#Klimawandel

Klima im Wandel

Climate - © Foto: Pixabay
Wissen

Vor dem Nachweis handeln!

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wissenschaftler können das Eintreten des Klimawandels noch nicht beweisen - die meisten sind trotzdem für sofortige Gegenmaßnahmen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wissenschaftler können das Eintreten des Klimawandels noch nicht beweisen - die meisten sind trotzdem für sofortige Gegenmaßnahmen.

Die jüngste Meldung von der "Klimafront": Messungen amerikanischer Wettersatelliten hatten ergeben, daß sich die Troposphäre, also jener Teil der Lufthülle der Erde, wo die für das Wetter entscheidenden Vorgänge stattfinden, um 0,05 Grad Celsius pro Jahrzehnt abkühlt, statt sich, wie vorausgesagt, zu erwärmen. Diese Meßdaten waren offenbar fehlerhaft, da der orbitale Niedergang (laufender Höhenverlust der Wettersatelliten) die Ergebnisse verfälschte. Daher ergebe sich nun doch eine Erwärmung der Troposphäre in 3.500 Meter Höhe um 0,07 Grad pro Jahrzehnt. Also plötzlich Übereinstimmung über die Erwärmung der Erde?

Ein bekannter Kritiker der Erwärmungstheorie, John Christy von der University of Alabama, rechnet nun den Fehler aufgrund des orbitalen Niederganges gegen eine Reihe in die andere Richtung wirkender Ungenauigkeiten auf und spricht von einer Abkühlung um 0,01 Grad pro Dekade. Also wieder keine Sicherheit. Allerdings halten neuerdings auch die für diese Messungen verantwortlichen NASA-Experten den Erwärmungstrend für offensichtlich. Unbeantwortet sei nur noch die Frage nach dem Tempo der Zunahme. In einem Punkt immerhin stimmt der größere Teil der Naturwissenschaftler, die sich mit dem Weltklima befassen, längst überein: Es wird wärmer auf der Erde - mit höchst ungemütlichen Folgen für die Menschheit. Doch noch dezidierter stimmen sie der Feststellung zu, daß diese Veränderungen derzeit nur mit großen Schwierigkeiten nachweisbar sind. Immerhin: Die Forschung bewegt sich langsam, aber sicher auf den Nachweis der globalen Erwärmung zu. Naturwissenschaftler meinen aber Sicherheit und nicht etwa eine noch so große Wahrscheinlichkeit, wenn sie von Nachweisen und von Sicherheit sprechen.

Irritierende Zurückhaltung

Diese Zurückhaltung irritiert viele, die schon jetzt konkrete Maßnahmen sehen wollen - und wird von jenen, die solche Maßnahmen verhindern wollen, als Alibi mißbraucht. In einem weiteren Punkt sind sich die Vertreter der einschlägigen Disziplinen ziemlich einig: Das Weltklima ist ein System mit einem hohen Grad von eingebauter Stabilität, das aber dazu neigt, bei Erreichen bestimmter kritischer Punkte zu kippen. Doch diese Sprungstellen sind nicht bekannt. Man weiß noch nicht, unter welchen Umständen und wann das Klima kippt.

Das Bild bleibt also wohl noch einige Zeit verwirrend. Dies ist aber nur zum Teil auf das klassische Spiel von Kritisieren und Verteidigen von Hypothesen im Vorfeld der Theoriebildung zurückzuführen. Die Klimaforschung ist einem gewaltigen Zustrom neuer Fakten konfrontiert, wobei sich immer neue Fragen auftun. So verkündete das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) vor zweieinhalb Jahren die anthropogene (vom Menschen verursachte) Klimaerwärmung für nachgewiesen. Zwei Jahre später stritt man wieder darüber, ob die europäischen Temperaturrekorde der achtziger und neunziger Jahre nicht doch ein Phänomen im Rahmen der Wetterschwankungen seien. Die Debatte hat mehr Ähnlichkeit mit dem Auf und Ab des Wetters als mit einem kontinuierlichen Prozeß wie dem der globalen Erwärmung oder des Zuwachses an Wissen.

