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Therapie auf Krankenschein?

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Patienten mit schweren psychischen Leiden keine Therapie anzubieten, kann heute als Kunstfehler bezeichnet werden, warnt der Bundesverband für Psychotherapie. Aber nicht jeder kann sich eine Therapie leisten. Das trifft die Ärmsten. Daher soll es Psychotherapie auf Krankenschein geben, fordert der Verband.

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Patienten mit schweren psychischen Leiden keine Therapie anzubieten, kann heute als Kunstfehler bezeichnet werden, warnt der Bundesverband für Psychotherapie. Aber nicht jeder kann sich eine Therapie leisten. Das trifft die Ärmsten. Daher soll es Psychotherapie auf Krankenschein geben, fordert der Verband.

Ulrike J., 52, bekommt plötzlich heftigstes Herzrasen. Sie hat Angst, einen Herzanfall erlitten zu haben und verständigt den Notarzt, der sie ins Spital einweisen läßt. Der Befund: keinerlei Hinweis auf organische Ursachen. Dennoch leidet Ulrike J. weiterhin an Herzrasen. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, daß die Frau körperlich völlig gesund ist. Sie erhält Psychopharmaka, die anfangs den Zustand etwas mildern, doch nach und nach läßt die Wirkung nach.

Ähnliche Erlebnisse schildert der 45jährige Herbert N. Er empfindet bei der Fahrt auf der Autobahn ein eigenartiges Unwohlsein. Seither beobachtet er sich sorgfältig. Immer öfter leidet er unter Schwindel, und er bekommt Angst vor dem Autofahren. Ihm fällt zunehmend auf, daß er auch an anderen Orten die gleichen Beschwerden hat. Er glaubt seinem Arzt nicht, daß er gesund ist. Herbert N. vermeidet Autofahrten, geht immer seltener aus dem Haus und meldet immer häufiger Krankenstände an. Dazu kommt die Existenzangst, denn ein wichtiger Bestandteil seines Berufes ist das Autofahren.

Therapie auf Schein?

Ulrike J. und Herbert N. leiden unter psychischen Störungen, die sich in vielen Fällen durch körperliche Symptome ausdrücken. Und sie sind mit ihrem Leiden bei weitem keine Einzelfälle. Schätzungen vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie gehen davon aus, daß mindestens zwei Prozent der Österreicher ähnliche Probleme haben. Aber nur 0,5 Prozent der Bevölkerung sind derzeit in psychotherapeutischer Behandlung - eine Voraussetzung, derartige Probleme wieder in den Griff zu bekommen.

Patienten, die unter starken psychischen Problemen leiden, keine Psychotherapie anzubieten, kann nach dem heutigen Wissensstand als Kunstfehler bezeichnet werden, warnt der Berufsverband für Psychotherapie bei einer Pressekonferenz in Wien.

Die Kosten für eine Psychotherapie sind allerdings hoch und daher für Menschen mit geringem Einkommen kaum finanziell tragbar. Denn die Krankenkassen zahlen nur einen Teil der anfallenden Honorare.

Im Jahre 1995 gaben die Krankenkassen für psychotherapeutische Leistungen zwischen 260 und 280 Millionen Schilling aus, während die Eigenleistungen der Klienten schätzungsweise 300 Millionen Schilling umfaßten. Für Psychopharmaka werden jährlich hingegen knapp eine Milliarde Schilling aufgewendet.

Die hohen Kosten sind auch für die meisten Menschen die wesentliche Hemmschwelle für den Beginn einer Therapie. Meist trifft das die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, die sich in ihrer seelischen Notlage weder wehren noch um ihr Recht kämpfen können, kritisiert der Bundesverband. Und: viele Menschen sind auf Grund ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr in der Lage, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Nur sozial besser gestellte Menschen könnten sich heute daher eine Psychotherapie leisten. Wünschenswert wäre daher die "Psychotherapie auf Krankenschein".

Oft in Frühpension Eine flächendeckende und für den Betroffenen kostengünstige Versorgung mit Psychotherapie würde auch das Gesundheits- und Sozialsystem entlasten, so der Bundesverband: "Seit 1990 liegen die psychischen Erkrankungen an zweiter Stelle der Diagnosegruppen, die zur Frühpensionierung wegen geminderter Arbeitsfähigkeit beziehungsweise dauernder Erwerbsunfähigkeit führen."

Die Krankenstandsdauer bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist 2,5mal höher als der Durchschnitt, Tendenz steigend. Diese Krankheiten verursachen bereits über zehn Prozent der neuen Anträge für Invalidenpension, heißt es im jährlichen Sozialbericht. Hier sollte unbedingt durch eine von den Krankenkassen bezahlte Therapie Abhilfe geschaffen werden, fordert der Bundesverband für Psychotherapie, denn psychische Krankheiten nehmen derzeit zu.

Die häufigsten Diagnosen der Fachärzte und Therapeuten sind neurotische Störungen, gefolgt von Persönlichkeitsstörungen, psychosomatischen Erkrankungen, funktionellen Störungen und spezifischen emotionalen Störungen des Kindes- und Jugendalters. Therapeuten unterscheiden zwischen: * Angststörungen und Panikattacken: Angststörungen kommen sehr häufig vor. Sie werden von den Betroffenen oft erst spät erkannt, denn Angststörungen äußern sich meist in scheinbar völlig grundlos auftretenden körperlichen Zuständen wie Herzrasen, Zittern, Atemnot, Schweißausbrüchen und Schwindelgefühlen.

