#Klimawandel

Klima im Wandel

Climate - © Foto: Pixabay
Wissen

Die Natur läßt sich nicht beherrschen

1945 1960 1980 2000 2020

Blitz und Donner im Jänner, eisige Stürme über Europa: Vorzeichen des Klimawandels und häufigerer Naturkatastrophen? Müssen wir lernen, angemessener mit Naturgewalten umzugehen? Überlegungen anläßlich eines Symposiums.

1945 1960 1980 2000 2020

Blitz und Donner im Jänner, eisige Stürme über Europa: Vorzeichen des Klimawandels und häufigerer Naturkatastrophen? Müssen wir lernen, angemessener mit Naturgewalten umzugehen? Überlegungen anläßlich eines Symposiums.

Ohne lang nachzudenken, kommt man leicht zu dem Schluß: In unseren Tagen mehren sich die Katastrophen. Man denke allein an die Verwüstung Mittelamerikas durch den Hurrican Mitch oder an die verheerenden Erdbeben in Taiwan, Griechenland und in der Türkei. Oder an die Sturmkatastrophe vor ein Paar Wochen in Frankreich: Windstärken, die man bisher noch nie in Europa gemessen hatte, eine halbe Million Haushalte ohne Strom, drei Prozent des französischen Waldbestandes am Boden und über 100 Tote.

Ebenfalls im Dezember 1999: Berichte von der ärgsten Katastrophe dieses Jahrhunderts in Venezuela. Sintflutartige Regenfälle hatten Bäche in Sturzfluten verwandelt, Unmengen von Schlamm und Gestein, verheerende Erdrutsche begruben bewohntes Gebiet unter sich. Hunderttausende Obdachlose und tausende Tote waren zu beklagen. Fast harmlos nimmt sich im Vergleich dazu die Lawinenkatastrophe in Galtür im selben Jahr 1999 aus: 38 Opfer und eine Großaktion zur Evakuierung eingeschlossener Urlauber.Zugegeben: Katastrophen mit Toten, Verletzten und gut in Szene zu setzendem Sachschaden sind ein gefundenes Fressen für die Medien. Sie widmen solchen Ereignissen daher besonderes Augenmerk, was sicher dazu beiträgt, den Eindruck entstehen zu lassen, in jüngster Zeit mehrten sich die Katastrophen.

Von Lawinen und Erdrutschen

Dem ist entgegenzuhalten, daß es immer schon zum Los des Menschen gehört hat, mit Bedrohungen und Naturkatastrophen leben zu müssen. Berichte über Lawinenkatastrophen reichen bis ins Mittelalter zurück. Darauf wurde auch bei dem vorige Woche in Wien abgehaltenen Symposium "Living with Natural Hazards", hingewiesen. Allein im Ersten Weltkrieg kamen 60.000 Soldaten in - zum Teil künstlich ausgelösten - Lawinen um. Und die wohl größte Katastrophe auf diesem Sektor war eine Eislawine, die 1970 in den Anden mehrere Dörfer mit insgesamt 18.000 Einwohnern unter sich begrub.

Katastrophenträchtig sind seit jeher auch Geländerutschungen, die nun einmal in gebirgigen Regionen immer wieder auftreten. Sie können beachtliche Ausmaße annehmen wie jener Erdrutsch im Pamir-Gebirge, der 1911 einen mächtigen Damm im Tal bei Usoy aufgeworfen hat, hinter dem sich der Sarez-See bildete. Noch hält dieser "Damm". Er stellt aber eine dauernde Gefährdung für die talabwärts gelegene Region dar. Schwerwiegende Folgen hatte auch ein Erdrutsch in Italien, der das Wasser im Stausee bei Vaiont zum Überfluten des Staudammes brachte. Die zu Tal stürzende Flutwelle tötete mehr als 2.000 Personen. Naturkatastrophen haben also Tradition. Bleibt aber die Frage: Sind sie nun häufiger geworden? Irgendwie widerspricht das der Vorstellung, dem Menschen werde es mit technischen Mitteln früher oder später gelingen, die Natur zu beherrschen - eine Denkweise die jedenfalls bis in die siebziger Jahre vorgeherrscht hatte.

