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Muskeln brauchen Balance

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Unser Körper unterliegt einem Wechselspiel von Ruhe und Bewegung. Richtiges Training und gute Vorbereitung schützen vor Unfällen und einseitigen Belastungen.

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Unser Körper unterliegt einem Wechselspiel von Ruhe und Bewegung. Richtiges Training und gute Vorbereitung schützen vor Unfällen und einseitigen Belastungen.

Haben Sie schon einmal nach drei Stockwerken nach Luft geschnappt, nachdem der Lift ausgefallen war und sie ungewohnter Weise zu Fuß gehen mußten? Haben Sie schon einmal „weiche Knie” nach einer etwas längeren Schiabfahrt bekommen und dabei das Gefühl gehabt, sich nicht mehr auf den Füßen halten zu können?

Dann ist es höchste Zeit, etwas für Ihren Bewegungsapparat zu tun. Wir sind auf Dynamik aufgebaut, auf ein Wechselspiel von Belastung und Entlastung, von Anspannung und Entspannung. Wir unterliegen dem Prinzip der Anpassung, der Äd-aptierung an Ruhe und Bewegung.

Anders als beim Auto, können wir unsere Leistungsfähigkeit entsprechend den gestellten Anforderungen verändern. Bei einem Auto mit 100 Kilowatt kann die Leistung zwar durch Maschinenfehler geringer werden, jedoch nicht durch dosierte Belastung vermehrt werden. Der menschliche Bewegungsapparat ist dazu jedoch in der Lage. Durch Ausdauertraining wird die Leistung der „Benzinpumpe”, dem Herz, verbessert, der vorhandene Treibstoff wird besser umgesetzt, es gelangt mehr Treibstoff zum „Motor”, den Muskeln und der „Hubraum” des Motors wird größer. Wird das „Fahrgestell” jedoch über seine Grenzen hinaus belastet, so entstehen Schäden. Wird der Motor „überdreht”, so kann es zu „Blockierungen” kommen. Das kann auch dem menschlichen Körper zustoßen.

Die meisten Unfälle im Sport entstehen aus mehreren Gründen. Im Vordergrund stehen dabei Ungeübt-heit und mangelhaftes Training, ein Fünftel ist auf Ermüdung und Uberanstrengung zurückzuführen, viele hängen mit mangelhaftem „Aufwärmen” zusammen. Viel weniger als allgemein angenommen sind unfaires Verhalten von Mitspielern oder Gegnern oder ungünstige äußere Bedingungen Ursache von Verletzungen.

Durch eine entsprechende Vorbereitung und richtiges Einschätzen der individuellen Möglichkeiten sind die meisten Unfälle vermeidbar!

In der Schweiz kam es in einem Jahr zu rund 23.000 Unfällen (inklusive Bagatellfälle) im Fußballsport und zirka 17.000 Unfällen im Schisport. Die meisten Todesfälle waren aber im Berg- und Wassersport zu verzeichnen. Insgesamt kosteten alle Sportunfälle der Schweiz nach groben Schätzungen zirka eine Milliarde Franken pro Jahr.

Diese Zahlen sollten Anlaß sein, sich vermehrt der Unfallprophylaxe anzunehmen. Richtiges Vorbereiten auf die Belastung kann dazu viel beitragen.

In Osterreich gibt es das Kuratorium für Verkehrssicherheit und es wird viel für die Unfallverhütung am Arbeitsplatz getan. Es wäre aber zusätzlich höchste Zeit, etwas für die Prävention von Freizeit- beziehungsweise Sportunfällen zu tun.

Falsch wäre aber, keine Bewefmg, keinen Sport zu propagieren, inmal ganz abgesehen von den sozialen Aspekten des Sportes, machen die sogenannten „Zivilisationsschäden” in unserem Kulturkreis den größten und darüber hinaus zunehmenden Anteil an Krankenstandstagen aus. Entsprechend dem Prinzip der Anpassung müssen auch hier die Strukturen des Stütz- und Bewegungsapparates trainiert werden. Das heißt die „Maschine” Mensch muß in einem wohldosiertem Maß belastet und (!) entlastet werden. Belastung und Entlastung, anspannen und entspannen kann man und muß man lernen. Zuvor aber ist es notwendig, die Ausgangslage zu kennen.

