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Sport kennt kein Alter

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Internationale Fitneßforscher haben weitere interessante Erkenntnisse darüber gewonnen, was regelmäßige Bewegung bewirken kann.

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Internationale Fitneßforscher haben weitere interessante Erkenntnisse darüber gewonnen, was regelmäßige Bewegung bewirken kann.

Penibel studierte eine Forschungsgruppe des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) die Lebensgewohnheiten und den Gesundheitszustand von insgesamt 10.000 deutschen Frauen und Männern. Sie erhob, wieviel Bewegung die Untersuchungsteilnehmer machten, wann sie woran erkrankten und wie alt sie wurden.

Die Ergebnisse sind durchaus beeindruckend. Körperlich aktive Männer zwischen 40 und 70, so zeigte sich, wiesen eine um 20 Prozent niedrigere Sterblichkeitsrate auf als gleichaltrige und körperlich inaktive Männer. Das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, war für sie sogar um rund 30 Prozent niedriger. Bei Frauen im Alter zwischen 50 und 70 führten schon geringe körperliche Anstrengungen, wie Spazierengehen oder Radfahren, ein- bis dreimal die Woche und insgesamt zwischen 30 Minuten und zwei Stunden, zu einem klar verringerten Infarktrisiko.

Daß Sport das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung - die Todesursache Nummer eins in der westlichen Welt - reduziert, ist nicht neu. Die Ergebnisse der Untersuchung sind allerdings deshalb bemerkenswert, weil sie die Empfehlungen mancher Fitneßapostel, sich im Dienste der Gesundheit regelrecht abzurackern, deutlich in Frage stellen.

Entscheidend, so das Fazit der Berliner Forscher, sei nicht die Intensität und die Dauer der körperlichen Betätigung. Den größten Einfluß auf die Risikofaktoren Übergewicht und hohe Blutfettwerte habe die Häufigkeit des persönlichen Fitneßprogrammes. "Das Motto sollte lauten: Lieber in kürzeren Blöcken und weniger verbissen, dafür öfter und regelmäßig Sport betreiben", faßt ein Sprecher die aktuellen Empfehlungen der Experten zusammen.

Solche wissenschaftlichen Empfehlungen liegen schon deshalb im Trend, weil sie das knappe Zeitbudget berücksichtigen, mit dem heute immer mehr Menschen zu kämpfen haben. Was nützt schon die beste Absicht, mehrmals pro Woche ins Fitneßstudio zu gehen oder am Wochenende ausgedehnte Wanderungen oder Radtouren zu unternehmen, wenn Beruf und Familie schlicht nicht genügend zeitlichen Spielraum lassen? Und schließlich sollen Sport und Bewegung auch Spaß machen. und nicht als zusätzliche Streßverursacher im vermeintlichen Dienst der Gesundheit das Leben zusätzlich erschweren.

Die wissenschaftlichen Bemühungen der Fitneßforscher brachten aber auch Einsichten über die verschiedenen Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und Gesundheit. So berichtete kürzlich ein amerikanisches Fachblatt für Arbeitsmedizin, das "Journal of Occupational and Environmental Medicine", daß Personen, die einmal pro Woche bei einem Fitneßprogramm mitmachen, deutlich seltener krank werden. Zu diesem Ergebnis kam eine von der niederländischen Maastricht-Universität durchgeführte Untersuchung von 884 Angestellten, denen ein regelmäßiges Fitneßprogramm auf freiwilliger Basis angeboten wurde. Das Training dauerte insgesamt eine Stunde und wurde wöchentlich zweimal angeboten. Die Personengruppe, die mindestens einmal pro Woche daran teilnahm, konnte ihre Krankheitstage von durchschnittlich 10,1 im vorangegangenen Jahr auf 5,4 im folgenden Jahr verringern.

Offensichtlich läßt sich mit Hilfe regelmäßiger Bewegung auch die schädliche Wirkung des Zigarettenkonsums etwas eindämmen. Das Universitätskrankenhaus Malmö in Schweden will Raucher jedenfalls zu regelmäßigen Fitneßtrainings ermutigen. Männliche Raucher mittleren Alters, so heißt es, die sich an solchen Programmen beteiligen, erkranken wesentlich seltener als jene aus der untrainierten Gruppe.