Ein Hauptproblem bei der Abgrenzung des Klimawandels vom Wetter mit seiner Schwankungsbreite ist, daß letztere viel zu wenig bekannt ist. Die Zeitreihen der Messungen werden umso ungenauer und lückenhafter, je weiter man zurückgeht. Global flächendeckende Messungen gibt es erst seit kurzer Zeit. Kennt man aber die Extremauschläge des Wetters und deren Aufeinanderfolge in der Vergangenheit nicht, wird auch die Deutung einer heutigen dichten Aufeinanderfolge von Extremauschlägen als Indiz für eine Klimaänderung fragwürdig. Kippeffekte bestimmen nicht nur das Klima. Es gibt sie auch im Wettergeschehen. Sir Gilbert Walker, der auch El Nino entdeckte, beschrieb bereits in den zwanziger Jahren die Nordatlantische Oszillation, eine Art Druckschaukel, die in Europa zu langlebigen Großwettertendenzen führt, die zehn und mehr Jahre andauern können.

Je größer aber die Oszillationen sind, die sich noch dem normalen Wettergeschehen zuordnen lassen, desto schwerer lassen sich auch die sekundären Auswirkungen des vermuteten Klimawandels nachweisen. Man kann davon ausgehen, daß er sich nicht lediglich in Form steigender Temperaturen manifestiert. Erwärmung bedeutet Zufuhr von Energie. Mehr Energie in der Erdatmosphäre bedeutet größere Temperaturgefälle, ein heftigeres und längeres jahreszeitliches Ausgleichsgeschehen und somit verheerendere Stürme. Meteorologen der Versicherungswirtschaft rechnen längst mit Super-Zyklonen von bisher ungeahnter Wucht, die auch Gebiete erreichen können, in denen man heute überhaupt nicht mit Wirbelstürmen rechnet. Doch selbst bei einem künftigen Super-Zyklon von bisher nie beobachteter Wucht könnte es sich um einen Extremauschlag des Wetters handeln.

Wissen auf wackeligen Beinen

Unser Wissen über Klima und Klimaveränderung schreitet auf drei Beinen voran. Kein Wunder also, wenn es dies etwas wackelig tut. Ein Bein ist die Beobachtung der laufenden und die Rekonstruktion der vergangenen Vorgänge. Dazu gehört das Sammeln immer genauerer, längerer, größere Flächen deckender Meßreihen. Dazu gehört aber auch die Untersuchung von Bohrkernen aus Gletschern und Sedimentgesteinen. Diese geben Auskünfte über weit zurückliegende Vorgänge, deren Genauigkeit den Laien erstaunt. Das zweite Bein sind die vielzitierten Computersimulationen, mit denen sich die Auswirkung verschiedener Faktoren auf das Klima durchspielen läßt. Man überprüft die Verläßlichkeit solcher Modelle, indem man sie vergangene, bekannte Vorgänge nachspielen läßt und sieht, wie nahe das Computerprogramm, wenn man eine bekannte Ausgangssituation eingibt, an das bereits bekannte Ergebnis herankommt. Das dritte Bein ist die Erfassung kausaler Zusammenhänge.

Der Treibhauseffekt ist das Ergebnis eines kausalen Zusammenhanges: CO2 und bestimmte Spurengase verringern die Abstrahlung von Wärme von der Erde in den Weltraum. An diesem Mechanismus ist grundsätzlich nicht zu zweifeln, doch wieviel von welchen klimaschädlichen Gasen zu wieviel Erwärmung führt, und ob nicht durch andere Mechanismen gegenläufige Effekte eintreten können, das ist das Ergebnis von Vorgängen, die derart kompliziert sind, daß sie sich derzeit noch nicht mit hinreichender Verläßlichkeit in Computern simulieren lassen. An den Wolken beispielsweise beißen sich die Modelle derzeit noch die Zähne aus. Von einem anderen, für Europa besonders gefährlichen Kausalzusammenhang ist in diesem Dossier im Interview mit Jens Meincke die Rede.

Die jüngste Meldung von der "Klimafront": Messungen amerikanischer Wettersatelliten hatten ergeben, daß sich die Troposphäre, also jener Teil der Lufthülle der Erde, wo die für das Wetter entscheidenden Vorgänge stattfinden, um 0,05 Grad Celsius pro Jahrzehnt abkühlt, statt sich, wie vorausgesagt, zu erwärmen. Diese Meßdaten waren offenbar fehlerhaft, da der orbitale Niedergang (laufender Höhenverlust der Wettersatelliten) die Ergebnisse verfälschte. Daher ergebe sich nun doch eine Erwärmung der Troposphäre in 3.500 Meter Höhe um 0,07 Grad pro Jahrzehnt. Also plötzlich Übereinstimmung über die Erwärmung der Erde?