Am Beginn jedes Trainings steht daher eine Analyse der Leistungsfähigkeit. Sie soll neben der Erfassung des sportlichen Niveaus vor allem eine umfassende sportmedizinische Untersuchung beinhalten. Die Österreichische Gesellschaft für Sportmedizin hat vor wenigen Wochen dafür einen Untersuchungsbogen veröffentlicht, der allen Sportärzten zur Verfügung steht. Es umfaßt neben einem Belastungstest des Herz-Kreislaufsystems auch die Untersuchung des Stütz- und Bewegungsapparates. Aus diesen Testergebnissen kann ein gezieltes Aufbau -programm erarbeitet werden, das individuell auf die Notwendigkeiten und Möglichkeiten des zukünftigen beziehungsweise „laufenden” Sportlers abgestimmt ist. Somit kann eine notwendige Belastung ohne mögliche Überlastung geplant werden.

Den Körper kennenlernen

Diese Belastung muß in einer ersten Stufe darauf abzielen, den Körper kennenzulernen, zu spüren, welche Muskelgruppen überhaupt angespannt werden können, um sie auch wieder zu entspannen. Vor allem im Bereich der Wirbelsäule ist dies von großer Bedeutung.

Neben der Kräftigung der Muskulatur ist auch die Erhaltung oder Erlangung einer ausreichenden Dehnfähigkeit des Muskelsehnenapparates notwendig, um i die vielzitierte „muskuläre Balance” aufzubauen.

Wir haben dazu ein Übungsprogramm entwickelt, das aus zwölf Übungseinheiten besteht (ABS-At-men, Bewegen, Stretchen). Diese zwölf Dehnungspositionen fließen durch langsame runde Bewegungen ineinander über und sollen atemsynchron ausgeführt werden. So können innerhalb weniger Minuten die wichtigsten Muskelgruppen des Körpers wahrgenommen werden. Das Programm kann sowohl zum Aufwärmen als auch zwischendurch zum Entspannen verwendet werden.

Die Wahl der Sportart sollte vor allem danach erfolgen, was Ihnen Freude und Spaß bereitet.

Wollen Sie zum Beispiel laufen, so muß vorerst das Herz-Kreislaufsystem auf seine Belastungsfähigkeit getestet werden, um Ihnen auch eine genaue Trainingsempfehlung geben' zu können. Damit ist es aber noch lange nicht getan, da man ja zum Laufen bekanntermaßen auch die Beine braucht. Unterschätzen Sie die mechanischen Belastungen der Gelenke nicht. Lassen Sie auch die Wirbelsäule untersuchen. Durch die zyklischen Anspannungen beim Laufen können sich auch kleine Fehlstellungen sehr schmerzhaft auswirken. Dies gilt natürlich auch für die Füße. Sparen Sie nicht am Schuhwerk. Dehnen Sie vor dem Laufen vor allem die rückwärtige Oberschenkelmuskulatur, die als Bremser für die koordinierte Kniebewegung notwendig ist. Je besser die Bremsen, umso sicherer die Fortbewegung.

Das gleiche gilt natürlich auch für Tennis. Hier kommt es aber durch den Schlagarm vermehrt zu einer starken Belastung der Wirbelsäule, noch dazu einseitig. Es ist daher ein Ausgleichstraining für die Wirbelsäule zu empfehlen. Das Material des Schlägers und das Material Ihres Schlagarmes sollte mit Ihrem technischen Können und Wollen übereinstimmen.

Wenn Sie sich also etwas Gutes tun wollen, so müssen Sie etwas tun und zwar bevor etwas passiert. Tun Sie aber zu viel, so kann das des Guten zuviel sein. Der Mensch braucht Belastung und Entlastung, Anspannung und Entspannung. Er braucht aber zumeist Beratung für eine notwendige individuelle Dosierung.

Der Autor ist Facharzt für Physikalische Medizin und Sportarzt im MBC-Clubhaus Wien Information zum ABS-Ubungspro-gramm Heilmittelwerke Wien TeL(0222) 601 34 19.

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