Schwanger & Sport?

Ein maßvolles körperliches Aufbautraining, so berichtet eine medizinische Forschergruppe der Universität Freiburg, kann auch die nach einer Chemo- oder Strahlentherapie weitverbreitete Müdigkeit oder Erschöpfung deutlich verringern. Körperliche Aktivitäten nach einer hochdosierten Chemotherapie werden von Ärzten allerdings nur selten empfohlen. In aller Regel tragen die Mediziner der Erschöpfung Rechnung und warnen vor anstrengenden Tätigkeiten. Studienleiter Fernando Dimeo von der Freiburger Universität hingegen hatte einer Gruppe von 16 Chemotherapie-Patienten nach ihrer Entlassung aus dem Spital ein sechswöchiges Aufbautraining empfohlen, bei dem zunächst fünfmal täglich ein dreiminütiger Spaziergang angesagt war. Dieser Aktivitätspegel wurde sukzessive auf täglich 30 Minuten ohne Unterbrechung gesteigert. Das überraschende Ergebnis: Eine Woche später klagte bei einer Befragung kein einziger dieser Patienten darüber, bei seinen täglichen Verpflichtungen durch Erschöpfung beeinträchtigt zu sein. In der körperlich weitgehend inaktiven Kontrollgruppe hingegen tat sich jeder Vierte beim Gehen, Stiegensteigen oder Einkaufen schwer. Die häufige Empfehlung, sich nach einer Chemotherapie möglichst zu schonen, so die Studienautoren, "kann zu paradoxen Ergebnissen führen. Körperliche Inaktivität führt zu einem Nachlassen der Muskelkraft, und längeres Rasten kann die Leistungsfähigkeit weiter verringern."

Die verbreitete Sorge wiederum, daß Sport in der Schwangerschaft ein Risiko für das Ungeborene darstellen könnte, will eine Untersuchung der amerikanischen Case Western Reserve University entkräften. Halten sich Schwangere - im konkreten Fall durch mindestens dreimal pro Woche 30 Minuten Laufen oder Aerobic - fit, so Studienleiter James Clapp im "Journal of Pediatries", so sind durchaus positive Effekte auf die Entwicklung des Kindes zu erwarten.

Was genau dafür verantwortlich ist, ist allerdings noch unklar. Möglicherweise, vemutet Mediziner Clapp, haben verschiedene Reize, die durch die Aktivitäten der Mutter ausgelöst werden, einen positiven Einfluß auf die neurologische Entwicklung des Fötus.

Was das richtige Ausmaß für Sport und Bewegung ist, ist natürlich immer eine Frage der individuellen Situation. Die Experten des Robert-Koch-Instituts empfehlen als Richtwert dreimal pro Woche jeweils 30 Minuten lang eine Ausdauersportart zu betreiben, wie beispielsweise Schwimmen, Radfahren oder Laufen.

Ältere Menschen, die sich vorher noch nicht um ihre Fitneß gekümmert haben, sollten mit täglichen leichten Übungen wie Gehen und Radfahren beginnen. Am besten sollte mit einem Arzt besprochen werden, ob eine sportmedizinische Untersuchung sinnvoll ist. Dabei wird abgeklärt, ob etwa das Herz-Kreislauf-System den Belastungen auch gewachsen ist.

Empfehlungen einer neuen Art ergaben sich aus den Ergebnissen einer im Jänner im US-Fachmagazin "American College of Sports Medicine Journal" vorgestellten Untersuchung. Untersuchungsleiter Richard Gregory appelierte an alle Mütter, die sich nach der Geburt wieder Sport und Fitneß zuwenden: "Stillen Sie, bevor Sie sich sportlich betätigen!"

Gregory hatte festgestellt, daß die Konzentration des für die körperliche Abwehr wichtigen Immunglobulins A (1gA), das über die Muttermilch an das Kind weitergegeben wird, nach einem extrem anstrengenden Fitneßtraining deutlich abninmt.

Erst nach etwa einer Stunde wurde die ursprüngliche Konzentration wieder erreicht.

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