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Feuilleton

Vorzeichen der Klimaänderung

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Stürme über Europa innerhalb weniger Wochen, Frühlingstemperaturen Anfang Februar: Übliche Ausreißer aus einem normalen Wettergeschehen oder Vorzeichen einer Klimaänderung?

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Zwei Stürme über Europa innerhalb weniger Wochen, Frühlingstemperaturen Anfang Februar: Übliche Ausreißer aus einem normalen Wettergeschehen oder Vorzeichen einer Klimaänderung?

Wer hätte das gedacht? Europa zählt bereits zu den Hochrisikoregionen für Klimakatastrophen. Durch die Zunahme von Hochwasser, Lawinen oder Stürmen mußte die Versicherungswirtschaft diese Einstufung vornehmen. Die "Jahrhundertfluten" an Rhein und Mosel, die Stürme "Vivian" oder "Lothar" seien nur stellvertretend für die vielen Schadensereignisse angeführt.

Allein die Aufräumungsarbeiten der Schäden von Orkan "Lothar" - in Mitteleuropa tobte seit Beginn der Wettermessungen kein Orkan stärker - kostet 100 Milliarden Schilling. 270 Millionen Bäume wurden abgeknickt. Die 35 Milliarden Schilling Schäden an der Stromversorgung Frankreichs kommentierte der geschockte Chef der "Electricite de France" (EdF) Francois Roussely: "Die Verwüstungen von Lothar seien beispiellos in der Geschichte der zivilisierten Welt!"

Das Klima in Europa hat sich geändert. Die statistischen Auswertungen der Meteorologen zeigen eindeutig, daß sich seit Anfang der siebziger Jahre im Winter die Westwindzirkulation deutlich verstärkt hat. Die Westwetterlagen nahmen um über 40 Prozent zu, und sie verlängerten sich im Mittel von 2,7 auf vier Tage. Das hat klimatische Auswirkungen. So gingen die Pegelstände am Rhein parallel zum Anstieg der Westwetterlagen nach oben, da die Niederschläge um 30 Prozent zunahmen.

Der in der Sprache der Meteorologen "Westlage zyklonal" genannte Witterungsablauf ist die neue Regentin des Winters in Europa. Die früheren "normalen" Winter waren von einem stabilen kontinentalen Kältehoch bestimmt. Es blockiert die vom Atlantik heranziehenden Tiefdruckgebiete und lenkt sie meist schon westlich der britischen Inseln Richtung Nordmeer oder Südeuropa ab. Fehlt das osteuropäische Kältehoch, so können die Sturmtiefs ungehindert bis nach Mitteleuropa vordringen. Das ist die Ursache für die viel zu milden, schneearmen, aber meist regenreichen Winter.

Wärmstes Jahrzehnt Bis um 1970 hatten wir in allen Regionen der Erde normale Temperaturschwankungen, die Jahre waren mal kälter, mal wärmer. Seither erwärmt sich die Erde nur noch, an keinem Punkt der Landoberfläche ging die Temperatur zurück. 1999 war das 21. Jahr in Folge mit einer Durchschnittstemperatur über dem langjährigen Mittel. Die 90er Jahre waren überhaupt das wärmste Jahrzehnt seit es Wetteraufzeichnungen gibt. Zum Ende dieses Jahrhunderts liegt laut WMO (Weltmeteorologieorganisation) die globale Durchschnittstemperatur rund 0,7 Grad über den Werten von vor 100 Jahren. Diese Erwärmung erhöht den Energiegehalt der Atmosphäre. Höhere Energie bedeutet mehr Bewegung. Dadurch verstärken sich unter anderem in den mittleren Breiten die Winde. Dies ist allerdings ein sehr komplexes Geschehen. Entscheidend sind die Veränderungen des Luftdruckgefälles, etwa zwischen Island und den Azoren, bekannt als Nordatlantische Oszillation.

All diese Argumente sprechen für eine Verstärkung des Treibhauseffektes. Auch die Klimamodelle prognostizieren bei einer durch Treibhausgase verursachten globalen Erwärmung, daß sich die Windsysteme in den mittleren Breiten verstärken. Genau das beobachten wir gerade ...

Der Autor ist Mitarbeiter von Klimabündnis Kärnten.

ZUM THEMA Deutliche Signale einer Erwärmung Weil das Wettergeschehen große Schwankungen kennt, ist es sicher unzulässig, aus Einzelereignissen schwerwiegende Schlußfolgerungen auf eine bereits stattfindende Klimaänderung zu ziehen. Es gibt eben Jahrhundertereignisse: Hochwässer, die im Durchschnitt nur einmal alle 100 Jahre auftreten, oder ebenso seltene Trockenperioden, außergewöhnliche Schneefälle oder Stürme.

Tatsache ist, daß sich solche katastrophenträchtigen Ereignisse allerdings zuletzt mehren: Man denke an die Kumulation von Rekordhitzen und Trockenperioden in den neunziger Jahren, aber auch an die Rekordüberschwemmungen 1997, die Rekordschneefälle im Vorjahr oder eben die Orkane über Europa.

Noch schwerer wiegen einige Langzeitbeobachtungen. Da stellt man etwa in der Arktis fest, daß die Bodentemperaturen um drei Grad seit 1970 gestiegen sind. Auch ein Großteil des Arktischen Ozeans hat sich seit 1987 um ein Grad erwärmt. Mehr als fünf Prozent des Eises im Arktischen Meer sind in den letzten 15 Jahren verschwunden, 15 Prozent des Eisvolumens sind verlorengegangen. Bemerkenswert ist auch das Schrumpfen der Alpengletscher: Bei Fortsetzung bisheriger Trends könnten bis zu 95 Prozent der Gletschermasse bis 2100 in den Alpen abtauen, warnt das IPCC, das "Intergovernmental Panel on Climatic Change". Der Verlust der Gletscher hätte selbstverständlich gravierende Folgen für den Wasserhaushalt der Flüsse in Europa, für Schiffahrt und vor allem auch für die Elektrizitätserzeugung aus Wasserkraft.

Die sich abzeichnende Erwärmung - sie ist im globalen Vergleich in Europa überdurchschnittlich hoch - würde in Südeuropa laut IPCC zu weniger Niederschlägen und zu wachsender Wasserknappheit, in Nordwesteuropa hingegen zu mehr Niederschlägen und häufigeren Überschwemmungen führen. Man möge sich jetzt schon auf schwerwiegende, wenn auch bewältigbare Folgen einstellen, stellt ein IPCC-Bericht fest, insbesondere auf das häufigere Auftreten von Extremereignissen.

Christof Gaspari