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Hormone am Schaltbrett des Körpers

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Hormone: Stoffe, die schon in geringen Mengen weitreichende Folgen im Körper auslösen. Ihre Steuerungsfunktion ist Gegenstand intensiver Forschung.

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Hormone: Stoffe, die schon in geringen Mengen weitreichende Folgen im Körper auslösen. Ihre Steuerungsfunktion ist Gegenstand intensiver Forschung.

Vom Herzinfarkt bis zu Asthma und zur Verhinderung von Abstoßreaktionen bei Transplantationen reicht die Palette der Erscheinungen, die von einer Gruppe von körpereigenen Wirkstoffen, den Prostaglandinen, beeinflußt werden. Neueste Forschungen lassen erkennen, daß diese Stoffe künftig in vielfältigen Formen als Medikamente eingesetzt werden können. Eine kürzlich in Wien abgehaltene internationale Konferenz bot einen Überblick über den neuesten Stand der Dinge.

Die Bedeutung, die diesen hormonähnlichen Substanzen zugeschrieben wird, geht allein schon aus der Tatsache hervor, daß zwei Nobelpreisträger, Sir John R. Vane aus Großbritannien und Bengt Samuels-son aus Schweden, an den Diskussionen teilnahmen.

Die Erforschung der Steuerung und Stimulierung von Körperfunktionen spielt in der innovativen Medizin eine immer größere Rolle. Dabei wird die überragende Rolle körpereigener Substanzen - Hormone und Enzyme zählen zu den Hauptakteuren - immer offenkundiger. Zwar sind sie schon seit längerer Zeit bekannt, ihre besonderen Wirkungen und Reaktionsketten werden jedoch erst allmählich enträtselt.

Ein typisches Beispiel sind die Prostaglandine, Mediatoren, deren vielfältige Bedeutung der österreichische Vorsitzende der Konferenz, Helmut Sinzinger (Nuklearmedizinische Universitätsklinik Wien), so umreißt: „Sie sind bei der Entstehung von Fieber, Schmerzen und Entzündungen ebenso beteiligt wie bei der Regulation des Herz-Kreislauf-Systems, also auch des Blutdruckes, oder bei der Funktion von endokrinen Organen, wie der Schilddrüse oder den Eierstöcken, oder bei Abstoßreaktionen von trans-plantierten Organen. Außerdem kenne ich kein Medikament, auf das Prostaglandine nicht reagieren, insbesondere auf ACE-Hemmer, also auf Blutdruckregler oder Nitroglycerine.”

Prostaglandine werden im Körper in nahezu allen Zellen aus ungesättigten Fettsäuren gebildet. Daraus schließen die Forscher, daß es möglich sein könnte, durch eine entsprechende Diät diese Fettsäuren und damit auch die Bildung der Prostaglandine zu beeinflussen.

Mit einer fischreichen Kost ist es in Versuchen bereits gelungen, das Synthesemuster der Prostaglandine zu verändern. Man stellte fest, daß sich dadurch auch die Funktion der Thrombozyten, die für die Blutgerinnung mitverantwortlich sind, ändert. Nun können Prostaglandine positive und negative Reaktionen auslösen, eben Vorgänge steuern. Eine Beeinflussung über die Nahrungsaufnahme wäre ein neues Denkmodell.

Im Rahmen der Transplantationschirurgie spielen Prostaglandine eine besonders wichtige Rolle. Sinzinger: „Sie werden eingesetzt, um Organe, die für die Transplantation bestimmt sind, funktions-fähig zu erhalten. Nach der Transplantation tragen sie dazu bei, das Spenderorgan im Körper zu integrieren.” Insbe-sondere bei Herz-, Lungen- und Nierentransplantationen hätten sich diese Wirkungsmechanismen gezeigt.

Über Erfahrungen auf einem völlig anderen Gebiet berichten die Zahn , Mund- und Kieferfachärzte Hubert Porteder, St. Pölten, und Michael Matejka, Universität Wien. Zahnfleischschwund und Zahnfleischwucherungen sind unangenehme Begleiterscheinungen der Chemotherapie. Dies dürfte mit einem Abbau von Prostaglandinen zusammenhängen. Auch bei starken Bauchern lassen sich diese Erscheinungen am Zahnfleisch feststellen. Ein Gel, das mit einem bestimmten Prostaglandin angereichert ist und auf das Zahnfleisch aufgetragen wird, bringt da ebenso spürbare Verbesserung wie Lutschtabletten.

Eine besonders wichtige Rolle spielen Prostaglandine für das Herz-Kreislaufsystem, die Blutzirkulation, die Regelung des Blutdruckes sowie die Verhinderung von Thrombosen. Sie geben die verschiedensten Impulse weiter, man kann von einer Schlüsselstellung im „Internet” der Zellen sprechen. Da gibt es gute und schlech -te Nachrichten, Stimulation, Kontraktion, Entspannung, Auf- und Abnahme von biologischen Funktionen.

„Klinisch bewährt hat sich ihr Einsatz bereits bei der arteriellen Verschlußkrankheit und insbesondere bei Durchblutungsstörungen der Beine, was ihren antithrombotischen, Leukozyten -stabilisierenden Eigen -Schäften und ihrem Einfluß auf den Fettstoffwechsel der Gefäßwände zuzuschreiben ist”, erklärt Sinzinger.

Auch die Wirksamkeit des nunmehr seit hundert Jahren bekannten Aspirin läßt sich heute erklären. Nobelpreisträger Sir John Vane fand heraus, daß Aspirin über eine Hemmung der Prostaglandin-Synthese entzündungshemmend und antirheumatisch in das Zellgeschehen einschreitet. Weiters bestehen auch enge Wechselwirkungen zu anderen Botenstoffen, wie etwa den Interleuki-nen, die die Immunregulation und Immunantwort beeinflussen.

Tumorwachstum wird beeinflußt.

Es gibt Hunderte von Prostaglandinen und das mag auch erklären, daß sie in verschiedenste Körperfunktio”” nen über eine interzelluläre Kommunikation eingreifen können, etwa auch in das Tumorwachstum oder bei bakteriellen Erkrankungen. Wie man diese Mediatorfunktionen beeinflussen kann, ist nur ansatzweise bekannt. Fettsäuren von Pflanzen und Fisch werden mit der Nahrung aufgenommen und bilden unter anderem den Ausgangspunkt für Qualität und Quantität der Prostaglandine. Sie werden aber auch synthetisch an den Membranen der Zellen entwickelt. Viele Fragen, ob man etwa durch eine entsprechende Diät oder mit Medikamenten die Prostaglandine-Synthese beeinflussen kann, sind noch offen. Aber jedenfalls haben sie bereits einen festen Platz bei der Behandlung einer Vielzahl von Krankheiten. Sie wirken, wenn injiziert, rasch aber lokal relativ beschränkt, selbst bei Erektionsstörungen. Schlucken kann man sie allerdings nicht, denn sie werden von der Magensäure rasch zerstört. Die Steuerung und Stimulierung von Körperfunktionen durch körpereigene Vermittler- und Botenstoffe weisen jedenfalls in eine neue Richtung der Medizin und Prostaglandine sitzen hier sichtlich nicht am Schaltbrett. Die Autorin ist freie Journalistin.

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