Ein bekannter Kritiker der Erwärmungstheorie, John Christy von der University of Alabama, rechnet nun den Fehler aufgrund des orbitalen Niederganges gegen eine Reihe in die andere Richtung wirkender Ungenauigkeiten auf und spricht von einer Abkühlung um 0,01 Grad pro Dekade. Also wieder keine Sicherheit. Allerdings halten neuerdings auch die für diese Messungen verantwortlichen NASA-Experten den Erwärmungstrend für offensichtlich. Unbeantwortet sei nur noch die Frage nach dem Tempo der Zunahme. In einem Punkt immerhin stimmt der größere Teil der Naturwissenschaftler, die sich mit dem Weltklima befassen, längst überein: Es wird wärmer auf der Erde - mit höchst ungemütlichen Folgen für die Menschheit. Doch noch dezidierter stimmen sie der Feststellung zu, daß diese Veränderungen derzeit nur mit großen Schwierigkeiten nachweisbar sind. Immerhin: Die Forschung bewegt sich langsam, aber sicher auf den Nachweis der globalen Erwärmung zu. Naturwissenschaftler meinen aber Sicherheit und nicht etwa eine noch so große Wahrscheinlichkeit, wenn sie von Nachweisen und von Sicherheit sprechen.

Irritierende Zurückhaltung

Diese Zurückhaltung irritiert viele, die schon jetzt konkrete Maßnahmen sehen wollen - und wird von jenen, die solche Maßnahmen verhindern wollen, als Alibi mißbraucht. In einem weiteren Punkt sind sich die Vertreter der einschlägigen Disziplinen ziemlich einig: Das Weltklima ist ein System mit einem hohen Grad von eingebauter Stabilität, das aber dazu neigt, bei Erreichen bestimmter kritischer Punkte zu kippen. Doch diese Sprungstellen sind nicht bekannt. Man weiß noch nicht, unter welchen Umständen und wann das Klima kippt.

Das Bild bleibt also wohl noch einige Zeit verwirrend. Dies ist aber nur zum Teil auf das klassische Spiel von Kritisieren und Verteidigen von Hypothesen im Vorfeld der Theoriebildung zurückzuführen. Die Klimaforschung ist einem gewaltigen Zustrom neuer Fakten konfrontiert, wobei sich immer neue Fragen auftun. So verkündete das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) vor zweieinhalb Jahren die anthropogene (vom Menschen verursachte) Klimaerwärmung für nachgewiesen. Zwei Jahre später stritt man wieder darüber, ob die europäischen Temperaturrekorde der achtziger und neunziger Jahre nicht doch ein Phänomen im Rahmen der Wetterschwankungen seien. Die Debatte hat mehr Ähnlichkeit mit dem Auf und Ab des Wetters als mit einem kontinuierlichen Prozeß wie dem der globalen Erwärmung oder des Zuwachses an Wissen.

Ein Hauptproblem bei der Abgrenzung des Klimawandels vom Wetter mit seiner Schwankungsbreite ist, daß letztere viel zu wenig bekannt ist. Die Zeitreihen der Messungen werden umso ungenauer und lückenhafter, je weiter man zurückgeht. Global flächendeckende Messungen gibt es erst seit kurzer Zeit. Kennt man aber die Extremauschläge des Wetters und deren Aufeinanderfolge in der Vergangenheit nicht, wird auch die Deutung einer heutigen dichten Aufeinanderfolge von Extremauschlägen als Indiz für eine Klimaänderung fragwürdig. Kippeffekte bestimmen nicht nur das Klima. Es gibt sie auch im Wettergeschehen. Sir Gilbert Walker, der auch El Nino entdeckte, beschrieb bereits in den zwanziger Jahren die Nordatlantische Oszillation, eine Art Druckschaukel, die in Europa zu langlebigen Großwettertendenzen führt, die zehn und mehr Jahre andauern können.

Je größer aber die Oszillationen sind, die sich noch dem normalen Wettergeschehen zuordnen lassen, desto schwerer lassen sich auch die sekundären Auswirkungen des vermuteten Klimawandels nachweisen. Man kann davon ausgehen, daß er sich nicht lediglich in Form steigender Temperaturen manifestiert. Erwärmung bedeutet Zufuhr von Energie. Mehr Energie in der Erdatmosphäre bedeutet größere Temperaturgefälle, ein heftigeres und längeres jahreszeitliches Ausgleichsgeschehen und somit verheerendere Stürme. Meteorologen der Versicherungswirtschaft rechnen längst mit Super-Zyklonen von bisher ungeahnter Wucht, die auch Gebiete erreichen können, in denen man heute überhaupt nicht mit Wirbelstürmen rechnet. Doch selbst bei einem künftigen Super-Zyklon von bisher nie beobachteter Wucht könnte es sich um einen Extremauschlag des Wetters handeln.