Patienten suchen daher in der Regel zuerst einen Arzt zur Behandlung dieser körperlichen Symptome auf. Zahllose Arztbesuche, Notaufnahmen im Krankenhaus, teure Untersuchungsmethoden, Krankenstände und Kuraufenthalte sind die Folge.

Die Angst kann sich aber auch an bestimmten Dingen "festmachen", etwa an Tieren (beispielsweise Spinnen und Hunden), Höhe, Wasser, engen Räumen (Klaustrophobie) und auch Menschen (Sozialphobie).

Die Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit kann dadurch je nach Ausmaß der Erkrankung bis zur Arbeitsunfähigkeit und zum Dauerkrankenstand eingeschränkt sein. In schweren Fällen können Betroffene nicht einmal mehr das Haus verlassen.

Ursachen für Angststörungen können sowohl weit in der Kindheit zurückliegen, aber auch durch aktuell existentiell bedrohliche oder sehr belastende Ereignisse - etwa durch den Tod eines nahen Verwandten - ausgelöst werden. Kennt der Patient den Zusammenhang zwischen psychischen Ursachen und seinen körperlichen Reaktionen, kann er an Strategien zur Veränderung arbeiten, bis letztlich diese Zustände verschwinden.

Arbeitsunfähig * Depressive Zustandsbilder: Diese psychische Störung ist durch allgemeine Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, innerem Rückzug und sozialer Isolation gekennzeichnet. Begleitet werden Depressionen meist von Schlafstörungen und psychosomatischen Beschwerden.

Auch Depressionen können bis zur völligen Arbeits- und Lebensunfähigkeit, aber auch zum Selbstmord, führen. Ursachen für Depressionen können beispielsweise erlernte Lebensmuster der Herkunftsfamilie sein, traumatisierende Kindheitserlebnisse, belastende Lebenssituation, Verlusterlebnisse und körperliche Krankheit sein.

* Persönlichkeitsstörungen: hier herrschen erlernte Persönlichkeitsmerkmale vor, die entweder durch Verhaltensauffälligkeit, gefühlsmäßige Überreaktionen (Aggression, Empfindlichkeit, Ängste) und durch starre Einstellungen den Sozialkontakt zu anderen Menschen erschweren oder sogar unmöglich machen. Die Fähigkeit einer geregelten Arbeit nachzugehen, ist in einem Maß herabgesetzt, daß Arbeitslosigkeit oder dauernde Kündigungen die Folgen sind.

* Psychosomatische Beschwerden und Erkrankungen: Die Patienten leiden unter körperlichen Beschwerden, als wären sie tatsächlich organisch bedingt. Diese Beschwerden führen in der Folge - ähnlich wie bei Angststörungen - zu unzähligen Arztbesuchen, Krankenhausaufenthalten, Krankenständen und Frühpensionen. Ursachen sind krankmachende Lebensumstände, stressige Situationen, Überbelastungen, traumatisierende und belastende Ereignisse.

Psyche und Krebs "Leider werden gerade diese Patienten häufig - wenn überhaupt - sehr spät in psychotherapeutische Behandlung überwiesen, Studien sprechen von ,Karrieren' von sieben bis acht Jahren", berichtet der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie.

* Krankheitsverarbeitung: schwere, existenzbedrohliche und lebensbedrohliche Erkrankungen wie Krebs, ein Unfall oder eine Operation, sind für den betroffenen Menschen ein enormer Schock. Diese Erlebnisse müssen verarbeitet werden. "Gerade auf dem Gebiet der Krebserkrankung ist durch zahlreiche Studien erwiesen, daß psychische Faktoren einen großen Einfluß auf das Immunsystem haben und psychische Interventionen Leben verlängern können", betonen Psychologen.

* Süchte: psychische und/oder körperliche Abhängigkeit von Drogen, Medikamenten, Alkohol und Nikotin, aber auch von Verhaltensweisen wie Spielsucht oder Kaufsucht sind meist erlernte Abhängigkeiten, die es in der Therapie zu lösen gilt. Eine hohe Motivation ist seitens des Patienten allerdings notwendig.

Daß eine Psychotherapie durchaus wirksam sein kann, beweist eine jüngst in den USA veröffentlichte Studie im unabhängigen "Consumer Reports". 7.000 Menschen antworteten auf Fragen zur Behandlung psychischer Störungen.

Von jenen Patienten, die vor der Therapie angaben, kaum mit ihrem Leben fertig zu werden, berichteten immerhin 87 Prozent über eine Besserung in Richtung sehr gut, gut oder zumindest wechselhaft. "Diese Ergebnisse", so der Berufsverband, "decken sich mit bisherigen Studien zur Effektivität von Psychotherapie, die zeigten, daß Psychotherapie insgesamt und allgemein gesehen wirksam und heilsam ist."

Interessantes Detail am Rande: die Psychotherapie allein war genauso wirksam wie Psychotherapie in Verbindung mit Psychopharmaka.

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