren, Bakterien und Krankheitserreger sehr stark vermehrt.

DIE FURCHE: Die Sensibilisierung für das Bienensterben trägt auch dazu bei, dass Hobby-Imkern immer beliebter wird Was halten Sie davon?
Schittenhelm: Ich würde es eher als Freizeit-Imkern bezeichnen, denn es ist sehr zeitaufwändig. Und der Imker macht die Arbeit nicht nur für sich, sondern sichert auch die Bestäubungsleistung für ein gewisses Gebiet. Es ist also eine sehr wichtige Tätigkeit. Aber ich muss natürlich meine Verantwortung für dieses Nutztier wahrnehmen. Auch Freizeit-Imker sollten sich schulen lassen, um zu wissen, wie man zum Beispiel im Krankheitsfall vorgeht.

DIE FURCHE: Kommt der Honig aus dem Handel immer vom österreichischen Imker?
Schittenhelm: Nein, in Österreich wird sehr viel Honig importiert. Österreichische Imker produzieren zwischen fünf und sieben Millionen Tonnen im Jahr. Ungefähr die gleiche Menge wird noch einmal eingeführt. Da geht es simpel um den Preis. Der Honig aus China wird um 1,10 oder 1,15 Euro pro Kilo importiert – unter solchen Voraussetzungen kann kein österreichischer Imker produzieren. Und Honig ist nicht gleich Honig. Beim Honig aus China wurden auch schon Reissirup und andere Subs­tanzen, sogar Pestizide gefunden.

DIE FURCHE: Gibt es auch einen Unterschied in der Qualität bei der Tierhaltung?
Schittenhelm: Absolut. Das unterliegt in fernen Ländern ja oftmals gar keiner Kontrolle. Wie das amerikanische Beispiel zeigt, wird die Biene sehr oft lediglich als Sache oder auch als Werkzeug betrachtet. Bei uns gilt sie als faszinierendes und wichtiges Lebewesen. Besonders unter Imkern. Wenn man die Möglichkeit hat, wäre es am besten, sich den Honig direkt vom Imker zu holen. Da kann ich mir ansehen, unter welchen Voraussetzungen produziert wird und mich darauf verlassen, dass es ein gutes Produkt ist. Ich finde es sehr schade, dass Veganer lieber Zucker essen, als das nicht zu Tode verarbeitete Naturprodukt Honig. Bienen produzieren nämlich viel mehr Honig, als sie selbst brauchen würden. Also viel Arbeit umsonst, wenn sich diesen Überschuss niemand holen würde.