Koordinierte Rettung in höchster Not

Ob Terroranschläge, Erdbeben oder Flüchtlingsströme: bei der Katastrophenhilfe ist eine perfekte Organisation und Logistik notwendig. Soforthilfe allein reicht dennoch oft nicht aus. Gerade in der internationalen Entwicklungshilfe bedarf es nachhaltiger Projekte.

Tausende Verschüttete, verzweifelt suchende Angehörige, erschöpfte, hilflose Helfer: Die verheerenden Terrorattentate in New York City machen die Herausforderungen im Katastrophenfall deutlicher denn je. Die Koordination von hunderten Einsatzkräften bei der Bergung der Opfer und bei der medizinischen und psychischen Versorgung der Überlebenden bedeutet angesichts Katastrophen dieser Dimension hohe Anforderungen an Hilfskräfte und Logistiker. Ob Terroranschlag oder Erdbeben: Im Ernstfall gelten in der Medizin andere Regeln, weiß der Vorstand der Gesellschaft für Katastrophenmedizin und ärztliche Leiter des Lorenz-Böhler-Krankenhauses (LBK), Harald Hertz.

Bereits vor Ort werden die Verletzten verschiedenen Gruppen zugeordnet. Je nach Schweregrad und Dringlichkeit der medizinischen Versorgung werden die Verletzten in sieben Stufen eingeteilt, bis zum Grad 7 - Patient verstorben. Gerade diese Auswahl versetze die Ärzte in brutale Situationen, weiß auch Clemens Vlasich, Präsident von "Ärzte ohne Grenzen" Österreich. "Das muss ein sehr erfahrener Notfallmediziner machen. Die härteste Kategorie ist sicher jene, wenn man sagt: Die sind so schwer verletzt, da sollte man jetzt keine Energie verschwenden, sondern vorher jene versorgen, denen es etwas besser geht." Gearbeitet wird im Katastrophenfall wie auf dem Schlachtfeld: Statt rekonstruktiver Eingriffe nur Amputationen, statt Vollnarkose örtliche Betäubung.

Zwar zählen die USA nicht zum Einsatzgebiet von "Ärzte ohne Grenzen". Angesichts zahlloser Verletzter und Toter hätten Mitarbeiter der Organisation jedoch ihre Hilfe angeboten, erklärt Vlasich. "Sie ist aber nicht angenommen worden, ebenso wie jene vom Roten Kreuz." Eine Großmacht wie die USA kommt offenbar mit derartigen Notlagen selber zurecht. Völlig anders gestaltet sich die Situation bei Katastrophenfällen in den Ländern des Südens. Wie diese Kluft zwischen Arm und Reich bei komplexen Notfällen überbrückt werden kann, war vergangenen Freitag Diskussionsthema einer Tagung mit dem Titel "Bridging the Gap", veranstaltet vom Auslandsbüro der Wiener Ärztekammer. Nicht nur die Kluft zwischen ressourcenreichen Industriestaaten und den Armutsgebieten der Erde, auch jene zwischen Soforthilfsmaßnahmen und nachhaltiger Entwicklung gilt es zu überbrücken. Martina Schloffer vom Österreichischen Roten Kreuz sieht vor allem eine Kluft zwischen dem Übergang von Ersthelfern und Entwicklungshelfern nach einer Katastrophe. Zweitere sollten schon zum Ende des Noteinsatzes anwesend sein, damit eine gute Übergabe gewährleistet ist.

Das Militär ist ein spezieller Mosaikstein in der Katastrophenbewältigung und Entwicklungshilfe. Hilfeleistung bei Katastrophen wie auch die Friedenssicherung sei gesetzlich verankert und gleichrangig mit der Aufgabe der Landesverteidigung, erklärt Oberstarzt Harald Harbich vom Verteidigungsministerium: Primäre Aufgabe des Militärs sei es, für Sicherheit zu sorgen - eine Maßnahme, die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) nicht bewerkstelligen könnten. Da bei Katastropheneinsätzen mehrere Nationalitäten zusammenarbeiten, können auch Sprachschwierigkeiten auftauchen, die die Arbeit erschweren. Nach dem Erdbeben in der Türkei haben etwa Suchtrupps an den immer gleichen Stellen gegraben, nur weil die durchsuchten Bereiche nicht markiert worden waren.

So sehr Katastrophen kurzfristig die Medien beherrschen - die meisten sind schnell vergessen. Mit dem Medieninteresse versiegt auch die finanzielle Unterstützung, klagt Sabine Kampmüller, Projektkoordinatorin von "Ärzte ohne Grenzen". Für Menschen, die unter "vergessenen Kriegen" leiden, seien ungemein schwerer finanzielle Mittel aufzutreiben als für Akutfälle. Das erschwere aber die Arbeit der nachfolgenden Entwicklungshelfer. "Ärzte ohne Grenzen" ist in chronischen Krisengebieten wie Angola oder Afghanistan immer mehr mit Situationen konfrontiert, wo klassische Nothilfe nicht ausreicht.

Am Ende des Notfalls

Eine wichtige Frage sei deshalb, wann in einem chronischen Konflikt das Ende eines Notfalls eintritt - und wann sich die Hilfsmannschaften mit strukturellen Problemen beschäftigen sollten. Bei Erdbeben oder Überschwemmungen sei Soforthilfe und mittelfristiger Wiederaufbau notwendig und wirkungsvoll, erklärt Hans-Georg Danninger vom Außenministerium. Bei Hunger sei aber vorrangig das strukturelle Problem anzugehen. "Ansonsten hat man ein Jahr später mit derselben Katastrophe zu kämpfen."

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird sich jedenfalls nicht so bald schließen. Zudem können bestehende Brücken schnell zum Einsturz gebracht werden. Das zeigen die aktuellen Ereignisse in den USA allzu deutlich: Durch die Anschläge, befürchtet Brigitte Brenner vom Bundeskanzleramt, dürfte die Kluft zwischen "erster Welt" und islamischer Welt noch größer geworden sein.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau