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Jeder vierte Österreicher schläft schlecht

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Nacht für Nacht quälen Ein- und Durchschlafstörungen zwei Millionen Österreicher. Der Griff zum Schlafmittel ist nicht immer ratsam.

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Nacht für Nacht quälen Ein- und Durchschlafstörungen zwei Millionen Österreicher. Der Griff zum Schlafmittel ist nicht immer ratsam.

Der Mensch verschläft im Schnitt ein Drittel seines Lebens - insgesamt rund 25 Jahre. Die meisten Österreicher brauchen sechs bis acht Stunden Schlaf, nur sieben Prozent kommen mit weniger aus, 13 Prozent sind Langschläfer. Aber bei weitem nicht für jeden ist die Nachtruhe auch erholsam. Schlafstörungen sind in Österreich sehr häufig. Jeder Vierte - rund zwei Millionen Menschen - klagt unter Einschlafstörungen und durchwachte Nächte.

Diese Schlafstörungen sind meist chronisch (81 Prozent leiden länger als ein Jahr daran). Jedoch sucht nur jeder dritte Betroffene wegen seinen Beschwerden einen Arzt auf, berichtet Universitätsprofessor Josef Zeitlhofer von der Universitätsklinik für Neurologie im Wiener AKH bei einer Pressekonferenz.

"Der gestörte Schlaf hat einen Mangel an Erholung zur Folge. Betroffene Menschen sind während des Tages häufiger müde und daher nicht so einsatzfähig wie Menschen ohne Schlafstörungen", warnt Zeitlhofer. Ruhelose Nächte führen zu nachhaltigen Störungen von Wohlbefinden und Lebensqualität. Zunehmende Ängstlichkeit, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen sind die Folgen. 60 Prozent der Menschen mit Einschlaf- beziehungsweise Durchschlafstörungen bezeichnen ihre Lebensqualität als schlecht. Die Freude am Familienleben und an Sozialkontakten nimmt ab, selbst bei kleinen Irritationen sinkt die Toleranz.

Die Ursachen für Schlafstörungen sind vielfältig, wie eine Studie des Schlaflabors der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien zeigt. 70 Prozent der Österreicher leiden an nicht organischen Störungen, etwa Alpträume und Schlafwandeln. 30 Prozent sind von organischen Schlafstörungen betroffen. Schlafexperten unterscheiden rund 80 Ursachen. "Deshalb sollte man nicht einfach zum Arzt gehen und nach einem Schlafmittel verlangen. Das macht man bei Herzbeschwerden ja auch nicht", erklärt Zeitlhofer. Eine gründliche Untersuchung sei für eine erfolgreiche Therapie Voraussetzung. Schlafstörungen gehören, so die Ärzte, zu den vernachlässigten Gesundheitsstörungen, sie werden meist nicht ernst genommen.

Streß und Depression Eine exakte Diagnose ist auch für Universitätsprofessor Bernd Saletu, Leiter des Bereichs für Schlafforschung im Wiener AKH und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung, unerläßlich. "Wir können heute viel besser behandeln, weil wir besser verstehen, was hinter den einzelnen Schlafstörungen steht."

Persönliche Probleme sind die Hauptursache, warum der ersehnte Schlaf ausbleibt, gefolgt von Tagesereignissen, Erkrankung, einschneidende Lebensereignisse, berufliche Probleme und Versorgung von Kindern und Kranken. Neben psychischem Streß und Depressionen können aber auch körperliche Ursachen Auslöser von Schlafstörungen sein, etwa eine Überfunktion der Schilddrüse, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht und Schnarchen.

Die Therapie der Schlafstörung ist so vielfältig wie ihre Ursachen. Bei Winterdepression hilft etwa eine Lichttherapie. Effektiv ist auch, sich um regelmäßige Schlafzeiten zu bemühen. Viel Bewegung, Entspannungstraining, der Verzicht auf Alkohol, Zigaretten und schweres Essen am Abend verhelfen ebenfalls vielen Menschen zu einem gesunden Schlaf. Weiters empfiehlt Saletu, den Fernseher aus dem Schlafzimmer zu entfernen und körperliche Anstrengung am Abend zu vermeiden.

Niemals sollte jedoch ohne vorhergehende ärztliche Untersuchung Schlafmittel, meist Benzodiazepine, eingenommen werden. Denn diese Medikamente sind nicht unproblematisch, es kann eine Abhängigkeit entstehen. Nach Absetzen können Entzugserscheinungen, Angst, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Depressionen und andere Nebenwirkungen auftreten.

Schlafstörungen sind stark vom Alter abhängig. Annähernd jeder zweite Pensionist leidet darunter. Auch die berufliche Tätigkeit ist offensichtlich für einen gesunden Schlaf wesentlich. Während nur 15 Prozent der Beamten unter Schlafstörungen leiden, sind Akademiker zu 23 Prozent, Hausfrauen sogar zu 25 Prozent davon betroffen.

Ebenfalls ausschlaggebend ist die Höhe des Einkommens. Jeder Dritte mit einem Einkommen unter 12.500 Schilling leidet unter Schlafstörungen. Besserverdienende mit einem Einkommen zwischen 20.000 und 30.000 Schilling sind nur zu 14 Prozent betroffen. Allerdings schlafen Menschen, deren Einkommen über 30.000 Schilling beträgt, wiederum unruhiger (24 Prozent). Durch viel Geld steigen offensichtlich die Sorgen.

Gravierende Fehler Forscher teilen den Schlaf in zwei Kategorien ein: Beim REM-Schlaf (rapid eye movement, "schnelle Augenbewegung"), der auch als Traumschlaf bekannt ist, besitzt der Schlafende eine ähnliche Hirnaktivität wie im Wachzustand, seine Muskulatur ist erschlafft. Rund ein Viertel des Schlafes entfällt auf dieses Stadium. Charakteristisch dafür ist eine bizarre Aneinanderreihung von hauptsächlich akustischen und optischen Sinneseindrücken, begleitet von mehr ängstlichen und sorgenvoll als fröhlich gefärbten Emotionen.

Die zweite Kategorie ist der NREM-Schlaf. Unterteilt wird dieser von den Forschern in vier Schlafstadien. Im Stadium eins verringert sich langsam die normale Hirnaktivität, die Augen fangen an zu schwimmen. "Der Schlafende hat aber nicht das Gefühl, daß er schläft. In diesem Stadium können gravierende Fehler passieren, etwa beim Autofahren", erklärt der Schlafforscher Stefan Telser von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck.

Stadium drei und vier bezeichnen Forscher als Tiefschlaf, die rund 50 Prozent des Schlafes ausmachen. Der Tiefschlaf tritt vermehrt am Anfang der Nacht auf. "Deshalb wird vermutet, daß der Schlaf vor Mitternacht besonders wesentlich ist", meint Telser. Der Tiefschlaf, nehmen Wissenschafter heute an, scheint auch für die körperliche Erholung wichtig zu sein und ist nach Schlafentzug oder am Beginn entzündlicher Erkrankungen deutlich verlängert.

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