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Lob des Laufens

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Der Wien-Marathon schürt die Laufbegeisterung. Auch für absolute Anfänger gibt es erbauliche Nachricht: Weniger ist mitunter sogar mehr.

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Der Wien-Marathon schürt die Laufbegeisterung. Auch für absolute Anfänger gibt es erbauliche Nachricht: Weniger ist mitunter sogar mehr.

Dass die Welt der Vorstellungen oft nicht mit der Realität übereinstimmt, davon können sich am Sonntag die mehr als 42.000 Teilnehmer des Wien-Marathons am eigenen Leib überzeugen. "Die Landkarte ist nicht das Gebiet", so ein philosophischer Leitsatz (A. Korzybski). Gewiss, es gibt einige Wettkampftipps, die es zu beherzigen gilt; und für viele Läufer trifft wohl zu, dass es rund um Kilometer 35 am ungemütlichsten werden wird. Aber welche Erwartungen auch immer die Teilnehmer mit dieser Königsdisziplin verbinden - für manche wird es ganz anders kommen. Sie werden vielleicht mit bislang unbekannten Reserven ins Ziel gleiten oder bereits bei Kilometer zwölf mit unvorhersehbaren Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Das ist das Schöne am Laufen: Man kann jederzeit seine kleinen Wunder erleben. "Leben ist das, was Dir passiert, während Du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen", sang einst John Lennon. Das Laufen ist ein guter Lehrmeister.

Genuss und Grenzüberschreitung

Davon wissen bereits jene Hobby-Läufer zu berichten, für die eine Marathondistanz über 42,195 Meter keine realistische Option ist. Auch sie können erfahren, wie stark das Laufen von wechselhaften Bedingungen abhängig ist: Dass es ein Genuss sein kann, sich an die eigenen Grenzen heranzutasten und diese bei günstiger Gelegenheit zu überschreiten. Dass das Laufen mit fortlaufender Dauer nicht immer anstrengender werden muss, sondern auch in einen entspannten Modus übergehen kann. Dass es sich gut anfühlt, wenn der Körper ganz natürlich sein eigenes Tempo wählt (wenn man ihn endlich einmal lässt). Und dass das Bergauf-Laufen nicht nur notwendiges Übel, sondern auch eine angenehme "Sauerstoffdusche" sein kann, wie etwa der Feldenkrais-Lauftrainer Wim Luijpers betont.

Auch das ist das Schöne am Laufen: Es ist eine unglaublich simple Tätigkeit, die nahezu überall mit geringstem Aufwand durchgeführt werden kann - und zugleich ein hochgradig komplexer Bewegungsablauf, der sich je nach Bedarf immer weiter optimieren lässt: Man steigt niemals in den gleichen Fluss, und man lernt nie aus. Die vom israelischen Physiker Moshé Feldenkrais begründete Methode zielt darauf ab, eingefleischte Bewegungsabläufe bewusst zu machen, bei Bedarf zu korrigieren und somit erweiterten Handlungsspielraum zu gewinnen. Das erfordert einfühlsames Experimentieren, und das Laufen ist hier eine lohnende Spielwiese. In unserer Leistungsgesellschaft freilich besteht die Gefahr, dass nur noch die Quantität im Vordergrund steht: welche Strecke in welcher Zeit zurückgelegt wird. Das Laufen ist heute einer der größten Märkte der Sportartikelindustrie, und die Entwicklung neuer Messuhren, Laufbänder und anderer Monitoring-Technologien scheint diese Entwicklung eher noch zu forcieren. Aber es ist nicht das "Wie schnell" oder "Wie lange", sondern das grundsätzliche "Wie", das den Unterschied macht. Denn die Laufqualität bestimmt letztlich, wie nachhaltig die Laufbemühungen sein werden.

Dass regelmäßiges Laufen eine Reihe gesundheitlicher Effekte zeitigen kann, ist gut dokumentiert: Es kräftigt die Lunge und Atemwege; selbst Atemnot-geplagte Asthmatiker können ihre Symptome reduzieren. Der Blutdruck sinkt und die Arterien bleiben elastischer. Auch der Ruhepuls wird gesenkt, was prognostisch für eine längere Lebenserwartung spricht. Das Immunsystem wird gestärkt; ähnliches gilt für die Knochendichte: Das bedeutet gerade für ältere Menschen einen Schutz gegenüber der Osteoporose. Zudem wird dem Lauftraining auch für die Prävention von Diabetes-Typ-2 und Demenz ein Wert beigemessen. In welchem Ausmaß das Laufen den größten Nutzen nach sich zieht, ist noch weniger gut erforscht. Dass "kein Ding ohne Gift" sei und allein "die Dosis das Gift mache", hat bereits der neuzeitliche Arzt Paracelsus betont. Gilt das womöglich auch für das Laufen?

Die Entdeckung der Langsamkeit

Für Aufsehen sorgte unlängst eine Studie aus Dänemark, in der das Bewegungsverhalten von rund 5000 Personen über bis zu 35 Jahre im Hinblick auf deren Langlebigkeit untersucht wurde. Erfasst wurden einerseits Jogger mit unterschiedlichem Laufpensum, andererseits klassische "Couch-Potatoes" oder, wissenschaftlich ausgedrückt, "Nicht-Jogger mit einem sitzenden Lebensstil". Das erstaunliche Ergebnis wurde in manchen Medien ein bisschen bösartig präsentiert: Schnelles Laufen sei genauso tödlich wie das allzu hartnäckige Sitzen auf der Couch, titelte etwa der britische Telegraph: "Zuviel Training kann dich umbringen."

De facto hat die dänische Studie bei Personen mit dem höchsten Trainingspensum und jenen mit Trainingsverweigerung lediglich eine vergleichbare Sterblichkeitsrate ergeben. Die Jogger mit geringerem Laufpensum (1-2,4h/Woche) hingegen zeigten eine deutlich niedrigere Mortalität. Gerade das langsame Laufen schien den größten Erfolg zu bringen, denn bei Joggern in dieser Gruppe verringerte sich das Sterberisiko langfristig um 63 Prozent. Läufer mit moderatem Tempo (ca. 8km/h) erreichten immerhin noch eine Risikoreduktion um 47 Prozent. Wer allerdings noch schneller lief, schnitt sogar schlechter ab als die Nichtläufer.

Lust durch Leistung

Anhand dieser Daten sei keineswegs abzuleiten, dass intensiveres Training gesundheitsschädlich ist, betonen Experten. Marathon-Läufer sollen dadurch nicht verunsichert werden, erläutert der amerikanische Kardiologe Carl Lavie. Die Botschaft laute vielmehr, dass extreme Anstrengung nicht erforderlich ist, um der Gesundheit etwas Gutes zu tun. Lavie publizierte letztes Jahr ähnliche Studienergebnisse, die bereits für tägliches fünf- bis zehnminütiges Laufen, selbst in sehr langsamem Tempo, eine deutlich reduzierte Sterblichkeit nachgewiesen haben. Das entsprach einer um drei Jahre gesteigerten Lebenserwartung: "Der maximale Gesundheitsnutzen des Lauftrainings wird wahrscheinlich bei geringen Dosen abgeerntet", so der Kardiologe.

Nun soll es ja Leute geben, die nicht nur laufen, um ihrem Herz-Kreislauf-System einen Gefallen zu erweisen und ihre Lebenserwartung zumindest in statistischer Hinsicht zu verlängern. Das wäre auch nur ein schwacher Anreiz, wie man aus der Gesundheitsforschung weiß. Was primär zählt, ist der unmittelbare Effekt, die augenblickliche Befriedigung. Aber auch hier hat das Laufen einiges zu bieten: Die Wohlgefühle, die der Körper nach einem Lauf im "grünen" Intensitätsbereich aussendet, sind hier wohl der beste Kompass. Man könnte ruhig auch sinnliche Lust dazu sagen.

Nicht zuletzt verbinden sich mit dieser allereinfachsten Sportart unzählige Motive und Träume - Freiheit und Spaß, Ausgleich und Gesundheit, Wettkampf und Freundschaft, Persönlichkeitsbildung und Stressabbau, Glück und Lebensfreude, wie es in einem Manifest des Wien-Marathons heißt. Und darüber hinaus gibt es noch eine Dimension jenseits jeden zweckmäßigen Denkens. "Mein Ziel", sagt der Zen-Mönch Thích Nhât Hnh, "liegt in jedem Schritt." Diese Haltung der Hingabe ist auf das Laufen übertragbar - von den zaghaften Anfängen bis zu den vielen Schritten eines Marathons.

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