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"Dynamische Feedbacks mit dem Wasser"

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Zeitgleich zum Weltwasserforum in Südkorea findet in Wien eine wissenschaftliche Konferenz zu Kernfragen der Hydrologie statt. Wasserbau-Experte Günter Blöschl über die aktuellen Herausforderungen durch Dürren, Hochwässer und Sturzfluten.

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Zeitgleich zum Weltwasserforum in Südkorea findet in Wien eine wissenschaftliche Konferenz zu Kernfragen der Hydrologie statt. Wasserbau-Experte Günter Blöschl über die aktuellen Herausforderungen durch Dürren, Hochwässer und Sturzfluten.

Mit rund 12.000 Teilnehmern ist die Konferenz der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU), die von 12. bis 17. April in Wien stattfindet, einer der größten Wissenschafts-Events in Österreich. Die FURCHE traf EGU-Präsident Günter Blöschl, Vorstand des Instituts für Wasserbau und Ingenieurhydrologie an der TU Wien, zum Gespräch.

DIE FURCHE: Fast eine Milliarde Menschen sind heute laut Berichten ohne zuverlässige Wasserversorgung. Man spricht bereits von einer "globalen Wasserkrise" - ist dieser Ausdruck berechtigt?

Günter Blöschl: Das ist keineswegs übertrieben. Global gesehen ist zwar ausreichend Wasser vorhanden, um nicht mehr Ressourcen zu verbrauchen als durch Niederschlag jährlich nachgebildet wird. Diese globale Wassernachlieferung beträgt sogar fast das 10-fache jener Menge, welche die Menschheit benötigt. Aber das Wasser ist nicht immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es gibt viele Gegenden mit viel weniger Niederschlag als benötigt - das gilt auch für Kalifornien, das derzeit von einer veritablen Wasserkrise betroffen ist. In manchen Gegenden wiederum kommt der Niederschlag zur falschen Zeit: In Äthiopien etwa gibt es vier Monate Regenzeit und dann acht Monate so gut wie keinen Regen. Wenn der Niederschlag besser verteilt wäre, käme es zu einem gleichmäßigeren Abfluss, und man könnte das Wasser besser nutzen. Es ist ein bisschen wie beim Geld: Insgesamt wäre ja genug für alle da.

DIE FURCHE: Welche Maßnahmen könnten hier Abhilfe schaffen?

Blöschl: Stauseen können Wasser zurückhalten; ebenso können Transportleitungen einen Ausgleich schaffen: In China führen Kanäle das Wasser vom feuchten Süden in den trockenen Norden mit einer Menge, die fast der Donau entspricht. Da die Landwirtschaft weltweit den größten Wasserverbrauch hat, lässt sich allein durch Effizienzsteigerung der Bewässerungssysteme, die oft zwei Drittel Verluste haben, viel erreichen. Auch die Landwirtschaft wird sich zunehmend anpassen, indem man Feldfrüchte anbaut, die weniger Wasser brauchen, oder in Regionen anbaut, wo es genügend Regen gibt, und die Ernte dann transportiert. In ärmeren Ländern kommt es aber auch deshalb zur Wasserknappheit, weil die Administration nicht gut funktioniert. Nicht zuletzt gilt es, die Gewohnheiten des Wasserverbrauchs zu ändern. In Kalifornien hat der Gouverneur nun erstmals in der Geschichte des US-Bundesstaats eine Wasserbeschränkung verhängt. Für amerikanische Verhältnisse ist das wie ein Affront, da hier traditionell die Freiheit des Individuums hochgehalten wird.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die Wasserversorgung in Österreich?

Blöschl: Unser Land ist hinsichtlich Wasserquantität und -qualität in einer glücklichen Situation. Das heißt nicht, dass es nicht teilweise zu regionalen Engpässen kommen kann. Ein Beispiel dafür war die Hitzewelle im Jahr 2003. Aber die zuständigen öffentlichen Stellen haben das generell gut im Griff.

DIE FURCHE: Welche Wirkungen hat der Klimawandel auf die Gewässergüte und Hochwasser-Gefahr?