Daß dem nicht so ist, registriert jedenfalls die Versicherungsbranche. Sie führt genau Buch über Schadensereignisse, wird sie ja bei diesen Gelegenheiten zur Kasse gebeten. 1998 lautete etwa die Bilanz der "Münchener Rück": "1998 kamen bei Naturkatastrophen in aller Welt über 50.000 Menschen ums Leben - die vierthöchste Zahl in den letzten Jahrzehnten; 1997 waren es 13.000 gewesen. Im Vorjahr entstanden volkswirtschaftliche Schäden von mehr als 90 Milliarden US-Dollar, im Jahr zuvor 30 Milliarden. Die Schadenssumme von 1998 wird nur durch den Wert von 1995 übertroffen, als - bedingt durch das Erdbeben im japanischen Kobe - Schäden in der Höhe von 180 Milliarden Dollar entstanden waren."

Bei Großschäden: Tendenz steigend

Allein in der letzten Dekade haben jene Ereignisse, die interregionale oder internationale Hilfe erforderten, einen Gesamtschaden von 6,5 Billionen Schilling verursacht - achtmal mehr als in den sechziger Jahren. Seit 1970 steigen die durch Naturkatastrophen verursachten Schäden laufend, wobei es zu einer Anhäufung von Großschäden über 1,2 Milliarden Schilling kommt. Aus diesem Grund nimmt auch die Nachfrage nach Versicherungen zu. Als wesentliche Ursache für diese Entwicklung wird die Klimaveränderung angesehen. Die Erwärmung der Atmosphäre im Gefolge der weiterhin steigende Abgabe von Treibhausgasen (inbesondere von CO2 und Methan) destabilisiert das Wettergeschehen in mittleren Breitegraden. Die Folge: Immer häufigeres Auftreten von Extremereignissen (siehe Dossier in Furche 36/1998).

Ohne lang nachzudenken, kommt man leicht zu dem Schluß: In unseren Tagen mehren sich die Katastrophen. Man denke allein an die Verwüstung Mittelamerikas durch den Hurrican Mitch oder an die verheerenden Erdbeben in Taiwan, Griechenland und in der Türkei. Oder an die Sturmkatastrophe vor ein Paar Wochen in Frankreich: Windstärken, die man bisher noch nie in Europa gemessen hatte, eine halbe Million Haushalte ohne Strom, drei Prozent des französischen Waldbestandes am Boden und über 100 Tote.

Ebenfalls im Dezember 1999: Berichte von der ärgsten Katastrophe dieses Jahrhunderts in Venezuela. Sintflutartige Regenfälle hatten Bäche in Sturzfluten verwandelt, Unmengen von Schlamm und Gestein, verheerende Erdrutsche begruben bewohntes Gebiet unter sich. Hunderttausende Obdachlose und tausende Tote waren zu beklagen. Fast harmlos nimmt sich im Vergleich dazu die Lawinenkatastrophe in Galtür im selben Jahr 1999 aus: 38 Opfer und eine Großaktion zur Evakuierung eingeschlossener Urlauber.Zugegeben: Katastrophen mit Toten, Verletzten und gut in Szene zu setzendem Sachschaden sind ein gefundenes Fressen für die Medien. Sie widmen solchen Ereignissen daher besonderes Augenmerk, was sicher dazu beiträgt, den Eindruck entstehen zu lassen, in jüngster Zeit mehrten sich die Katastrophen.

Von Lawinen und Erdrutschen

Dem ist entgegenzuhalten, daß es immer schon zum Los des Menschen gehört hat, mit Bedrohungen und Naturkatastrophen leben zu müssen. Berichte über Lawinenkatastrophen reichen bis ins Mittelalter zurück. Darauf wurde auch bei dem vorige Woche in Wien abgehaltenen Symposium "Living with Natural Hazards", hingewiesen. Allein im Ersten Weltkrieg kamen 60.000 Soldaten in - zum Teil künstlich ausgelösten - Lawinen um. Und die wohl größte Katastrophe auf diesem Sektor war eine Eislawine, die 1970 in den Anden mehrere Dörfer mit insgesamt 18.000 Einwohnern unter sich begrub.

