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Was können Heilmittel aus der Natur-Apotheke?

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Pflanzliche Arzneimittel gewinnen zunehmend an Bedeutung. Im Gegensatz zur Volksmedizin, die allein auf Erfahrungaufbaut, stellt die moderne Phytopharmazie eine Synthese aus klassischer Pflanzenkunde mit Methoden der Analytik, Biotechnik und Chemie dar.

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Pflanzliche Arzneimittel gewinnen zunehmend an Bedeutung. Im Gegensatz zur Volksmedizin, die allein auf Erfahrungaufbaut, stellt die moderne Phytopharmazie eine Synthese aus klassischer Pflanzenkunde mit Methoden der Analytik, Biotechnik und Chemie dar.

Seit der Mensch die Erde bevölkert, weiß er um die heilende und manchmal auch gefährliche Wirkung von Pflanzen. Aufbauend auf von Generation zu Generation tradiertem Wissen werden Kräuter gesammelt, getrocknet, gemischt, Tees gebraut, oder Extrakte hergestellt. Von der Magenverstimmung über rheumatische Beschwerden bis zu Krebs: die Volksmedizin aller Kulturen kennt gegen jedes Leiden ein mehr oder minder wirksames pflanzliches Heilmittel. Beobachtung der Natur und jahrhundertelange Erfahrung sind dabei die Grundlagen für die Auswahl der richtigen Therapie.

Durch den Einfluss der Chemie hatte die Bedeutung pflanzlicher Heilmittel seit dem vorigen Jahrhundert jedoch abgenommen. Medizinern, Pharmazeuten und Chemikern war es gelungen, die Ursachen für Krankheiten immer besser zu verstehen und entsprechende Medikamente im Labor herzustellen. Doch auch sie benutzten dabei oft die Natur als Vorbild für die Synthese neuer Wirkstoffe. So ist es kaum einem Patienten bewusst, dass die Vorlage für Aspirin ein Wirkstoff aus der Rinde der Silberweide war. Vor rund hundert Jahren isolierte der Pharmazeut Felix Hoffmann die reine Acetylsalicylsäure (ASS), die 1899 patentiert wurde und seither aus keiner Apotheke weggedacht werden kann.

In den letzten Jahren haben pflanzliche Arzneimittel eine Renaissance erfahren. Der Grund dafür mag einerseits in einem verstärkten Grünbewusstsein der Bevölkerung und andererseits in der intensivierten Heilpflanzenforschung an Universitäten, Kliniken und der Industrie zu finden sein. Diese intensive Forschung führte dazu, dass heute qualitativ hochwertige und in ihrem Wirkprofil klinisch überprüfte Phytopharmaka zur Verfügung stehen.

Wachsender Markt Moderne Phytotherapie basiert demnach auf einem über lange Zeit tradierten Erfahrungsschatz, stützt sich aber gleichzeitig auf phytochemische, experimentelle und klinische Untersuchungen. Die Anwendung pflanzlicher Arzneimittel hat also nichts mit Modeströmungen aus der Esoterikecke zu tun, sondern erfüllt streng wissenschaftliche Kriterien. Universitätsprofessorin Brigitte Kopp vom Institut für Pharmakognosie der Universität Wien: "Moderne Phytotherapie ist daher Teil der Schulmedizin und kein alternatives komplementäres Therapieprinzip, vielmehr eine sinnvolle Ergänzung."

Häufig wird der Begriff "Phytopharmakon" allgemein für ein pflanzliches Arzneimittel eingesetzt. Von chemischen Arzneimitteln unterscheiden sich Phytopharmaka im wesentlichen dadurch, dass sie als Wirkstoff einen ausreichend hoch dosierten, standardisierten oder normierten pflanzlichen Extrakt an Stelle chemisch synthetisierter Substanzen oder isolierter Reinsubstanzen aus Pflanzen enthalten.

Die Wirkung des Phytopharmakons wird im Gegensatz zum oben erwähnten Aspirin, bei dem durch eine einzelne Substanz die Wirkung hervorgerufen wird, durch die Zusammensetzung des Extraktes bestimmt. Die einzelnen Elemente dieses Stoffgemisches haben oft einen synergistischen Effekt. Kopp: "Es lässt sich immer wieder feststellen, dass Pflanzenextrakte besser wirken als ein einzelner darin enthaltener Stoff."

Um gleichbleibende Qualität und damit auch Wirkung zu gewährleisten, ist die Herstellung von Phytopharmaka vom Anbau bis zum Fertigpräparat strengen Richtlinien unterworfen, die von der Europäischen Union und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben werden.

Als Ausgangsmaterial dienen frische Pflanzen. Während 70 Prozent der verwendeten Pflanzenarten noch aus der Wildsammlung stammen, werden jedoch 70 Prozent der Rohstoffgesamtmenge aus kontrolliertem Anbau gewonnen. Die steigende Nachfrage der Konsumenten nach natürlichen Heilmitteln führt dazu, dass die Forschung bezüglich der Kultivierung und des Anbaus laufend intensiviert wird. So ist der Bedarf an Johanniskraut, das in der Behandlung der Depression eingesetzt wird, nur durch optimierten Anbau zu decken. Auch das wilde Vorkommen der Echinacea purpurea, des roten Sonnenhutes, deren Extrakt die körpereigenen Abwehrkräfte steigert, wäre bei weitem nicht ausreichend, den wachsenden Markt zu befriedigen.

