Nach einer Katastrophe benötigen die Betroffenen materielle und psychologische Betreuung. Und auch die Helfer sind auf Hilfe angewiesen.

Den Betroffenen ist einerseits die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, zum anderen sieht man in den Gesichtern auch, was auf ihrer Seele lastet. Sie haben zwar nicht ihr Leben, aber alles andere verloren: Ihr Hab und Gut, ihr Haus, ihre Heimat. Diese Menschen sehen einer absoluten Ungewissheit entgegen", berichtete noch während seines Einsatzes aus Houston Jürgen Högl, Einsatzleiter des Kriseninterventionsteams des Österreichischen Roten Kreuzes (örk), dessen Aufgaben vor allem die psychosoziale Betreuung der betroffenen Österreicher in der Krisenregion war.

Erste psychische Hilfe

Katastrophen, wie der Hurrikan "Katrina", der Tsunami, das Hochwasser in Österreich, aber auch Ereignisse mit kleinerem Ausmaß, wie das Gondelunglück in Tirol und die täglichen Verkehrsunfälle hinterlassen nicht nur materielle und physische Schäden, sondern können auch zu psychischen Beeinträchtigungen bei den Betroffenen führen. Die individuellen Stressreaktionen können dabei sehr unterschiedlich ausfallen und das Ausmaß der Katastrophe ist keineswegs ein Indikator für die Reaktion des Einzelnen.

Die Aufgabe von Krisenintervention (kit, siehe Kasten) im Rettungsdienst und bei Großeinsätzen ist es, in der Akutphase eine kurzfristige psychosoziale Hilfestellung für Betroffene anzubieten. Diese Form der Intervention hat allerdings nichts mit einer Psychotherapie zu tun. Ihr Ziel sei nicht die Behebung einer psychischen Störung, sondern einen Übergang zum Alltag zu ermöglichen, betont Barbara Juen, Professorin am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck und Leiterin des psychosozialen Dienst des örk: "Wir predigen unseren Mitarbeitern immer, dass sie es nicht mit Patienten zu tun haben." Die Mehrheit der Menschen sei nach einer Katastrophe sehr wohl noch in der Lage zu handeln und zu planen, wenn auch nur in kleinen Schritten. Die völlige Orientierungslosigkeit und kopflose Panik, von der im Kontext mit Katastrophen in den Medien immer wieder die Rede ist, reiht Juen darum in den Bereich der Katastrophenmythen ein. Was man aber leider immer wieder erlebe, sei, "dass man die Leute nicht informiert: Man karrt sie von einem Ort an den anderen, ohne ihnen zu sagen, was als nächstes passiert oder dass jemand verstorben ist, weil man sie nicht zusätzlich verletzen will. Dadurch werden die Menschen dann wirklich handlungsunfähig."

Betroffene Helfer

Mit schweren Folgen verbunden können psychisch belastende Einsätze auch für die Helfer sein. Den Umgang mit der Erfahrung der Hilflosigkeit und der Unzulänglichkeit angesichts einer Katastrophe bezeichnet Jürgen Högl als besonders schwierig. Das Problem bei Katastropheneinsätzen wie nach dem Hurrikan "Katrina" sei, erklärt Elmar Dobernig, Psychologe im österreichischen Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes, nach seiner Rückkehr aus Houston, "dass es zu Beginn eines solchen Einsatzes, immer viel zu viele Aufgaben für viel zu wenig Leute gibt." In solchen Situationen könne der Einzelne das Ausmaß der eigenen Betroffenheit nicht abschätzen: "Die eigenen Stresssymptome werden als weniger wichtig eingeschätzt."

Bei traumatischem Stress auftretende Symptome - bei Betroffenen wie bei Helfern - können sich von Zittern und Herzklopfen über Konzentrationsstörungen, unkontrollierbare Flashbacks, Angstzustände, Depressionen und sogar hin bis zu Verhaltensänderungen erstrecken. Sind die Symptome anfangs eine normale Reaktion auf das machtlose Erleben einer zumeist lebensbedrohlichen Situation, so können sie, dauern sie länger an, wesentlich die Lebens- und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Die Diagnose lautet dann "posttraumatisches Belastungssymptom".

Seit Mitte der 90er Jahre kommt in Österreich das System der Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen (sve) zum Einsatz, das sich an den Methoden des Critical Incident Stress Management (cism) orientiert, die von den us-amerikanischen Psychologen Jeffrey Mitchell und George Everly entwickelt wurden.

Reden mit Kollegen

Zu den Methoden der Stressverarbeitung gehören neben dem "Defusing", einer Kurzbesprechung mit dem Ziel, den Einsatzkräften ein Gesamtbild der Situation sowie Informationen über Stressreaktionen und -bewältigung zu vermitteln, auch das "Debriefing", einer von psychosozialen Fachkräften geführten Nachbesprechung in Form eines Gruppengesprächs, und das Einzelgespräch mit einem "Peer". "Peers", was soviel wie "Gleichgestellte, Ebenbürtige" bedeutet, sind eigens geschulte Einsatzkräfte, die für ihre Kollegen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Einen wichtigen Aspekt in der Stressverarbeitung stellen auch die präventiven Maßnahmen bereits während der Ausbildung dar: Es ist wichtig, betont Jürgen Högl, "dass man die eigenen Grenzen erkennen lernt und sich nicht über Gebühr in eine Geschichte hinein fallen lässt: Es hilft niemandem, wenn Helfer selbst zu Betroffenen werden."

Was die derzeitige Betreuung von Einsatzkräften in den usa anbelangt, so meint Elmar Dobernig, dass diese zwar angeboten würde, er sich aber nur schwer vorstellen könne, "dass die Leute in der Akutphase sehr viel Zeit dafür haben: Sie arbeiten 15 bis 16 Stunden bis sie umfallen und das über längere Zeit." Es wäre die Aufgabe der Einsatzführung, rechtzeitig für Ablöse und die Verpflegung und Unterkunft der Einsatzkräfte zu sorgen. "Dass der Einzelne natürlich bleibt, solange keine Ablöse kommt, entspricht einer sehr tollen Persönlichkeitsstruktur, für andere da zu sein, auch über die eigenen Grenzen hinaus."

Krisenintervention

Psychosoziale Hilfe in Krisen- oder Katastrophenfällen umfasst zwei Bereiche: kit (Krisenintervention im Rettungsdienst) und sve (Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen). Unter kit versteht man eine kurzfristige psychologische Hilfeleistung für Opfer, Hinterbliebene und Angehörige in der Akutphase unmittelbar nach traumatischen Ereignissen und ist demnach von der Krisenintervention, wie sie zum Beispiel in psychiatrischen Notaufnahmen vorkommt, zu unterscheiden. Einsätze von Krisenintervention erfolgen im Rettungsdienst, Großeinsätzen im Rahmen von Großunfällen oder Großschadensereignissen sowie zur Betreuung von Einsatzkräften nach belastenden Einsätzen. Zu den Aufgaben des Kriseninterventionsteams zählen unter anderem die Betreuung von Angehörigen nach Tod durch Erkrankung, Verletzung oder Suizid, das Überbringung von Todesnachrichten sowie die psychosoziale Betreuung von Betroffenen nach Katastrophenereignissen. Krisenintervention versteht sich als vorbeugende Maßnahme, um Belastungsstörungen durch traumatische Erlebnisse zu vermeiden, ist jedoch nicht mit einer Therapie zu verwechseln.

In Österreich existiert die Krisenintervention seit dem Lawinenunglück in Galtür 1999.

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