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Leben ohne Qualen

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Chronische Schmerzen zerrütten Geist und Körper. Mit der heutigen Medizin können sie wirksam bekämpft werden.

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Chronische Schmerzen zerrütten Geist und Körper. Mit der heutigen Medizin können sie wirksam bekämpft werden.

Schmerz selbst wird zur behandlungsbedürftigen Krankheit. Man könnte die Umwandlung des Schmerzes von einem Symptom zur Diagnose, vom Anzeichen der Krankheit zur Krankheit selbst, als eine kopernikanische Revolution innerhalb der Medizin betrachten”, schreibt der amerikanische Literaturwissenschaftler David B. Morris in seinem jetzt in deutscher Sprache erscheinenden Buch „Geschichte des Schmerzes” (Suhrkamp Taschenbuch Nr. 2529). Daß Schmerz nicht unvermeidlich oder gottgewollt ist, sondern behandelt werden kann und soll, beginnt sich auch in Österreich herumzusprechen.

„Vielen Patienten ist völlig unbekannt, daß die Schmerzen selbst eine körperliche Belastung oder gar Schädigung darstellen und sich körperlich und psychisch zerrüttend auswirken”, erklärt die Psychologin Maria Pötter, Leiterin des Beratungszentrums der

Wiener Krebshilfe. Die ngst vor Schmerzen belaste, schwäche und lähme geradezu den Patienten, wodurch der Krankheitsverlauf unnötig erschwert werde, weiß Pötter. „ Sie sitzen dem Irrtum auf, allein der Schmerz gebe ihnen verläßlich Auskunft drüber, wie es wirklich um sie bestellt ist”, analysiert die Psychologin eines der möglichen Motive für Patienten, einer Schmerztherapie skeptisch gegenüberzustehen.

Doch noch bleibt in Österreich viel körperliches Leid unbehandelt: Während vor drei Jahren etwa in Dänemark auf eine Million Einwohner

66 Kilogramm Morphin verschrieben wurden, so waren es in Österreich etwas weniger als zehn Kilo. (Morphin ist das gängigste Mittel gegen chronische Schmerzen.) „Wenn eine Heilung nicht möglich ist, verlieren manche Arzte das Interesse”, kritisiert der Wiener Gynäkologe Paul Sevelda, der viele Krebspatientinnen behandelt.

In Österreich leiden derzeit etwa 300.000 Menschen an Krebs; jährlich erkranken rund 30.000 neu. Von allen

Krebspatienten leiden etwa zwei Drittel an mittleren bis starken chronischen Schmerzen.

Akute Schmerzen haben ihren Sinn: Sie warnen vor drohender Ge-websschädigung oder weisen auf eine Krankheit hin. Ohne den Schmerz beim Griff auf die heiße Herdplatte würden wir erst wegen des Geruchs verbrannten Fleisches die Hand vom heißen Metall nehmen; Halsschmerzen deuten auf eine sich anbahnende Verkühlung hin - dank dieser Warnung zieht man sich rechtzeitig warm an oder legt sich gleich ins Bett.

Chronische Schmerzen jedoch sind anderer Natur: Sie warnen und schützen nicht mehr, sondern sind meist Folge einer bestehenden Grundkrankheit. Gerade Krebspatienten leiden häufig unter solchen Schmerzen - der Tumor beeinträchtigt Organe, übt Druck auf Nerven aus oder ruft in seinem Umfeld Entzündungen hervor. Die Wiener Krebshilfe weist eindringlich darauf hin, daß unbehandelte Schmerzen den Patienten nicht nur zermürben und schwächen, sondern darüber hinaus weitere Schmerzen auslösen, weil sich der Körper verkrampft. Schmerzen nicht zu bekämpfen grenze an „Masochis-mus” und „Selbstquälerei”, heißt es in einer Broschüre zu diesem Thema.

Seit vor genau 150 lahren ein Bostoner Zahnarzt einen Patienten vor einer schmerzhaften Operation mittels Äther unter Vollnarkose setzte, hat sich auf dem Gebiet der Schmerzbekämpfung einiges getan. Mittlerweile gibt es zum Beispiel kleine Apparate, die dem Patienten permanent kleinste Dosen schmerzstillender Medikamente in die Blutbahn pumpen.

„Schlicht und einfach eine Bevolu-tion”, nennt Gynäkologe Sevelda ein neues Schmerzpflaster mit dem Wirkstoff Fentanyl. Das Pflaster wird auf die Haut geklebt, durch eine durchlässige Membran wird der Wirkstoff langsam in die Haut abgegeben. Gegenüber Tabletten oder Injektionen verfügt diese Methode über einige Vorteile: Übelkeit, Verstopfung und Müdigkeit, häufige Nebenwirkungen bei oraler Einnahme, treten bedeutend seltener auf, erklärt Sevelda. Und das Pflaster wirkt 72 Stunden, während etwa die Wirkung von Tabletten nur zwölf Stunden lang anhält - ein entscheidender psychologischer Faktor. Wilfried Ilias, Primarius des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien: „Ein Teil der Patienten, die bisher mit Tabletten behandelt wurden, fühlt sich dadurch inkommodiert. Sie leben mit der Tablette; das Arzneimittel erinnert sie regelmäßig daran, daß sie schwer krank sind.”

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