Blöschl: Beim Klimawandel reden wir über eine Zukunft, von der wir im Grunde genommen wenig wissen. Dass es hier viel Ungewissheit gibt, sowohl nach oben als auch nach unten, wird oft vernachlässigt. Drehen wir das Rad der Geschichte doch hundert Jahre zurück: Hätte irgendetwas von dem vorhergesagt werden können, was das 21. Jahrhundert ausmacht? Genau nichts! Weder die Atomkraft noch die Globalisierung, weder Computer noch Internet. Mit unseren Prognosen sollten wir generell bescheiden sein.

DIE FURCHE: Was lässt sich nun vor diesem Hintergrund über die hydrologischen Effekte des Klimawandels sagen?

Blöschl: Gemäß einer Studie ist die durchschnittliche Lufttemperatur in Österreich in den letzten 30 Jahren um 1,5 Grad Celsius gestiegen, das bedeutet auch höhere Wassertemperaturen. Wenn die Temperatur, wie anzunehmen ist, weiter steigt, kann es zu Problemen bei der Wasserqualität kommen. Dann werden die Grenzwerte früher erreicht, so dass es manchmal zu lokalen Engpässen kommen kann. Aufpassen muss man etwa bei Uferfiltraten in der Nähe der Donau. Das kann zu einer lokalen Krise führen, wenn der Brunnen abgeschaltet werden muss. Auch mit früherer Schneeschmelze, weniger Permafrost und Gletscherrückgang wird man rechnen müssen. Es sind aber auch weniger offensichtliche Effekte zu beachten: Im "Jahrhundertsommer" 2003 mussten kalorische Kraftwerke abgeschaltet werden, weil das Kühlwasser sonst die Flüsse zu stark erwärmt hätte. Die erhöhte Wassertemperatur hatte somit auch Strommangel zur Folge.

DIE FURCHE: Wird die Hochwasser-Gefahr zunehmen?

Blöschl: Für Fluss-Hochwässer sehen wir in Österreich keine allzu großen Veränderungen. In den nächsten dreißig Jahren wird es nördlich des Alpenhauptkammes wohl etwas größere Hochwässer geben. Im Inn- und Mühlviertel beobachtet man bereits jetzt eine deutliche Verschiebung von Sommer- zu Frühjahrshochwässern. Die Hochwasser-Veränderungen in Europa werden derzeit von der TU Wien in einem großen EU-Projekt untersucht. In den atlantisch beeinflussten Gebieten Westeuropas haben die Hochwässer seit den 1980er-Jahren deutlich zugenommen; in Skandinavien hingegen sind sie kleiner geworden. Eine andere Form von Hochwasser, die zuletzt vermehrt beobachtet wurde, sind die Sturzfluten: Bedingt durch lokale Gewitter kommt das Wasser am Hang hinunter, wodurch lokal große Schäden entstehen können. Dieses Phänomen könnte künftig noch häufiger werden.

DIE FURCHE: Wie gut ist der Hochwasserschutz in Österreich?

Blöschl: Es gibt ein hohes Schutzniveau und eine Managementstrategie auf Bundesebene. Das heißt nicht, dass bei Hochwasser Schäden gänzlich verhindert werden können. Das hat auch das große Hochwasser von 2013 gezeigt. Aber aufgrund der Schutzmaßnahmen ist ein viel geringerer Schaden aufgetreten: In Wien wäre ohne Donauregulierungen das ganze Gebiet nördlich der Donau drei oder vier Meter unter Wasser gestanden. Schutzmaßnahmen gegen Sturzfluten sind gerade erst im Anlaufen. Da gibt es noch einigen Handlungsbedarf: nämlich abzuschätzen, wie groß diese Fluten sein können, und Orte zu identifizieren, wo verstärkt lokale Schutzvorrichtungen nötig sind.

DIE FURCHE: Was bringt das neue Forschungsgebiet der Soziohydrologie, deren Erkenntnisse nun bei der Konferenz präsentiert werden?

Blöschl: Auf die Wechselwirkung von Mensch und Wasser hat man bislang nicht geachtet. Entweder stand die Bedrohung des Menschen durch das Wasser im Vordergrund, oder es ging um die Menschen-gemachte Verschmutzung unserer Gewässer. Nun werden erstmals die dynamischen Feedbacks zwischen den Systemen Mensch und Wasser erforscht. Das ist vor allem dann wichtig, wenn man sich Effekte über längere Zeiträume anschaut. Beim Hochwasserschutz etwa muss man in Jahrhunderten denken.

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