Gut verträglich Wie bei jeder anderen Pflanze auch, sind die Eigenschaften von Heilpflanzen von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Zu den Faktoren, die die Güte der Pflanze beeinflussen gehören Standort, Bodenqualität, Klima, Kultivierung, Entwicklungsstadium und Alter der Pflanze. Da aber auch Echinacea nicht gleich Echinacea ist, sondern zum Teil beträchtliche genetische Unterschiede bestehen können, wird versucht durch Selektion möglichst homogene Ausgangsprodukte für die Herstellung des Extraktes zu gewinnen.

Die Pflanzen können dann entweder frisch gepresst werden, wie es beispielsweise beim Sonnenhut der Fall ist, oder getrocknet und geschnitten oder pulverisiert werden. Mittels Wasser oder Alkohol wird anschließend ein Extrakt gezogen, der sämtliche wirksamen Substanzen der Pflanze enthält und zu Tabletten, Dragees, Kapseln oder Tropfen weiter verarbeitet wird.

Phytopharmaka weisen für eine Reihe von Krankheiten eine sehr gute Wirksamkeit bei meist geringen Nebenwirkungen auf. Trotz der guten Verträglichkeit handelt es sich aber um Medikamente, deren Anwendung auch Risiken in sich birgt. Sinnvolle und sichere Therapie mit pflanzlichen Arzneimitteln ist daher nur in Absprache mit dem Arzt oder Apotheker möglich.

Phytopharmaka - eine Auswahl Im folgenden sind einige pflanzliche Arzneimittel aufgeführt. Das Indikationsspektrum reicht dabei von leichten Befindlichkeitsstörungen bis zu schweren Erkrankungen. Bei länger anhaltenden, sich verstärkenden Beschwerden oder bei Unsicherheiten in der Anwendung ist in jedem Fall der Rat eines Arztes oder Apothekers einzuholen, denn alles, was wirkt kann auch unerwünschte Wirkungen haben.

Detaillierte Informationen zu Heilpflanzen und -kräutern und deren Anwendung sind im Internet im interaktiven "Heilpflanzenlexikon" zu finden unter "http://www.phyto-lexikon.de/".

Artischocke: Die Artischocke ist nicht nur ein schmackhaftes Gemüse, sondern sie hilft auch dem Organismus, Störungen des Fettstoffwechsels auszugleichen. Völlegefühl, Blähungen, Übelkeit und krampfartige Schmerzen können mit Artischocke gelindert werden.

Echinacea purpurea: Die wohl bekannteste Heilpflanze zur Stimulation des Immunsystems ist der rote Sonnenhut. Er dient zur Behandlung immer wiederkehrender Infekte der Atemwege und der Harnwege. Äußerlich kann Echinacea zur Behandlung von oberflächlichen, schlecht heilenden Wunden eingesetzt werden. Echinacea ist in verschiedenen Zubereitungen erhältlich.

Baldrian: Radix valerianae, die Baldrianwurzel, wird seit Jahrhunderten als Arzneimittel verwendet. Baldrian eignet sich zur Behandlung von Unruhezuständen und nervös bedingten Einschlafstörungen.

Ginkgo biloba: Neuere Studien haben gezeigt, dass der Ginkgo-Extrakt zur symptomatischen Behandlung einer Reihe von kognitiven Störungen wie Demenz, oder Alzheimer geeignet ist. Diagnose und Therapie gehören jedoch unbedingt in die Hand des Facharztes.

Johanniskraut: Johanniskraut wirkt stimmungsaufhellend, antriebssteigernd und spannungslösend und findet daher in der Behandlung von Depressionen und depressiven Verstimmungen Anwendung. Die Wirkung von Johanniskraut setzt jedoch erst nach etwa zwei- bis dreiwöchiger Einnahme ein. Da die Depression eine ernsthafte Erkrankung ist, sollte in jedem Fall ein Arzt konsultiert werden.

Kava-Kava: Diese Pflanze wurde bereits von den Ureinwohnern Polynesiens medizinisch genutzt. In der modernen Medizin finden Kava-Extrakte Verwendung in der Behandlung von nervösen Angst-, Spannungs- und Unruhezuständen.

Kürbis: Kürbis-Produkte finden Anwendung in der Therapie der vergrößerten Prostata und Beschwerden beim Harnlassen. Da es sich dabei nur um eine symptomatische Behandlung handelt und die Prostatavergrößerung nicht beeinflusst wird, sollte in regelmäßigen Abständen der Arzt konsultiert werden.

Rosskastanie: Das klinisch gut abgesicherte Hauptanwendungsgebiet von Rosskastaniensamen-Extrakten liegt in der Behandlung von Beschwerden bei Erkrankungen der Beinvenen, die sich häufig in Form von Schweregefühl, geschwollenen Beinen, Wadenkrämpfen, Juckreiz und Schmerzen äußern.

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