Katastrophenträchtig sind seit jeher auch Geländerutschungen, die nun einmal in gebirgigen Regionen immer wieder auftreten. Sie können beachtliche Ausmaße annehmen wie jener Erdrutsch im Pamir-Gebirge, der 1911 einen mächtigen Damm im Tal bei Usoy aufgeworfen hat, hinter dem sich der Sarez-See bildete. Noch hält dieser "Damm". Er stellt aber eine dauernde Gefährdung für die talabwärts gelegene Region dar. Schwerwiegende Folgen hatte auch ein Erdrutsch in Italien, der das Wasser im Stausee bei Vaiont zum Überfluten des Staudammes brachte. Die zu Tal stürzende Flutwelle tötete mehr als 2.000 Personen. Naturkatastrophen haben also Tradition. Bleibt aber die Frage: Sind sie nun häufiger geworden? Irgendwie widerspricht das der Vorstellung, dem Menschen werde es mit technischen Mitteln früher oder später gelingen, die Natur zu beherrschen - eine Denkweise die jedenfalls bis in die siebziger Jahre vorgeherrscht hatte.

Daß dem nicht so ist, registriert jedenfalls die Versicherungsbranche. Sie führt genau Buch über Schadensereignisse, wird sie ja bei diesen Gelegenheiten zur Kasse gebeten. 1998 lautete etwa die Bilanz der "Münchener Rück": "1998 kamen bei Naturkatastrophen in aller Welt über 50.000 Menschen ums Leben - die vierthöchste Zahl in den letzten Jahrzehnten; 1997 waren es 13.000 gewesen. Im Vorjahr entstanden volkswirtschaftliche Schäden von mehr als 90 Milliarden US-Dollar, im Jahr zuvor 30 Milliarden. Die Schadenssumme von 1998 wird nur durch den Wert von 1995 übertroffen, als - bedingt durch das Erdbeben im japanischen Kobe - Schäden in der Höhe von 180 Milliarden Dollar entstanden waren."

Bei Großschäden: Tendenz steigend

Allein in der letzten Dekade haben jene Ereignisse, die interregionale oder internationale Hilfe erforderten, einen Gesamtschaden von 6,5 Billionen Schilling verursacht - achtmal mehr als in den sechziger Jahren. Seit 1970 steigen die durch Naturkatastrophen verursachten Schäden laufend, wobei es zu einer Anhäufung von Großschäden über 1,2 Milliarden Schilling kommt. Aus diesem Grund nimmt auch die Nachfrage nach Versicherungen zu. Als wesentliche Ursache für diese Entwicklung wird die Klimaveränderung angesehen. Die Erwärmung der Atmosphäre im Gefolge der weiterhin steigende Abgabe von Treibhausgasen (inbesondere von CO2 und Methan) destabilisiert das Wettergeschehen in mittleren Breitegraden. Die Folge: Immer häufigeres Auftreten von Extremereignissen (siehe Dossier in Furche 36/1998).

Seit 1970 steigen die durch Naturkatastrophen verursachten Schäden laufend.

Wir werden also weiterhin - wahrscheinlich sogar vermehrt - mit Naturkatastrophen leben müssen. In diesem Umfeld wächst die Nachfrage nach Versicherungsleistungen bei auftretenden Schäden. Den Versicherern ist klarerweise sehr daran gelegen, Gefahren möglichst genau abschätzen und möglichst abwenden zu können. Daher rufen sie ja auch laut nach Maßnahmen gegen die bedrohliche Klimaerwärmung. Auch die öffentliche Hand hat großes Interesse an der Vermeidung und am am rechtzeitigen Erkennen von Gefahren. In einem halbwegs überschaubaren Gebiet, dem der Risikoabschätzung und der Frühwarnung bei Erdrutschungen und Lawinenabgängen, hat nun die EU eine Initiative ergriffen, Erfahrungen und Informationen international zu sammeln und auszutauschen: das Projekt CALAR, dem das erwähnte internationale Symposium in Wien gewidmet war.

