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Umdenken beim Essen

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Wie kommt der Konsument gesund durch das Schlaraffenland? Der richtige Umgang im kulinarischen Uberfluß muß gelernt werden.

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Wie kommt der Konsument gesund durch das Schlaraffenland? Der richtige Umgang im kulinarischen Uberfluß muß gelernt werden.

Emährungswissenschaftert und Ärzte haben es immer schon prognostiziert, Österreichs Gour-mands haben es aus ihrem mahnenden Gewissen verdrängt: Im Schlaraffenland Österreich ist es um die Ernährungssituation unserer Bürger nicht sehr gut bestellt. Ähnlich wie in anderen Wohlstandsgesellschaften leidet auch unsere Gesundheit am leiblichen Genuß im Überfluß.

„Zivilisationskrankheiten” nennt die Medizin das, was nach Jahren des zu viel, zu fett, zu süß,, zu salzig folgt. Doch wie kann diesem nicht ganz neuem Faktum Einhalt geboten werden? Zweifelsohne gäbe es sinnvolle Strategien, die uns langfristig zu einem gesünderen Eßverhal-ten leiten könnten, um uns damit mehr Lebensfreude und Vitalität zu ermöglichen. Die Frage ist nur wie so oft - wer soll (oder besser will) das bezahlen?

Nach dem Motto: Vorbeugen ist besser als heilen, wäre angesichts jüngster Diskussionen um das „kranke” Gesundheitssystem und der Tatsache, daß dem ungebremsten Milliardenfluß Richtung Reparaturmedizin Einhalt geboten werden muß, eine Verbesserung der Mittelausstattung für das bisherige Stiefkind Prävention zweifelsohne ein Schritt in die richtige Richtung.

Derzeit macht bei den ernährungsbezogenen Gesundheits-aufwendungen in Österreich der Anteil der Primärprävention und Früherkennung nur fünf Prozent (eine Milliarde Schilling) aus. Einen Großteil davon verschlingen Zahnhygiene und Lebensmittelkontrolle. Angesichts der großen Bedeutung der ernährungsbezogenen Erkrankungen in bezug auf Morbidität und Moralität erscheint dieser vergleichsweise geringe Mitteleinsatz für Maßnahmen der Gesundheitsförderung nicht gerechtfertigt.

Daß sich die Motive für das tägliche Essen und Trinken im Lauf der Zeit gravierend geändert haben, scheinen jene, die mit Hilfe rigider Verbote und Gebote versuchen, das Ernährungsverhalten der Bevölkerung zu ändern - und daran scheitern - übersehen zu haben.

Der Sinn der pragmatischen Selbsterhaltung - essen und trinken, um zu überleben - hat im Schlaraffenland Österreich heute nur mehr marginale Bedeutung. Viel stärker stehen Motive wie die Erfahrung des sinnlichen Genusses, das Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Beisammensein oder die ökonomische Situation bei der Speisengestaltung im Vordergrund. Als negatives Beispiel seien hier jene Gewichtsreduktions-diäten erwähnt, die dem Abnehmwilligen genau nach Plan vorschreiben, was er wann jeden Tag essen darf. Daß damit weder dem Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Essen und Trinken noch dem individuellen Geschmack Rechnung getragen wird, erklärt den vorprogrammierten Mißerfolg diverser Diäten. Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme, der Mensch ernährt sich nicht, sondern er ißt und trinkt. Ernährungsberatung und -aufklärung darf sich da-, her nicht alleine auf die Nährstoffebene beschränken, sondern muß in erster Linie die eigentlichen Bedürfnisse des Konsumenten berücksichtigen.

Was macht nun tatsächlich krank im Schlaraffenland?

Freud für unseren Gaumen - Leid für unsere Gesundheit.

So könnte man das Ernährungsproblem Nr. 1 in Osterreich kurz umreißen. Fett ist unumstritten ein wesentlicher und unersetzlicher Geschmacksträger in unseren Speisen. Genauso unumstritten ist der krankmachende Effekt eines auf Dauer erhöhten Fettkonsums. Die Überdosis von durchschnittlich 40 Gramm pro Tag resultiert aus unserer. Vorliebe für fettreiche Wurstsorten, für fettreich zubereitete Fleischgerichte sowie für schokoladige und mehlspeisige Verführungen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen (dazu gehören unter anderem Herzinfarkt und Schlaganfall) stehen mit 52,7 Prozent aller Todesfälle noch immer eindeutig an der Spitze der Todesursachen in unserem Land.

Auch wenn die Tatsache in den letzten Jahren von diversen Interessenvertretungen heftig und unsachlich dementiert wurde: Fett - genauer ein ständiges Zuviel an tierischem Fett - stellt einen maßgeblichen Risikofaktor bei der Entstehung dieser Erkrankungen dar. Um Sie liebe Leserin und lieber Leser nicht neuerlich mit der mehr als strapazierten Cholesterindiskussion zu langweilen, sollte man es bei dieser Feststellung belassen. Interessanter sind vielleicht die weniger bekannten „Nebenwirkungen' eines zu hohen Fettkonsums und vor allem praktikable Lösungsstrategien im Kampf gegen diesen Nährstoff (siehe Kasten rechts). Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre deuten auf eine krebsfördernde Wirkung eines überreichlichen Fettverzehrs hin. Vor allem bei Brustkrebs ist dessen Inzidenz eng mit Fettkonsum und Übergewicht gekoppelt. Als wissenschaftlich abgesichert gilt bereits die Beziehung zwischen Fettverzehr und Dickdarmkrebs.