Wissen auf wackeligen Beinen

Unser Wissen über Klima und Klimaveränderung schreitet auf drei Beinen voran. Kein Wunder also, wenn es dies etwas wackelig tut. Ein Bein ist die Beobachtung der laufenden und die Rekonstruktion der vergangenen Vorgänge. Dazu gehört das Sammeln immer genauerer, längerer, größere Flächen deckender Meßreihen. Dazu gehört aber auch die Untersuchung von Bohrkernen aus Gletschern und Sedimentgesteinen. Diese geben Auskünfte über weit zurückliegende Vorgänge, deren Genauigkeit den Laien erstaunt. Das zweite Bein sind die vielzitierten Computersimulationen, mit denen sich die Auswirkung verschiedener Faktoren auf das Klima durchspielen läßt. Man überprüft die Verläßlichkeit solcher Modelle, indem man sie vergangene, bekannte Vorgänge nachspielen läßt und sieht, wie nahe das Computerprogramm, wenn man eine bekannte Ausgangssituation eingibt, an das bereits bekannte Ergebnis herankommt. Das dritte Bein ist die Erfassung kausaler Zusammenhänge.

Der Treibhauseffekt ist das Ergebnis eines kausalen Zusammenhanges: CO2 und bestimmte Spurengase verringern die Abstrahlung von Wärme von der Erde in den Weltraum. An diesem Mechanismus ist grundsätzlich nicht zu zweifeln, doch wieviel von welchen klimaschädlichen Gasen zu wieviel Erwärmung führt, und ob nicht durch andere Mechanismen gegenläufige Effekte eintreten können, das ist das Ergebnis von Vorgängen, die derart kompliziert sind, daß sie sich derzeit noch nicht mit hinreichender Verläßlichkeit in Computern simulieren lassen. An den Wolken beispielsweise beißen sich die Modelle derzeit noch die Zähne aus. Von einem anderen, für Europa besonders gefährlichen Kausalzusammenhang ist in diesem Dossier im Interview mit Jens Meincke die Rede.

Das Hin und Her über die Frage, ob die globale Erwärmung bereits nachgewiesen werden kann oder nicht, beziehungsweise die Tatsache, daß solche Nachweise immer wieder in Zweifel gezogen werden, setzt die Kausalzusammenhänge nicht außer Kraft.

Das Hin und Her über die Frage, ob die globale Erwärmung bereits nachgewiesen werden kann oder nicht, beziehungsweise die Tatsache, daß solche Nachweise immer wieder in Zweifel gezogen werden, setzt die Kausalzusammenhänge nicht außer Kraft. Wer aus diesem Hin und Her das Recht ableitet, zur Entwarnung zu blasen, handelt daher leichtfertig. Er könnte uns gleich empfehlen, die rote Verkehrsampel zu ignorieren, da ja das Herannahen eines Fahrzeuges im Querverkehr nicht nachgewiesen sei. Das Anhalten auf einer so wichtigen Fahrt sei nur zu verantworten, wenn das Kommen eines anderen Fahrzeugs erwiesen sei. In der Umweltpolitik ist dieses Argumentationsmuster noch immer sehr beliebt.

Entwarnung könnte nur als Freibrief verstanden werden, die Freisetzung von CO2 fortzusetzen, bis tatsächlich eine der Sprungstellen erreicht ist, an denen das Klima kippt. Die Klimadebatte beweist, wie wenig Genaues man bisher über das Gesamtsystem Klima und über die Wirkung von Eingriffen einschließlich der CO2-Freisetzung weiß. Dies kann aber doch nur ein Grund dafür sein, die Eingriffe in dieses System zu verringern. Und nicht, mit ihnen fortzufahren, bis es tatsächlich zu spät ist.

Dies könnte nämlich früher der Fall sein, als wir derzeit vermuten. Die richtige Antwort auf die Frage, wann die Natur denn nun auf die Eingriffe des Menschen reagieren und "zurückschlagen" werde, lautet wohl, daß sie damit wahrscheinlich längst begonnen hat, es aber anfangs langsam tut, und daß sich genau in jenem Stadium des Geschehens, in dem Gegenmaßnahmen noch aussichtsreich wären, die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung dem wissenschaftlichen Nachweis entziehen.Viele Menschen fragen sich, warum solche vorausschauende Gegenmaßnahmen, wie sie, mit vielen anderen Wissenschaftlern, auch Jens Meincke fordert, solange auf sich warten lassen. Die richtige Adresse für diese Frage sind aber nicht die Forscher, sondern die ökonomische und die von ihr vereinnahmte politische Macht.