Im Rahmen der Vorträge wurde festgehalten, daß Rutschungen ein ganz normales geologisches Geschehen seien, das seine größten Ausmaße in den Meerestiefen erreicht. Bis zu 20.000 Kubikkilometer (!) Material können da in Bewegung geraten und als Nebenwirkung Flutwellen auslösen. In den gebirgigen Regionen sind Rutschungen eine der großen Schadensquellen. Selbst kleine Ereignisse können schwerwiegende Folgen haben, etwa wenn Hochspannungsleitungen oder Fernverkehrsverbindungen unterbrochen werden. Wenn sich Hänge in Bewegung setzen, kann das auch lebensbedrohend werden, wenn Siedlungen betroffen sind. Meist gelingt es zwar, gefährdete Personen zu evakuieren, aber immer wieder sind bei Erdrutschen auch Tote zu beklagen.

Im alpinen Raum trägt das Anlegen von Straßen wesentlich zur Destabilisierung von Hängen bei. Ein Großteil der Verkehrsverbindungen verläuft nämlich in Tälern mit durchaus instabilen Hängen. Diese werden, um rasches Fahren zu ermöglichen, angeschnitten und Schüttungen aufgebracht, was vielfach den örtlichen Gegebenheiten nicht Rechnung trägt. Will man also für die Benützung der Verkehrswege möglichst große Sicherheit gewährleisten, muß man das Gelände laufend beobachten. Das gilt besonders auch für Brücken, deren Pfeiler wechselnden Druckverhältnissen ausgesetzt sind. Eine aufwendige Forschungstätigkeit ist bemüht, solche Hangbewegungen in komplexen Modellen abzubilden.

Neben Muren und Hangrutschungen stellen Lawinen eine typische Gefährdung im Gebirge dar. Auch sie sind Gegenstand intensiver Forschung, die besonders in der Schweiz, in Österreich und Italien weit fortgeschritten ist. Auslöser für die Anstrengungen auf diesem Sektor waren die katastrophalen Folgen des besonders schneereichen Winters 1951: Damals starben 257 Personen in Österreich, Italien und der Schweiz unter Lawinen. Mittlerweile ist ein umfangreiches System zur Risikoabschätzung in den interessierten Ländern eingerichtet - in Österreich auf Ebene der Bundesländer. 5.800 Lawinengänge hat das Forstliche Bundesinstitut für Lawinen- und Wildbachforschung in einem kartographischen Verzeichnis für Österreich im dauernden Siedlungsgebiet festgehalten. Diese vertiefte Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten lassen Gefährdungen abschätzen und Gefahrenzonen abstecken.

Fortschritte beim Lawinenschutz

Neben dieser Gefahrenabschätzung werden Warnsysteme eingerichtet und Hilfsaktionen im Katastrophenfall geplant. An zahllosen Orten wurden Lawinenschutzbauten errichtet. Sie haben entweder den Zweck, die Schneemassen zu stabilisieren oder bestimmte Objekte vor Lawinenabgängen zu schützen. Bei akuter Bedrohung werden Zugangssperren verhängt und in einzelnen Fällen können Lawinen kontrolliert durch Detonation ausgelöst werden. In der Schweiz wurde übrigens ein neues Lawinentestgelände eingerichtet, das der Erprobung von Lawinenschutzeinrichtungen und der Entwicklung von Computersimulationsmodellen dient.

Wie gut sich dieser Lawinenschutz bewährt hat, bewies die Bilanz des vorigen Winters, der trotz seines extremen Schneereichtums vergleichsweise wenig Opfer forderte. Zweierlei bleibt jedenfalls festzuhalten: Trotz aller Bemühungen lassen sich die Gefahren - vor allem im Gebirge - nicht ausschalten. Daher ist der Leichtfertigkeit bei Siedlungstätigkeit und im Tourismus der Kampf anzusagen. Und zweitens ist wieder einmal die Forderung zu wiederholen, alles zu unternehmen, um eine weitere Destabilisierung des Klimas und damit eine größere Katastrophenträchtigkeit des Wettergeschehens zu vermeiden.