Damit wir Fett verdauen können, muß Gallensäure produziert werden - je mehr Fett wir essen, desto mehr Gallensäure wird an den Darm abgegeben. Nachdem die Gallensäure ihre Funktion im Dünndarm erfüllt hat, wird sie im Dickdarm zu sogenannten sekundären Gallensäuren verstoffwechselt. Diese Stoffwechselprodukte wirken als Karzinogene und können im Verlauf mehrerer Jahre schließlich zu bösartigen Neubildungen (Krebs) führen. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle die positive Wirkung der Ballaststoffe, welche Gallensäuren binden und damit deren Kontakt mit der Darmschleimhaut verringern. Epidemiologische Studien aus Skandinavien belegen diese Tatsachen. Populationen mit hohem Fett- und geringem Ballaststoffverzehr weisen die höchste Dickdarmkrebsrate auf. Womit wir beim nächsten wichtigen Punkt wären.

Von der empfohlenen Mindestmenge von 30 Gramm pro Tag sind wir in Österreich weit entfernt (Männer mehr noch als Frauen). Grund dafür ist der in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angestiegene Konsum ballaststofffreier Nahrungsmittel (Fleisch, Fleischwaren, Zucker) zu Lasten ballaststoffreicher Lebensmittel (Getreide, Gemüse, Hülsenfrüchte). Bereits 1960 wurde in der sogenannten „Fiber-Hypothese” ein geringer Verzehr an Ballaststoffen, wie dies in der westlichen Welt üblich war und ist, mit der Häufigkeit vieler Erkrankungen (vor allem jene des Verdauungstraktes, des Gefäßsystems und des Stoffwechsels) in Verbindung gebracht. Die Hypothese von damals wurde durch zahlreiche Untersuchungen immer wieder bestätigt. Angefangen vom Übergewicht über Verstopfung, entzündlichen Darmerkrankungen bis hin zu Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörungen und bestimmten Krebsarten kann ein häufiger Verzehr ballaststoffreicher Lebensmittel eine maßgebliche positive Wirkung ausüben.

Bis zu zehn Prozent der täglichen Energie nehmen Frau und Herr Österreicher in Form von Alkohol jeden Tag zu sich. Die möglichen Folgen eines chronischen Älkoholkon-sums sind bekannt: Schädigung der Leber, der Bauchspeicheldrüse und des Magens, stark erhöhtes Risiko für Mund-, Speiseröhren- und Kehlkopfkarzinom, Begünstigung von Gicht und Bluthochdruck - um nur die wichtigsten zu nennen.

Wo kann nun angesetzt werden, um die gravierendsten Mißstände beim täglichen Essen und Trinken zu ändern? Schieben Sie die Schuld nicht primär auf andere, sondern kehren Sie zuerst vor der eigenen (Kühlschrarik-)Tür . Ein paar Tips (siehe Kasten rechts) sollen Ihnen dabei helfen.

Bedingt durch gesellschaftliche Veränderungen wächst die Anzahl der Teilnehmer an Gemeinschaftsverpflegungssystemen kontinuierlich und damit deren gesundheitspolitische Bedeutung. Eine Optimierung der Gemeinschaftsverpflegung in Kindergärten, Schulen, Spitälern, Altenheimen, Betriebskantinen und anderen stellt aus präventivmedizinischer Sicht einen wichtigen Schritt zu einem gesünderen Ernährungsverhalten dar. Die beispielgebende Wirkung einer richtig zusammengesetzten Kost, welche sich an den ziel-gruppenspezifischen Eßbedürfnissen orientiert, ermöglicht einen schulenden, prägenden Effekt und erleichtert den Abbau von Vorurteilen gegenüber „gesunder” Kost. Obwohl in Österreich zahlreiche Großküchen von diesen Zielen noch weit entfernt sind, gibt es vielerorts bereits positive Tendenzen in die richtige Bich-tung. Grundlegende Voraussetzung der so wichtigen Optimierung und Reorganisation der Gemeinschaftsverpflegung auf breiter Ebene ist sicherlich, daß Unternehmer und Verantwortliche für Schul- und Alten-Verpflegung die Gesundheitsförderung als allgemeinen volkswirtschaftlichen Bedarf akzeptieren.

Ernährungspolitisch ist Österreich ein Entwicklungsland.

Um die aktuelle Ernährungssituation in unserem Land langfristig zu verbessern, braucht es weitgreifende Maßnahmen der kommunalen Ernährungspolitik. Eine Hebung des Gesundheitsbewußtseins und eine Verbesserurig des Ernährungswissens bedarf vor allem einer Stärkung der primären Prävention. Strukturen der Ernährungsberatung, -erziehung und -Information sollten beispielsweise in Kindergärten, Schulen, Betrieben zur Selbstverständlichkeit werden. Die Aufgabe einer sinnvollen Ernährungspolitik liegt darin, geeignete Instrumentarien zu finden, um den Konsumenten gesund durch das Schlaraffenland zu führen. Der kulinarische Überfluß ist allgegenwärtige Tatsache, wir müssen daher lernen, damit umzugehen. Dazu ist eine enge Zusammenarbeit von Ernährungswissenschaft, Medizin, Lebensmittelindustrie, Versicherungen und Politik notwendig.

Viel ist zu tun - und alle Verantwortlichen sind hiermit angesprochen, auf den großen Bedarf einer sinnvollen Gesundheitsförderung zu reagieren.

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